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Einzelrezension

Osterloh, Jörg: „Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes“. Nationalsozialistische Kulturpolitik 1920–1945 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz-Bauer-Instituts, Bd. 34), 644 S., Campus, Frankfurt a. M. u. a. 2020.


Keywords: Review, Osterloh, Jörg, 2020, Weimarer Republik, NSDAP, Nationalsozialismus, Antisemitismus, Kulturpolitik

How to Cite:

Friedrich, K., (2022) “Osterloh, Jörg: „Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes“. Nationalsozialistische Kulturpolitik 1920–1945 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz-Bauer-Instituts, Bd. 34), 644 S., Campus, Frankfurt a. M. u. a. 2020.”, Neue Politische Literatur 67(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00401-y

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© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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2022-08-01

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Seit dem Hohenzollern’schen Kaiserreich wurde die „Verjudung“ des deutschen Kulturlebens beklagt und ihr der Kampf angesagt. Lautstark erhoben mehr oder weniger einflussreiche Antisemiten die Forderung, alle Juden und alles „Jüdische“ daraus zu entfernen. Die 1920 gegründete NSDAP wollte dann die „Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes“ in der deutschen Kultur, Presse und im Verlagswesen erreichen. Was bis 1945 daraus wurde, hat Jörg Osterloh nun in seiner Studie über die nationalsozialistische Kulturpolitik „auf Basis der Forschungsliteratur als auch der Quellen umfassend“ beschrieben (S. 33). Er untersucht damit erstmals systematisch die Beseitigung von jüdischen Deutschen aus Kunst, Musik, Literatur, Theater und Film – bis hin zu ihrer Vertreibung und/oder Ermordung. Neben den reichsweiten Geschehnissen stehen dabei wiederholt landespolitische Entwicklungen in den Ländern Thüringen, Braunschweig und Oldenburg im Mittelpunkt, wo Nationalsozialisten schon vor 1933 Regierungsverantwortung übertragen wurde, sowie in Bayern, wo die Partei ihre ersten Erfolge erzielte, und in Preußen als größtem Land des Deutschen Reichs. Auf kommunaler Ebene kommt Osterloh immer wieder auf die Lage in München als Ursprungs- und Hauptort der Hitler-Bewegung, und in Berlin, dem kulturellen Zentrum des Reichs, zurück. Abgesehen von den Institutionen des NS-Staats gilt der Blick auch dem Kulturbund deutscher Juden, der arbeitslos gewordenen jüdischen Künstler(innen) Gelegenheit zu Vorstellungen vor einem jüdischen Publikum und damit Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten bot.

Osterlohs Quellen entstammen dem Berliner Bundesarchiv und den betreffenden Landesarchiven, was die Akten des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens angeht dem Russischen Staatlichen Militärarchiv, daneben kleineren Sammlungen zum jüdischen Kulturleben der 1930er Jahre; überdies wird das zeitgenössische Schrifttum und die Presse einbezogen.

Die neun Hauptkapitel orientieren sich an der zeitlichen Abfolge, angefangen bei den „Wurzeln […] im Kaiserreich“ über die „Revolution und Republikgründung“ bis zur Gründung der NSDAP, mit welcher „der Angriff auf die junge Republik der Moderne“ einherging (S. 41, 75, 103). Die 1920er Jahre waren von „Kulturkämpfen“ geprägt, die dem „Kampf um die Macht“ mithilfe einer NS-Kulturpolitik vorausgingen (S. 147, 203). Das 6. Kapitel zeigt den Nationalsozialismus „[a]n der Macht“, als zahlreiche Kulturschaffende ihre bisherige Tätigkeit aufgeben mussten; dem schloss sich noch die „Entjudung“ der Reichskulturkammer an (S. 275, 369). Die sich auch nach 1936 fortsetzende „Säuberung“ der Reichskulturkammer und des Kulturlebens fasst der Autor im 8. Kapitel unter „Radikalisierung“ zusammen, während die Arbeit der lokalen Jüdischen Kulturbünde von „zunehmenden Repressionen und Verboten“ gekennzeichnet war (S. 441, 486). „Zweiter Weltkrieg und Holocaust“ bedeuteten „[d]as Ende“ (S. 503).

Der Verfasser führt eindrucksvoll vor Augen, wie in den 1920er Jahren Theaterbühnen zu Schauplätzen des kulturpolitischen Kampfes von rechts – und zu Opfern aggressiver nationalsozialistischer Agitation wurden. Als deren Träger trat der „Kampfbund für deutsche Kultur“ auf, der sich in der Provinz auf einem schier unaufhaltsam erscheinenden „Vormarsch“ befand (S. 245). Nach dem gewonnenen „Kampf um Preußen“ übernahmen die Rechtsextremisten dann reichsweit die Macht. Folge waren Terror, „Säuberungen“ durch die Entlassung und Verdrängung unliebsamer Kulturschaffender und eine Neuordnung des Kulturlebens auf einer geistig verarmten Grundlage. Genehme Kulturschaffende mussten sich der Reichskulturkammer anschließen, ein Teil der jüdischen versammelten sich in Jüdischen Kulturbünden, wo sie zunächst weiterwirken konnten. Weitere Radikalisierungsschübe waren danach mit diffamierenden „Schandausstellungen“ verbunden (S. 450).

In den Kriegsjahren kam es zu wachsendem „Säuberungsdruck“ und einer Neuorganisation der Kulturpolitik, von der auch der Kulturbund deutscher Juden betroffen war. Dem Angriff auf die Sowjetunion folgten die Deportationen aus dem Reich sowie die Verfolgung von „Mischehen“. Mit der Ermordung jüdischer Künstlerinnen und Künstler gelangten die Anstrengungen der Jüdischen Kulturbünde an ihr Ende.

In seinen Schlussbetrachtungen fasst Osterloh den Inhalt kurz zusammen. Er kommt zu dem Schluss, dass sich mit Beginn der 1930er Jahre Bildungsbürgertum und ein Nationalsozialismus, der Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung um Kultur einsetzte, einander angenähert hätten, und von 1933 an sei es dem neuen Regime gelungen, „im Kulturbereich […] die Wünsche und Sehnsüchte vieler Menschen zu befriedigen“ (S. 572). Dies ging einher mit der allgegenwärtigen Propagierung einer Volksgemeinschaft, die auf einer konstruierten „grundsätzlichen Gegnerschaft von ‚Ariern‘ und ‚Nichtariern‘ im Kulturleben“ beruhte (S. 573). Eine solche ideologisch unabdingbare Trennung ließ sich jedoch nur mühsam umsetzen, sie wurde zudem durch „Sondergenehmigungen“ für sogenannte ‚Mischlinge‘ und ‚jüdisch Versippte‘ bis fast zuletzt unterlaufen, welche der „Entjudung“ zuwiderliefen (S. 578). Selbst dann, als nach den Deportationen „kaum noch ein Jude in Deutschland lebte“, blieben unter dem Einfluss der nationalsozialistischen Wahnvorstellungen „‚die Juden‘ […] als Urheber von ‚Entartung‘, ‚Zersetzung‘ und ‚Kulturbolschewismus‘ präsent“ (S. 582).

Jörg Osterloh ist eine große, hervorragend recherchierte und klar gegliederte Studie gelungen, welche die NS-Kulturpolitik ausführlich nachzeichnet und wichtige mit ihr zusammenhängende Aspekte beleuchtet. Ein Personenregister hilft dabei, sich über den Inhalt rasch zu orientieren, an einem Register der Orte und Institutionen mangelt es.