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Einzelrezension

Beattie, Andrew H.: Allied Internment Camps in Occupied Germany. Extrajudicial Detention in the Name of Denazification, 1945–1950, 258 S., Cambridge UP, Cambridge 2019.


Keywords: Review, Beattie, Andrew H., 2019, Entnazifizierung, Internierungslager, Alliierte, Besatzungspolitik, Besatzungspraxis, Demokratisierung, Vergangenheitsbewältigung

How to Cite:

Friedrich, K., (2022) “Beattie, Andrew H.: Allied Internment Camps in Occupied Germany. Extrajudicial Detention in the Name of Denazification, 1945–1950, 258 S., Cambridge UP, Cambridge 2019.”, Neue Politische Literatur 67(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00398-4

Rights:

© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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Published on
2022-07-31

Peer Reviewed

Andrew Beattie hat mit „Alliierte Internierungslager im besetzten Deutschland“ die erste umfassende Untersuchung über die außergerichtliche Inhaftierung als Bestandteil der 1945 begonnenen Entnazifizierung vorgelegt. Zahlreiche erkenntnisleitende Fragen geben die Richtung vor, darunter nicht zuletzt, inwieweit es dabei um Strafe und Rache oder eher um sühnende Gerechtigkeit und die Umkehr zur Demokratie ging (S. 2). Dies soll in einer systematischen, detaillierten und differenzierten vergleichenden Analyse geklärt werden, die sich zudem ständig mit den bislang vorgelegten – mitunter unzulänglichen – Forschungsarbeiten kritisch auseinandersetzt.

Der Verfasser hat die veröffentlichten Quellen und die Forschungsliteratur auf Englisch und Deutsch nahezu umfassend heran- und Materialien aus mehr als 20 Archiven – darunter das britische Nationalarchiv und das Archiv des IKRK (Internationales Komitee vom Roten Kreuz) in Genf sowie mehrere deutsche Kirchen- und Landesarchive – einbezogen (entgangen ist dem Verfasser die Magisterarbeit von Hendrik Friggemann über das Internierungslager Darmstadt, Universität Mainz 2007). Mitunter werden auch die historischen preußisch-deutschen Ostgebiete und die Entwicklungen in Österreich mit berücksichtigt.

Für Beattie ist die alliierte Internierungspolitik „a central element of the Allies’ efforts to secure their presence in Germany, to destroy Nazism and punish those deemed responsible for it, and to allow the construction of a new Germany“ (S. 23). Dabei war die Internierung die durchgreifendste Maßnahme, die vor allem das Sicherheitsbedürfnis der vier Besatzungsmächte befriedigen sollte. Sie war zugleich vielgestaltiger als bislang dargestellt. Der den Alliierten bisweilen noch heute unterstellte Kollektivschuld-Vorwurf spielte für das Vorgehen der Alliierten hingegen keine große Rolle.

Nach seiner Einleitung blickt der Verfasser im ersten der vier Kapitel einführend auf Vorbereitung und Entwicklung der alliierten Internierungspolitik zwischen 1943 und 1946. Im folgenden Abschnitt steht die Internierungspraxis im ersten Nachkriegsjahrfünft im Mittelpunkt. Im dritten Kapitel geht es um die Zusammensetzung der Internierten, während im letzten das Geschehen in den Lagern geschildert wird, welche die Gefangenen vom Rest der Bevölkerung isolieren sollten.

Mit der Besetzung Deutschlands ging die Verhaftung der nationalsozialistischen Funktionäre einher – betroffen waren zumeist jene, die der mittleren Ebene angehörten. Sie unterlagen einem „automatischen Arrest“. Im Januar 1946 forderte die Direktive Nr. 24 des Kontrollrats die Amtsenthebung von Nazis und „von den Alliierten feindlich gegenüberstehenden Personen“ (hostile to Allied purposes, S. 52). Politische Motive spielten für die Internierung eine wichtige Rolle; wie es im Juli 1946 Brian Robertson, der Stellvertretende Militärgouverneur in der Britischen Zone sah, war die Internierung ein Mittel, „alle Nazis oder Militaristen niederzuhalten, die in der Lage wären, die Entfaltung (growth) eines demokratischen Deutschlands in Gefahr zu bringen“ (S. 63). Die unterschiedlichen Verhältnisse unter alliierter Zuständigkeit erschließen sich im Vergleich: In der US-Zone gab es 1946 einen Höchststand von etwa 170.000 Internierten, in der Britischen Zone waren rund 100.000, in der französischen Zone 21.500 Personen betroffen. Für die sowjetische Besatzungszone (SBZ) ist von rund 130.000 auszugehen, sodass insgesamt über 400.000 Deutsche interniert wurden (Tabelle S. 111). Während es jedoch im Herbst 1945 in den Westzonen erste Entlassungen aus der Internierung gegeben hatte und bis Anfang 1947 etwa die Hälfte der Internierten auf freien Fuß gesetzt waren, ließen die Sowjets kaum Erleichterungen zu, und erst Mitte 1948 gab es Freilassungen in größerer Zahl (S. 65). Mit dem fast durchweg als „Landsberg/Warta“ bezeichneten Ort ist übrigens Landsberg an der Warthe gemeint, das heutige Gorzów in Polen. Es diente von Februar 1945 an als Sammelpunkt für Deutsche aus den Gebieten östlich Oder und Neiße, die in die Sowjetunion deportiert wurden, ehe es sich zum ‚Speziallager‘ für internierte deutsche Zivilisten entwickelte, die aus weiter westlich gelegenen Gebieten kamen.

Um Internierte zügig zu überprüfen, richteten die Amerikaner im Herbst 1946 Lagerspruchkammern ein. Sie gaben mehrere Lager in deutsche Hände, etwa im November 1946 dasjenige in Darmstadt (Civilian Internment Enclosure 91). Hessens Befreiungsminister Gottlob Binder würdigte Anfang 1948 die Internierungshaft als „eine Vorsichtsmaßnahme, die notwendig ist, wenn sich die Demokratie nicht in den ersten Anfängen wieder der SS und den politischen Leitern [der NSDAP] ausliefern will“. Einige Wochen später wurde der automatische Arrest „praktisch abgeschafft“ (S. 87 f.). Die Hoffnung, Internierte umerziehen zu können, hatten die Alliierten nicht, vielmehr ging es ihnen darum, die deutsche Gesellschaft zu entnazifizieren „and allow for its reeducation and reorientation precisely by removing and isolating internees“ (S. 174).

Der umsichtig argumentierende, mit einer Unzahl von Fußnoten-Verweisen äußerst solide gearbeitete und sorgfältig lektorierte Band schließt eine Forschungslücke. Zu Recht weist der an der Universität von New South Wales in Sydney tätige Verfasser darauf hin, dass es allen Alliierten nicht nur darum ging, Sicherheitsrisiken für ihre Truppen gering zu halten und die Bestrafung von Kriegsverbrechern anzugehen, sondern auch um politische Ziele. So diente dann die Internierung im Westen dazu, den Wiederaufbau der Demokratie zu befördern, und im Osten ließen sich damit mögliche Gegner der SED-Herrschaft entfernen.

Beattie weist zugleich auf Sachverhalte hin, die weiterer Klärung bedürfen, darunter etwa unscharf verwendete Begrifflichkeiten. So gebe es keinen Konsens darüber, wer – ab welchem Parteirang – als Nazi(-funktionär) zu gelten habe. Was die Entnazifizierung ausmache, unterliege in der Forschung mal einer engeren, dann wieder einer weiteren Auslegung. Und was ist unter einem KZ zu verstehen, wenn die sowjetischen Internierungslager zeitgenössisch häufig als KZs angesehen wurden und mitunter weiterhin als KZs bezeichnet werden (S. 201 f.)? Zwar herrschten dort schlimme, manchmal entsetzliche Lebensbedingungen, doch Beattie kontextualisiert diese im Rahmen der 1945/46 noch entschiedenen, dann jedoch insbesondere im Westen Deutschlands von Konzessionen geprägten (inter-)alliierten Besatzungspraxis. Das letzte Unterkapitel hat er mit „Death“ überschrieben. Hier geht er auf die Sterberaten während der Internierung ein. Demnach starben in der SBZ über ein Drittel der Inhaftierten unter anderem an Hunger.

Insgesamt stelle sich die als Bestandteil der Entnazifizierung begriffene Internierung als strenger heraus als sie oft geschildert werde. Beattie hält ihr jedenfalls zugute, dass sie zur nachhaltigen Säuberung der deutschen Gesellschaft erheblich beitrug. Denn es war die Internierung, die für jene „gebrochene Kontinuität“ sorgte, die den erstaunlich reibungsarmen Neuanfang von 1945 an auszeichnete – und zwar aufgrund ihrer „kurzfristigen Härte“ und ihrer „längerfristigen Tragweite“ (S. 195).

So lässt sich Beatties Ausführungen am Ende entnehmen, dass die außergerichtliche Inhaftierung einen bedeutenden Anteil an der von den Alliierten anfangs für die Deutschen betriebenen Vergangenheitsbewältigung hat. Aufmerksamkeit seitens einer zeitgeschichtlich interessierten Öffentlichkeit – auch mittels einer deutschen Übersetzung – wäre dieser Studie sehr zu wünschen.