Zweifellos, so Julius H. Schoeps über den Nachlass Paul de Lagardes, liegen in den Texten dieses Göttinger Orientalisten die „Ursprünge des modernen Antisemitismus“. Er erfüllte eine Doppelrolle als namhafter Wissenschaftler und bekennender Judenfeind. Daher möge man mit ihm kritisch umgehen. Eine Aufgabe ebenso für Orientalisten. Dies nicht, weil sie ihr Fach „reinwaschen“ oder Negatives aufarbeiten müssten, sondern weil sie so die Relevanz ihrer Forschung, die Orientalistik zu studieren und fortzuschreiben, belegen In der Tat kommt nun auch nach Ulrich Siegs Büchern – beispielsweise „Deutschlands Prophet“ über Lagarde und die Wurzeln des modernen Antisemitismus – ein gewichtiger Quellenband hinzu. Im Nachlass und in den Publikationen Paul Anton de Lagardes (1827–1891) untersuchen 16 Autoren dessen Leben und Werk, Weltanschauung und Antisemitismus. Sie verorten die völkische Ideologie und akademischen Netzwerke samt Methoden, den Nachlass zu erschließen und zu editieren.
In Teil eins, Quellenkunde und -edition, behandeln Bärbel Mund und Johannes Mangel den Göttinger Lagarde-Nachlass. Im Teil zwei, Person und Orientalistik, erhellen Beiträge von Felix Wiedemann Lagardes Verbindungen in die USA, zu Paul Haupt und die von Antisemitismus und Kolonialismus; Heike Behlmer betrachtet Lagarde und die Geschichte der Göttinger Ägyptologie; Michael Knüppel zeigt Lagardes Verhältnis zu Titus von Bostra und Susanne Voss beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit Lagarde als Doktorvater. In Teil drei, „akademischer“ Antisemitismus und völkische Ideologie, analysieren Gideon Botsch und Werner Treß modernen Antisemitismus und Sattelzeit; Uwe Puschner setzt sich mit dem Begriff „völkisch“ auseinander; Armin Lange untersucht Antisemitismus und biblische Textkritik und Thomas L. Gertzen beleuchtet Orientalismus und Antisemitismus im Vergleich bei Ernest Renan, Lagarde, Eduard Meyer und Friedrich Delitzsch.
Im Vorwort erörtern die Herausgeber den Göttinger Streit Mitte 2017 zum „harmlosen“ Umgang mit Lagarde am Ägyptologischen Seminar. Es folgt die treffliche Übersicht von Ina Ulrike Paul mit dem Titel „Lagarde und „die Juden““, die hier skizziert wird. Obwohl er Lehrstuhlinhaber für orientalische Sprachen war, betonte der in Berlin als „Paul Anton Bötticher“ geborene, ein Theologe, aber nicht Orientalist zu sein. Laut Paul spielten „die Juden“ von seinem orthodox-pietistischen Vaterhaus über seine Anschauung stets eine Hauptrolle: Studierende, Kollegen, Forscher und Gegner, die er in den 1880er Jahren mit rabiater Polemik belegte. Paul sieht nicht nur die charakterliche Ähnlichkeit von Vater, einem Latein und Griechisch unterrichtenden Berliner Gymnasiallehrer, und Sohn, beide „Ursprüngliches“ suchend. Ihre Repristinationstheologie zielte auf die Wiederherstellung des ursprünglichen, reformatorischen Protestantismus ab, ähnlich wie Lagardes noch gewürdigte Septuaginta-Arbeit mit der Suche nach der ursprünglichen Textgestalt des griechischen Alten Testaments.
Sein Vater Wilhelm Bötticher habe im Revolutionsjahr 1848 als hochkonservativer Preuße antijüdische und antisemitische Vorurteile gebündelt, als er schrieb, dass man das „lauteste Geschrei nach der Republik […] aus jüdischem Munde [vernehme]. Bei dem Bau fast jeder Barrikade hatten Juden die Leitung übernommen; fast in jedem Bezirke Berlins stand ein Jude an der Spitze der demokratischen Clubs. Zu Vizepräsidenten in der Wiener und Berliner Nationalversammlung ernannte man Juden. Was sie in Frankfurt, in Breslau und anderen Orten gethan, ist Allen bekannt“ (S. 14 f.). Dieses dichotome, zwischen religiösem Idealbild und angeblicher Realität, zwischen dem einst und später gespaltenen Verhältnis Böttichers zu „den Juden“, sollte Lagarde in seine nationalistisch unterlegte Unterscheidung zwischen fremd und eigen, deutscher Nation und angeblich „jüdischer Nation in der Nation“ übernehmen, wovon seine Texte ab 1853 zeugten.
Dreierlei fällt in Pauls Analyse auf: Mit Lagardes Publikationen von 1874 bis 1881 schrieb er sich, wie sie meint, in die bildungsbürgerliche, zeit- und kulturkritische Debatte des Kaiserreichs ein. Er war gegen Moderne, Werteverfall, Parlamentarismus, Parteien, Industrialisierung, Finanzkapital und Börsen. Dabei polemisierte er gegen „die Juden“ als Träger feindlicher „‑ismen und -tümer“ wie Liberalismus und Sozialismus sowie gegen „verjudete“, „palästinisierte“ Universitäten. Die große Zukunft würde folgen, wenn sich Deutsche im starken „Groß-Deutschland“ der nationalreligiösen Deutschtums-Ideologie bedienen würden. Verluste durch Abwanderung könnten beendet werden, indem der Staat eine ostwärts gerichtete Kolonisierung betreibe. Lagardes Deutschsein sei exklusiv: ausgrenzend und ausschließend gegenüber „den Juden“ als kollektivem Konterpart zu „wir Deutschen“. Juden, betonte er, stellen in ganz Europa eine intolerable „Nation in der Nation“ dar.
Einerseits formte Lagarde seine antisemitische Agenda ab 1853 aus. Dabei beeindruckte ihn die angeblich nationale Religion „der Juden“ infolge ihrer Jahrhunderte langen Verfolgung. Deren talmudische Erziehung gebe ihnen immer noch eine so furchtbare Überlegenheit gegenüber den Deutschen, weshalb sie im Kaiserreich nicht geduldet werden könnten. Andererseits bildete er ein Amalgam aus Rasse, Religion und Judentum im Sinne von Nationalität. Diese sollten ganz heraus, er befürwortete eine „Verpflanzung nach Palästina“. Die Frage nach erzwungener Assimilierung oder ihrer „Abschaffung“ nach Madagaskar habe er 1881 entschieden: jüdische Deutsche konnte es für ihn nicht geben.
Drittens verwickelte er sich in Kontoversen gegen jüdische Gelehrte wie Abraham Berliner, der ihm „Judenhass“ vorwarf. Lagarde reagierte mit der Schmähschrift „Juden und Indogermanen“. Er schrieb „Wir Antisemiten gegen Israel“ und wünschte „den Tod Israels“, wobei Juden den Antisemitismus „selbst heraufbeschworen“ hätten. Paul schreibt von Lagardes antisemitischer Radikalisierung in den 1880er Jahren, wobei er im Streit um Antisemitismus den durch die Nazis so verkürzten Satz „die Juden sind in jedem europäischen Volk ein schweres Unglück“ prägte. Er fügte Biologistisches hinzu wie „dies wuchernde Ungeziefer zu zertreten“ oder „Trichinen und Bazillen“, sowie Parasiten-Metaphern. Dieser Antisemitismus war nun ein integraler Teil seiner Ideologie. Seine Texte seien in den 1940er Jahren ein Multiplikator des Rasse-Antisemitismus geworden.
Gerade im Licht eines global aggressiven Antisemitismus ist dies ein tiefsinniger Sammelband auf aktueller Literaturbasis und auf breiter archivalischer Basis, analog und digital. Die Parallelen zwischen Lagardes und unserer Zeit liegen dabei auf der Hand: einst (Anti‑)Industrialisierung, heute (Anti‑)Globalisierung. Zudem zeigt sich Antisemitismus auch in vielen akademischen Debatten rund um den Staat Israel. Dem tritt das vorliegende, exzellente Buch durch profunde Aufklärung entgegen. Es war und ist so billig, Minoritäten für allgemeines und individuelles Unvermögen zu verfolgen, drängende Probleme zu lösen. Wirksamer war und ist, gemeinsam inklusive Lösungen zu finden.