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Einzelrezension

Krug, Samuel: Die „Nachrichtenstelle für den Orient“ im Kontext globaler Verflechtungen (1914–1921). Strukturen – Akteure – Diskurse, 380 S., transcript, Bielefeld 2020.


Keywords: Review, Krug, Samuel, 2020

How to Cite:

Lemke, B., (2021) “Krug, Samuel: Die „Nachrichtenstelle für den Orient“ im Kontext globaler Verflechtungen (1914–1921). Strukturen – Akteure – Diskurse, 380 S., transcript, Bielefeld 2020.”, Neue Politische Literatur 66(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00392-w

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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2021-09-14

Das in den letzten Dekaden auch in der Geschichtswissenschaft zeitweise stark gestiegene Interesse am Orient hat nicht zuletzt nach dem Ende der westlichen Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan etwas nachgelassen. Es bleibt jedoch die Notwendigkeit weiterer Beleuchtung der gemeinsamen Geschichte, dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund der fortgesetzten Bedeutung der Region hinsichtlich der historiografisch noch aufzuarbeitenden Kriege und der Flüchtlingsströme.

Ein Beispiel für ‚nachhaltige‘ Grundlagenforschung vor dem skizzierten politisch-historischen Problemfeld bietet die Studie von Samuel Krug. Krug untersucht den Aufbau und das Wirken der Nachrichtenstelle für den Orient, der zentralen Behörde für die deutsche Propaganda und die Beeinflussung der Bevölkerung in der Region im Ersten Weltkrieg, hier nicht zuletzt auch mit dem Ziel, großangelegte Aufstände im Rahmen eines ‚Heiligen Krieges‘ in den Imperien der Entente auszulösen.

Im Fokus stehen zunächst die politischen Rahmenbedingungen und dann der administrative und personelle Aufbau, hier insbesondere auch die biografischen Hintergründe der Protagonisten. Im weiteren Verlauf, und dies stellt methodisch einen überaus wichtigen Schritt dar, beleuchtet der Autor die Tätigkeit der Nachrichtenstelle unter diskursanalytischen Auspizien. Dies erscheint nicht allein deshalb nötig, weil die Nachrichtenstelle für den Orient beileibe kein historiografisches Neuland darstellt, sondern auch, weil sich die deutsche Forschung bis dato meist mit außenpolitisch-diplomatischen, teils militärischen Aspekten beschäftigt hat und die schon lange manifesten und bis heute immer noch maßgeblichen Impulse postkolonialer Analyse bestenfalls im Zusammenhang mit herausragenden Gestalten, etwa Max von Oppenheim, einbezogen hat.

Die Nachrichtenstelle für den Orient (NfO) wurde im Zuge des Kriegseintritts des Osmanischen Reiches 1914, unter maßgeblicher Beteiligung Max von Oppenheims, gegründet. Von Anfang an stand die Propaganda im Vordergrund, hier natürlich vor allem im Orient selbst, dann aber auch in Deutschland, zur Förderung des Verständnisses für das Osmanische Reich als Verbündetem und insbesondere in den Kriegsgefangenenlagern mit muslimischen Soldaten, die zuvor im Dienst der Entente gekämpft hatten. Die Bezeichnung „Nachrichtenstelle“ verweist insofern nicht auf ‚passive‘, auf Informationsgewinnung gerichtete, geheimdienstliche Aufgaben, sondern auf die ‚aktive‘ Verbreitung von „Nachrichten“ in der Welt.

Das Personal rekrutierte sich deutscherseits aus meist akademisch profilierten, zumindest aber etablierten Fachleuten. Besonders zu nennen sind dabei etwa Eugen Mittwoch oder Martin Hartmann. Rasch warb man dann Intellektuelle und, etwa im Falle Ägyptens oder Nordafrikas, antiimperiale Dissidenten aus der Region an. Fast für jedes Land zwischen Persien und Atlantik konnte zumindest ein Mitarbeiter gewonnen werden. Diese beteiligten sich insbesondere an den zahlreichen in- und ausländischen Publikationen. Oppenheim selbst organisierte mit Hilfe der NfO sogenannte „Nachrichtensäle“, die überall im Osmanischen Reich für die Sache der Mittelmächte werben sollten, vor allem durch Auslegen von Zeitungen, Büchern, Plakaten und anderem Material. Die Mitarbeiter aus der Region sollten durch ihr besonderes Verständnis von Land und Leuten die Erstellung der Propagandamittel besonders voranbringen.

Indes zeigten sich rasch Grenzen und Konflikte. Da die Mitarbeiter aus der Region unterschiedlichsten Hintergründen entstammten und teils auch konträre Ansichten etwa in Bezug auf den Stellenwert ihrer Herkunftsländer oder in Bezug auf die Bewertung des Osmanischen Reiches vertraten, kam es zu Problemen. Gleichzeitig waren die deutschen Fachleute und Leiter, die stets die Kontrolle innehatten, nicht bereit, den rekrutierten Mitarbeitern allzu weiten Spielraum einzuräumen.

Wenn auch klar ist, dass in derlei Institutionen oder Behörden der staatlichen „Linienorganisation“ immer Einzelinteressen eine Rolle spielen, kann Krug doch zeigen, dass eine wirkliche Übereinstimmung in den Ansichten oder Zielen bestenfalls zeitweise mit Mühe gelang. In zentralen Themenfeldern, wie etwa dem Panislamismus, dem Stellenwert des Osmanischen Reiches und dessen Vorgehen in Arabien, dem Verhältnis von Christen und Islam in der Region, konnte keine dauerhafte Einheitlichkeit erreicht werden. Dies ging nicht zuletzt auch darauf zurück, dass die Protagonisten je nach Herkunft (Ägypten, Syrien, Maghreb, Mesopotamien und andere) eigene Ziele, darunter auch finanzielle verfolgten. Krug zeigt hier die Risse und Verwerfungen diskursanalytisch sehr gut auf.

Der sicherlich gutgemeinte Versuch, die Protagonisten, auch die deutschen, von Anfang an als eine Gesamtgruppe zu untersuchen, also nicht von vornherein ihrer Herkunft nach zu trennen, kann hingegen nicht wirklich überzeugen, weil die unterschiedlichen Perspektiven die Protagonisten zu deutlich prägten. Das wiederum heißt jedoch nicht, dass ein solcher Ansatz nicht lohnend wäre. Vielleicht sollte man hier noch weitere methodische Überlegungen anstellen.

Insgesamt bleibt der Ertrag an neuen Erkenntnissen letztendlich dann doch begrenzt. Der Autor beleuchtet sehr ausführlich – sicherlich auf Basis der überhaupt vorhandenen Quellenbestände – die organisatorischen Grundlagen der NfO, bis hin zur Verteilung der Diensträumlichkeiten. Der diskursanalytische Teil beschäftigt sich unter anderem auch mit den Produktions- und Publikationsbedingungen. Die Ergebnisse, also etwa die Propagandaschriften, bieten durchaus Neues, was die individuellen Protagonisten angeht, liefern jedoch nichts grundstürzend Neues zu den großen Themen.

Wie schon bei anderen Studien bleibt am Ende die Frage, ob sich nicht ein komparatistischer Blick auf die Gegenseite gelohnt hätte. Das Gegenstück zur NfO auf Seiten des Empire bildete das nach Lage der Dinge ungleich effizientere „Arab Bureau“ in Kairo, dessen berühmtester Mitarbeiter T. E. Lawrence war. Zur arabischen Revolte und deren Rezeption im Einzelnen kann Krug, nur sehr begrenzte Erkenntnisse beisteuern (S. 278 ff.). Die NfO war offensichtlich auch geistig weit von diesem für das Bild von Arabern entscheidenden Ereignis entfernt, erfuhr davon verspätet und unterschätzte die Revolte auch stark. Die bedeutende Rolle von Lawrence wurde den Mitarbeitern, und dies lag im historischen Trend in Deutschland, recht eigentlich erst nach dem Krieg bekannt.

Deutlich wird in der Studie jedoch, wie rasch der gerade von Oppenheim und Curt Prüfer bei Kriegsbeginn als „war winner“ dargestellte Versuch zur Erregung eines Heiligen Krieges etwa in Indien oder Ägypten an Bedeutung verlor und schließlich 1916, nach dem Beginn des Aufstandes im Hejaz, auch aus Sicht der NfO unterging.

Künftige Forschung müsste vielleicht einmal untersuchen, inwieweit die Tätigkeit der Briten, hier nicht nur der von Lawrence, viel näher an Land und Leuten in Arabien agierten, als die deutsche, die im Wesentlichen auf Behörden‑, Ministerien- und Generalstabsebene meist über die türkische Seite von Statten ging. Klar ist sicherlich, dass es Lawrence und seine Mitstreiter in entscheidenden Punkten einfacher hatten – die Araber kämpften, um ein Imperium loszuwerden, nicht um eines zu erhalten. Indes drängt sich der Eindruck auf, dass die Briten viel näher an der gemeinschaftlichen Basis ansetzten, als dies die Deutschen je konnten – ungeachtet der teils schillernden Tätigkeit von Oppenheim, Prüfer und anderen in der Region. Oppenheims Nachrichtensäle jedenfalls verstießen von vornherein gegen die Binsenweisheit, dass jegliche großangelegte Propaganda zu den Menschen kommen muss und nicht umgekehrt, wenn sie erfolgreich sein will. Zwar produzierten auch die Briten entsprechende Presseerzeugnisse (Zeitungen al-Haqiqa, al-Kawkab, al-Qibla), erkannten jedoch rasch, dass die – auch propagandistisch – entscheidende Maßnahme, um den deutsch inspirierten Djihad zu neutralisieren und das Osmanische Reich aus Arabien zu vertreiben, der arabische Aufstand selbst war (Hierzu lesenswert: Bruce Westrate: The Arab Bureau, vor allem Kapitel 5–7).

Gemessen am gewählten Thema hat der Autor insgesamt eine solide Arbeit mit begrenzten Neuerkenntnissen vorgelegt.