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Einzelrezension

Preston, Paul: A People Betrayed. A History of Corruption, Political Incompetence and Social Division in Modern Spain 1874–2018, 750 S., London 2020 (span. 2019).


Keywords: Review, Preston, Paul, 2020

How to Cite:

Tosstorff, R., (2021) “Preston, Paul: A People Betrayed. A History of Corruption, Political Incompetence and Social Division in Modern Spain 1874–2018, 750 S., London 2020 (span. 2019).”, Neue Politische Literatur 66(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00391-x

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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2021-09-15

Der britische Historiker Paul Preston, seit 1991 Professor an der London School of Economics und bis 2020 Leiter ihres Cañada Blanch Centre for Contemporary Spanish Studies, ist der Verfasser zahlreicher Arbeiten zur spanischen Zeitgeschichte. Durch die Betreuung einer ganzen Reihe britischer wie spanischer Doktorarbeiten hat er zudem einen bedeutenden Einfluss auf die Geschichtsschreibung Spaniens, vor allem im zwanzigsten Jahrhundert, ausgeübt. Die in dieser Zeitschrift besprochene, von Helen Graham herausgegebene Festschrift (Interrogating Francoism, in: Heft 3/2017, S. 550 f.) legt davon ein gutes Zeugnis ab.

Hier hat er nun eine Art Summe seiner Forschungen vorgelegt („draws on my work on Spain over the last fifty years“, S. 567). Sie nimmt den roten Faden in den Blick, der die strukturellen Verwerfungen der verschiedenen und durchaus unterschiedlichen politischen Systeme des Landes, trotz gelegentlicher Ausbruchsversuche, durchzieht: Die endemische Korruption mit den Folgen „politischer Inkompetenz“ und „sozialer Spaltung“. Hier findet Preston die Ursache dafür, dass das spanische Volk immer wieder „betrogen“ wurde, wie er es im Titel auf den Begriff bringt.

Er unternimmt also eine mit dem letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts beginnende Geschichte der öffentlichen Misswirtschaft in Spanien. Dabei ist die Feststellung nicht uninteressant, dass dieser deutsche Ausdruck auf die Ökonomie anspielt, wogegen das Spanische mit dem Begriff desgobierno vor allem den aktiven Zusammenhang mit der Ebene der Regierung und des Staats in den Blick nimmt (ähnlich wie auch in anderen romanischen Sprachen, zum Beispiel italienisch malgoverno). Die spanische Wirtschaft selbst scheint bei ihm immer als Problem, aufgrund ihrer allgemeinen Zurückgebliebenheit und somit als Grundlage anachronistischer Gesellschaftsstrukturen, durch; deren Entwicklung – oder oft genug Fehlentwicklung – ist aber nicht das eigentliche Thema.

Prestons Blick richtet sich also auf das Zusammentreffen von Politik und Ökonomie in der Sphäre des Staates, auf die um die Regierungsgewalt kämpfenden Politiker, die die Korruption systematisch für die Sicherung oder Erlangung ihrer Positionen einsetzen und sich dabei mit Hilfe breiter Netze von Helfershelfern maßlos bereichern. Komplementär dazu stehen natürlich die Geschäftsleute, die es sich immer wieder etwas „kosten lassen“, etwa um sich nach allen Seiten abzusichern, angesichts von doch oft schon im Ansatz kriminellen Geschäften – beispielsweise beim Schmuggel – oder der Aussicht auf Monopolgewinne durch staatliche „Protektion“, zum Beispiel bei Infrastrukturmaßnahmen oder – zu früheren Zeiten – durch Importlizenzen, von dubiosen Finanzierungsgeschäften erst gar nicht zu reden.

Ausgangspunkt ist das politische System der monarchischen Restauration ab 1876, das nach den zahllosen Verwerfungen mit Bürgerkriegen und pronunciamentos in den Jahrzehnten zuvor dem Land politische Stabilität verordnete. Dafür wurde das britische Zwei-Parteien-System, ungeachtet des Fehlens eines vergleichbaren sozioökonomischen Unterbaus, kopiert. Nach jeweils einigen Jahren wurde die Regierung ausgewechselt, die sich dann per manipulierter Neuwahlen eine entsprechende Mehrheit sicherte. Dieses Systems des „turno“ (Wechsel) war nur möglich durch klientelistische Strukturen („caciquismo“), die durch umfassende Korruption zusammengehalten wurden.

Mit der Niederlage gegen die USA im Jahre 1898 und dem Verlust der letzten Kolonien in der Karibik und in Asien trat das Land jedoch in eine nicht enden wollende Krise ein. Minutiös folgt nun Preston den verschiedenen Versuchen, zwischen gelegentlichen Reformansätzen, etwa durch den konservativen Politiker Antonio Maura, und den immer wieder folgenden Rückschlägen durch erneute breite Korruptionsskandale, wobei hier der berüchtigte Geschäftsmann Juan March über Jahre hinweg herausragt. So endete die konstitutionelle Monarchie 1923 in der Militärdiktatur Primo de Riveras, um dann in einem Pendelschlag den bis dahin weitestgehenden Reformversuch in der Zweiten Republik zu provozieren. Doch diese endete bekanntlich im Militärputsch unter General Francisco Franco, der sich dank der internationalen Unterstützung durch die NS-Diktatur und das faschistische Italien durchsetzen konnte.

Für seine nun folgende, fast vierzig Jahre währende Diktatur waren aber nicht nur die sie begünstigenden internationalen Umstände und natürlich eine umfassende Repression Voraussetzung. Sie beruhte auch auf einem System umfassender Korruption durch den Diktator (oder zumindest mit dessen Kenntnis). Franco, der selbst schon am Ende des Bürgerkriegs vermögend geworden war, sicherte sich so zunächst gegenüber seinen militärischen „Kameraden“, oder später gegen eine Verdrängung durch die beim ökonomischen Aufschwung seit Ende der fünfziger Jahre entstandenen neuen Wirtschaftseliten, ab.

Der Übergang zur parlamentarischen Monarchie 1976/77 schob zwar den drastischsten Formen von Selbstbereicherung einen Riegel vor, allerdings ohne wirkliche Einschnitte oder Überprüfungen, wie so manche Vermögen entstanden waren. So setzte dann nach einigen Jahren bald auch in Teilen der neu hinzugetretenen Politiker aus der einstigen, seinerzeit scharf verfolgten Opposition gegen die Diktatur eine Mentalität des „Jetzt sind wir auch mal dran“ ein. Die sozialistische Regierung von Felipe González wurde etwa nach einer Reihe von Skandalen bereits 1996 abgewählt. Es folgten zahlreiche weitere Korruptionswellen, die zuletzt etwa zum Sturz der konservativen Regierung Mariano Rajoys im Jahre 2018 oder zum aktuell anlaufenden Prozess gegen den jahrzehntelangen katalanischen Regierungschef Jordi Pujol wegen „ungeklärten“ Millionenbesitzes auf Konten in Andorra führten. Das Ganze wird nun noch getoppt vom ehemaligen Staatsoberhaupt, König Juan Carlos, dessen Ruf aus seiner Rolle bei der Beendigung der Diktatur innerhalb weniger Monaten in Skandalen anlässlich von in der Schweiz auftauchenden Konten und deren fehlender Steuerdeklarierung zugrunde ging – eine noch längst nicht ausgestandene Geschichte.

Was hier in einigen Absätzen über einen hundertfünfzigjährigen Zeitraum zusammengefasst ist, ist von Preston in 550 Seiten Darstellung und 130 Seiten Anmerkungen in allen Einzelheiten rekonstruiert worden. Dabei verweigert er sich durchaus einer Einstellung, Spanien gegenüber anderen Ländern als einzigartig darzustellen. Dazu verweist er auf entsprechende Vorkommnisse. Dennoch ist sicher die Geballtheit der Korruption und das ständig erfolgende Scheitern der durchaus immer wieder vorgenommenen Versuche des Ausbruchs daraus bemerkenswert, selbst wenn dies oft genug an den Widrigkeiten der internationalen Situation lag.

Das wissenschaftlich fundierte, aber auch für ein breites interessiertes Publikum geschriebene und flüssig zu lesende Buch ist in Spanien ein Bestseller geworden, wenn es natürlich auch scharfe Reaktionen vor allem bei den Apologeten der Diktatur hervorgerufen hat. Auch diese können zwar für ihre Erzeugnisse ebenfalls hohe Verkaufszahlen vorweisen, doch dürfte es sich dabei wohl um eine andere Leserschaft handeln, was zeigt, wie gespalten und polarisiert das Land ist. Ob das Buch Folgen hat für den zukünftigen Umgang mit Korruption, kann nur die Zukunft erweisen. Prestons Arbeit liefert allerdings das Rüstzeug dafür, um auch Wurzeln und Dynamiken unvermeidlicher zukünftiger Auseinandersetzungen darum im Lande zu erkennen. Wem allerdings diese sehr umfangreiche Darstellung doch zu langwierig ist, der sei auf die 24. Folge des „History’s Most ….“-Podcast hingewiesen. Darin fasst der Autor seine Ergebnisse unter dem Episodentitel „History’s most corrupt political class“ zusammen.

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