Guenter Lewy bietet einen Überblick über das Verhältnis von Juden und Deutschen von den Zeiten Moses Mendelssohns und Gotthold Ephraim Lessings bis in unsere Tage. Dabei geht es dem Verfasser auch darum, sich über seine eigene Lebensgeschichte klarer zu werden, die mit den Verwerfungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufs Engste verknüpft ist. So berichtet Lewy vorweg über seine eigene Herkunft: 1923 in Breslau in eine typische deutsch-jüdische Familie hineingeboren, welche die Synagoge nur an hohen Feiertagen betrat, besuchte er sechs Jahre eine deutsche Schule, in der er eine gute Ausbildung erhielt; fünf Jahre gehörte er der deutsch-jüdischen Jugendbewegung an, die sich damals zur zionistischen Jugendbewegung wandelte. Im März 1939 gelang ihm – ohne seine Eltern – die Ausreise nach Palästina, dann lebte er drei Jahre im Kibbuz. 1942 wurde Lewy Freiwilliger der Britischen Armee, diente in der Jewish Brigade, die an der Eroberung Italiens mitwirkte (S. XVIII f.).
Lewys Gliederung ist übersichtlich, führt den Leser in Kapitel 1 und 2 von den Emanzipationsbemühungen des 18. und 19. Jahrhunderts gleich zur Blüte von Assimilationsbereitschaft und kultureller Größe in den Jahren der Weimarer Republik. Von den sich in Europa ausbreitenden nationalistischen Strömungen ergriffen, wandelten sich die Juden zu jüdischen Patrioten ihres Vaterlands: Kapitel 3 stellt den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und den Verband nationaldeutscher Juden vor. Die Jüngeren schlossen sich, so Kapitel 4, der Jugendbewegung an und schufen, als antisemitische Ausgrenzung Platz griff, eigene Bünde. Der fortschreitende Ausschluss unter der NS-Herrschaft traf sie, wie im folgenden Abschnitt deutlich wird, unvorbereitet. Den Schwerpunkt bildet hier die Schilderung, wie jüdische Deutsche zunächst versuchten, sich auf verschiedene Weise zu arrangieren. Die Zeit nach dem Nationalsozialismus in Bundesrepublik und DDR wird unter den Überschriften der Kapitel 6 und 7 – „Living in the Land of the Murderers“ und „Being Jewish in Communist East Germany“ – reichlich ungenau aufgeteilt.
Über allem schwebt die Frage des Zusammenlebens von „Juden und Deutschen“ in der Weimarer Demokratie: Unterlag ihrem Verhältnis eine wirklich gleichwertige [„reciprocal“] Beziehung? Lewy bezweifelt dies, habe die deutsch-jüdische Symbiose aufseiten der jüdischen Bevölkerung doch eher einem Wunschbild entsprochen. Der Antisemit Wilhelm Stapel habe den Begriff in der Monatsschrift „Deutsches Volkstum“ aufgebracht, um sich davon zu distanzieren (S. XVI, 176). Über seine Erlebnisse bei den jüdischen Bündischen teilt Lewy mit, sein Bund Die Greifen habe sich anfangs als „strictly German“ verstanden (S. 73) und sich literarisch an Stefan George, Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke orientiert. Dies übte nachhaltigen Einfluss auf den Lebensweg des Verfassers aus: „For me, membership in the Greifen instilled the conviction that life had to have a special meaning. It encouraged me to become a scholar, devoted to the pursuit of truth and knowledge“ (S. 74). 1938/39 überstürzten sich die Ereignisse: Als Vorbereitung auf die Ausreise nach Palästina verbrachte er mehrere Monate auf Hachschara in Süddeutschland, in der Pogromnacht wurde seine Jugendgruppe von SA überfallen und verprügelt. Sein Vater, von November 1938 an fast vier Monate im KZ Buchenwald eingesperrt, kehrte entkräftet und ein „Schatten seiner selbst“ zurück (S. 106).
Auf die Bemühungen, sich 1933 auf die neue Lage einzustellen, blickt Lewy – unter der Zwischenüberschrift „My Home Is Germany“ (S. 79) – verständnisvoll, nur die allzu loyale Haltung eines Hans-Joachim Schoeps mutet ihm „grotesk“ an (S. 100). Was gewiss auch dessen Ablehnung des Zionismus geschuldet ist. Denn nicht nur Lewy selbst, sondern auch die Familie seines Schwiegervaters, der als Interessenvertreter des jüdischen Centralvereins im thüringischen Vacha lebte, erblickte in der Übersiedlung nach Palästina die Rettung (S. 104). Peter Pulzers These, die jüdische Bevölkerung habe wegen vorangegangener Verfolgungserfahrungen die Bedrohung durch Hitler unterschätzt, schließt sich der Verfasser an (S. 178).
Lewy hat sich – weit über neunzigjährig – einer gewaltigen Herausforderung gestellt. Und dies mit Erfolg: Die Darstellung liest sich flüssig und fasst zusammen, was einer US-amerikanischen Leserschaft mitgeteilt zu werden wichtig erscheint. Sie lebt von den zahlreichen Personenporträts – angefangen bei Leo Baeck, Franz Rosenzweig und Martin Buber (S. 26 ff.) bis hin zur Kommunistin Ruth Fischer geborene Eisler. Weiter ausgreifende Überlegungen lassen sich dadurch aber nicht ersetzen. So mangelt es am analytischen Eingehen auf die im steten Wandel begriffenen Vorstellungen von nationaler Identität – vor 100 Jahren, zwanzig Jahre später und im weitgehend postpatriotischen Heute; nur kurz geht Lewy auf das Phänomen der jüdischen „passport Germans“ ein (S. 129), die heutzutage auf Heimat im herkömmlichen Sinn verzichten (können).
Die persönliche Betroffenheit kommt der Darstellung an den Stellen zugute, wo Lewy seine Zeitzeugenschaft mit einbringt. Als Problem erweist sich dabei, dass die persönliche Vertrautheit mit den Geschehnissen in Deutschland schon lang zurückliegt. So sind etwa Vornamen wiederholt falsch geschrieben (bei Bertolt Brecht, Roland Freisler, Wilhelm Stapel und Franz Josef Strauß). Heinrich Himmler war 1938 nicht Innenminister (S. 83), Otto Dix kein jüdischer Künstler (S. 131). Auf die Frage der „Wiedergutmachung (restitution)“ geht Lewy allzu pauschal ein (S. 113). Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb erscheint nur als Antisemit, der die in der Stadt seit 1945 gestrandeten Juden loswerden wollte, nicht als derjenige, der 1947 die jüdischen Vertriebenen darum bat, aus der Emigration in ihre Heimatstadt zurückzukommen. Rätselhaft ist die Behauptung, die deutsche Polizei habe Anfang 1950 mit 40 Mann ein DP-Lager in Hannover angegriffen, um – lange nach Einführung der D‑Mark – den „Schwarzmarkt zu bekämpfen“ (S. 110). Mit dem „World Council of Jews“ (S. 111) ist der World Jewish Congress gemeint. Der in Haifa geborene Historiker Jehuda Reinharz (geboren 1944) entstammt einer anderen Generation als Lewy, dessen Jugendbünde können ihn nicht mehr geprägt haben (S. 76). Die Entstehung des Jiddischen aus dem Mittelhochdeutschen sei nicht nur mit der Entlehnung von Wörtern aus dem Hebräischen, sondern auch aus dem Rotwelsch einhergegangen (S. 4); jedoch übernahm dieses einen Teil seines Wortschatzes über das Jiddische aus dem Hebräischen. Die im Bildteil nach S. 76 enthaltenen Abbildungen erfahren keine Kontextualisierung.
Insgesamt ist die Schilderung ungleichgewichtig. Der Verfasser erscheint in Bezug auf das nach-nationalsozialistische Deutschland als ferner Beobachter, dessen Kenntnis bloß angelesen ist. Über seine Erfahrungen 1946, als er im besetzten Deutschland für die Militärregierung als Dolmetscher tätig war, gibt er keine Auskunft – und auch nicht darüber, warum er davon Abstand nahm, in seine zweite Heimat Palästina zurückzukehren, sondern beschloss, einen Neuanfang in den USA zu versuchen. Die Behauptung, „Jewish life in postwar West Germany was decisively shaped by the large-scale influx of Jews from the former Soviet Union“ (S. XVIII), trifft erst seit den frühen 1990er Jahren zu. Josef Schuster steht nicht dem „Zentralverein“ vor, sondern dem Zentralrat der Juden in Deutschland (S. 124). Wolf Biermann hat 1976 der DDR nicht einfach den Rücken gekehrt wie ein Jahr später Jurek Becker (S. 157), der seinen Pass behielt, er wurde ‚ausgebürgert‘. Bedauerlich ist die Verwechslung von Klaus Gysi mit dem fälschlich so bezeichneten DDR-„Kulturminister Robert Havemann“ (S. 159), wurde Havemann doch 2005 von der Gedenkstätte Yad Vashem postum als Gerechter unter den Völkern geehrt. Überdies kritisiert Lewy vorschnell das Denkmal für die ermordete jüdische Bevölkerung Europas, indem er sich (ausgerechnet) einer fragwürdigen Einschätzung anschließt, die Henryk M. Broder zum Besten gab (S. 128 f.).
„Jews and Germans“ baut auf Lewys vorherigen Büchern über die Bücherverbrennung und über die deutschen Täter beim Judenmord auf. Und es ist ein Stück weit persönlicher, wobei Lewy auf sein Leben mit Stolz zurückblickt. Mögen die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden vor 1933 auch nicht ausbalanciert gewesen sein, wohl unbestritten ist, dass sie für beide Seiten bereichernd waren – was sich weit über Deutschland hinaus auswirkte.