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Einzelrezension

Chickering, Roger: Karl Lamprecht. Das Leben eines deutschen Historikers (1856–1915), 689 S., Steiner, Stuttgart 2021.


Keywords: Review, Chickering, Roger, 2021

How to Cite:

Jordan, S., (2021) “Chickering, Roger: Karl Lamprecht. Das Leben eines deutschen Historikers (1856–1915), 689 S., Steiner, Stuttgart 2021.”, Neue Politische Literatur 66(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00387-7

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-08-26

Karl Lamprechts Persönlichkeit ist so eindrucksvoll, seine Impulse für die Geschichtswissenschaft an der Wende zum 20. Jahrhundert sind so wegweisend, dass er und sein Werk in regelmäßigen Abständen zum Thema der Historiografiegeschichte gemacht werden. Zur 100. Wiederkehr seines Todestags 2015 erschien der von Jonas Flöter und Gerald Diesener herausgegebene Sammelband „Karl Lamprecht (1858–1915). Durchbruch in der Geschichtswissenschaft“, der die Ergebnisse einer Tagung aus dem Jahr 2014 vereint. Zwei Jahre später publizierten Luise Schorn-Schütte und Mircea Ogrin unter dem Titel „Über das eigentliche Arbeitsgebiet der Geschichte“ eine Ausgabe von Lamprechts Briefwechsel mit seinen Freunden Ernst Bernheim und Henri Pirenne, die allerdings wegen editorischer Mängel stark kritisiert wurde und als nicht haltbar gilt.

Nun liegt die deutsche Fassung von Roger Chickerings Lamprecht-Biografie vor, die im amerikanischen Original im Jahr 1993 erschienen ist. Man mag grundsätzlich streiten, ob die Übersetzung von Bänden aus dem englischsprachigen Bereich ins Deutsche sinnvoll oder die Lektüre des Originals „zumutbar“ ist, zumal auch die deutsche Ausgabe keinen Massenmarkt erreichen wird, sondern vor allem Leserinnen und Leser aus dem engen Gebiet der Historiografiegeschichte ansprechen dürfte. Allerdings sollte diese Diskussion mit Bezug auf Chickerings Band nachsichtig geführt werden, denn die Biografie des 2010 als Professor für Geschichte am BMW Center for German and European Studies der Georgetown University, Washington, D. C., emeritierten Chickering ist das unbestrittene Grundlagenwerk für jede Beschäftigung mit Lamprecht und hat dessen Bild in den letzten drei Jahrzehnten maßgeblich bestimmt.

Inhaltlich unterscheidet sich die deutsche Ausgabe nur wenig von der amerikanischen Vorlage: Die Struktur des Bandes wurde beibehalten und einige nach 1993 entdeckte Quellen in die Darstellung eingearbeitet, ohne dass dies zu Neubewertungen geführt hätte. Quellen- und Literaturverzeichnis wurden um neu erschienene Titel deutlich ergänzt. Neu hinzugekommen ist ein „Vorwort zur deutschen Auflage“, in dem der Autor seine Beweggründe für die Neuausgabe darlegt.

Ein neuerliches Interesse dürfte der Band, so Chickering, aufgrund der Diskussionen um eine „Neue Kulturgeschichte“ beanspruchen, die in den 1990er Jahren aufgekommen waren und die die Bedeutung Lamprechts für einen Weg deutscher Geschichtswissenschaft „jenseits des Historismus“ betont hatten. Auch der Blick über Deutschland hinaus auf einen internationalen Diskurs der Historikerinnen und Historiker mache Lamprecht aktuell, denn dieser hatte wie kein anderer seiner Zeit den Kontakt zu Kollegen im Ausland, vor allem im französischsprachigen Bereich, gepflegt, und dort Impulse gegeben, etwa für die „Annales“. Schließlich postuliert Chickering das „sich erneut herausbildende Interesse für die Biographie als Gattung“ (S. 18) als Motivation für die deutsche Ausgabe; ihm gehe es weniger um die „biographische Wirklichkeit“ (S. 19), als vielmehr um die Biografie als Konstrukt. Nach Chickering „kann die Biographie nur als ein ‚fiktives‘ Unternehmen aufgefasst werden, indem die ‚Sinnschöpfung‘ der Lebensgeschichte als ein künstlich-künstlerischer Akt erfolgt und das Subjekt selbst, das heißt die Kohärenz wie die Narrativität dieses Lebens, gleichsam von außen her, vom Biographen, konstruiert wird“ (S. 19).

Es mag letztlich gleichgültig bleiben, ob diese Gründe eine Neuausgabe rechtfertigen; alle Leserinnen und Leser mit Interesse an der Historiografiegeschichte wird sie mit Freude erfüllen. Denn die Auseinandersetzung mit Lamprechts Leben und Werk provoziert – und das macht Chickerings Buch so lesenswert – die Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken und Tun des Historikers oder der Historikerin. Wie viele andere Historiker seiner Zeit entstammte er einem protestantischen Pfarrhaus und durchlief die geschichtswissenschaftliche Ausbildung in Göttingen, Leipzig und München. Anders als das meist politikgeschichtlich orientierte Gros seiner Zeitgenossen entwickelte er früh eine Sensibilität für wirtschaftsgeschichtliche und landeskundliche Themen mit Offenheit für neue philosophische (Wilhelm Wundt) und kulturgeschichtliche – mitunter auch kulturkritische – Ansätze. Als Ordinarius in Leipzig initiierte Lamprecht 1896 die Gründung der Sächsischen Kommission für Geschichte, 1906 des Seminars für Landesgeschichte und Siedlungskunde und 1909 des Königlich Sächsischen Instituts für Kultur- und Universalgeschichte. Neben seinen wissenschaftsorganisatorischen Leistungen wurden seine Ansätze für die Theorie und Praxis einer Kulturgeschichte ebenso wegweisend wie seine Auseinandersetzung mit Georg von Below, die ihn in Deutschland zum Außenseiter werden ließen, ihm international aber, vor allem in Frankreich, eine starke Rezeption einbrachten.

Lamprechts Leben, so wie Chickering es beschreibt, liest sich als das eines Getriebenen – nicht frei von Eitelkeiten und Zorn, beharrlich wie selbstbewusst in seinen Positionen und mit dem Blick über die Grenzen der eigenen Disziplin hinaus. So wird man nicht alles, von dem Vielen, das Lamprecht anstieß, aus heutiger Sicht als gelungen bezeichnen wollen; die vielen Reibepunkte, die Lamprecht allerdings zur vorherrschenden Geschichtsauffassung seiner Zeit aufwarf, bleiben bis heute aktuell, scheinen an ihnen doch die Themen auf, die Historikerinnen und Historiker beim grundsätzlichen Überdenken der eigenen Tätigkeit umtreiben.