Das zu besprechende Werk behandelt die repressiven Maßnahmen, die während der beiden Weltkriege in den kriegführenden Staaten gegen Angehörige von Feindstaaten durchgeführt wurden. Dabei handelte es sich zum größten Teil um ethnische Minderheiten, die sich in den jeweiligen Staaten angesiedelt hatten und nach Kriegsausbruch zu ‚feindlichen Ausländern‘ erklärt wurden. Maßnahmen reichten von Internierung, Enteignung und Deportation bis hin zum Völkermord. Das Werk ist in vieler Hinsicht wegweisend für die einschlägige Forschung. Es stellt einen wichtigen Beitrag zu einer Vielzahl von Forschungsfragen dar, geht über das engere Thema der Feindstaatenangehörigkeit hinaus und beleuchtet größere Themen, wie totale Kriegsführung, innere Sicherheit und Humanitätsbemühungen, neu.
Der Grundansatz geht sowohl zeitlich als auch räumlich weit über das hinaus, was die bestehende Forschung zu dem Thema geleistet hat. Diese bewegt sich weitgehend in nationalstaatlichen Untersuchungszusammenhängen und hat sich erst kürzlich dem breiteren Rahmen von Empire/Reich zugewandt. Der Autor geht hier noch einen Schritt weiter, indem er eine völlig neue, umfassend globale Analyseebene einführt und sich den wichtigsten Staaten und Imperien zuwendet, die als Kriegs‑, Schutz-, oder Mandatsmächte mit Repression gegen Zivilisten befasst waren. Um der Komplexität dieses Ansatzes gerecht zu werden, rekurriert der Autor auf die methodischen Fixpunkte der Vergleichsgeschichte einerseits, und der Verflechtungsgeschichte andererseits. Beide Methoden sind in der jüngsten Forschung differenziert diskutiert und angewendet worden, wobei hier die Tendenz zur Dichotomisierung vorherrscht. Arnd Bauerkämper argumentiert überzeugend, dass beide Methoden gleichermaßen gewinnbringend auf das globale Thema angewandt werden können. Es gelingt ihm dadurch, zeitlich wie räumlich Muster, Unterschiede und Traditionslinien der Behandlung von Feindstaatenangehörigen herauszuarbeiten, die in ihren Konsequenzen bis in die heutige Zeit hineinspielen. In der Tat ist es eine Stärke des Werkes, auch aktuelle Zeitfragen aufzugreifen und dabei stets historisch zu argumentieren. Als Beispiel sei nur die internationale, vor allem US-amerikanische Reaktion auf 9/11 genannt, die dem Autor als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen dient.
Neben der geografischen Breite überzeugt auch die zeitliche Breite der Darstellung. Die Forschung hat sich in Bezug auf die Behandlung von ‚enemy aliens‘ bisher entweder mit dem Ersten oder dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Die Frage von Kontinuitäten und Parallelitäten wurde nur am Rande behandelt. Obwohl der Autor der Vorstellung von einem zweiten ‚Dreißigjährigen Krieg‘ nicht das Wort redet, zeigt er doch auf, dass die Periode zwischen 1914 und 1945 sowohl in ihren Kontinuitäten, als auch ihren Brüchen als Analyseeinheit verstanden werden muss. Exemplarisch seien die Ausführungen zur Erinnerungskultur innerhalb dieser Binnenperiode genannt. Bauerkämper zeigt, dass das Flucht- und Anpassungsverhalten von Zivilisten im Zweiten Weltkrieg durchaus auf die während des Ersten Weltkriegs erlittenen Erfahrungen und Traumata zurückzuführen ist. Er zeigt des Weiteren, dass mit dem Holocaust oder auch der fast vollständigen Deportation Deutscher unter Stalin (1941–1948) neuartige Zielgruppen und ein immenser step change der Repressionspolitik im Vergleich zum Ersten Weltkrieg einhergingen. Dabei beschränkt sich der Autor nicht auf autoritäre Staatsgebilde, sondern zeigt gerade auch im Hinblick auf Demokratien (USA, Frankreich, Großbritannien), wie innere Freiheiten durch restriktive Kriegsgesetzgebung ausgehebelt wurden. Auch in diesem Sinne gewinnt das Werk an unmittelbarer Aktualität.
Die Darstellung basiert auf einer breiten Literaturbasis. Die neuere Forschungsliteratur wird durchweg rezipiert und vom Autor durch seinen neuartigen Blickwinkel weiterentwickelt. In der Tat handelt es sich um den ersten Versuch, die mittlerweile substanzielle Literatur zu dem Thema zusammenzufassen. Damit stellt das Buch einen historiografischen Meilenstein dar, der für die kommenden Jahre ein zentraler Referenzpunkt sein wird. Dies gilt auch für Bereiche und Disziplinen, die über das eigentliche Kernthema hinausgehen. Um nur drei Beispiele zu nennen: Migrationswissenschaftler erfahren Neues über die Auswirkungen staatlicher Repressionen auf Migrationsströme; Emotionen wie Angst oder Unsicherheit werden mit dem Methodeninstrumentarium der Emotionsgeschichte analysiert; und die Geschichte der internationalen Beziehungen wird durch den Faktor internierter Feindstaatenangehöriger bereichert.
Die Grundargumentation ist überzeugend. Indem Bauerkämper die Frage nach der inneren Sicherheit mit der Frage nach humanitärem Engagement verbindet, kann er das Verhältnis dieser beiden Themenkomplexe neu bewerten. Er zeigt, dass unter dem Zeichen des ‚totalen Krieges‘ nationalstaatliche Eigeninteressen vorrangig waren. Zwar zeigten sich humanitäre Initiativen, doch waren diese in der Regel staatlichen Interessen untergeordnet. So wurde die vermeintlich menschliche Behandlung von internierten Feindstaatenangehörigen zu Propagandazwecken instrumentalisiert (‚gerechter Krieg‘) – oder sie war das Ergebnis eigennütziger Erwägungen, indem man reziproke Vergeltungsmaßnahmen gegen die eigenen Landsleute zu verhindern versuchte. Die Zusammenfassung von Erstem und Zweitem Weltkrieg erlaubt dem Verfasser wiederum, Argumente auf diachroner Ebene zu formulieren. Hier überzeugt vor allem die Einsicht, dass der Erste Weltkrieg humanitäre Bedenken gegen die schlechte Behandlung ‚feindlicher Ausländer‘ aus dem Weg räumte, was im Zweiten Weltkrieg zu inhumanerer Behandlung führte. Bei allen Vergleichen und Querverweisen behält Bauerkämper die Singularität des NS-Massenmordes an den Juden im Blick. Die Gesamtargumentation ist stets ausgewogen.