Wie Jörg Ganzenmüller im Titel seiner Einleitung formuliert, geht es in diesem Sammelband um jüdisches Leben nach der Schoah aus einer „erfahrungsgeschichtlichen und transnationalen Perspektive“ (S. 9). Hintergrund ist die Entwicklung in Deutschland und einigen anderen Ländern Europas. Die dreizehn folgenden Beiträge gehen auf eine Tagung der Stiftung Ettersberg im Jahr 2018 zurück, sie umfassen zwischen zehn und dreißig Seiten und sind in drei Themenblöcke unterteilt. Im ersten, in dem unter „Remigration – Immigration – Emigration“ die „Revitalisierung jüdischen Lebens in Deutschland“ betrachtet wird, schildert Stefan Hellmuth das Geschehen in den westlichen Besatzungszonen und in der frühen Bonner Republik. Sodann betrachtet Tobias Freimüller „Kontinuität, Migration und Fremdheitserfahrungen“ am Beispiel des jüdischen Lebens in Frankfurt am Main in dieser Zeit. Die Stadt bemühte sich ganz besonders um die Rückkehr ihrer vertriebenen jüdischen Bevölkerung und sorgte dafür, ihr Einrichtungen zur Verfügung zu stellen. 1988 entstand hier das erste Jüdische Museum in der Bundesrepublik. Die folgenden Beiträge von Jeannette van Laak und Ofer Waldman handeln über die Lebenswege jüdischer Rückkehrer_innen in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR. Die Rückkehrentscheidung beruhte, wie van Laak in ihrem Fazit betont, „meist auf einer komplexen Gemengelage politischer und gesellschaftlicher Ereignisse“ statt allein auf einer unumstößlichen kommunistischen Überzeugung (S. 81). Waldman blickt chronologisch rückläufig auf Geschehnisse, die das Leben von Thomas Brasch prägten, Sohn des SED-Politikers Horst Brasch (1922–1989). Die NS-Judenverfolgung, heißt es hier, habe diesen „(ungeachtet seiner im jugendlichen Alter vollzogenen Konvertierung zum Katholizismus) zur Flucht“ gezwungen (S. 94). Doch der Heranwachsende hatte nach dem Tod seiner Mutter 1931 offenbar keinen persönlichen Kontakt zum Judentum, wuchs im tiefsten Oberbayern auf, wo er katholische Schulen, schließlich das Benediktinergymnasium Ettal besuchte; dass er überlebte, verdankte er seinem nichtjüdischen Stiefvater Curt Thesing, der den 17-jährigen mit dem rettenden Kindertransport nach Großbritannien schickte. Erst die danach vollzogene Hinwendung zum Kommunismus schuf die Voraussetzungen, unter denen Thomas Brasch in einem Verhör 1968 erklären konnte, dass seine Eltern deswegen emigriert seien, „weil sie Juden sind“ (S. 92 f.).
Im Abschnitt „Sozialismus – Nationalismus – Antisemitismus“ stehen politische Erfahrungen im östlichen Europa im Mittelpunkt. Frank Grüner beschreibt den schwierigen Weg sowjetischer Jüdinnen und Juden zwischen ihren auf die Nachkriegsjahre gerichteten großen Hoffnungen und den diese zunichte machenden antisemitischen Kampagnen im Spätstalinismus. Kateřina Čapková plädiert dafür, in Bezug auf die Lage jüdischer Überlebender in der Tschechoslowakei die politische durch eine soziale Perspektive zu ergänzen. Vergleichbar mit Polen wurden die Zurückkehrenden – die zumeist aus dem Osten der Vorkriegs-ČSR stammten – in den Gebieten angesiedelt, welche die deutsche Bevölkerung verlassen hatte. Philipp Graf befasst sich mit Paul Merkers und Leo Zuckermanns – vergeblichen – Bemühungen um „Restitution und Wiedergutmachung in Ost-Berlin“. Zuckermann, in Lublin geboren, war im Westen Deutschlands aufgewachsen. 1933 musste der promovierte Jurist als KPD-Mitglied erst nach Frankreich und von dort 1940 nach Mexiko fliehen. Dort gelangte er 1944 zu der Erkenntnis, dass der „Faschismus […] für das Judentum auf der ganzen Welt eine völlig neue Situation“ geschaffen habe, „der sich auch diejenigen Juden nicht entziehen konnten, die über Generationen hinweg in einen extrem weit fortgeschrittenen Assimilationsprozeß eingebunden gewesen waren“ (S. 145). Die DDR konnte ihm daraufhin keine neue Heimat bieten; vielmehr musste der Befürworter einer Opferentschädigung 1952 abermals aus Deutschland fliehen. Katrin Stoll zeigt das „Fortleben des Antisemitismus in Polen nach der Shoah“ zwischen 1946 und 1968. Demnach sei der Antisemitismus in Polen ein „kulturelles Muster“ (S. 164). In Anlehnung an eine von Ian Kershaw bekannt gemachte Aussage sei der Prozess, „der sich unter deutscher Besatzung in Polen abspielte, als ‚working towards the Holocaust‘“ zu bezeichnen (S. 167). Und dies dauerte über 1945 hinaus an. Leider lässt die Verfasserin die in der polnischen offiziellen wie Untergrundpresse stehenden Äußerungen dazu völlig außer Acht, obgleich dazu Analysen vorliegen und einige in neueren Quellensammlungen zu finden sind.
Im Abschnitt „Zeugenschaft – Wissenschaft – Musealisierung“ wird in fünf Beiträgen auf „Formen der Auseinandersetzung mit der Shoah“ eingegangen. Dagi Knellessen blickt auf eine „Transnationale Zeugenschaft“ jüdischer Überlebender anhand des ersten Sobibor-Verfahrens 1949/1950 in Frankfurt und West-Berlin. Unter den wichtigsten Zeugen war Hersz Cukierman (1893–1979), der auch 1965 im Sobibor-Prozess in Hagen aussagte; hier heißt es, dessen Sohn Josef Cukierman, der in Karlsruhe lebte, sei 1966 verstorben (S. 186), doch erlitt er schon drei Jahre zuvor einen tödlichen Herzinfarkt. Fast alle Überlebenden kehrten Deutschland bis 1950 den Rücken, wenngleich nicht nur „einige wenige“ (S. 182), sondern noch mehrere Zehntausend zurückblieben. Der in Frankfurt festgenommene Sobibor-Täter Hubert Gomerski (1911–1999) habe sich, so Knellessen, zunächst „galant herausgelogen“ (S. 186) – treffender wäre: dermaßen dreist, dass er schließlich um eine lebenslange Zuchthausstrafe nicht herumkam. Alexander Walther würdigt den Beitrag, den jüdische Deutsche in der DDR zur „Erforschung von Judentum und Shoah“ geleistet haben (S. 195). Dem Warschauer Jüdischen Historischen Institut und seinem Beitrag zur frühen Holocaustforschung ist Stephan Stachs Aufsatz gewidmet. Er verortet dessen Tätigkeit zwischen den Erfordernissen einer klassenkämpferischen, spätstalinistischen Geschichtsschreibung und der zunehmenden Bezauberung der Verantwortlichen in Warschau durch die Entwicklung in Israel (S. 219), wohin bis Ende der 1960er Jahre viele ausreisten. Abbildungen und Personenregister ergänzen den Band.
Herausgeber Ganzenmüller und die Redakteurin Cornelia Bruhn schießen über das Ziel einer geschlechtergerechten Sprache hinaus, wenn sie mit Stefan Hellmuth im Jahr 1945 „Befreier*innen“ und „alliierte Soldat*innen“ (S. 27) auftreten lassen, denn das Kriegshandwerk war – von einigen Rotarmistinnen abgesehen – seinerzeit reine Männersache. Unzutreffend ist die Behauptung, in der SBZ sei „das Privateigentum“ abgeschafft und „fast vollständig“ verstaatlicht worden (S. 42), und „nach 1933“ seien vom jüdischen Bevölkerungsteil die gut Ausgebildeten und beruflich Etablierten ausgereist, und sie seien nach 1945 zurückgekehrt (S. 26); dies stimmt am ehesten für Großstädter, lässt aber die übrigen bis 1941 Geflohenen außer Acht. Die in den alliierten DP-Camps Lebenden sollten nicht als „Insass*innen“, sondern neutraler als Lagerbewohner*innen bezeichnet werden (S. 27 ff.). Den Nachweis zum Bericht des britischen Offiziers Julius Posner über seine Dienstzeit 1945/46 (S. 29) sucht man vergebens. Die administrativen Zuständigkeiten ignoriert, wer den jüdischen Gemeindevorstehern zutraut, sie hätten gleich nach Kriegsende „meist durch die Bürgermeister“ die Instandsetzung der Jüdischen Friedhöfe veranlasst (S. 30). Im Zusammenhang mit der „Wiedergutmachung“, die Hellmuth als „Terminus technicus verwendet“ (S. 29), sollte nicht der Eindruck erweckt werden, als hätte sie nur der jüdischen Bevölkerung gegolten, kam sie doch von Beginn an vor allem politischen Verfolgten zugute. Dass die Rückerstattung „jüdischen Vermögens […] mit massivem Widerstand der betroffenen deutschen Nutznießer*innen“ einhergegangen sei (S. 42), wäre ebenso genauer zu belegen wie die Feststellung, 1951 sei im Westen angeblich „die Arbeit der Wiedergutmachungsbehörden nachhaltig ausgebremst“ worden (S. 43). Der Kalte Krieg begann nicht erst „in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (S. 45).
Wenig glücklich ist der im Untertitel dieses Sammelbands erscheinende Begriff Ausgrenzung, da er einer Konsolidierung entgegensteht und allzu sehr mit der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik von 1933 an verbunden ist. In Deutschland geht es eher um die (gescheiterte) Rückgewinnung von ‚Normalität‘ jüdischen Lebens und die Sehnsucht danach. Der länderübergreifende Blick macht aber deutlich, dass sie Entwicklung von spezifischen Voraussetzungen abhängig war.