In seinem Werk hat sich Max Weber immer wieder mit dem methodologischen Problem befasst, welche spezifische Logik der Sozialwissenschaft eigen sei. Allerdings hat Weber sich mit dieser Fragestellung nicht systematisch in einem großen Opus auseinandergesetzt, sondern in einer Reihe von Aufsätzen und Texten, die zu besonderen Anlässen geschrieben worden oder aus kritischen Rezensionen hervorgegangen sind und sich manchmal zu langen theoretischen Abhandlungen auswuchsen. Einige dieser Texte, die zwischen 1900 und 1907 entstanden sind und ungefähr der ersten Hälfte der 1922 publizierten „Gesammelte[n] Aufsätze zur Wissenschaftslehre“ entsprechen, liegen nun in einer mustergültigen Edition der Max Weber-Gesamtausgabe vor. Unter diesen Aufsätzen finden sich ‚Klassiker‘ der Soziologie wie „Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ (1904) oder auch Webers in der Auseinandersetzung mit dem Althistoriker Eduard Meyer entstandener Text „Kritische Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik“ (1906), sowie die grundlegende Kritik an einer Schrift des Rechtsphilosophen Rudolf Stammler zur materialistischen Geschichtsauffassung.
Webers methodologische Texte sind im Laufe des 20. Jahrhunderts in den Sozialwissenschaften breit rezipiert worden, doch haben sie auch das Theorieverständnis einiger Strömungen der Historiografie erheblich geprägt. In besonderem Maße gilt dies für den im „Objektivitätsaufsatz“ entwickelten Idealtypus. So betont Weber, dass eine „Erkenntnis der Kulturbedeutung konkreter historischer Zusammenhänge“ (S. 233) ohne die Verwendung von Idealtypen nicht möglich sei, weil sich nur mit ihnen die „empirische Wirklichkeit […] in gültiger Weise denkend ordnen“ (S. 232) lasse. Idealtypen sollten nach Weber als „heuristische[] Mittel“ theoretisch konstruiert werden und durch eine „Vergleichung“ mit den „‚Tatsachen‘“, beziehungsweise mit der „empirisch-historischen Wirklichkeit“, methodisch abgesicherte Erkenntnisse ermöglichen (S. 220). Mit seinen Überlegungen zielte Max Weber zunächst auf die Disziplin der Nationalökonomie und die aufkommende Soziologie, doch sprach er auch Erkenntnisprobleme der Geschichtsschreibung an. Zwar gestand er dem Hauptstrom der Historiografie seiner Zeit durchaus zu, dass ein Historiker ohne die „Gabe der ‚Intuition‘“ kaum mehr als ein „historischer Subalternbeamter“ (S. 464) wäre, doch unterstrich er zugleich, dass auf theoretische Reflexion nicht verzichtet werden dürfe und eine adäquate analytische Zurechnung von Kausalfaktoren historischer Phänomene nur durch Verwendung der „Kategorie der objektiven Möglichkeit“ und mittels „Isolierung, Generalisierung und Konstruktion von Möglichkeitsurteilen“ (S. 465) erreicht werden könne.
Es besteht insofern kein Zweifel daran, dass der vorliegende Band der Max Weber-Gesamtausgabe für unterschiedliche Disziplinen bedeutsam und aktuell ist. Zu unterstreichen ist in diesem Zusammenhang freilich, dass dies nicht nur auf die Texte Webers selbst, sondern auch auf die Qualität und Gestaltung der Edition des Bandes zurückzuführen ist. Besonders augenfällig wird dies am „Objektivitätsaufsatz“, den Weber ohne Anmerkungen beziehungsweise Nachweise veröffentlich hatte. Durch die Kommentierung sowie eine philologische Aufschlüsselung im Anmerkungsapparat der Herausgeber erhält der Nutzer der Edition die notwendigen, grundlegenden Informationen, um die Texte in die zeitgenössischen Debatten unterschiedlicher Disziplinen einordnen zu können. Eine solche Möglichkeit der Nutzung ist dem Umstand zu danken, dass sich die Herausgeber auf eine historisch-kritische, gewissermaßen historisierende Kommentierung beschränken und auf eine Auslegung der Schriften im Lichte der mittlerweile hoch ausdifferenzierten aktuellen Weberforschung verzichten. Auch die Herausgebereinleitung folgt diesen Grundsätzen, indem sie Webers Position gegenüber den methodologischen Debatten, insbesondere in der Philosophie oder den Naturwissenschaften (etwa betreffend Heinrich Rickert und Johannes von Kries), nachzeichnet, oder seine Haltung gegenüber dem nationalökomischen Methodenstreit zwischen Carl Menger und Gustav Schmoller aufschlussreich erläutert.
Ein weiterer Vorzug der Edition ist darin zu sehen, dass die edierten Texte nicht als ‚Klassiker‘ behandelt werden. Anders als in der von Marianne Weber herausgegebenen „Wissenschaftslehre“ – hier werden sie nämlich in chronologischer Reihenfolge publiziert und damit konsequent in ihren historischen Zusammenhang eingeordnet. So erscheint beispielsweise der „Objektivitätsaufsatz“ nicht als Teil der (in früheren Editionen als Einheit konstruierten) Aufsätze zu „Roscher und Knies“, sondern als eigenständiger Text, der in seinen konkreten biografischen und intellektuellen Entstehungszusammenhängen fassbar wird. Über die den Texten zugeordneten, bündigen editorischen Berichte können die für die gewählte Form der Edition und Einordnung in das Gesamtwerk ausschlaggebenden Argumente stets nachvollzogen werden.
Den Maximen einer historisierenden Edition entsprechend berücksichtigen die Herausgeber auch den Umstand, dass die meisten der Aufsätze Webers im „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ publiziert worden sind. So werden auch kleinere Texte ediert, die für sich genommen relevant sind, zugleich aber auch die historische Einordnung und die Rezeption der bekannten methodologischen Schriften Webers erleichtern. Dies gilt etwa für das von Max Weber gemeinsam mit Werner Sombart und Edgar Jaffé verantwortete „Geleitwort“ für das erste, 1904 erschienene Heft des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“. Von besonderem Interesse sind auch die aus dem Nachlass herausgegebenen und im Anhang des Bandes publizierten sogenannten „Nervi“-Notizen, die Einblicke in „Webers Arbeitsweise und seine begriffssystematische Erschließung von Sachverhalten“ (S. 623) erlauben. Ebenfalls nach einem vorliegenden Manuskript ediert wird ein Nachtrag Webers zu dessen Kritik an Rudolf Stammler. Den hohen Standards der Max Weber Gesamtausgabe entsprechend enthält der Band ferner Personenverzeichnisse, Register und Seitenkonkordanzen der unterschiedlichen Ausgaben der Texte. So liegt mit der Edition der Schriften Webers zur „Logik und Methodik der Sozialwissenschaft“ ein exzellentes Arbeitsinstrument vor, das für die Forschung fortan unverzichtbar ist.