Nach halb vier öffnete Diener Heinz Linge die Tür zu Adolf Hitlers Raum. Es ist passiert, wandte er sich Reichsleiter Martin Bormann zu. Auf dem Sofa saß Hitler, Kopf leicht nach vorn geneigt. Seine rechte Schläfe zeigte den Einschuss, wo Blut die Wange herablief. Die Pistole war ihm entglitten. Daneben saß Eva Braun. Ihr Geruch wies auf eine Zyankalikapsel hin. „Der Führer ist tot!“, rief Adjutant Otto Günsche den Wartenden am 30. April 1945 im Tiefbunker unter der Alten Reichskanzlei zu. Indes hagelte es Artillerie-Granaten über dem Regierungssitz. Wie es Hitler befohlen hatte, verbrannten Helfer seine und Evas Leiche vor dem Ausgang. Abends vergruben sie zwei SS-Leute in einer Mulde im Kanzlei-Garten.
So leitet Volker Ullrich sein Buch über die letzte Woche des Dritten Reichs ein. Der Journalist und Autor einer zweibändigen Hitlerbiographie hat ein fesselndes Buch vorgelegt. Der Leser rast auf der zeitgeschichtlichen Achterbahn tiefer in ein scheinbar haltloses, immer tödlicheres Bergab. Selten geht es in kurzen Lichtblicken bergauf.
Dem Leser begegnen Trecks mit Häftlingen, Vertriebenen oder Soldaten auf der einen, der Mythos von V2 Vergeltungswaffen und Endsieg auf der anderen Seite der Betrachtung. Während der ersten Maitage wurden die Gräuel des Krieges und des nationalsozialistischen Vernichtungsapparates nochmals deutlich. Ulrich beschreibt, wie im KZ Dachau bei München Häftlinge drei Tage vor der Befreiung des Lagers gezwungen wurden, abzumarschieren. Von SS-Männern und Hunden begleitet, waren es 10.000, die sich gen Süden schleppten. Am 2. Mai flohen Bewacher, die bis zu 1.500 auf dem Leidensweg erschossen. Andere starben an Schwäche. Im Lager sahen Amerikaner die Leichenberge, die reale Hölle von Dachau. Die Bewohner der Hansestadt Demmin in Vorpommern erlebten durch Sowjets Vergewaltigungen und Gräueltaten, was dort einen Massensuizid mit bis zu 1.000 Toten forcierte. Gleichzeitig blickt Ulrich auf das Schicksal vieler Granden des NS-Regimes. So sollte laut Hitlers Testament Minister Arthur Seyß-Inquart Reichsaußenminister werden. Er spielte im Anschluss Österreichs 1938 und im besetzten Polen die Hauptrolle. Ab 1940 Reichskommissar in den besetzten Niederlanden, organisierte er die Deportationen von Juden in Todeslager und von Zwangsarbeitern nach Deutschland. Briten verhafteten ihn Anfang Mai. Er hatte wenig Reue, leugnete – unglaubhaft – Wissen am Holocaust. Verurteilt wurde er und Ende 1946 im Nürnberger Justizgefängnis hingerichtet. Hinzu kamen im Jahr 2017 Fotos, auf denen er mit ‚Quislingen‘ wie dem Großmufti Muhammad Amin al-Husaini eine Außenstelle des KZ Sachsenhausens besuchte.
Am 4. Mai nahm Leutnant Stein von der 7. US-Armee den Generalgouverneur Hans Frank in Neuhaus am Schliersee fest, den „Schlächter von Polen“. Nachdem Hitler am 12. Dezember 1941 grünes Licht für die Ermordung der europäischen Juden gegeben hatte, habe Frank seinen Kollegen gesagt: mit Juden sei Schluss zu machen, ohne Mitleid. Laut Ullrich lagen Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“, Bełżec, Sobibor und Treblinka, in dessen Machtbereich, wo 1942 mehr Insassen als in Auschwitz-Birkenau ermordet worden seien.
Raketenforscher der Heeresversuchsanstalt Peenemünde unter Walter Dornberger und Wernher von Braun kamen im April 1945 nach Oberammergau. Dort hörten sie von Hitlers Tod am 1. Mai, und ergaben sich den amerikanischen Streitkräften, die sie gut aufnahmen und anderntags der Presse vorführten. „Sie wollen unser V2-Wissen“, so von Braun, der 1945 nach Texas kam, den „Unpolitischen“ spielte und mit „Nazis wie Massenverbrechen nichts zu tun“ gehabt haben wollte. Ulrich widerspricht dieser Darstellung von Brauns. Er verweist darauf, dass Hitler von Braun, der in der Nazi-Partei sowie SS war, 1943 in der „Wolfsschanze“ zum Professor ernannte: 6.000 seiner V2 wurden hergestellt.
Der Blick Volker Ulrichs bleibt stark auf Europa zentriert. So charakterisiert er die Kapitulation der deutschen Heeresgruppe C am 29. April 1945 in Norditalien als die einzige Teilkapitulation „zu Lebzeiten Hitlers“. Er übersieht dabei die Kapitulation einer Viertel Million Achsentruppen in Tunis bereits am 13. Mai 1943. Auch bot der Großmufti al-Husaini am 28. September 1944 Hitler an, mit Stalin zu vermitteln. Das Dritte Reich betraf nicht nur Europa, sondern etwa auch den Mittleren Osten und hatte darüber hinaus eine globale Dimension. Wie Raketenexperten heute noch nachwirken, so tun dies auch die Nazi-Ideen im Mittleren Osten, wo sie kaum delegitimiert wurden. Akzeptiert man Volker Ullrichs engere Perspektive, so wird man mit einem spannenden Buch zur letzten Woche des „Dritten Reiches“ belohnt.