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Einzelrezension

Take, Gunnar: Forschen für den Wirtschaftskrieg. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft im Nationalsozialismus (Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Beihefte 25), 538 S., De Gruyter, Berlin u. a. 2019.


Keywords: Review, Take, Gunnar, 2019

How to Cite:

Leipold, A., (2021) “Take, Gunnar: Forschen für den Wirtschaftskrieg. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft im Nationalsozialismus (Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Beihefte 25), 538 S., De Gruyter, Berlin u. a. 2019.”, Neue Politische Literatur 66(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00372-0

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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2021-05-22

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Wissenschaftliche Expertise im Allgemeinen und wirtschaftspolitische Beratung im Speziellen sind regelmäßig Gegenstand von Kontroversen. Gunnar Take legt mit seiner 2019 publizierten Dissertation über das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) einen Baustein zum Verständnis der Rolle von Experten in der nationalsozialistischen Diktatur vor. Erkenntnisleitend ist die Frage, inwieweit die Institutsmitarbeiter – nach Take überwiegend Männer (S. 6) – Handlungsspielräume in der Diktatur zum Widerstand nutzten. Die Antwort fällt negativ aus: nicht nur, dass es einen solchen Widerstand nicht gab, vielmehr verfolgte das Institut eine willfährige Anpassung an den Informationsbedarf der NS-Bürokratie und sanktionierte mit der zwischenzeitlichen Ausrichtung der Außenwirtschafts- und Versorgungsforschung am „völkischen Optimum“ (S. 102) auch ideologisch deren Großmachtvorstellungen. Opportunismus und Indienstnahme der Wissenschaft für die Zwecke des NS-Staates wurden nach dem Krieg nicht aufgearbeitet, sondern von wechselnden Institutsleitungen übergangen. Schon wenige Monate nach Kriegsende bereitete man Auftragsgutachten für die Landes- und Bundespolitik vor, ein weit gefächertes Netz zwischen Wissenschaft, Politik und Verwaltung besorgte die notwendigen personellen Kontinuitäten. In den 1950er Jahren sah man sich „wieder hervorragend aufgestellt“ (S. 470).

Während die Bedeutung von wirtschaftspolitischer Expertise in den vergangenen fünfzehn Jahren in zahlreichen Studien mit der Herausarbeitung einer genuinen „Expertenkultur“ für die westdeutsche Nachkriegsgeschichte beantwortet werden konnte, kritisiert Take in der Auseinandersetzung mit den wirtschaftswissenschaftlichen Instituten vor 1945 eine „geringe Qualität des bisherigen Forschungsstands“ (S. 5). Sein Erkenntnisinteresse richtet er auf einen gemeinsam geteilten Kern an Überzeugungen unter den Mitarbeitern. Damit knüpft er an wissenssoziologische Forschungen an, in denen die Bedeutung von epistemischen Gemeinschaften herausgestellt wird. Die Frage wird sodann von fünf Problemkomplexen angeleitet, in denen die Bedeutung externer Ereignisse, die Herausbildung autonomer Lehrmeinungen innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Gemeinde, die Fortentwicklung der Forschungsmethoden, der politische Einfluss durch Beratung und die handlungsleitenden Motive der Akteure während der Diktatur erörtert werden (S. 3f.).

Nach Take hat Institutsgründer Bernhard Harms mit seinem wissenschaftlichen Selbstverständnis eine Grundlage für die spätere Anpassungsbereitschaft während der Zeit des Nationalsozialismus gelegt, wenn er im Nachgang zum Werturteilsstreit den ökonomischen Sachverstand als apolitischen Beitrag zur Aufklärung deutete. Die in Kiel ausgebildeten Doktoranden, so Take, „gingen von einer völligen Verantwortungsfreiheit der Wissenschaft aus“ (S. 472). Neben Willfährigkeit erkennt der Autor in der stetig wachsenden Institutsbibliothek und dem Wirtschaftsarchiv begünstigende Standortfaktoren. Eine auf Effizienz und Anwendungsorientierung geprägte Arbeitsweise der wissenschaftlichen Mitarbeiter ermöglichte die Erstellung von Auftragsgutachten im Schnellverfahren für aufkommende Bereichsprobleme vor und während des Zweiten Weltkriegs. Hauptabnehmer dieser Gutachten waren anfänglich das Reichsernährungsministerium und Unternehmen wie die Glanzstoff-Fabriken, später auch Volkswagen und mit Beginn des Krieges dann weit überwiegend das Wehrwirtschaftsamt und private Auftraggeber wie die Reichsgruppe Industrie oder die Kontinentale Öl (S. 122f.).

Take greift auf Quellenmaterial der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) in Kiel und des IfW-Hausarchivs zurück. Ferner hat er Unterlagen aus dem Bundesarchiv, dem Landesarchiv Schleswig-Holstein, dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, zwei Stadtarchiven, dem Staatlichen Militärarchiv in Moskau und dem Rockefeller Archive konsultiert. Insgesamt wurden Materialien aus 16 Archiven und wissenschaftlichen Einrichtungen gesichtet. Neben thematischer Narration stützt sich der Autor auf eine analytische Darstellung des Quellenmaterials, wovon zahlreiche instruktive Abbildungen und Tabellen zeugen. Hervorgehoben seien die Übersicht über die wichtigsten Forschungsgruppen des Instituts zwischen 1934 und 1944 (S. 127), die organisatorische Einbindung der Ernährungsstatistischen Abteilung des IfW in die Autarkiepolitik von 1932 bis 1935 (S. 209) und die Auftragsarbeiten für militärische Stellen zwischen 1938 bis 1940 im Vorfeld des Überfalls der Wehrmacht auf Norwegen (S. 343f.). Take verbindet Chronologie und Ereignisgeschichte, was sich auf die Kapitelgliederung auswirkt und die Lektüre nicht immer erleichtert. Das Inhaltsverzeichnis ist detailliert genug, dem Leser die erforderliche Orientierung zu geben. Dennoch wäre ein Sachwortregister wünschenswert gewesen, um gezielt nachschlagen zu können. Hier wird man, wenn möglich, auf die digitale Ausgabe des Buches zurückgreifen müssen.

Die Studie ist in verschiedener Hinsicht anschlussfähig: Takes Organisationsgeschichte des IfW unterstreicht einmal mehr die lange Vorgeschichte der Verwissenschaftlichung des Sozialen quer zu politischen Herrschaftssystemen. Die Rekonstruktion des Forschungsschwerpunktes der Raumwirtschaftslehre stellt ein Bindeglied zur Geschichte des neoliberalen Denkkollektivs dar, für das der spätere IfW-Präsident und Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Herbert Giersch, maßgeblich wurde. Und schließlich dokumentiert die Arbeit intellektuelle Pfadabhängigkeiten im Zuge der erzwungenen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration (Gerhard Colm, Hans Neisser und andere), womit sie nicht nur die ökonomische Debatte nach dem Krieg verstehen hilft, sondern auch vergessene ökonomische Planungstheorien in Erinnerung ruft. Nach dem Krieg kehrte keiner der Vertriebenen nach Kiel zurück.

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