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Einzelrezension

Küntzel, Matthias: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, 272 S., Hentrich & Hentrich, Leipzig 2019.


Keywords: Review, Küntzel, Matthias, 2019

How to Cite:

Schwanitz, W., (2021) “Küntzel, Matthias: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, 272 S., Hentrich & Hentrich, Leipzig 2019.”, Neue Politische Literatur 66(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00369-9

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-07-06

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Matthias Künzel rückt den nationalsozialistischen Antisemitismus in den Fokus, der sich im islamischen Raum nach 1945 hielt. Er möchte in seinem Buch der Frage nachgehen, wie dieser durch Massenmedien und Einwanderung nach Europa zurückkehrte. Sein Buch „Nazis und der Nahe Osten“ soll einen Beitrag zu einer präzisen Definition des islamischen Antisemitismus leisten und aufzeigen, was man „derzeit über dessen Entstehungsgeschichte weiß“ (S. 15). „Er sieht im Aufruf „Islam-Judentum“ des Großmuftis Muhammad Amin al-Husaini von 1937 den Gründungstext des islamischen Antisemitismus“ (S. 63) und trennt frühen Antijudaismus vom Antisemitismus seit 1879. Andere Texte al-Husainis zeigen jedoch, dass er durch den christlichen Antijudaismus von Katholiken geprägt war, und nicht allein durch nationalsozialistisches Gedankengut.

Mit dem Kern des Aufrufs, „Muslime sollen Juden aus ihren Räumen vertreiben“, widersprach der Großmufti offen Adolf Hitler, der seit 1933 das Ha’avara-Abkommen nutzte: 10.000 deutsche Juden reisten jährlich nach Palästina, eine Stärkung durch Menschen und Technologie, die al-Husaini missfiel. Laut Autor kam der Aufruf am 18. August 1937 in Kairo auf Arabisch heraus. Allerdings findet sich dafür in Berlin, Paris oder Jerusalem keine Textquelle.

Walter Döhle berichtete al-Husainis Frage, ob Deutschland gegen die Juden und einen jüdischen Staat auftrete? Der Gesandte kannte Berlins Kurs aus Weisung Nummer 14 vom 1. Juni ein Judenstaat liege nicht im deutschen Interesse, sondern die Stärkung des Arabertums gegen den Machtzuwachs des Judentums. Offen blieb die Ha’avara-Frage, mit der Angst, ein Araber-Führer könnte diese Hilfe zur Ausreise deutscher Juden nach Palästina enthüllen und damit prodeutsche Sentiments in Arabien untergraben. Al-Husaini betonte gleiche deutsche und arabisch-muslimische Interessen. Dort übergab Said Imam, Chef des Damaszener Araber-Klubs, am 24. November ein Paktangebot mit einem Dutzend Punkten, kurz: Boykott der Juden, Terror im Kolonial- und Mandatsraum, Nazi-Ideologie in Mittelost verbreiten und, § 7, eine Heimstätte für die Juden mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Muhammad Sabri edierte jenen Aufruf 1938 auf Deutsch in „Islam-Judentum-Bolschewismus“. Er erklärte den Bolschewismus mit dem Islam unvereinbar: die jüdische Mentalität habe den Bolschewismus geschaffen. Diese sei Träger der jüdischen Mentalität, der „natürliche Feind des Islam“. Der Mittlere Osten kannte Rassismus und genozidale Angriffe gegen Minoritäten, wie Christen und Juden, auch seit 1894. Aber der Autor meint (S. 201), vor 100 Jahren sei es keinem Islam-Kleriker in den Sinn gekommen, Juden zu töten. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es im Deutschen Reich tatsächlich eine bemerkenswerte parallele Entwicklung. Hitler forderte am 16. September 1919 kompromisslos alle Juden aus Deutschland zu entfernen. Der „emotionelle Antisemitismus“ zeige sich stets durch Pogrome, daher seien legale Rechte der Juden zu beseitigen. Das Partei-Programm 1920 erhärtete exklusiven Rassismus. Nichtdeutsche Zuwanderung sei zu stoppen, deutsche Kolonien seien nötig (ab 1926 im Osten Europas). Daher verfehlt die Rede vom Nationalsozialismus als Antikolonialismus: Nazis wollten kolonialisieren.

Ex-Großwesir Mehmed Talat, Vater der „Osmanischen Balfour-Deklaration“ 1918, hegte ab 1920 die Idee zu einem Orient-Club, nachdem er sich nach Berlin abgesetzt hatte. Seither entfalteten sich dort Parallelität und Synthese von Ideologien mit Judenhass der Waffenbrüder in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und danach. Nazis bezogen oft ihre früheren Waffenbrüder mit ein, die Istanbul und Berlin im Weltkrieg zu antikolonialen Revolten anhielten.

Das Berliner Islam-Institut entstand 1927 unter dem Islamisten Muhammad Abd an-Nafi Shalabi. Ihm halfen Franz von Papen und Erich Ludendorff. Shalabi rief 1931 in „Ludendorffs Volkswarte“ auf, in Berlin und Jerusalem nicht nur das zionistische, sondern das Welt-Judentum zu boykottieren. Anlass war Londons Weißbuch. Nazis sollten Islamisten im „Joint Jihad“ helfen. So wäre es Briten unmöglich, als „Retter von Minoritäten hochkultivierte Volksmassen Arabiens zu vernichten“. Religiöser Antijudaismus und rassistischer Antisemitismus wirkten komplementär. Al-Husaini lenkte in Europa Shalabi und Shakib Arslan in der Berliner Filiale seines Islamischen Weltkongresses. Islamischer Antisemitismus, so Küntzel (S. 48), sei ein Sonderfall des Antisemitismus, der über das Lager der Islamisten hinausreiche und das religiöse Potenzial der Judenfeindschaft mobilisiere. Das gilt jedoch auch für christliche Judenfeindschaft. Wie trennt Küntzel denn islamischen vom islamistischen Antisemitismus, warum behandelt er nicht (neo-)salafistische, wahhabitische, schiitische und sunnitische Strömungen?

Taktisch entsagten Nazis dem Wort „Antisemitismus“. Als Hitlers Gast, Iraks Ex-Premier Ali al-Kailani, monierte, laut Feinden der Achsenmächte halte Deutschland Araber wie Juden für „rassisch minderwertig“, und er ihn bat, ihm dazu die Nazi-„Rassenlehre“ und „wissenschaftliche Rassenkunde“ darzulegen, schrieb ihm der Leiter des Rassepolitischen Amts, Dr. Walter Groß, am 17. Oktober 1942: Er trenne das Judentum von semitisch sprachigen Völkern im Orient. Juden seien der „Weltfeind“, „Usurpatoren Palästinas“ und „Araber“ eine „hochwertige Rasse“.

Religiöser Krieg, so Küntzel, komme in Europa seit 1648 nicht mehr vor. Doch, von den Kreuzzügen einmal abgesehen: Arabisten übersetzen Jihad treffend als „Glaubenskrieg“. Ernst Jäckh motivierte Deutsche im Krieg 1914 zum „Heiligen Krieg“. Auf dem Balkan, im Kaukasus und weithin in Europa gab es Jihad. Weil dem Autor Einsichten in islamistische Texte versperrt zu sein scheinen, überhöht er völlig die Nazi-Einflüsse im Mittleren Osten seit 1939, etwa die Effekte der Nazi-Radio-Propaganda (S. 49).

Dazu kommen faktische Ungenauigkeiten im Text, die auch aus der fehlenden Rezeption arabischer Quellen folgen: Berlin förderte den Mufti aktiv nicht erst ab 1937 (S. 58), sondern schon seit 1933. Mehr denn je sind arabische Archive offen (S. 59). Al-Husaini kam 1921 als Großmufti ins Amt, nicht als Mufti (S. 64, 138). Dem Bludan-Treffen gingen arabische Kongresse seit 1920 voran. Ob der Bludan-I-Text mit al-Husainis Aufruf identisch ist (S. 72), mag der arabische Textvergleich erweisen. War der Aufruf eine Kurzform? Falls ja, warum erwähnte ihn der Chronist al-Husaini weder in seinen Damaszener Memoiren noch in seinen Geheimtagebüchern?

Die These, erst in den 1930er Jahren sei islamischer Antisemitismus im Zwist um Palästina aufgekommen (S. 76, 201), ist unhaltbar: siehe Osmanen 1836, 1899, 1918; Deutsche 1871, 1914. Judenfeindschaft gedieh auch ohne Palästina. Al-Husaini (S. 71) hatte keinen poetischen Schreibstil und er bestimmte nicht die Rundfunkpropaganda. Misstrauische Hörer schalteten auch britische Radiosender ein. Wenige ließen sich „jahrelang etwas einhämmern“ (S. 134), zumal in so kurzen Sendezeiten. Judenhass hätte sich dort gehalten, wo Bevölkerungen im „Trommelfeuer von Zeesen“ lebten (S. 201).

Der Autor bietet keine präzise Definition des islamischen Antisemitismus oder Wissen um dessen Genese an. Er verengt alles auf den Einfluss der Nazis oder gar das späte „Echo“ ihrer Propaganda. Viel lastet der Autor al-Husaini an. Offenbar kennt er nicht dessen Netzwerke im Mittleren Osten, die dessen Politik dann selbständig weiterentwickelten. Zudem gab es Umschichtungen in anderen Religionen und Weltsichten. Als das Nazi-Personal im Mittleren Osten abnahm, kam Antisemitismus ab 1949 massiv aus dem Sowjet-Block auf. Der Autor übersieht ihn.

Fazit: Küntzels Buch bringt pointierte Anregungen zum Verhältnis von nationalsozialistischem und islamischem Antisemitismus, über die Nachzudenken lohnt. Doch gesellen sich zu diesen Punkten an einigen Stellen unsaubere Recherche und zu simple Zuspitzungen.