Wie die übrigen europäischen Staats- und Regierungschefs kämpft der französische Staatspräsident Emmanuel Macron seit Mitte März 2020 gegen die Corona-Pandemie, die auch sein Land mit voller Wucht getroffen hat. Wie seine Politik davor – seit seinem Amtsantritt im Mai 2017 bis Ende 2019 – aussah, zeigt der von Dietmar Hüser und Hans-Christian Herrmann herausgegebene Sammelband „Macrons neues Frankreich. La nouvelle France de Macron. Hintergründe, Reformansätze und deutsch-französische Perspektiven. Contextes, ébauches de réforme et perspectives franco-allemandes“. Es handelt sich dabei um Band 17 des Jahrbuchs des Frankreichzentrums der Universität des Saarlandes.
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Knapp 230 Seiten umfasst der erste Teil, der „Themenschwerpunkt“, der sich mit dem Titelthema befasst und selbst in fünf Abschnitte untergliedert ist. Am Anfang steht die Einleitung, in der sich die Herausgeber mit der Frühphase Emmanuel Macrons als Staatspräsident beschäftigen. Es folgt der Abschnitt „Geschichtspolitik, Zeitgeschichte und (Partei‑)Politik“, unter den drei Aufsätze subsumiert sind. Erstens setzt sich Rainer Hudemann mit der Erinnerungs- und Geschichtspolitik in Deutschland und Frankreich bezüglich der beiden Weltkriege auseinander. Zweitens steht in einem Aufsatz von Dietmar Hüser ein Vergleich des französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing (Amtszeit 1974–1981) mit Emmanuel Macron im Mittelpunkt. Drittens befasst sich Adolf Kimmel mit der rechtsextremistischen Partei Front National (FN, inzwischen umbenannt in Rassemblement National). Gerade mit Blick auf die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2022 ist sein Beitrag sehr aktuell, denn Kimmels Warnung aus dem Jahr 2018, es könne „nicht mehr völlig ausgeschlossen werden, dass er [der FN] in einem der größten EU-Mitgliedstaaten an die Macht kommt“ (S. 105), gilt noch immer.
Der dritte Abschnitt im ersten Teil des Buches widmet sich der Bildungs- und Stadtpolitik. Während Rolf Wittenbrocks Aufsatz das französische Bildungssystem (Schulen und Hochschulen) zum Gegenstand hat, befassen sich Jean-Marc Stébé und Florian Weber mit der Stadtpolitik in Frankreich. Der Schwerpunkt ihrer Betrachtung liegt auf den benachteiligten Vierteln an den Stadträndern. Der vierte Abschnitt des „Themenschwerpunkts“ trägt die Überschrift „Einwanderungs- und Umweltpolitik“. Zunächst geht es bei Günter Liehr um die Migrationspolitik im ersten Jahr von Macrons Amtszeit. Anschließend setzt sich Birgit Metzger mit der Geschichte der Umweltbewegung aus einer deutsch-französischen Perspektive auseinander. Der fünfte und letzte Abschnitt des ersten Buchteils – „Außen- und Europapolitik“ – enthält ebenfalls zwei Aufsätze. Zum einen geht Joachim Schild auf die Frage nach der Wiederbelebung der Europäischen Union ein, wobei er insbesondere die Rollen Frankreichs und Deutschlands betrachtet. Zum anderen behandelt Jérôme Germain die Vorschläge von Emmanuel Macron zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Bei fast allen Aufsätzen handelt es sich um die verschriftlichten Beiträge einer Vortragsreihe, die 2018 in Kooperation mit dem Stadtarchiv Saarbrücken am Frankreichzentrum der Universität des Saarlandes stattgefunden hat.
Der zweite Teil des Sammelbandes enthält zwei Berichte von Gaëlle Crenn, die im Sommersemester 2018 Gastdozentin am Frankreichzentrum war. Unter anderem geht es darin um die Frage, welche Rolle Museen bei der Schaffung einer kulturellen europäischen Identität spielen. Einen dritten Bericht hat Crenn gemeinsam mit Sandra Duhem verfasst. Die beiden Autorinnen beschäftigen sich darin mit der Sammlung moderner Kunst des Saarlandmuseums in Saarbrücken. Der dritte und letzte Teil des Sammelbandes beinhaltet zwölf Rezensionen über deutsch- und französischsprachige Bücher, die sich mit unterschiedlichen Themen beschäftigen, darunter das Laizitätsprinzip in Frankreich. Im Folgenden wird aus Platzgründen ausschließlich der erste Buchteil berücksichtigt.
Der Sammelband ist sehr zu begrüßen, da eine ähnlich umfassende und vielfältige wissenschaftliche Darstellung der ersten dreißig Amtsmonate von Emmanuel Macron bisher weder in deutscher, noch in französischer Sprache vorliegt. Sonst gibt es lediglich Analysen von einzelnen Teilen seiner Politik beziehungsweise seiner politischen Verortung. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang zum Beispiel Daniela Kallinichs Anfang 2021 erschienene Studie „Zwischen Polarisierung und Moderation. Frankreichs Präsident Macron und sein Dritter Weg auf dem Prüfstand“, die aber ebenfalls sehr lesenswert ist. Auch die in vielen Beiträgen des Sammelbandes vorgenommene vergleichende Perspektive zwischen Deutschland und Frankreich stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar. Kurzum: Das hier besprochene Buch schließt eine Forschungslücke.
Insgesamt vereinigt der Sammelband qualitativ hochwertige Texte, die zudem gut lesbar sind. Wer sich über die meist tiefschürfenden Analysen hinaus noch informieren möchte, findet bei fast jedem Aufsatz ein sehr umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis. Der Sammelband wird so beinahe zu einem Nachschlagewerk. Darüber hinaus ist positiv hervorzuheben, dass mehrere Autor_innen Abbildungen und Grafiken zur Illustration verwenden.
Schade ist allerdings, dass sich der Sammelband in erster Linie an Leser_innen richtet, die nicht nur die deutsche, sondern auch die französische Sprache beherrschen. Denn französische Zitate werden durchgehend nicht übersetzt; auch zentrale Begrifflichkeiten werden meist nicht erklärt. So trägt zum Beispiel Joachim Schilds Aufsatz den Titel: „Frankreich, Deutschland und die schwierige europäische relance“. Das Wort relance greift er im Folgenden immer wieder auf, jedoch stets ohne Übersetzung oder Erläuterung (Relance kann hier in etwa mit Neustart übersetzt werden). Leser_innen, die die französische Sprache nicht beherrschen, können nur erahnen, was gemeint ist, oder sie müssen die deutsche Übersetzung nachschlagen. Überdies sind zwei Beiträge des ersten Buchteils auf Französisch verfasst, ebenso alle drei Texte des zweiten Teils. Ihnen stehen lediglich kurze inhaltliche Zusammenfassungen auf Deutsch voran. Auch vier Buchbesprechungen sind auf Französisch geschrieben. Dies macht es leider unmöglich, die Beiträge als Seminartexte mit deutschen Studierenden der Sozialwissenschaften zu behandeln – Französisch beherrschen die wenigsten.