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Einzelrezension

Rohkrämer, Thomas: Martin Heidegger. Eine politische Biographie, 297 S., Schöningh, Paderborn 2020.


Keywords: Review, Rohrkrämer, Thomas, 2020

How to Cite:

Hölscher, L., (2021) “Rohkrämer, Thomas: Martin Heidegger. Eine politische Biographie, 297 S., Schöningh, Paderborn 2020.”, Neue Politische Literatur 66(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00363-1

Rights:

© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-04-27

Peer Reviewed

Dies Buch zu lesen ist nicht nur belehrend, sondern auch ein intellektuelles Vergnügen. Selten spricht ein Historiker so informiert wie hier, im selben Atemzug einleuchtend und klar, über die historischen Umstände und über die sachliche Angemessenheit seines Gegenstands. Und dies bei einem Thema, das so komplex und schwierig ist wie Martin Heideggers Philosophie und politische Wirksamkeit. Worum es Thomas Rohkrämer geht, ist nicht weniger als die alte Frage neu zu beantworten, wie Heideggers Seins-Philosophie und seine politische Haltung zusammenhängen. Und er tut dies in erstaunlicher Abgewogenheit von historischer Bewertung und philosophischer Erörterung. Die philosophischen Erörterungen Heideggers, deren Gehalt durch seine eigenwillige Sprache oft ebenso erschwert wie erleuchtet wird, werden hier nicht in ihrer metaphysischen Abgehobenheit von der historischen Realität vorgestellt, doch auch nicht platt auf ihre politische und historische Funktion eingeebnet. Sie behalten ihr Eigengewicht und laden doch zu kritischen Nachfragen ein, die wiederum in engem Bezug zu ihrer historischen Wirkung stehen.

Den Gang von Rohkrämers Darstellung wiederzugeben ist hier weder möglich noch nötig. Vom charismatischen Lehrer, der den enttäuschten und suchenden Studenten nach dem Ersten Weltkrieg einen neuen Weg zeigte, über die bestehende Wirklichkeit, das ‚Dasein‘ nachzudenken, über den Universitätsrektor, der 1933 hoffte, mit seiner Philosophie und politischen Tatkraft den neuen Machthabern einen philosophisch beglaubigten Weg aus der destruktiven Kraft der nihilistischen Moderne weisen zu können, bis hin zum Kulturkritiker des „technischen Zeitalters“ nach 1945, der sich auch in seiner religiös anmutenden Orientierung an den „großen“ deutschen Dichtern und Denkern Hölderlin und Nietzsche niemals von seinem nationalsozialistischen Bekenntnis löste, zieht sich ein Bildungsweg, der eine Vielzahl zeitgenössischer Themen und Anliegen aufsog und in diesem Sinne bis in die 1960er Jahre als signifikant für das deutsche 20. Jahrhundert gelten kann.

Rohkrämers Rekonstruktion dieses Lebensweges ist einfühlsam und kritisch zugleich: Er folgt den gedanklichen und sprachlichen Spuren des Heidegger’schen Weltaufrisses, stellt dann aber auch immer wieder kritische Fragen, die dieses Gedankengebäude aufbrechen und damit überhaupt erst zur Diskussion stellen. So kommt er zu eindeutigen, aber differenzierten Beurteilungen: Eingebunden in die kulturellen Bedingungen seiner Zeit bezog Heidegger in der Regel eine Außenseiterposition, die aber ins Zentrum treffen sollte: so als Provinzler im nationalen Aufbruch nach dem Ersten Weltkrieg, als Katholik, der sich mit der Kirche anlegt, als Akademiker, der den Wirkungskreis der Universität überschreitet, und als moderner Kritiker der Moderne.

Kein Zweifel, dass Heidegger sich aktiv für den Nationalsozialismus engagierte und auch nach der Niederlegung seines Rektorats 1934 wesentliche Parameter der nationalsozialistischen Weltanschauung beibehielt. Und dies selbst über 1945 hinaus, als er sich, von Berufsverbot und Ausgrenzung bedroht, als Opfer der alliierten Entnazifizierungskampagne ohne eigene Schuld empfand und stilisierte; ja, letztlich bis zu seinem Tod in den 1960er Jahren. Doch beharrt Rohkrämer darauf, dass diese Philosophie nicht zwangsläufig auf den Nationalsozialismus hinauslief. Seine Daseinsanalyse sei auch anders zu verstehen gewesen. Das ist zwar plausibel, angesichts der über den Nationalsozialismus hinausreichenden Wirkung von Heideggers Werk. Aber es widerspricht dem Selbstverständnis Heideggers, der die nationalsozialistische Umsetzung durchaus als entscheidenden Test für die Richtigkeit seiner Philosophie betrachtete.

Ein Meisterstück findet Rohkrämers erörternde Darstellung in der Analyse seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche und Hölderlin in den späten 1930er Jahren: Im Kunstwerk konnte Heidegger ein „Seinsgeschehen“ in der Moderne freilegen, das, ohne sich mit den verfehlten und brutalen Seiten der nationalsozialistischen Herrschaft aufzuhalten, doch in wesentlichen Zügen deren anti-pluralistischen, nationalistischen und antisemitischen Grundparametern folgte. Völlig zurecht wendet Rohkrämer dann jedoch zum Beispiel gegen Heideggers heroische Deutung von van Goghs „Schuhen“ und eines antiken griechischen Tempels ein, dass diese Deutungen keineswegs alternativlos aus den Kunstwerken selbst entspringen, sondern sich einer Sehnsucht nach einer heroischen Wirklichkeitserfahrung verdanken. Solche kritischen Reflexionen finden sich selten in historischen Werken und sollen deshalb an dieser Stelle exemplarisch als besonderes Verdienst hervorgehoben werden.

Doch lädt Rohkrämers Buch gerade aufgrund solcher Stärken auch zu kritischen Anfragen ein: So fragt sich letztlich vor allem, ob seine zentrale These tatsächlich zutrifft, dass Heideggers philosophische Grundbegriffe, vor allem ‚Sein‘ und ‚Dasein‘, so allgemein waren, dass sie politisch ganz unterschiedlich besetzbar waren (S. 240). Dagegen lässt sich einwenden, dass sein „Jargon der Eigentlichkeit“ (Theodor W. Adorno) ein Wahrheitsversprechen enthielt, das er nicht einhalten konnte: ‚Dasein‘ zum Beispiel ist zunächst einmal jedes Dasein, unabhängig davon, ob es ein besonderes Lebensgefühl freigibt oder nicht. Ihre philosophische Bedeutung gewinnt diese Kategorie bei Heidegger aber nur dadurch, dass sie heroisch-existenziell aufgeladen wird, so wie es die Nationalsozialisten taten. Das unheroische ‚Dasein‘ interessierte Heidegger nicht, denn ihm ließ sich nicht jene Intensität des ‚eigentlichen‘ Lebens abgewinnen, auf die es dem Philosophen ankam. Erst das heroische Dasein überstieg die Banalität des So-Seins, wie es nun einmal schlecht und recht gerade war.

So blieben Heideggers zentrale Begriffe meines Erachtens letztlich pathetische Leerformeln, die dazu dienten, den philosophisch Suchenden der Sinnhaftigkeit seiner eigenen Existenz zu versichern und dem Zeitalter einen letztlich unzuverlässigen Wegweiser in die Zukunft zu geben. Deshalb ist es wohl nicht damit getan, die philosophischen Begriffe Heideggers für politisch unterschiedlich besetzbar zu erklären. Vielmehr wohnte ihnen offenbar tatsächlich eine normative Grundtendenz inne, die sie prädestinierte, im Sinne ihrer nationalsozialistischen Besetzung zu wirken.

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