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Einzelrezension

De Grazia, Victoria: The Perfect Fascist. A Story of Love, Power, and Morality in Mussolini’s Italy, 528 S., Harvard University Press, Cambridge, MA/London 2020.


Keywords: Review, De Grazia, Victoria, 2020

How to Cite:

Schieder, W., (2021) “De Grazia, Victoria: The Perfect Fascist. A Story of Love, Power, and Morality in Mussolini’s Italy, 528 S., Harvard University Press, Cambridge, MA/London 2020.”, Neue Politische Literatur 66(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00360-4

Rights:

© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-04-27

Peer Reviewed

Die bekannte amerikanische Historikerin, der wir schon einige wichtige Standardwerke zum italienischen Faschismus verdanken, hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben. Auf den ersten Blick scheint es sich um eine Biografie Attilio Teruzzis zu handeln, der von 1921 bis 1943 in wechselnden Funktionen zum inneren Machtzirkel Benito Mussolinis gehörte. Obwohl er zeitweise Generalstabschef der faschistischen Miliz und schließlich sogar einige Jahre Minister für das Italienische Afrika war, gehörte er jedoch eher in die zweite Reihe der faschistischen Führungselite. Victoria De Grazia will denn auch die Sozialgeschichte eines „perfekten Faschisten“ (S. 5) schreiben, Teruzzis Biografie also als exemplarisch für faschistische Führungsfiguren verstehen. Aber auch das schränkt sie nochmals ein, indem sie eigentlich weniger seine politischen Verhaltensweisen und Aktivitäten interessieren als vielmehr die Beziehungs- und Ehegeschichte Teruzzis mit der amerikanischen Sängerin Lilliana Weinman. Das Buch gewinnt dadurch einen geradezu romanhaften Charakter. Die politische Geschichte des Faschismus wird von De Grazia deshalb keineswegs vergessen, sondern im Gegenteil sehr präzise erzählt, aber sie bildet den Hintergrund ihrer Darstellung. Als versierte Historikerin lässt De Grazia erkennen, dass sie sich in der Geschichte des italienischen Faschismus hervorragend auskennt. Die leidenschaftliche Emotionsgeschichte Teruzzis und Weinmans wird nicht für sich erzählt, sondern meisterhaft in diese eingebettet.

Ausdrücklich verwahrt sie sich jedoch gegen jede Form einer analytischen Geschichtsschreibung. Zwischen der historischen Realität des Faschismus und der emotionalen Lebenswelt der beiden Protagonisten erkennt sie keinen notwendigen Zusammenhang. Gegen einen „Zwang zur Kausalität“ (S. 424) setzt sie ihre Methode einer offenen, pragmatischen Beschreibung. Teruzzi wird einerseits als Mann der Gewalt, andererseits als Kämpfer für ‚law and order‘ vorgestellt. Wie De Grazia formuliert, habe er in seiner Heimatstadt Mailand schon vor dem ‚Marsch auf Rom‘ versucht, faschistische Gewalt „intelligent“ auszuüben (S. 70).

Sein Privatleben mit Lilliana Weinman spielte sich vor diesem Hintergrund ab, wurde aber nicht direkt durch diesen bedingt. Als ehemaliger Offizier verstand es Teruzzi vielmehr, sich als ‚Gentleman‘ alter Schule zu präsentieren. Dazu gehörte auch, dass er das Einverständnis des Brautvaters, eines vermögenden amerikanischen Geschäftsmanns, erbat, als er sich zur Heirat mit Lilliana Weinman entschloss. Weniger passte dazu nur, dass Mussolini seiner Eheschließung mit einer reichlich zynischen Bemerkung zustimmte: „Ich bin glücklich, dass Du eine Amerikanerin heiratetest. Englische Frauen sind hässlich, französische Frauen sind pervers, spanische Frauen bringen uns wenig Glück, aber wir kommen aus mit Amerikanerinnen“ (S. 126).

Ausführlich beschreibt De Grazia die langwierige Werbung Teruzzis um die „Eisprinzessin“ (S. 115–127). Diese fand mehr oder weniger öffentlich statt, da Teruzzi fast gleichzeitig zum Staatssekretär im Innenministerium ernannt worden war. Als Opernsängerin war Weinman ohnehin eine öffentliche Figur, eine ‚Diva‘. Die Hochzeit wurde geradezu als eine Staatsaffäre aufgezogen, beinahe so wie später die von Edda Mussolini mit Galeazzo Ciano. Aber die Ehe hielt nicht lang, und das führt zum dramatischen Höhepunkt des Buches. Die Frischverheirateten gingen Ende 1926 in die italienische Kolonie Cyrenaika, in der Teruzzi zum Gouverneur ernannt worden war. Lilliana Weinman hielt es hier jedoch nicht lange aus und war immer häufiger abwesend. Als Teruzzi im Februar 1929 zum Generalstabschef der faschistischen Miliz ernannt wurde, beendete er plötzlich mit einem bizarren Brief an seine Frau die gemeinsame Ehe. Da eine förmliche Scheidung aufgrund der Lateranverträge mit dem Vatikan nicht möglich war, reichte er bei der päpstlichen Sacra Rota einen Antrag auf ihre Annullierung ein. Zur Begründung des Antrages wurden die üblichen unappetitlichen Gründe angeführt und Lilliana als eine „unmoralische Frau“ bezeichnet (S. 239). Was dem Prozess jedoch seinen besonders üblen Beigeschmack gab, war die Tatsache, dass ihr ihre jüdische Herkunft beinahe zum Verhängnis werden sollte.

Während ihr durchaus säkulares Judentum von der katholischen Kirche bei der Eheschließung noch elegant umgangen worden war, wurde es jetzt massiv aufgebauscht und gegen sie verwendet. Lilliana Weinman geriet in die in den dreißiger Jahren im italienischen Faschismus die Oberhand gewinnende antisemitische Stimmung hinein, die von radikalen Antisemiten wie Giovanni Preziosi befeuert und von Mussolini schließlich aufgegriffen wurde. Der zwar geheime, aber nicht unbekannt bleibende Prozess gegen Lilliana Weinman scheint eine Art antisemitischer Musterprozess gewesen zu sein. Wie De Grazia zeigen kann, wusste diese sich jedoch gegen diesen „Hokuspokus“ zu wehren (S. 239). Sie schaffte es, sogar ein Gespräch mit dem ihr gewogenen Jesuitenpater Tacchi Venturi führen zu können, der für Papst Pius XI. die Konkordatsverhandlungen geführt hatte. Am Ende wurde der Antrag von Teruzzi auf Annullierung der Ehe abgewiesen. Die antisemitischen Verleumdungen gegen sie hatten sich nicht ausgezahlt.

Das unkonventionelle Buch einer bedeutenden Historikerin führt am Ende, auch wenn es einen glücklichen Ausgang markieren kann, so mitten hinein in die antisemitische Verfolgungsgeschichte Europas im 20. Jahrhundert, an der auch der italienische Faschismus beteiligt war. Es würde lohnen, es ins Deutsche zu übersetzen.