Nun also auch der BDI! Nachdem viele deutsche Großunternehmen ihre Geschichte, insbesondere ihre Geschichte während des „Dritten Reichs“, Ende der 1990er und zu Beginn der 2000er Jahre haben durchleuchten lassen und bald danach Bundesministerien und Behörden folgten, zieht nun auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nach. Auf den ersten Blick scheint das reichlich spät zu sein, zumal der Bundesverband deutscher Banken schon vor 20 Jahren eine Studie in Auftrag gegeben hatte. Es mag zwar sein, dass es damals im BDI größere Bedenken gegen eine vergleichbare Studie gegeben hat. Denn die DDR-Propaganda, die in den 1960er und 1970er Jahren, zur Delegitimation des politischen Systems Westdeutschlands, die Großindustrie – etwas vereinfachend gesagt – als Strippenzieher hinter der NSDAP-Führung diffamiert hatte, war im Westen durchaus auf Resonanz gestoßen. Aber das war vermutlich nicht entscheidend, denn schon vor 20 Jahren vertrat kein ernstzunehmender Historiker mehr diese Position. Es stellt sich deshalb eher die Frage, ob ein solches Buch überhaupt noch nötig war. Denn die Überlieferung zu den Vorgängern des BDI, dem RDI und der Reichsgruppe Industrie, ist schon seit längerem bekannt und ausgewertet worden. Und da der BDI für diese Zeit über keine unerschlossenen Aktenbestände verfügt, ist für die Fachwissenschaft nicht viel Neues zu erwarten gewesen. Trotzdem war der Auftrag an zwei der profiliertesten Unternehmenshistoriker für die NS-Zeit und die „alte“ Bundesrepublik richtig. Denn erstens zielt dieses Buch zwar auch, aber nicht nur auf die Fachwissenschaft, sondern ebenfalls in das Innere des BDI. Viele Unternehmer sind durchaus historisch interessiert, insbesondere wenn sie im Ruhestand sind, verfolgen aber deswegen keine unternehmenshistorischen Fachdebatten. Zweitens ist zwar die Verbandsgeschichte der Weimarer Zeit und des „Dritten Reichs“ weitgehend bekannt, zumal zahlreiche Biographien von Unternehmern vorliegen (Hugo Stinnes, Paul Silverberg, Carl Duisberg, Paul Reusch, Fritz Thyssen), die in einer Verbandsgeschichte dieser Zeit und damit auch in diesem Werk eine prominente Rolle spielen. Aber die BDI-Geschichte der „alten“ Bundesrepublik ist bisher kaum erforscht und für diese Zeit besitzt der BDI auch Aktenbestände, die hier zum ersten Mal systematisch ausgewertet wurden. Insofern war es auch richtig, keine NS-Geschichte in Auftrag zu geben, sondern einen weiteren Bogen von der Weimarer Republik und der NS-Zeit über den Kalten Krieg bis zum Fall der Mauer zu spannen.
Das aus meiner Sicht wichtigste Ergebnis zum 1919 gegründeten und 1933 aufgelösten Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) ist wohl, dass der Verband viel schwächer war, als er vielen Zeitgenossen, aber vor allem vielen (Politik‑)Historikern nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen ist. Er war viel zu fragmentiert, um eine Regierung vor sich hertreiben zu können oder gar um ein diktatorisches Regime in den Sattel zu hieven. Und diese Fragmentierung ging viel tiefer als es die alte „Lagertheorie“ eines reaktionären, schwerindustriell geprägten Flügels und eines weltmarktorientierten Flügels der „neuen Industrien“ suggeriert. Schwach war der Verband aber auch deshalb, weil die Führung in der Regel wenig durchsetzungsfähig gewesen ist. Denn gerade die Fragmentierung erforderte nach innen integrativ wirkende Persönlichkeiten an der Spitze, die deshalb nicht allzu forsch nach außen auftreten wollten oder konnten. Selbst eine Person wie Carl Duisberg, die vielleicht beides gekonnt hätte, hatte gar nicht die Zeit und überließ einen Großteil der Verbandsarbeit der Verbandsgeschäftsführung. Personen, die selbst nach den Maßstäben eines Unternehmers dieser Zeit autoritär auftraten, wie Hugo Stinnes oder Paul Reusch, waren als Verbandsvorsitzende nicht geeignet, weil sie den RDI womöglich nicht hätten zusammenhalten können.
Der RDI-Vorsitzende Gustav Krupp opferte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten widerspruchslos jüdische und den neuen Machthabern politisch missliebige Mitarbeiter und Präsidiumsmitglieder, während seine „rhetorischen Bücklinge vor Hitler immer tiefer“ (S. 129) wurden. Aber er oder seine Nachfolger waren in keiner Weise in der Position, die NS-Autarkie- und Expansionspolitik maßgeblich beeinflussen zu können. Gleichwohl war die Reichsgruppe Industrie, in die der RDI überführt wurde, „ein wichtiges Rad im Getriebe der NS-Wirtschaft“ (S. 146), wie Johannes Bähr resümiert.
Von einer schwachen Führung kann nach der Gründung des BDI 1949 keine Rede sein. In der Zeit zwischen der Auflösung der Reichsgruppe und der Wiedergründung eines Spitzenverbandes der deutschen Industrie hatte sich der mittelständische Unternehmer Fritz Berg geschickt in den Vordergrund gespielt und sollte den Verband mehr als 20 Jahre lang führen. Sein Führungsstil passte perfekt zur Kanzlerdemokratie der Adenauerjahre, während denen Berg einen direkten, persönlichen Zugang zum Kanzler besaß. Sein Einfluss sollte aber trotzdem nicht zu hoch eingeschätzt werden. So musste er in seiner maßlosen Selbstüberschätzung einige schwere Niederlagen einstecken (Kartellrecht, Rentenreform, D‑Mark-Aufwertung), die ihn fast den Vorsitz kosteten. Diese Niederlagen zeigten dem BDI zwar die Grenzen seines Einflusses auf, aber wirklich geschadet haben sie dem Verband kaum. Eine Niederlage, verbunden mit einem Kommunikationsdesaster, brockte dem BDI dann Bergs Nachfolger Hans-Günther Sohl ein, als er (als Privatperson, aber mit Rückendeckung der Verbandsspitze) Ende 1971 eine Anzeige in vier überregionalen Tageszeitungen initiierte, die unverhohlen Partei für die christdemokratische Opposition gegen die sozialdemokratisch geführte Bundesregierung nahm. Das wenige Monate später gegen die Regierung Brandt im Bundestag gestellte Misstrauensvotum scheiterte zwar, aber die versuchte Einflussnahme ging in den Augen vieler Bürger zu weit. Der Schaden wäre wahrscheinlich noch viel größer gewesen, wenn die Öffentlichkeit damals schon über die Tätigkeit der Staatsbürgerlichen Vereinigung als „steuersparende Spendenwaschanlage für CDU und FDP“ (S. 240) informiert gewesen wäre. Organisatorisch gab es zwar keine Verbindung des BDI zu diesem gemeinnützigen Verein. Aber dessen Vorsitzender war von 1959 bis zu seinem Tod 1979 Fritz Berg, während der langjährige Hauptgeschäftsführer des BDI, Gustav Stein, den stellvertretenden Vorsitz innehatte. Inwieweit die wenige Jahre später ebenfalls öffentlichkeitswirksam geführte Kampagne gegen den Entwurf eines neuen Mitbestimmungsgesetzes erfolgreich war, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Denn es war die Regierungspartei FDP, die für eine Entschärfung des Entwurfs während des Gesetzgebungsverfahrens sorgte, und die wusste auch so, was sie ihrer Wählerschaft schuldig war. Der Einflüsterung der Unternehmerverbände hätte sie nicht bedurft.
Nein, so wie die Regierung Brandt keinen „Gewerkschaftsstaat“ geschaffen hatte, war auch der Einfluss der Spitzenverbände der deutschen Industrie während der Weimarer Republik und der Kanzlerschaften von Adenauer und Kohl eher bescheiden und als Strippenzieher hinter der NS-Herrschaft stand die Industrie ebenso wenig wie sie in dieser Zeit eine „Wirtschaft unter Zwang“ (S. 246) gewesen war. Das belegen Johannes Bähr und Christopher Kopper sehr überzeugend. Wenn man nach demokratisch nicht legitimierter, aber wirksamer Einflussnahme auf Regierung oder Parlament sucht, sollte man nicht glauben, bei den Spitzenverbänden der Industrie fündig zu werden. Vielleicht wären da manche Branchenverbände schon eher die richtige Adresse.