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Einzelrezension

Muschalek, Marie: Violence as Usual. Policing and the Colonial State in German Southwest Africa, 270 S., Cornell UP, Ithaca/NY 2019.


Keywords: Review, Muschalek, Marie, 2019

How to Cite:

Hölzl, R., (2021) “Muschalek, Marie: Violence as Usual. Policing and the Colonial State in German Southwest Africa, 270 S., Cornell UP, Ithaca/NY 2019.”, Neue Politische Literatur 66(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00358-y

Rights:

© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-04-15

Peer Reviewed

Nach Eroberungen und Kolonialkriegen wurde in Deutschland immer wieder gefordert, die Herrschaft der Militärs in geordnete Zivilverwaltungen zu überführen. Dahinter stand die Utopie, eine zivile Kolonialregierung würde die selbstauferlegte Kulturmission des Deutschen Reichs verwirklichen können. Sie wurde nicht nur von konservativen, liberalen und katholischen Politikern geteilt, sondern auch von manchem Sozialdemokraten. Die massive Gewalt von Eroberungs- und Vernichtungskriegen bis hin zum Genozid nahm man in der kolonialen Metropole als Exzess wahr, der einzuhegen sei, und das koloniale Projekt als Ganzes nicht charakterisierte. Marie Muschalek untersucht die soziale Wirklichkeit, die sich jenseits, abseits und quer zu solchen Illusionen etablierte. „Violence as usual“, Gewalt im Alltag lautet der Titel ihres Buches und gemeint ist die alltägliche Implementation des kolonialstaatlichen Anspruchs auf ein Gewaltmonopol. Dieser Anspruch wurde kaum je Realität, weder außerhalb der engen „Herrschaftsinseln“ in den Kolonien um den Äquator noch in der einzigen deutschen „Siedlerkolonie“, Südwestafrika. Das ist in der jüngeren Forschung herausgestellt worden. Oft erscheinen hier Kolonien als Failed States, in denen Recht und Ordnung nicht durchgesetzt werden konnten. Muschalek kehrt die Fragerichtung um und denkt Herrschaft und die damit verbundene Ausübung von Gewalt „von unten“ her. Sie richtet die analytische Linse auf die Vertreter des Kolonialstaats vor Ort, die afrikanischen und europäischen Mitglieder der ab 1905 eingerichteten Kaiserlichen Landespolizei in der deutschen Kolonie Südwestafrika. Hier lässt sich die Entstehung eines kolonialen Rechts- und Ordnungssystems beobachten, hier zeigt es sich in seiner eigensinnigen und gleichsam zusammengeschusterten Qualität. Die Autorin überträgt die theoretischen Grundlagen der Alltagsgeschichte, vor allem im Verständnis von Alf Lüdtke und Michel de Certeau, auf das koloniale Feld. Das Ziel ist kein kleines. Sie möchte nicht zuletzt zwei widersprechende Bilder kolonialer Staatlichkeit hinterfragen, das eines übermächtigen Herrschaftsapparats und das eines dysfunktionalen Failed States. Gewalt als alltägliche Praxis von Herrschaft ist der analytische rote Faden, mit dem Muschalek diese Kolonialgeschichte „von unten“ gekonnt und kompakt zusammenbindet. Der räumliche und zeitliche Fokus ist eng gesteckt. Muschalek schreibt keine Verflechtungsgeschichte, sondern situiert ihre Untersuchung in der Kolonie und endet vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Das gut 200 Seiten umfassende Werk ist in fünf handliche Kapitel gegliedert, die sich individuell gut in der akademischen Lehre einsetzen lassen.

Muschalek beginnt mit den zwei Seiten des kolonialen Polizeiberufs, der quasi-militärischen und der administrativen. Zumeist waren die europäischen Polizisten (wie auch im Deutschen Reich selbst) zuvor Soldaten gewesen, so dass militärische Gewaltpraktiken und die damit verbundenen Ehrenkodexe in die Polizeiarbeit übernommen wurden. Mit Nachdruck führt Muschalek die Ähnlichkeiten zwischen afrikanischen und europäischen Polizisten aus. Denn auch jene überführten kriegerischen Vorerfahrungen und lokale militärische Tradition in die Polizeitruppe. Dadurch gelang es beiden Gruppen im Polizeidienst nicht nur eine gemeinsame Arbeitsebene zu finden. Sie teilten einen Ehren- und Verhaltenskodex, Männlichkeitsideale und die Angst, den neuerworbenen sozialen Status zu verlieren. Diese Parallelisierung ist gewinnbringend, unterläuft sie doch prima facie Eindrücke und erklärt hervorragend, wie sich eine wirkmächtige, koloniale Herrschaftskultur von unten ausbilden konnte. Zugleich hätte man sich eine schärfere Konturierung des internen rassistischen boundary making gewünscht, das den kolonialen Polizeidienst gleichzeitig auch charakterisierte. Überzeugend argumentiert Muschalek, dass das militärische und das bürokratische Element des koloniale Polizeiberufs durch den Begriff der „Ehre“ zusammengehalten wurden: „[I]n order for policemen’s violence to be honorable, it had to bureaucratically correct“ (S. 44). Was eine solche ehrenvolle, bürokratisch korrekte Gewaltanwendung ausmachte, war Objekt der Aushandlung zwischen den oft nur rudimentär für den Verwaltungsdienst ausgebildeten Polizisten und den vorgesetzten Behördenvertretern, die die kargen Vorgaben aus Berlin ausbuchstabieren sollten. So formierte sich unmittelbar nach dem Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama die Institution Polizei und mit ihr eine Art kolonialer Staatlichkeit. In drei Kapiteln untersucht Muschalek die Arbeitsebene der kolonialen Polizeitruppe in Südwestafrika. Eines davon greift den Trend zu Objektgeschichte auf und widmet sich den Instrumenten polizeilicher Gewaltanwendung, den Peitschen, den Hand‑, Fuß- und Halseisen sowie den Schusswaffen. Diese Werkzeuge der Polizeiarbeit dienten als Distinktionsmittel innerhalb der Truppe und gegenüber der Bevölkerung. Ihr „normgerechter“ Gebrauch schied rohe, exzessive Gewalt von legitimer und autorisierter Staatsgewalt. Ein weiteres Kapitel fokussiert die Routinen von Polizeiarbeit, denen Muschalek bis in ihre Langeweilen, ihre kleinen Scharmützel und Ausflüchte auf den Farmen und das Fabrizieren von Gerüchten hinein folgt. Auf einsamen Patrouillenritten, während derer sich oft auf Dutzend Kilometern weder Menschen zeigten, noch ein Dienstgeschäft abwickeln ließ, passierte nicht viel. Und doch durchmaßen die Polizisten hier das Territorium des Kolonialstaats, errichteten die Grenzen ihrer Reviere, eruierten deren soziale Ordnung, testeten den eigenen Handlungs- und Gewaltspielraum.

Welche Tiefenwirkung eine solchermaßen fabrizierte Institution und ihre Akteure entfalten konnten, zeigt die Autorin im letzten Kapitel. Sie nimmt sich ein ebenso zentrales wie auf den ersten Blick ungewöhnliches Feld von Polizeiarbeit vor: den Arbeitsmarkt. Die Polizei avancierte nach dem Herero- und Nama-Krieg zur Schlüsselinstanz im Wirtschaftsbetrieb der Kolonie zwischen afrikanischer Bevölkerung, Siedlern und kolonialer Verwaltung und Justiz. Sie beschaffte die afrikanischen Arbeitskräfte und verteilte sie auf die Farmen und Betriebe. Dabei zerstörte sie ganze Siedlungen und zwang die vom Krieg versprengten Bevölkerungsgruppen in die abhängige Lohnarbeit. Nicht nur die Reste der Herero- und Nama-Gesellschaften, sondern auch die häufig wandernden San standen hier im rassistisch trainierten Blickfeld der Polizisten. Sie führten entlaufene Arbeiter wieder ihren Arbeitgebern zu, versuchten die obligatorischen Arbeitsverträge sowie das monetäre Lohnsystem durchzusetzen und überwachten die Arbeitsbedingungen. So gerierten sie sich als legitimierte und erfahrene Anwender von physischer Gewalt. Auf eine für den modernen Kolonialismus paradigmatische Weise vermengten sich so Rassismus, vermeintlich humanitäre Ziele kolonialer Politik und kapitalistische Impulse.

Das Kapitel zur Polizierung des Arbeitsmarktes ist das Glanzstück eines gelungenen und kompakten Buches, das dem eigenen Anspruch – nämlich die Fabrikation kolonialer Staatlichkeit von unten aufzuzeigen – vollauf gerecht wird. „Violence as Usual“ ist ein wertvolles Kapitel der Geschichtsschreibung des Kolonialismus, weil es erklärt, wie das zusammengeschusterte und wackelige Gebäude kolonialer Staatlichkeit langfristige und grundlegende Wirkung entfalten konnte.

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