Schon wieder eine Hitlerbiographie, und wieder über tausend Seiten. Ist das Leben dieses schrecklichen Menschen denn nicht endlich ausgeforscht, wie man heute so zu sagen pflegt? Die Antwort ist eindeutig: nein, und so wird es auch noch lange bleiben. Zwar finden sich immer weniger neue, bisher unbekannte Quellen, die über Details von Adolf Hitlers Leben Auskunft geben. Es werden jedoch immer wieder neue Fragen zu seiner Biographie gestellt, und zwar aus zwei Gründen.
Zum einen handelt es sich in der Tat um einen Menschen, in dem sich die Geschichte eines Jahrhunderts verdichtet, wie Joachim Fest, einer seiner ersten großen Biographen, formuliert hat. Über Hitler glaubt man daher immer wieder, nicht nur eine Person, sondern auch ein ‚Zeitalter der Extreme‘ (Eric Hobsbawm) verstehen zu können. Zum anderen aber wird Hitlers Biographie immer unbegreiflicher, je länger sie zurückliegt und je weniger Menschen ihn noch als Zeitgenossen erlebt haben. Zu erwarten ist deshalb, dass nicht allmählich weniger als vielmehr eher mehr wissenschaftliche, aber auch populäre Biographien nach Erklärungen für Hitlers Weg suchen werden.
Die Hitlerbiographie des an der Universität Cambridge lehrenden Historikers Brendan Simms kommt deshalb nicht etwa zu spät, sie fügt sich vielmehr in den allgemeinen Trend. Simms Darstellung der Lebensgeschichte Hitlers beruht nicht auf von ihm neuerschlossenen Quellen, schon gar nicht auf irgendwelchen sensationellen Archivfunden. Im Grunde hat Simms nur einige wenige neue biographische Quellen zu Hitlers Biographie im Bayerischen Kriegsarchiv in München entdeckt, die vorgeblich seine „prägende Begegnung mit US-Soldaten und über die Kämpfe seines Regiments mit den neuen Feinden“ im Ersten Weltkrieg wiedergeben (S. 22). Umso mehr legt er Wert auf seinen interpretatorischen Neuansatz. Mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein erklärt er in seiner Einleitung, dass er „mit vielen verbreiteten Ansichten über Hitler“ brechen werde (S. 16). Vieles werde dem Spezialisten zwar bekannt sein, „einige der Hauptstränge der Argumentation“ seien jedoch nach seiner Ansicht „völlig neu“ (S. 24). Er macht sich zwar klein gegenüber den zuletzt erschienenen Biographien von Ian Kershaw, Peter Longerich, Wolfram Pyta und Volker Ullrich, mit denen er sich nicht messen könne.1 Sein Buch sei „offensichtlich nicht das erste bedeutende [sic!] Werk über seinen Gegenstand, noch wird es das letzte Wort sein“ (S. 15).
Ohne jede Zurückhaltung stellt er jedoch fest, dass auf Grund seines Buches „Hitlers Biographie und vielleicht die Geschichte des ‚Dritten Reiches‘ insgesamt grundsätzlich neu überdacht werden“ müssten, „wenn seine Behauptungen sich als tragfähig herausstellen“ sollten (S. 16). Um es gleich vorwegzunehmen: das wird wohl kaum der Fall sein.
Im Untertitel bezeichnet er seine Biographie als „eine globale Biographie“. Mit diesem merkwürdigen Anspruch geht er weit über alle bisher erschienenen Biographien hinaus. Was er damit eigentlich meint, erklärt er allerdings nur mit der etwas dürftigen Bemerkung, dass Hitler „trotz aller Besonderheit ein Produkt globaler Kräfte“ gewesen sei (S. 17). Ob eine Biographie überhaupt ‚global‘ sein kann, ob und wie Hitler von globalen Akteuren oder Einflüssen gesteuert worden ist oder ob es sich nur um die eher banale Überlegung handelt, dass Hitler globale Ansprüche gestellt hat, wird von Simms theoretisch nicht explizit diskutiert. Im englischen Original heißt der Untertitel allerdings „Only the World was Enough“, was sich nur auf das Denken Hitlers beziehen kann, nicht auf seine gesamte Biographie. Möglicherweise hat daher der deutsche Verlag den modischen Allerweltsbegriff „global“ vorgeschlagen, obwohl er eigentlich nicht passend ist.
Durchaus im Widerspruch zu dem globalen Anspruch, betont Simms, dass er sich nicht mit dem ganzen Hitler beschäftige. Seine Biographie Hitlers handele „nicht von dem, was er ‚erreichte‘, sondern von dem, was er beabsichtigte“ (S. 15). Das ist insofern eine interessante Feststellung, als Simms damit eine wissenschaftliche Position einnimmt, die älteren ideengeschichtlichen Mustern entspricht. Hitler wird an seinem Denken, nicht an seinem Handeln gemessen. Das wäre selbstverständlich legitim, wenn dieser wissenschaftliche Zugriff für eine biographische Darstellung Hitlers tatsächlich angemessen wäre. Daran muss man jedoch große Zweifel haben. Simms muss selbst einräumen, dass es für die Anfangszeit Hitlers Quellen gäbe, in denen er sich „bemerkenswert offen“ geäußert habe, während er später, wohl seit seiner Machtübernahme, „immer vorsichtiger“ bei programmatischen Aussagen geworden sei (S. 23). Es sei deshalb nicht möglich Hitlers politische Intentionen für seine gesamte Lebenszeit gleichermaßen zu ermitteln. Simms nimmt gleichwohl für seine Darstellung in Anspruch, „kontextleicht“ und „hitler-zentriert“ vorgegangen zu sein (S. 23). Es geht ihm darum, seine Darstellung der Biographie Hitlers durchweg auf Quellen gestützt zu haben, die auf Hitler persönlich zurückzuführen sind oder zumindest zu seiner Lebenszeit entstanden sind. Das ist eine für einen Historiker ziemlich verblüffende Entscheidung, geht es in der Geschichtswissenschaft doch immer darum, Quellen wegen ihrer unterschiedlichen Aussagekraft als Primär- und Sekundärquellen kritisch zu unterscheiden. Alle autobiographischen Quellen und alle nachträglichen wissenschaftlichen Rekonstruktionen, die als sekundäre Quellen durchaus aussagekräftig wären, auszuschließen, ist daher unprofessionell. Simms benutzt aber, um nur ein Beispiel zu geben, ausdrücklich nicht die Erinnerungen von August Kubizek, Hitlers Jugendfreund, weil sie erst 1953 erschienen sind.2 Brigitte Hamann hat jedoch aufgrund von Parallelüberlieferungen erwiesen, dass sie bei einiger Vorsicht durchaus aussagekräftig sind.3
Simms glaubt sich mit diesem Verfahren ganz auf Hitler beziehungsweise seine politischen Intentionen konzentriert zu haben. Er zögert sogar nicht zu behaupten, dass Hitler auf diese Weise in seinem Buch „nie mehr als ein oder zwei Absätze aus dem Blick“ gerate (S. 23). Stichproben erweisen, dass er diesen Anspruch in seinem umfangreichen Werk erstaunlicherweise durchgehalten hat, eine ungewöhnliche darstellerische Leistung. Dass sie freilich verbindlicher wäre als eine Biographie, in der auch der historische Kontext stärker berücksichtigt wird, ist zweifelhaft.
Es zeigt sich außerdem, dass Simms, je weiter er mit seiner Darstellung fortschreitet, desto mehr mit Annahmen oder Konjekturen arbeiten muss, weil die Quellen Hitlers politisches Kalkül, wenn er denn eines gehabt hat, einfach nicht immer erkennen lassen. Man denke nur an die so intensive, aber vergebliche Suche nach seinem Befehl für den Beginn der Judenvernichtung 1941/42. Der Verzicht auf jede Kontextualisierung der Biographie Hitlers ist deshalb problematisch. Ian Kershaws These, dass es im ‚Dritten Reich‘ zunehmend keiner Weisungen Hitlers bedurfte, weil man ihm auch ohne diese einfach „zuarbeitete“, trifft die historische Wirklichkeit nach wie vor am besten.4
Simms glaubt Hitlers Denken inhaltlich in zweifacher Hinsicht neu interpretieren zu können. Zum einen bestreitet er, dass der Antikommunismus für ihn zentral gewesen sei. Sein „Hauptaugenmerk“ habe dem Kapitalismus und dessen Führungsmächten USA und Großbritannien gegolten (S. 15). Er geht sogar so weit zu behaupten, dass im Zweiten Weltkrieg deshalb die Ostfront für Hitler keine „zentrale Bedeutung“ gehabt habe (S. 16). Er belegt das damit, dass von Hitler in der Zeit des Ersten Weltkriegs nur eine einzige Äußerung überliefert sei, in der er die Ostfront erwähnt habe. Da Hitler durchweg nur an der Westfront im Feld war, ist das jedoch alles andere als erstaunlich. Wie sollte er sich zur Ostfront äußern, wenn er diese gar nicht kannte? Der auch von Simms nicht zu leugnende Vernichtungskrieg in der Sowjetunion sei nach seiner Behauptung aus Gründen geführt worden, „die mehr mit Anglo-Amerika zu tun hatten als mit der Sowjetunion“ (S. 629). Hitler habe gehofft, durch die Erschließung von Lebensmittelreserven besonders in der Ukraine eine Hungerblockade Deutschlands durch die Alliierten, wie sie im Ersten Weltkrieg erfolgt sei, zu vermeiden. Welchen Sinn dann allein schon die von Hitler vor Kriegsbeginn erwirkten Kommissarbefehle haben sollten, lässt er offen, von der Motivation für den Holocaust ganz zu schweigen.
Zum anderen hält Simms auch Hitlers radikalen Antisemitismus für weniger bedeutsam als seinen Antiamerikanismus. Das ist eine besonders steile These, die er letzten Endes in dem ganzen Buch nicht belegen kann. Um sie plausibel zu machen, muss er sich mit Hilfskonstruktionen begnügen, die aber meist nicht überzeugen können.
Zunächst einmal übersieht Simms, dass Großbritannien und die Vereinigten Staaten in Hitlers Kalkül keineswegs von Anfang an als enge Verbündete angesehen wurden. Es ist Simms zwar die Erkenntnis zu verdanken, dass sich der Begriff „Angelsachsen“ in den dreißiger Jahren aufgrund von Hitlers Wortgebrauch einbürgerte (Vgl. S. 503). Aber erst in seiner berüchtigten Rede vom 30.01.1939 behauptete Hitler endgültig, dass „Anglo-Amerika sich gegen ihn verschworen habe“ (S. 515). Selbst als er im August 1939 den Überfall auf Polen einleitete, hoffte er jedoch bis zu der britischen Garantierklärung für das Land immer noch, die Briten auf seine Seite ziehen zu können. Keineswegs sieht er sie schon als Einheit mit den USA, deren wirtschaftliche und militärische Stärke er im Ersten Weltkrieg kennen gelernt hatte, die er jedoch aus einem neuerlichen Krieg herauszuhalten hoffte. Dass er die Amerikaner ein Leben lang bewunderte, weil er ihre unverbrauchte Kampfeskraft im Juli 1917 in der Schlacht an der Marne erlebt habe, ist allerdings reichlich weit hergeholt (so aber Simms, S. 11).
Anders als die Amerikaner waren die Briten jedoch für ihn, wie sein so genanntes Zweites Buch in aller Ausführlichkeit zeigt, einer seiner beiden außenpolitischen Wunschpartner. Der andere war für Hitler das faschistische Italien. Großbritannien war dies für ihn, weil es seine imperialen Interessen als maritime Macht im Empire hatte, und Italien war es, weil es sich in seinen imperialen Bestrebungen auf das Mittelmeer konzentrierte. Beide standen damit für Hitler einer Gewinnung von ‚Lebensraum‘ im Osten Europas nicht im Wege, da sie ganz andere geopolitische Interessen hätten. Dieses für das imperialistische Denken Hitlers zentrale Kalkül wird von Simms kaum erwähnt. Er bezeichnet das Werben um Großbritannien als „taktisch bedingt“ (S. 115). Wie wichtig die Annäherung an Großbritannien für ihn jedoch war, zeigte sich noch 1935, als Hitler sich mit Großbritannien auf ein Flottenabkommen verständigte, und sogar noch 1938, als er sich mit den Briten auf das Münchner Abkommen einließ. Das Vereinigte Königreich wurde von ihm bis zu diesem Zeitpunkt als ein möglicher politischer Partner angesehen, nicht als ein potenzieller Feind wie die Vereinigten Staaten. Mit seiner Fixierung auf eine anglo-amerikanische Allianz verbaut sich Simms die Sicht auf diese historische Realität.
Dass Hitler wegen seiner diktatorischen Ausrichtung zugleich auch in besonderem Maße mit dem faschistischen Regime Benito Mussolinis in Italien sympathisierte, wird von Simms im Übrigen kaum berücksichtigt. Da Großbritannien sich ihm aber konsequent verweigerte, war die ‚Achse Berlin-Rom‘ seit 1936 für Hitlers außenpolitisches Handeln zentral, auch wenn er die militärische Leistungsfähigkeit des faschistischen Regimes ganz erheblich überschätzte. Bezeichnenderweise hat er sich mit Mussolini insgesamt 13 Mal persönlich getroffen, bei Weitem mehr als mit jedem anderen führenden Staatsmann. Wenngleich Gralshüter einer nationalsozialistischen Ideologie wie Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler die Achsenpolitik ursprünglich ablehnten, weil es den Faschisten für sie an antisemitischer Einsicht fehlte, war für Hitler am Ende außenpolitisch nichts so wichtig wie das Bündnis mit Mussolini.
Auffällig ist auch, dass Simms der in der Hitlerforschung so zentralen Frage, wann und auf welche Weise Hitler zum Antisemiten geworden ist, nur wenig Aufmerksamkeit schenkt. Er kommt durchaus immer wieder auf Hitlers Antisemitismus zu sprechen, jedoch stets nur oberflächlich und im Hinblick auf die Abhängigkeit von seinem Antiamerikanismus. Zwar spricht er gelegentlich auch von „Hitlers Besessenheit von der Judenfrage“ (S. 595), wie diese entstanden ist und welche konkrete Bedeutung sie für Hitler hatte, wird von ihm jedoch nicht systematisch erklärt. Er behauptet einfach, dass Hitler „zum großen Teil wegen seines Hasses auf die kapitalistischen anglo-amerikanischen Mächte zum Antisemiten“ geworden sei (S. 57). Man hat daher fast den Eindruck, dass Simms möglichst wenig von Hitlers antisemischen Obsessionen berichtet, um seine antiamerikanischen Aversionen stärker betonen zu können. Er schwankt dabei zwischen der Behauptung, dass das ‚Weltjudentum‘ Briten und Amerikaner in den Krieg gegen Deutschland getrieben habe, und der gegenteiligen These, dass „die“ Juden ein „Instrument der Regierung Roosevelt“ (S. 515) in diesem Krieg gewesen seien. Beide, einander ausschließenden Behauptungen sind so abstrus, dass sie dringend einer genaueren historischen Erklärung bedurft hätten, wenn man ihnen Glauben schenken sollte. Die sucht man aber in der ‚hitlerzentrierten‘ Biographie vergeblich.
Ganz sicher scheint sich Simms seiner Sache in dieser Hinsicht auch nicht zu sein. An vielen Stellen seines Buches werden die Juden mit Großbritannien oder den Vereinigten Staaten einfach in einem Atemzug als Feinde Deutschlands genannt, ohne dass das weiter erklärt würde (z. B. S. 163, S. 543). Simms versteigt sich sogar zu der Formulierung, dass von Hitler „die Begriffe ‚die Amerikaner‘ und ‚die Juden‘ nahezu austauschbar verwendet werden“ (S. 56). Auf diese Weise entzieht er sich der Notwendigkeit, die Stellung des ‚Weltjudentums‘ gegenüber der amerikanischen oder der britischen Politik genauer zu bestimmen.
Tatsächlich ist nicht zu bestreiten, dass Hitler seine antisemitischen Vorurteile häufig mit seinen antikapitalistischen verband. Es hing jedoch im Wesentlichen vom Zeitpunkt seiner Äußerungen ab, wann er die Juden mit seinem Antikapitalismus gleichsetzte und wann er sie auch mit seinem Antibolschewismus verband. Dass die „Vernichtung der sowjetischen Juden“ 1939 „nicht im Vordergrund seines Denkens“ stand (S. 517), ist deshalb richtig, sie konnte erst 1941 die Konsequenz seines Überfalls auf die Sowjetunion sein. Simms verkennt jedoch vollkommen, dass Hitler nie in der Lage gewesen ist, seinen antikapitalistischen und seinem antibolschewistischen Antisemitismus einleuchtend voneinander zu trennen. Alle Versuche seine sogenannte Weltanschauung in diesem widersprüchlichen Punkt zu rationalisieren, sind erfolglos geblieben.5 Hitler war kein politischer Denker, dessen philosophisches System logisch aufgebaut war. Wie er selbst immer wieder betont hat, verstand er sich in erster Linie als Redner. Sowohl ‚Mein Kampf‘ als auch sein sogenanntes zweites Buch, dessen Manuskript er bezeichnenderweise nicht zum Druck brachte, weil es nach seiner Fertigstellung nicht mehr in seine propagandistische Linie passte, haben stilistisch einen reinen rhetorischen Charakter. Dass „die Juden“ die kapitalistischen Staaten ebenso wie die kommunistische Sowjetunion beherrscht haben sollen, war ein fundamentaler Widerspruch in Hitlers Ideologie. Sein radikaler Antisemitismus lief auf eine diffuse Allfeindschaft gegen alle Juden hinaus.
Die Intention Simms, von der Biographie Hitlers nur das zu beschreiben, was er gewollt und nicht das, was er getan habe, ist auch deshalb nicht überzeugend, weil sie wichtige politische Aktionen Hitlers ausspart. Es handelt sich um alle Entscheidungen, die allein „praxiologisch“ (Sven Reichardt) und nicht ideologisch zu erklären sind, also besonders die, welche ihn als faschistischen Akteur nach dem Vorbild Mussolinis in Italien ausweisen. Die gesamte Faschismusdebatte, die auch und gerade über Hitler geführt worden ist, hat Simms jedoch ausgespart. Dass Hitler sich vor seiner Machtübernahme zehn Jahre intensiv, wenngleich vergeblich, um die politische Gunst Mussolinis bemüht hat und in dieser Zeit seine politische Strategie zunehmend derjenigen angepasst hat, die Mussolini mit dem ‚Marsch auf Rom‘ an die Macht gebracht hatte, ist Simms völlig fremd. Dabei ist Hitlers Machtübernahme 1933 nur zu erklären, wenn man das Vorbild von Mussolinis faschistischer Doppelstrategie in Rechnung stellt, nach der der Duce mit seiner faschistischen Massenbewegung die konservativen Eliten Italiens um König Viktor Emanuel III. dazu brachte, mit ihm zu koalieren. Nichts anderes als diese als Legalitätskurs verbrämte Doppelstrategie hat auch Hitler 1933 zum Sieg geführt. Der Unterschied war nur, dass Mussolini von der Monarchie abhängig blieb, während Hitler freie Hand hatte, eine persönliche Diktatur einzuführen, als der Reichspräsident Paul von Hindenburg im August 1934 starb und er dessen Amt ohne weiteres usurpieren konnte. Dass Simms nicht nur die Faschismusproblematik ausspart, sondern auch das Problem des Totalitarismus nicht weiter diskutiert, passt ins Bild.
Simms kündigt zwar großspurig an, dass er mit verbreiteten Ansichten über Hitler brechen werde, setzt sich mit diesen jedoch überhaupt nicht auseinander. Im Grunde ist seine Biographie rein faktologisch angelegt, es fehlt ihr an einer theoretischen Fundierung. Dem steht nicht entgegen, dass Simms in seiner Einleitung behauptet nach sieben methodischen Vorgaben vorzugehen. Erstens sieht er sich der „Transnationalen Wende“ verpflichtet. Ein zweiter, von ihm berücksichtigter „Trend“ sei die „Globalisierung“. Drittens habe das Buch „die geschichtswissenschaftliche Wende hin zur Umwelt“ ermöglicht. Viertens beruft Simms sich auf Forschungen zur „global governance“. Fünftens behauptet er, dass „Studien zur Migration und Ethnie“ sowie zur Rassenpolitik einen „Kontext für Hitlers Weltsicht“ geliefert hätten. Die „räumliche Wende“ in der Geschichtswissenschaft habe sechstens das Verständnis für die Problematik des Deutschen Reiches erleichtert. Und siebtens habe der „temporal turn“ den Autor veranlasst, „der Zeit, dem Zeitpunkt und insbesondere den Zeitfristen in Hitlers Wahrnehmung besondere Aufmerksamkeit zu schenken“ (S. 17 f.). Jeder dieser methodischen Vorschläge verspricht innovative Ansätze, in ihrer rein additiven Aneinanderreihung sagen sie jedoch wenig aus. Vor allem fehlt es bei Simms an ihrer Abgrenzung voneinander. Es handelt sich um die bloße Ankündigung eines methodischen Synkretismus, der sich darstellerisch nicht operationalisieren lässt. Simms schreibt denn auch schlicht nur durch intellectual history angereicherte politische Geschichte.
Es ist bezeichnend, dass gerade solche Aktionen Hitlers von Simms wenig beachtet werden, die sich nur handlungstheoretisch erklären lassen, für die es allenfalls eine nachgelagerte ideologische Rechtfertigung gibt. Das gilt erstmals für die Teilnahme Hitlers an dem Treffen völkischer Gruppierungen in Coburg, zu dem er am 14. Oktober 1922 mit etwa 800 SA-Männern aus München anreiste. Trotz polizeilichen Verbots marschierte diese Horde mit Hakenkreuzfahnen und Musikbegleitung durch die Kleinstadt, womit Hitler eindeutig die Gewaltpraxis der faschistischen Squadre in Italien imitierte. Der ‚Marsch auf Coburg‘ sollte den ‚Marsch auf Rom‘ nachahmen. Er stellte Hitlers erstes öffentliches Bekenntnis zum Faschismus dar, ohne dass dem irgendeine politische Reflexion vorausgegangen wäre. Simms widmet dem Ereignis deshalb bezeichnenderweise nur wenige Zeilen, obwohl es für die weitere Entwicklung Hitlers zum ‚Führer‘ der NSDAP von besonderer Bedeutung gewesen ist.
Wie verfehlt sein Ansatz ist, nur von dem auszugehen, was Hitler politisch intendierte, zeigt sich auch an seiner Darstellung des Münchner Putschversuchs vom 8./9. November 1923. Gemeinsam mit dem Weltkriegshelden General Erich von Ludendorff sprengte Hitler am 8. November mit einigen Bewaffneten im Münchner Bürgerbräukeller eine von der bayerischen Staatsregierung improvisiert organisierte Gedenkveranstaltung an den 9. November 1918. Hitlers Ziel war es, von Bayern aus zu einem ‚Marsch auf Berlin‘ aufzurufen. Die Reichswehr und die bayerische Polizei stellten sich dem jedoch entgegen, so dass die Putschisten aufgeben mussten. Ludendorff hatte jedoch die Idee stattdessen am folgenden 9. November wenigstens durch einen Marsch durch München zu demonstrieren, dass man das Ziel eines ‚Marsches auf Berlin‘ nicht aufgegeben habe. Der Marsch endete bekanntlich an der Feldherrnhalle im Kugelhagel der Landespolizei mit einem Desaster, bei dem 13 Putschisten ums Leben kamen und auch Hitler nur um ein Haar nicht tödlich getroffen wurde. Weit gefehlt, dass die Chaostage in München zuvor gründlich geplant waren, entsprangen sie einer rein zufällig sich ergebenden Praxis. Sie finden deshalb bei Simms ebenfalls kein besonderes Interesse, obwohl der Putschversuch in der nationalsozialistischen Erinnerungskultur später eine zentrale Rolle spielen sollte.
Und noch eine dritte Aktion Hitlers ist vor seiner Machtübernahme rein handlungstheoretisch zu erklären, nämlich die sogenannte nationalsozialistische Führertagung in Bamberg am 14. Februar 1926. Simms glaubt diese mit der Bemerkung abtun zu können, dass diese „speziell der Außenpolitik gewidmet“ gewesen sei (S. 181). Er glaubt sie deshalb mit gerade einmal einer halben Seite abtun zu können. Die Außenpolitik spielte in Bamberg insofern eine Rolle, als Hitler hier seine politische Utopie einer Gewinnung von Lebensraum im Osten vortrug. Der eigentliche Anlass für das informelle Treffen, bei dem es sich um keinen Parteitag handelte, wie Simms meint, war jedoch die drohende Spaltung der Partei. Hitler gelang es, mit Gregor Strasser seinen wichtigsten Widersacher für sich zu gewinnen. Ebenso wichtig war für die Zukunft, dass er mit Joseph Goebbels einen aufstrebenden Parteigenossen zu sich herüberziehen konnte, der bis dahin ein Anhänger Strassers gewesen war. Nicht die ideologische Einheit der Partei, sondern deren personalpolitische Durchsetzung als Führerpartei war also das Ergebnis der Bamberger Zusammenkunft.
Dass Hitler auch noch in dem von ihm diktatorisch geführten ‚Dritten Reich‘ rein praxiologisch Fakten schuf, beweist zum Beispiel die Entstehung der sogenannten Nürnberger Gesetze, welche 1935 die Diskriminierung der deutschen Juden einleiteten. Juden wurden durch das Reichsbürgergesetz zu deutschen Bürgern zweiter Klasse gemacht. Das ‚Blutschutzgesetz‘ regelte den Umgang mit ihnen nach Art eines Apartheitsgesetzes. Obwohl in Nürnberg gerade der Parteitag der NSDAP lief, der diese ‚Gesetze‘ politisch hätte absegnen können, lag Hitler daran, diesen einen rechtsförmigen Charakter zu geben. Er zitierte improvisiert den Reichstag nach Nürnberg, um ihn hier im Angesicht des Parteitags die beiden ‚Gesetze‘ beschließen zu lassen. Das Ganze nahm einen ziemlich chaotischen Verlauf, so dass die Gesetzestexte im Laufe des ‚Dritten Reiches‘ mehrfach, allerdings auch um sie ständig zu verschärfen, überarbeitet werden mussten. Von einer ideologischen Vorbereitung durch Hitler konnte keine Rede sein.
Es ist durchaus möglich, dass dieses Buch seinen Weg gehen wird. Der Autor hat eine enorme Menge von Literatur verarbeitet. Es ist sehr gut geschrieben und liest sich leicht. Mancher wird es gerade wegen seiner überspitzten Thesen, die aus wissenschaftlicher Sicht zu kritisieren sind, lesen wollen. Auf jeden Fall wiederholt es nicht einfach, was schon nur zu oft über Hitler geschrieben worden ist. Auf seine Weise ist es vielmehr ein originelles Buch.
Besprochene Literatur
Simms, Brendan: Hitler. Eine globale Biographie, 1050 S., DVA, Stuttgart 2019.
Notes
- Kershaw, Ian: Hitler 1889–1936, DVA, Stuttgart 1998; ders.: Hitler 1936–1945, DVA, Stuttgart 2000; Longerich, Peter: Hitler. Biographie, Siedler, München 2015; Pyta, Wolfram: Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse, Siedler, München 2015; Ullrich, Volker: Adolf Hitler. Biographie. Die Jahre des Aufstiegs, Fischer, Frankfurt a.M. 2013; ders.: Adolf Hitler. Biographie. Die Jahre des Untergangs 1939–1945, Fischer, Frankfurt a.M. 2018. ⮭
- Kubizek, August: Adolf Hitler. Mein Jugendfreund, Stocker, Graz 61995. ⮭
- Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, Piper, München 1996. ⮭
- Kershaw: Hitler 1889–1936 (wie Anm. 01), S. 27. ⮭
- Unzulänglich in dieser Hinsicht: Jäckel, Eberhard: Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft, DVA, Stuttgart 31986; Zehnpfennig, Barbara: Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation, Fink, München 22002. ⮭