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Essay

Nachrichtendienstgeschichte in der Erweiterung? Neue Publikationen der Unabhängigen Historikerkommission zur BND-Geschichte


Abstract

Der Essay bespricht sechs Monographien der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND 1945–1968 (UHK) und bettet diese sowohl in die zeithistorische Forschung als auch in die angloamerikanisch geprägte intelligence history ein. Im Mittelpunkt stehen drei Untersuchungsfelder: Die Organisationsgeschichte der Gehlen-Organisation, die Beschaffung geheimer Information durch menschliche Quellen und durch Technische Aufklärung sowie die Rolle des Dienstes als innenpolitischer Akteur beziehungsweise als innenpolitisches Instrument. Die Prämisse des Beitrags besteht darin, dass die Ergebnisse der UHK-Studien bisher etwas einseitig als Beitrag zu einer kritischen Revision der Historiographie der frühen Bundesrepublik herangezogen worden sind. Mindestens ebenso bedeutsam ist jedoch, dass die Geschichte der Nachrichtendienste im deutschsprachigen Raum unter anderem dank der UHK ein Stück weit ihren Status einer exotischen Nischendisziplin verloren und theoretisch-methodische Impulse erhalten hat.

Intelligence History Made in Germany? Some New Monographs of the Independent Commission for the History of the Federal Intelligence Service

This review essay addresses publications of the Independent Commission of Historians to examine the history of the Federal Intelligence Service, 1946–1968 (UHK). It focusses on three areas: The Gehlen service’s organizational history, its collection of secret information by spying and technical reconnaissance, and its influence on the Federal Republic of Germany’s domestic policy in the 1950s and 1960s. The essay starts from the assumption that the UHK publications have not only freed intelligence history from its image as an exotic niche discipline, they have also expanded intelligence history in methodological terms.

Keywords: Essay, Bergien, Rüdiger, Geschichte der Nachrichtendienste, Politikgeschichte, Bundesnachrichtendienst, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Historiographiegeschichte, Intelligence history, Political History, Federal Intelligence Service, History of the Federal Republic of Germany, History of Historiography

How to Cite:

Bergien, R., (2021) “Nachrichtendienstgeschichte in der Erweiterung? Neue Publikationen der Unabhängigen Historikerkommission zur BND-Geschichte”, Neue Politische Literatur 66(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00354-2

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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2021-05-22

Ein Superlativ dürfte der UHK – der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND 1945–1968 – so schnell nicht zu nehmen sein: Gemessen an ihrem Publikationsoutput von geplanten 15 Bänden stellt sie das größte zeithistorische Forschungsprojekt der letzten Jahrzehnte dar.1 Entsprechend breit ist die Resonanz auf ihre Ergebnisse, bis jetzt sind auf der Webseite der UHK mehr als 200 Rezensionen, Kommentare, Berichte über Diskussionsrunden und Buchpräsentationen erfasst.2 In diesen findet sich Kritik im Detail – etwa an den Schwerpunktsetzungen oder an dem Umfang mancher Bände, der eine breitere Rezeption erschwere. Doch das Lob an der hier geleisteten Grundlagenarbeit überwiegt bei Weitem, vor allem aber steht die hohe geschichtspolitische und zeithistorische Relevanz des Vorhabens außer Frage. Das ist durchaus der Erwähnung wert, taten sich deutsche Historiker_innen nach 1945 doch lange schwer mit der Geschichte von Organisationen des Sicherheitssektors – von Militär, Polizei und Nachrichtendiensten.

So galt die Militärgeschichte zumindest aus universitärer Perspektive lange als ‚Schmuddelkind‘ der Zunft, als Refugium für Personen, die sich für Uniformen und Panzertypen begeistern konnten. Es bedurfte einer theoretisch-methodischen Runderneuerung im Zeichen des cultural turn, um diese zu einer anerkannten Subdisziplin zu machen.3 Gemessen an ihrer politischen und gesellschaftlichen Rolle – als unmittelbare Begegnungsinstanz zwischen Staat und Bürgern sowie als umstrittener Arm des staatlichen Gewaltmonopols – war auch die Geschichte der Polizei nach 1945 zunächst eine Leerstelle in der Zeitgeschichtsforschung.4 Am schlechtesten stand es indes lange mit der Geschichte der (west-)deutschen Nachrichtendienste nach 1945. Diese wurden über Jahrzehnte hinweg noch nicht einmal als Leerstelle betrachtet, weil man dem Bundesnachrichtendienst (BND), dem Verfassungsschutz und dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) schlicht keine politisch-gesellschaftliche Relevanz zugestand. In den USA, Großbritannien, aber auch in Frankreich mochten die Dienste – ungeachtet teilweise weitgehender Kritik an deren Performance – als Pfeiler der nationalen Sicherheit betrachtet werden. Im deutschen Fall schien mit dem Ausspruch Helmut Schmidts alles gesagt zu sein, dass er durch die Lektüre der „Neuen Zürcher Zeitung“ mehr erfahre als durch die Berichte des BND.5 Und während im angloamerikanischen Raum die intelligence history seit den 1980er Jahren in stetigem Aufschwung begriffen ist,6 kommen deutsche und ausländische Nachrichtendienste in aktuellen Handbüchern und Überblicksdarstellungen zur Geschichte der Bundesrepublik so gut wie nicht vor.7 Der 2004 erfolgte Hinweis des Geheimdiensthistorikers Wolfgang Krieger, dass für deutsche Nachwuchshistoriker_innen eine Dissertation mit einem intelligence-Thema ein Karrierehindernis darstelle, kam der Realität der frühen 2000er Jahre wohl recht nahe.8

Seit etwa einem Jahrzehnt mehren sich indessen die Stimmen, die die Nachrichtendienstgeschichte oder intelligence history auch in Deutschland im Aufwind sehen9. Die Gründe sind vielfältig. Impulse aus der englischsprachigen Geschichtswissenschaft dürften ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Diskussionen über eine globale Überwachung elektronisch vermittelter Kommunikation. Vielleicht noch wichtiger war jedoch die Rolle von Historikerkommissionen wie der UHK. Eingerichtet im Kontext der so genannten Behördenforschung10, hatten diese eigentlich einen Schwerpunkt auf mentale und biografische NS-Kontinuitäten in der Behördenlandschaft der frühen Bundesrepublik legen sollen. Sie entwickelten jedoch auch ein Interesse an der Rolle und Funktionsweise des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) oder eben des Gehlen-Dienstes.11 Mit der Einrichtung dieser Kommissionen waren auf einen Schlag eine ganze Reihe renommierter Zeithistoriker_innen mit Fragestellungen befasst, die der lange belächelten Nachrichtendienstgeschichte zuzurechnen waren, was mit deren Aufwertung einherging – sichtbar wird dies an einschlägigen Historikertag-Paneln ebenso wie an Drittmittelprojekten, die teilweise an die Arbeit der Kommissionen anschließen.12

Durch diese Entwicklung wurde nicht nur das Interesse an der Nachrichtendienstgeschichte als spezialisierte Subdisziplin angeregt. Die inhaltliche Erweiterung der Kommissionsprojekte beförderte auch eine Verschiebung des Gegenstands ‚Nachrichtendienste‘ von der Peripherie in das Zentrum des zeithistorischen Diskurses. Zugleich bildeten sich damit, quasi unter dem Dach der Behördenforschung, die Konturen einer – für die deutschsprachige Historiografie – neuartigen Nachrichtendienstgeschichte heraus. Diese nimmt stärker als die intelligence history angloamerikanischen Zuschnitts die gesellschaftlichen und politischen Rahmungen in den Blick, widmet sich aber zugleich auch den spezifischen Fragestellungen, die die Geschichte geheimer Dienste als Wissensproduzenten und politische Instrumente aufgibt. Mit einem Seitenblick auf die Geschichte der Militärgeschichtsschreibung ließe sich von einer „Nachrichtendienstgeschichte in der Erweiterung“ sprechen, für welche unter anderem die UHK-Publikationen eine Grundlage schaffen.13 Sie tun dies freilich nicht in programmatischer Absicht, sondern en passant, den Binnenlogiken historiografischer Praxis geschuldet. Insofern verwundert es nicht, dass in der Rezeption der UHK-Bände nach wie vor jene Befunde im Mittelpunkt stehen, die mit der Frage nach Ausmaß und Folgen von NS-Belastungen in der frühen Bundesrepublik im Zusammenhang stehen.

Hier setzt der vorliegende Essay an. Er bespricht insgesamt sechs Monografien, die in den letzten Jahren von der UHK vorgelegt worden sind und geht hierbei von der Frage aus, inwieweit diese zugleich Grundlagen für eine ‚erweiterte‘, an den Wechselwirkungen von Politik, Gesellschaft und Kultur interessierten Nachrichtendienstgeschichte legen. Konkret rezensiert werden Thomas Wolfs Organisationsgeschichte des Gehlen-Dienstes, die Studien zur DDR-Spionage von Ronny Heidenreich und zu den Anfängen der Technischen Aufklärung von Armin Müller, Agilolf Keßelrings Untersuchung der Rolle des Dienstes im Zuge der Wiederbewaffnung und die Studien zur Inlandsspionage von Klaus-Dietmar Henke14 sowie zur Krise des BND in den 1960er Jahren von Jost Dülffer. Nur am Rande einbezogen werden jene UHK-Studien, die die Frage nach NS-Kontinuitäten in den Mittelpunkt der Analyse stellen (wenngleich diese Frage auch in allen hier vorzustellenden Bänden mitbetrachtet wird).15 Dabei kristallisierten sich, nicht immer deckungsgleich mit dem thematischen Zuschnitt der Einzelbände, drei zentrale Themenfelder heraus: 1. Der Geheimdienst als Organisation beziehungsweise als Gegenstand historischer Organisationsforschung, 2. Informationsbeschaffung und Wissensproduktion und schließlich: 3. Nachrichtendienste als (innen‑)politische Akteure.

Eine Organisation im Übergang: „Die Entstehung des BND“

Eine Art Eckstein der gesamten UHK-Publikationsreihe stellt Thomas Wolfs Organisationsgeschichte „Die Entstehung des BND“ dar. Theoretisch-methodisch schließt er an jüngere Ansätze einer historischen Organisationsforschung an, deren Vertreter_innen sich um eine „heuristische Verfremdung und Historisierung“ von Organisationen bemühen.16 Wolf legt seiner Arbeit ein „prozessuales Organisationsverständnis“ zugrunde (S. 17 f.).17 Das bedeutet, dass sich die konstitutiven Merkmale einer Organisation weniger aus einer Gegenüberstellung von formalen Strukturen und informalen Praktiken erschließen als aus dem Wandel von Strukturen, von Arbeitsroutinen und Umweltwahrnehmungen der Organisationsmitglieder. Zudem macht Wolf die Geheimhaltung als zentrales Feld für die Analyse des „Organisationstyps Nachrichtendienst“ aus.18 Dabei fasst er Geheimhaltung weniger in einem formalen Sinne, denn als soziale Praxis, „als Summe der fortlaufenden […] sozialen Prozesse […] Informationen durch Handelnde vor Handelnden zu verbergen“ (S. 21). Zwar treten diese theoretischen Bezugnahmen in Wolfs empirischen Kapiteln dann etwas in den Hintergrund. Gleichwohl ist Wolfs Untersuchungskonzept für eine Geschichte geheimer Nachrichtendienste, die sich um Anschlussfähigkeit zur allgemeinen Zeitgeschichtsforschung und damit auch um deren Theorien- und Methoden-Diskussionen bemüht, sehr anregend.

Die Organisationsentwicklung des Gehlen-Dienstes in den ersten Nachkriegsjahren sieht Wolf durch „Improvisation ohne Kontrolle“ (S. 36) geprägt. Nahezu ungesteuert wuchs etwa der Beschaffungsapparat der „Operation Rusty“. Das maßgebliche Rekrutierungskriterium war persönliche Bekanntschaft (S. 39) – die nicht zuletzt auf dem gemeinsamen Dienst in den Repressions- und Sicherheitsorganen des NS-Staates gründete. Bis Mitte der 1950er Jahre blieben die Außenorganisationen, die zum Beispiel für den Einsatz von Agenten in der DDR zuständig waren, eher „Landknechtshaufen“, das heißt weitgehend „autonome, auf persönlichen Bindungen beruhende heterogene Gebilde“ (S. 158). Lange wussten die Leiter dieser Außenorganisationen selbst nicht genau, wer für sie arbeitete (S. 94); erst unter dem Druck von Mittelkürzungen fanden sie sich bereit, so etwas wie eine rudimentäre Karteiführung aufzunehmen.

Die Zentrale des Dienstes, die seit Anfang 1947 von dem ehemaligen Leiter der OKH-Abteilung „Fremde Heere Ost“ Reinhard Gehlen geführt wurde und die sich seit Ende 1947 in Pullach, südlich von München, befand, konnte oder wollte der mangelnden Formalisierung ihres Außenapparats zunächst wenig entgegensetzen. Wenn es ab 1948 doch zu einer Systematisierung des Personalwesens kam, dann weniger aufgrund von rationaler Einsicht als aufgrund der „existenzbedrohenden Finanzkrise“, in die die Org. – wie der Gehlen-Dienst intern auch genannt wurde – 1948 geraten war. Bis dahin hatte sich der Gehlen-Dienst nicht zuletzt durch Schwarzmarktgeschäfte finanziert, welche ihm durch die umfangreichen Warenlieferungen der US-Army ermöglicht worden waren. Die Währungsreform im Juni 1948 entzog dieser Finanzierungsform jedoch den Boden. Mit der Übernahme durch die CIA verband die Leitung des Gehlen-Dienstes die Hoffnung auf ein Ende der Geldnot, wobei es der US-Dienst verstand, seine Finanzhoheit als Machtinstrument zu nutzen und dem Gehlen-Dienst Reformen aufzuzwingen.

Zu den Stärken von Wolfs Arbeit zählt es, den Biografien und Motiven der CIA-Mitarbeiter, die ab 1949 für die Org. zuständig waren, einigen Raum zu geben. Die etwa 30 bis 35 Angehörigen des Pullacher CIA-Stabs waren, so Wolf, im Durchschnitt jung, ehrgeizig und fest entschlossen, über die intern hoch beachtete CIA-Operation „Zipper“ die nächste Stufe ihrer Karriereleiter zu erklimmen (S. 113). Dies erklärt ihren Reformwillen ebenso wie ihre Bereitschaft, Gehlen und seine Leute immer wieder gegenüber ihren Vorgesetzten in Schutz zu nehmen. Insbesondere der Leiter des CIA-Stabs, James Critchfield der für den Kontakt mit Gehlen selbst zuständig war, hatte hierzu reichlich Gelegenheit.

Im Zentrum des Reformeifers des Pullacher CIA-Stabs stand der Beschaffungsbereich des Gehlen-Dienstes. Zwar gab man den Versuch bald wieder auf, die Org. in Richtung strategic intelligence zu trimmen – also auf die Beschaffung hochwertiger, außenpolitisch entscheidungsrelevanter Informationen, die aus CIA-Perspektive das Maß der Dinge darstellte. Hier kam der an kleinteilige Meldungsbeschaffung gewöhnte „Frontnachrichtendienst“, der die Org. in der Nachfolge von „Fremde Heere Ost“ noch immer war, schlicht an seine Grenzen (S. 150). Doch abgesehen davon gelang es den CIA-Leuten, die Beschaffung eigenen Standards anzupassen (etwa durch die geografische Einteilung der Beschaffungsreferate). In Kombination mit einem neuen Finanzierungsmodus – Gelder für die Beschaffung wurden von der CIA nicht mehr pauschal, sondern projektmäßig, für je gesondert zu beantragende Operationen zur Verfügung gestellt – kam es, so Wolf, insgesamt zu einer Leistungssteigerung der Pullacher Beschaffung in den frühen 1950er Jahren (S. 191 ff.). Freilich betraf diese Leistungssteigerung mehr die Quantität als die Qualität der Meldungsbeschaffung, wie die Studie von Ronny Heidenreich zur DDR-Spionage des Gehlen-Dienstes zeigt.

Dass der Gehlen-Dienst unter der Ägide der CIA einem modernen Nachrichtendienst ein Stück weit ähnlicher wurde, war für seine Übernahme in den Bundesdienst, die zum 1. April 1956 erfolgte, sicher nicht nachteilig. Entscheidend für diese Übernahme war etwas anderes: Die Entschlossenheit der US-Verantwortlichen, ‚ihren‘ Gehlen-Dienst zum offiziellen Auslandsnachrichtendienst der Bundesrepublik zu machen (und sich damit auch mittelfristig Einblicke und Einflussmöglichkeiten zu sichern). Von großer Bedeutung war ferner der Rückhalt des Bundeskanzlers und vor allem dessen Staatssekretärs, Hans Globke – die sich an die „geheimen Dienste“ der Org. gewöhnt hatten, von denen Klaus-Dietmar Henke berichtet. Entscheidend war ferner ein „enormes Ausmaß der stillen Hilfe“ (S. 519), das wohlmeinende Bundestagsabgeordnete ebenso leisteten wie Minister und Ministerialbeamte.

Um den Kreis der zu beteiligenden Personen und Institutionen zu minimieren, strebte Globke von Beginn an danach, den Gehlen-Dienst per Organisationserlass als Bundesbehörde zu errichten – und nicht durch ein Bundesgesetz, was unter anderem eine Beteiligung des Bundestags erfordert hätte. Die zentrale juristische Referenzschrift, die als Begründung für eine Überführung per Organisationserlass herangezogen wurde – eine rechtswissenschaftliche Dissertation – war indes vom Gehlen-Dienst selbst in Auftrag gegeben und stark beeinflusst worden. Wolf spricht hier von einer „bestellten Gesetzesgrundlage“. Auch das Übernahmegutachten, das der Bundesrechnungshof Anfang 1955 erstellt hatte, trug die Handschrift des Dienstes. Hilfreich dürfte hier gewesen sein, dass der Leiter der Prüfkommission mit Staatssekretär Globke durch eine gemeinsame Dienstzeit im Reichsministerium des Innern bekannt war (S. 326). Dieses Übernahmegutachten trug im Sommer 1955 dazu bei, aufflammenden Widerstand seitens der SPD-Opposition gegen die Überführung des Dienstes zu ersticken.

In diesem Stil ging es weiter: Das „Vertrauensmännergremium“, das eigentlich dem Parlament Einblicke in die Arbeit des BND geben sollte, war ein Instrument von des Kanzlers Gnaden und diente eher „der Begrenzung parlamentarischer Kontrolle“ (S. 348). Und um die ohnedies geringen externen Einsichtsmöglichkeiten weiter zu minimieren, wurde der Dienst dem Bundeskanzleramt 1955 „angegliedert“, nicht aber förmlich unterstellt. Das brachte dem BND zum Beispiel im Bereich des Personalwesens Befugnisse, wie sie eigentlich nur obersten Bundesbehörden zustanden. Bis in die frühen 1960er Jahre sicherte diese ‚Angliederung‘ sowie die anfänglich fortbestehende „Liaison“ zwischen dem BND und dem Bundesrechnungshof – der die exorbitanten Budgetforderungen des Dienstes gegenüber dem Finanzminister mittrug – den Status eines de facto unkontrollierten Teils des westdeutschen Staatsapparats. Es dauerte, wie die Studie von Jost Dülffer zeigt, noch einmal ein Jahrzehnt, bis der Dienst einigermaßen regulären Kontrollstrukturen unterworfen worden war. Der frühe BND, so Wolf, entzog sich „wie wohl keine andere staatliche Einrichtung verfassungsmäßigen Normen“ (S. 527).

In seinem Resümee argumentiert Wolf, dass die Org. beziehungsweise der BND bis in die 1960er Jahre hinein von übergreifenden Liberalisierungs- und Modernisierungstendenzen weitgehend unberührt blieb. Es handelte sich, so Wolf, um eine „Übergangsorganisation“ zwischen ‚Drittem Reich‘ und demokratischem Weststaat: Einerseits, weil in ihr besonders weitgehend Deutungs- und Handlungsmuster aus den Jahren von vor 1945 konserviert blieben: Sprechend ist hier das Zitat eines leitenden BND-Mitarbeiters, der noch in den frühen 1960er Jahren distanziert vom „sogenannten Rechtsstaat“ Bundesrepublik sprach (S. 502). Eine Übergangsorganisation war der Gehlen-Dienst andererseits, weil er ehemaligen Funktionseliten des Nationalsozialismus einen Übergang in die neuen Verhältnisse erleichterte oder ermöglichte. Eines von vielen Beispielen, die Wolf recherchiert hat, ist der Diplomat Otto Bräutigam: dieser war, als Angehöriger des Rosenberg-„Ministeriums für die besetzten Ostgebiete“ persönlich an der Planung der mörderischen deutschen Besatzungspolitik in Weißrussland beteiligt gewesen. Im Gehlen-Dienst übernahm er die Leitung der politischen Auswertung und wechselte 1953 in das Auswärtige Amt, wo er die Leitung der Unterabteilung Ost übernahm (S. 134 f.).

Wolfs Organisationsgeschichte der Org. beziehungsweise des frühen BND ist dicht und überzeugt in ihren Schlussfolgerungen. Vor allem kann sie geradezu als ein Musterbeispiel dafür gelesen werden, wie sich die Entwicklung von Organisationsstrukturen mit den Biografien und Zielen der in diesen Strukturen agierenden Personen verschränken lässt. Wenn man nach Beispielen für eine gelungene historische Organisationsforschung sucht, wird man an Wolf künftig nicht vorbeikommen. Allerdings regt seine pointierte Charakterisierung des Dienstes als Organisation jenseits der „Modernisierung im Wiederaufbau“ (Axel Schildt), beziehungsweise als Gegenpol gesellschaftlicher Liberalisierungstendenzen zu der Frage an, inwieweit sich durch eine etwas andere Perspektivierung – etwa durch eine Einbeziehung der von Wolf nicht näher betrachteten Technischen Aufklärung des Dienstes oder durch eine stärkere Gewichtung der Professionalisierungsbestrebungen – nicht auch ein andersartiges Bild des Gehlen-Dienstes ergeben könnte. Diese Frage wird im Weiteren wieder aufgegriffen werden.

Spionage als Fassade?

Selten sind im Bereich der intelligence history Studien, die die Informationsbeschaffung eines Nachrichtendienstes umfassend analysieren und hier die Qualität der beschafften ‚Rohformationen‘ ebenso evaluieren wie deren Weitergabe in den politischen Raum. Hierzu fehlte bisher in der Regel der umfassende Zugriff auf die interne Überlieferung, der es erlaubt, den gesamten intelligence cycle für einen längeren Zeitraum zu rekonstruieren. Diesen Zugriff aber hatten die Mitarbeiter_innen der UHK. Das Ziel, den gesamten Prozess nachrichtendienstlicher Wissensproduktion nachzuzeichnen, verfolgt Ronny Heidenreichs Untersuchung zur DDR-Spionage des Gehlen-Dienstes. Insbesondere seine Arbeit dürfte auch in den internationalen intelligence studies auf großes Interesse stoßen (dem freilich durch eine Übersetzung ins Englische nachzuhelfen wäre).

Die DDR-Spionage war für Reinhard Gehlen das „Aushängeschild“ seines Dienstes: Aus der Militäraufklärung gegen die sowjetischen Truppen auf dem Gebiet der DDR bezogen die Org. beziehungsweise der BND ihre Legitimation, aus der politischen Aufklärung gegen den SED-Staat speiste sich der Mythos Gehlens als genialischer spy master. Auch in der jüngeren historischen Forschung wurde noch argumentiert, dass der Gehlen-Dienst in Sachen Ost-Aufklärung eine „Marktführerschaft“ innegehabt habe.19 Ronny Heidenreichs Untersuchung der DDR-Spionage des BND hinterfragt dieses Geschichtsbild ausgehend von einem dezidiert analytischen Ansatz. Er fragt erstens, „in welchem Maße die vom BND beschafften Informationen über die DDR […] den Anspruch des Geheimen und Exklusiven einlösen konnten“ beziehungsweise inwiefern der BND nur Wissen produzierte, das seine Auftraggeber auch aus anderen Quellen beziehen konnten. Zweitens stellt er die Frage, „in welchem Maße die vorgeblich exklusiv beschafften Erkenntnisse auch die in den politischen Raum gegebenen Berichte prägten“ (S. 24). Heidenreich geht es mithin darum, die Informationsbeschaffung und die Verarbeitung beziehungsweise Weiterleitung der Informationen miteinander in Verbindung zu bringen. Das ist ein an sich naheliegender Ansatz, der jedoch in der bisherigen intelligence history kaum verfolgt worden ist (S. 21).

Über weite Strecken liest sich Heidenreichs Darstellung als eine Geschichte eines fortgesetzten Scheiterns. Er zeichnet das Bild einer „weitgehend dysfunktionalen“ DDR-Aufklärung (S. 627), deren Defizite schon in der Gründungsphase der Org. 1946/47 deutlich zutage traten. Um möglichst schnell den amerikanischen Aufklärungsforderungen entsprechen zu können (und damit das Überleben der Org. zu sichern) rekrutierten die Agentenführer nahezu wahllos V‑Leute in der SBZ. Diese wurden weder systematisch auf ihre Zuverlässigkeit hin überprüft, noch wurden ihnen auch nur Grundregeln der Konspiration vermittelt, so dass der sowjetischen Spionageabwehr schon in den späten 1940er Jahren immer wieder Einbrüche in die Netze des Gehlen-Dienstes gelangen (S. 83–91). Dem bereits zeitgenössisch erhobenen Vorwurf, die Org. habe Hunderte von V‑Leuten sehenden Auges „verheizt“, lässt sich auf der Basis des vorgelegten Materials kaum widersprechen.

Die Übernahme des Gehlen-Dienstes durch die CIA im Sommer 1949 brachte eine zumindest begrenzte Professionalisierung der Methoden und vor allem einen massiven Ausbau der Informantennetzwerke der Org. Im Sommer 1953 beschäftigte diese etwa 1.000 V-Leute in der DDR, deren Rekrutierung umso leichter fiel, als der Elitenwechsel in Ostdeutschland zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war: Viele Verwaltungs- und Wirtschaftsexperten mit einem bürgerlichen Hintergrund lehnten das Ulbricht-Regime ab und waren gerne bereit, mit dem Gehlen-Dienst zusammenzuarbeiten. Vor diesem Hintergrund wurden die frühen 1950er die „goldenen Jahre“ der DDR-Spionage des Gehlen-Dienstes. Gestützt auf ein Heer von Standortbeobachtern und Reichsbahn-Mitarbeitern konnte die Org. nun „in beeindruckender Schnelle“ Informationen über sowjetische Truppenbewegungen liefern (S. 179); hinsichtlich der „order of battle“ der Sowjetarmee in der DDR erlangte Pullach „große Reputation“ (S. 180). Doch Defizite bleiben auch in dieser Zeit bestehen: So fehlten jegliche Innenquellen in den sowjetischen Liegenschaften, das Ministerium für Staatssicherheit war für den Dienst weitgehend terra incognita, ebenso die Kasernierte Volkspolizei (KVP) der DDR.

Vor allem aber mangelte es an einer nennenswerten politischen Aufklärung der DDR (S. 434). Über das Agieren der SED-Spitze in der ersten Jahreshälfte 1953 erfuhr der Gehlen-Dienst ebenso wenig wie über die Proteststimmungen in der Bevölkerung. Daher kam der „17. Juni“ für die Org.-Spitze ebenso überraschend wie für die Bundesregierung (S. 238 f.). Im Herbst 1953 erhielt die DDR-Spionage der Org. dann einen fast tödlichen Schlag: Nach dem „17. Juni“ unter Erfolgsdruck stehend und durch die sowjetischen ‚Freunde‘ auf die Spur gebracht, zerschlug die DDR-Staatssicherheit erhebliche Teile des Gehlen’schen V‑Leute-Netzes in der DDR.20 Mindestens ebenso fatal für die Beschaffung der Org. waren jedoch die Schauprozesse und vor allem die Todesurteile, die 1954 gegen zwei V‑Leute verhängt worden waren: Beides wirkte sich „verheerend auf die Bereitschaft der ostdeutschen Bevölkerung [aus], als V‑Leute tätig zu werden“ (S. 274).

So wurde in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre das Netz von Standortbeobachtern, das dem BND seine Reputation in der Militäraufklärung verschafft hatte, immer löchriger. Durch die Fluchtbewegung dünnten sich auch die vormals guten Zugänge des Dienstes in die Wirtschaft stark aus; zum Zeitpunkt des Mauerbaus verfügte der BND nur mehr über ein Viertel seines V‑Leute-Bestandes des Jahres 1953 (S. 325). Auf aussagekräftige Berichte über die DDR brauchte die Bundesregierung dennoch nicht zu verzichten. Ironischerweise erwies sich das kleine Bundesamt für Verfassungsschutz, das Gehlen – wie die Studie Klaus-Dietmar Henkes zeigt – zeitweilig regelrecht bekämpft hatte, dem BND in punkto DDR-Aufklärung immer wieder als überlegen und produzierte Berichte, die wenigstens zum Teil auf Erkenntnissen aus dem Partei- und Sicherheitsapparat der DDR stammten (S. 385, 435). In diese konnte der BND nicht eindringen – was im Umfeld Gehlens freilich nie als Problem galt: „Aus Pullacher Perspektive“, so Heidenreich, war „eine nähere Beschäftigung mit der politischen Führung Ostberlins letztlich nicht notwendig“, weil, so glaubte man, alle relevanten Entscheidungen in Moskau getroffen wurden. Nach Moskau aber, in sowjetische Führungsstellen, glaubten Gehlen und Co. Zugänge erschlossen zu haben. Dies war ein weiterer Irrtum, der den Dienst in den frühen 1960er Jahren sein verbliebenes Renommee in Bonn kostete und in eine tiefe Krise schlittern ließ.

Denn bei den „Zugängen“ nach „Moskau“ handelte es sich um den ostdeutschen Verlagsdirektor Günter Hofé und den Ostberliner Journalisten Willi Leisner. Tatsächlich standen beide „im Dienst des Gegners“, sie waren so genannte Einflussagenten des KGB, die dem BND eine Mischung aus echten und fingierten Informationen lieferten.21 Die Frage, warum die beiden den Gehlen-Dienst jahrelang täuschen konnten, führt zu dessen organisationalen Defiziten zurück, die Thema von Thomas Wolfs Studie sind: Geführt wurden Hofé und Leisner durch den „Strategischen Dienst“ unter den Gehlen-Vertrauten Wolfgang Langkau und Kurt Weiß, eine Art „Dienst im Dienst“, der an der regulären Auswertung vorbei Informationen an die Bonner Bedarfsträger bringen konnte. Weil die Meldungen von Hofè und Leisner im Bundeskanzleramt intensiv rezipiert wurden (S. 543), schlugen Gehlen und seine Entourage Warnungen, die von der regulären BND-Auswertung gegenüber dem Material immer wieder erhoben wurden, in den Wind. Dies rächte sich mit dem Mauerbau: Die bis zum 13. August vom BND vertretene Auffassung, dass Nikita Chruschtschow die Berliner Sektorengrenze nicht schließen würde, hatte auf einer Information von Leisner beruht, die vom KGB lanciert worden war (S. 576). Der BND hatte Moskaus Spiel gespielt.

Auf den Mauerbau 1961 folgte eine nochmalige massive Ausdünnung des V‑Leute-Netzes in der DDR – nicht zuletzt durch Verhaftungen, die dem MfS nach Abschluss des Felfe-Prozesses 1963 möglich geworden waren (S. 607). Damit lag die DDR-Aufklärung des Gehlen-Dienstes in Trümmern. In der westdeutschen Öffentlichkeit mochte der Nimbus Gehlens noch eine Weile bestehen bleiben – noch anlässlich seines Ausscheidens aus dem Amt im April 1968 lobte ihn Marion Gräfin Dönhoff in der „Zeit“ als „glänzende[n] Organisator und ungewöhnlich begabte[n] Analytiker“ (Dülffer, S. 621)22. Doch in Bonner Regierungskreisen und vor allem in den westlichen Partnerdiensten machte man sich über die Fähigkeiten des Dienstes seit 1961 keine Illusionen mehr (S. 598, 625). Die Krise des BND, die Jost Dülffer in seinem Band so vielschichtig beschreibt, wurde nicht zuletzt durch diese Ernüchterung ausgelöst – wobei, und das ist der zentrale Befund von Heidenreichs Werk, nach 1961 tatsächlich nur die Fassaden eines Potemkinschen Dorfes einstürzten, die Gehlen seit den späten 1940er Jahren errichtet hatte.

Heidenreichs Buch zerstört das Bild einer erfolgreichen Ostaufklärung des Gehlen-Dienstes und zwar in einer empirischen Dichte und analytischen Tiefe, die wenig Ansatzpunkte für Widerspruch lässt – höchstens für eine Reflexion der Frage, wie man die ‚Leistungen‘ eines geheimen Dienstes überhaupt bemessen kann. Heidenreichs plausible Antwort lautet: durch den Vergleich. Er bringt mehrmals den Verfassungsschutz als den „besseren BND“ ins Spiel, und verweist zudem auf die Professionalitätsstandards der CIA, deren Vertreter mitunter deutliche Worte für die Performance ‚ihres‘ westdeutschen Dienstes fanden. Diese Vergleichsperspektive, die der Autor immer wieder einflechtet, ist eine große Stärke seiner Arbeit. Freilich bleibt diese ohne eine aktengestützte Einbindung des ‚Innenlebens‘ der genannten Dienste unvollständig (so wenig diese von Heidenreich auch geleistet werden konnte).

Das BfV war etwa in den 1950er Jahren unter anderem aufgrund massiver organisationaler Defizite mehrmals von Auflösung bedroht23 und auch hinter die Professionalität der CIA sind zumindest Fragezeichen zu setzen. Es wäre ebenfalls interessant zu erfahren, was von der professionellen „Schauseite“24 der CIA übrig bliebe, wenn man ihre operativen Akten der 1950er Jahre in der Weise auswerten konnte, wie dies für den BND möglich war. Damit sollen die Schwächen des westdeutschen Diensts nicht relativiert werden. Zu fragen ist aber doch, in welchem Maße die von Heidenreich festgestellten Defizite nicht auch charakteristisch für ‚junge‘, sich im Aufbau befindliche Organisationen sind, die mit Aufgaben konfrontiert waren, für welche nur wenig Erfahrungswissen vorlag.

Die Frage ist zudem, wie die Org. mit ihren Schwächen umging. Auffällig ist, dass Heidenreich immer wieder aus internen kritischen Stellungnahmen zitiert, etwa aus der Feder des zeitweiligen Leiters der Beschaffung Heinz Danko Herre. Diese lassen darauf schließen, dass es einen internen Diskurs über die eigenen Defizite gab – was, aus der Perspektive der Organisationsforschung die zentrale Voraussetzung für organisationelles Lernen darstellt.25 Hinweise auf Professionalisierungstendenzen, freilich auch auf fortbestehende Defizite, bietet die zweite UHK-Monografie, die sich vorrangig der Informationsbeschaffung widmet.

Der ‚andere‘ Gehlen-Dienst: Die Technische Aufklärung

Armin Müllers Studie „Wellenkrieg“ behandelt den Agentenfunk sowie die Funkaufklärung des BND zwischen den späten 1940er und den späten 1960er Jahren. Sie widmet sich damit einem Themenfeld, das (zu Unrecht) weniger im Mittelpunkt des zeithistorischen Interesses steht als DDR- oder Inlandsspionage. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Zeitgeschichtsforschung gegenüber der Technikgeschichte nach wie vor überwiegend Desinteresse an den Tag legt – und es ist auch eine Technikgeschichte, die Müller präsentieren will (S. 23). Zudem gibt es für eine Kombination aus Nachrichtendienst- und Technikgeschichte nur wenige Vorbilder. Zwar beschreiben Vertreter der intelligence history angloamerikanischer Prägung die Geschichte der technischen Aufklärung nach 1945 bereits seit Längerem als gravierendes Desiderat26, doch einschlägige Studien sind nach wie vor rar gesät. Umso bedauerlicher ist, dass Müller die 2010 erschienene grundlegende Geschichte der britischen SIGINT27-Behörde „GCHQ“28 von Richard Aldrich nicht zur Kenntnis genommen hat, die ihm auch manche Informationen über die Kooperation zwischen dem BND und den US-Diensten in Sachen Fernmeldeaufklärung geboten hätte.29

Müller deutet die Entwicklung von Technikeinsatz und Technischer Aufklärung als Gradmesser für Prozesse der Professionalisierung und Verwissenschaftlichung. Seine Leitfrage lautet entsprechend, inwiefern der westdeutsche Auslandsnachrichtendienst bis Ende der 1960er Jahre zu einem modernen, „zivilen“ Nachrichtendienst wurde – beziehungsweise inwieweit er in der Kontinuität eines militärischen Frontaufklärungsdienstes blieb, als welcher er gegründet worden war (S. 14). Hierfür geht er von der Überlieferung der Abteilung Technik aus (deren Bezeichnungen im Untersuchungszeitraum wechselten) und stellt deren beiden wichtigsten Aufgabenfelder – die technische Sicherung des Agentenfunks und die Fernmeldeaufklärung – in den Mittelpunkt. Dabei ist unter Agentenfunk die funktechnische Verbindung zu V‑Leuten in einem Zielland zu verstehen, unter Fernmeldeaufklärung demgegenüber „die Erfassung von elektromagnetischen Ausstrahlungen, die der Kommunikation dienen“ (S. 24).

Diesen Handlungsfeldern – Agentenfunk und Fernmeldeaufklärung – widmet sich Müller in seiner Studie im Detail; eine „Geschichte der Abteilung Technik“ wird daraus – anders als einleitend angekündigt – jedoch nicht. Aufbau, Ausdifferenzierung, Strukturen, Verhältnis zu anderen Diensteinheiten, all dies bleibt vage und eher im Hintergrund. Das ist vermutlich der Quellenlage geschuldet, bleibt aber bedauerlich, umso mehr, als Thomas Wolf in seiner Organisationsgeschichte des frühen BND diesen Bereich mit Verweis auf Müllers Studie ausspart.

Immerhin bietet der Autor eingangs einige Einblicke in Personalentwicklung und Personalstruktur dieser Abteilung: Anfangs stark durch „altgediente Kriegsfunker“ geprägt wuchs die Abteilung bis 1956 nur langsam auf eine Personalstärke von 120 Mitarbeitern an (S. 34 f.). Ab der Übernahme der Org. in den Bundesdienst expandierte die Technische Aufklärung noch schneller als der ohnedies exponentiell wachsende Dienst.30 1965 umfasste die Abteilung Technik 1.300, im Jahre 1969 dann sogar 1.900 Planstellen, womit – gemäß des Stellen-Solls – jeder dritte BND-Mitarbeiter in diesem Bereich Dienst tat (S. 35). Dabei veränderte der Aufstieg der SIGINT auch das Personalprofil der Dienste beziehungsweise Abteilungen: Im BND, so Müller, begannen seit den 1960er Jahren „junge, universitär ausgebildete Ingenieure“ das kriegsgediente Personal der Technik-Abteilung zu ersetzen (S. 37).

Von Beginn an schienen indes in der Abteilung „lokale Rationalitäten“31 zu bestehen, die die Abteilung Technik von anderen Bereichen des Gehlen-Dienstes unterschieden. Für die Entwicklung neuartiger Agentenfunkgeräte etwa kooperierte die Abteilung früh mit AEG-Telefunken, was für den unter dem Dogma der Abschottung stehenden Dienst keine Selbstverständlichkeit darstellte. Ab 1968 bestand ein Technischer Beirat, der die Abteilung mit Blick auf technische Entwicklungen beriet und dem auch externe Wissenschaftler angehörten (S. 102). Schon seit 1950 unterstand der Abteilung Technik zudem das „Referat Geheimschriftenwesen“, aus dem 1956 die „Zentralstelle für das Chiffrierwesen“ (ZfCH) hervorging (S. 112–115, 272). Den „betont zivilen Habitus“ der Zentralstelle hebt Müller hervor: Die ZfCH-Mitarbeiter sahen sich selbst als Forschergruppe „auf einem sehr speziellen und mathematisch hochkomplexen Gebiet“, die mit einer zeitweilig von der Bundeswehr hinzuversetzten Entzifferungsgruppe in dauerhaftem Clinch lag (S. 271 f.). Damit steht die ZfCH für Müller für den Wandel des Dienstes hin zu einem zivilen Nachrichtendienst, insofern diese auf eine Verwissenschaftlichung der Abteilung Technik hingewirkt habe (S. 276). Wie diese Verwissenschaftlichung konkret aussah, lässt er allerdings offen. Denkbar wäre auch, dass umgekehrt die mangelnde Integration in den Gesamt-Dienst der ZfCH ihre auch international anerkannte Leistungsfähigkeit sicherte.32

Der Agentenfunk – als eines der beiden zentralen Aufgabenfelder der Abteilung Technik – verlor allen Modernisierungsbestrebungen zum Trotz stetig an Bedeutung. Zwar betrieb man großen Aufwand, Agentenfunker aus der DDR zu gewinnen, für Kurzausbildungen nach Westdeutschland zu schaffen, zu testen und gegebenenfalls in neuen technischen Verfahren weiterzubilden. Doch letztlich war der Agentenfunk an die seit 1953 im Niedergang befindliche DDR – „HUMINT“ – die Aufklärung durch menschliche Quellen – gekoppelt: Je weniger V‑Leute der Dienst in der DDR hatte, desto geringer die Möglichkeit, unter diesen Kandidaten für die besonders anforderungs- und risikoreiche Tätigkeit eines Agentenfunkers gewinnen zu können. Seit 1953 waren in der gesamten DDR nie mehr als zehn Agentenfunker des Gehlen-Dienstes gleichzeitig aktiv (S. 131), der Mauerbau bedeutete de facto das Ende dieser Verbindungsform.

Demgegenüber war das zweite Aufgabenfeld der Abteilung Technik, die Fernmeldeaufklärung, eine Beschaffungsform mit Zukunft. Zwar wurde diese, so Müller, von den „auf HUMINT-Quellen fixierten Verantwortlichen des Dienstes“ bis in die späten 1960er Jahre noch mit Skepsis betrachtet (S. 220): Der Aufbau einer technischen Infrastruktur war teuer und zeitaufwändig; zivile Behörden waren zunehmend weniger geneigt, dem Gehlen-Dienst Liegenschaften für technische Anlagen zur Verfügung zu stellen. Diesen Widrigkeiten zum Trotz brachte die Fernmeldeaufklärung substanzielle Erfolge in der Beschaffung geheimer Informationen. Müller analysiert diese nicht systematisch und im Vergleich zu Partnerdiensten, wie Heidenreich dies für die DDR-Aufklärung mittels menschlicher Quellen zumindest punktuell praktiziert. Doch einige empirische Tiefenbohrungen legen nahe, dass sich SIGINT und COMINT (communication intelligence) des Dienstes von Beginn an besser entwickelten als die HUMINT (human intelligence).

Dabei bestätigt die Geschichte der BND-Fernmeldeaufklärung auch den allgemeinen Befund der intelligence history, dass die SIGINT als technisch und räumlich voraussetzungsreiche Beschaffungsform internationale intelligence-Kooperationen vorantrieb.33 So kooperierten westdeutsche und US-Dienste seit den 1960er Jahren bei der Erfassung des ausländischen Diplomaten-Fernschreibverkehrs. Hierbei wurde auch die Kommunikation westeuropäischer Partner mitgelesen.34 In West-Berlin konnte der BND eine Erfassungsstelle auf einer Basis der französischen Besatzungsstreitkräfte betreiben; ab1967 gelang es dem Dienst von hier aus, einen Teil des Richtfunknetzes der SED zu erfassen, über das sich ein Großteil der Kommunikation innerhalb des Parteiapparats vollzog (S. 263 f.).

In seinem Resümee vergleicht Müller die Leistungen der Fernmeldeaufklärung des Dienstes während der Berlin-Blockade 1948 und während des Prager Frühlings 1968, zwei Schlüsselereignissen des „Wellenkriegs“, die Beginn und Ende des Untersuchungszeitraums markieren. Die Ergebnisse der kleinen Horchgruppe, die 1948 in dem funktechnisch ungünstig gelegenen Schloss Kransberg stationiert war, dürften, so Müller, schwerlich größeren Einfluss auf die Durchführung der alliierten Luftbrücke gehabt haben – auch wenn dies einer der Gründungsmythen des Gehlen-Dienstes glauben machen will. Demgegenüber zeigte die BND-Fernmeldeaufklärung 1968 tatsächlich beachtliche Leistungen. Die Zuspitzung der militärischen Lage der CSSR konnte die Fernmelde-Aufklärung des BND weitgehend zutreffend und ‚in Echtzeit‘ nachzeichnen. Anerkennung erntete der BND für diese Leistungen allerdings kaum. Befördert durch ein – aus BND-Sicht – missgünstiges Verteidigungsministerium konnte sich vielmehr das Bild durchsetzen, Pullach habe, wie bereits vor dem Mauerbau 1961, Teile der Entwicklung ‚verschlafen‘.

Dieses Bild hatte freilich auch damit zu tun, was der Dienst aus seinem unter hohem technischen Ressourcenaufwand beschafftem Material machte. Um in das Feld des Politischen hineinwirken zu können, hätte er nicht nur – wie er es in der CSSR-Krise tat – den status quo melden, sondern auch Prognosen abgeben und Szenarien entwickeln müssen. Gerade auf diesem Feld, der Schnittfläche zwischen nachrichtendienstlicher und politischer Praxis, vermeldet Müller jedoch Fehlanzeige: Als sich auf die Ergebnisse der Fernmeldeaufklärung stützender Politikberater trat der Dienst im Untersuchungszeitraum kaum in Erscheinung (S. 390). Mit Blick auf diesen Befund wird dann auch Müllers Resümee plausibel, der BND habe sich bis 1968 „nur teilweise zu einem modernen Nachrichtendienst“ entwickelt und sei im Grund „die zivile Version eines Lagedienstes in der Tradition der Generalstabsabteilung ‚Fremde Heere Ost‘ geblieben“ (S. 390 f.). Mit Blick auf manche Einzelaspekte, anhand derer Müller im Laufe seiner Studie Tendenzen einer Zivilisierung und Professionalisierung ausmacht, wirkt dieses Urteil etwas eindimensional.

Müllers Geschichte der Technischen Aufklärung des Gehlen-Dienstes wirkt insgesamt zudem etwas weniger dicht und kohärent als die „DDR-Spionage“ seines Projektkollegen Heidenreich, was zweifellos auch mit der internen Überlieferungslage zu tun hat. Doch sind seine Befunde allemal dicht genug, um einen Kontrast zu dem provokanten Fazit Heidenreichs bilden zu können: Heidenreich zufolge war der „gesamte frühe BND“ letztlich darauf abgestellt gewesen, auf Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Einfluss zu nehmen. Sein „vordergründiger Auftrag zur Beschaffung und Auswertung vermeintlich exklusiver Nachrichten war nur die Fassade, um diesem Anspruch Geltung zu verschaffen“ (S. 639).

Gerade mit Blick auf die stark in internationale Kooperationen eingebundene Technische Aufklärung ließe sich argumentieren, dass Heidenreich hier die Rationalitäten des Führungszirkels um Gehlen mit denen des gesamten BND gleichsetzt. Die Möglichkeit von sich widersprechenden Organisationszielen wird ebenso ausgeblendet wie die einer ‚von unten‘ kommende Initiativkraft – in diesem Fall etwa Bemühungen der Abteilung Technik um die Einführung einer neuen Technologie, die dann für die Organisationsentwicklung des Dienstes ebenso bedeutend gewesen sein könnte, wie die politischen Ränke, die Gehlen von seiner Präsidentenvilla aus schmiedete.35

Doch auch, wenn man dazu neigt, die „Fassaden-These“ zurückzuweisen: An dem Befund, dass der Gehlen-Dienst mehr war als eine Organisation zur Beschaffung geheimen Wissen, dass er – und das ist vielleicht eine Art Generalbefund des gesamten UHK-Projekts – auch Einflussorgan und innenpolitischer Akteur war, wird man nicht vorbeikommen. Die Frage ist allenfalls, welcher Teil der (innen‑)politischen Aktivitäten den größten Einfluss auf die Entwicklung der frühen Bundesrepublik hatte: Die auf die Vorbereitung der Wiederbewaffnung ausgerichteten, die „Ausforschung des demokratischen Milieus“ oder die Versuche, die Gesellschaft im Sinne des Antikommunismus gegen östliche Einflussversuche zu imprägnieren.

(Innen-)politischer Akteur

Die Rolle des Gehlen-Dienstes als eines „administrativen Apparats“ der Wiederbewaffnung steht im Zentrum der Studie Agilolf Keßelrings. Sein Ausgangspunkt ist eine der zentralen Frage der Militärgeschichte der Bundesrepublik: Wie weitgehend standen die 1956 neu aufgestellte Streitkräfte in der Kontinuität der Wehrmacht und in welchem Maße für einen Neuanfang unter demokratischen Vorzeichen?36 Keßelring bezieht hier bereits einleitend eine klare Position: Die Organisation Gehlen war ein „Rettungsboot“ für den untergehenden deutschen Generalstab, sie war eine Art think tank für eine kleine Gruppe von deutschen Spitzenmilitärs, die mit Fragen der Wiederbewaffnung befasst waren und sie sicherte die Wiederbewaffnung gesellschaftlich und politisch ab. Sie tat all dies in engem Zusammenspiel mit den militärischen und nachrichtendienstlichen Kommandostrukturen der USA, aber auch in direkter Anknüpfung an die Erfahrungsräume, die das Handeln der deutschen militärischen Eliten bis 1945 bestimmt hatten. Die Org. erscheint bei Keßelring als eine Art missing link zwischen Wehrmacht und Bundeswehr. Allerdings wollte Letztere davon im Laufe der Jahrzehnte umso weniger wissen, als die Distanz zur Wehrmacht zum Pfeiler des eigenen Traditions- und Selbstverständnisses wurde (S. 14–17).

Ihre Rolle als Rettungsboot, think tank und anderes mehr spielte die Org. – einem Nachrichtendienst angemessen – nicht als vorpreschender agendasetter, sondern im Hintergrund, fast unsichtbar, als Knoten in einem Netzwerk ehemaliger Generalstabsoffiziere. Letztlich sind es diese Netzwerke und Beziehungsgefüge, auf die Keßelring einen erheblichen Teil seiner Analyse verwendet. Dass die Org. zu einem Knoten in „Generalstabsnetzwerken“ wurde, lag zum einen an Gehlen selbst. Bereits als Leiter der OKH-Abteilung „Fremde Heere Ost“ war er, so Keßelring mit Verweis auf Magnus Pahl37, recht erfolgreich darin gewesen, den Einfluss und Informationsstand seiner Abteilung durch Beziehungsgefüge und Verbindungen zu vergrößern (S. 77). Entscheidend sei aber die Agenda der US-amerikanischen militärischen Führung gewesen, die die Wiederbewaffnung von langer Hand „orchestriert“ habe. Keßelring kann zeigen, dass ab 1947 immer mehr ehemalige deutsche Generalstabsoffiziere aus der „Historical Division (German Section)“38 der US-Streitkräfte in Europa in den Gehlen-Dienst wechselten beziehungsweise in dessen Umfeld gerieten. Zu diesen zählten unter anderen die ehemaligen Generale Hermann Foertsch, Adolf Heusinger und Hans Speidel. Im und um den Gehlen-Dienst sammelten sich Personen, deren militärische Expertise für den Neuaufbau von Streitkräften benötigt wurde. Ein wesentlicher Beitrag der Org. zur Wiederbewaffnung habe darin bestanden, diesen Personenkreis zusammengehalten, mit US-Stellen in Kontakt gebracht, im Einzelfall auch finanziert zu haben (Henke, S. 408 f.).

Ab April 1949 liefen diese Netzwerke in der neu gegründeten „Dienststelle 35“ zusammen. Diese Dienststelle war für die Pflege der „Sonderverbindungen“ des Dienstes insgesamt zuständig. Doch spielte die Pflege der „Generalstabsnetzwerke“ und zunehmend auch administrative Unterstützung der Wiederbewaffnungsbestrebungen eine herausgehobene Rolle (S. 93). Dabei ging es auch um konzeptionelle Arbeit: Unter welchen Bedingungen sollte die Bundesrepublik einen Wehrbeitrag leisten, der das Fundament für Adenauers Politik der Westbindung darstellte? Die „Dienststelle 35“ erarbeitete hier, gewissermaßen als ‚Schattengeneralstab‘ des ‚Triumvirats‘ Foertsch, Heusinger und Speidel, früh zentrale Positionen, die bis zur Aufstellung von Streitkräften 1956 durchgehalten wurden. Zu diesen Positionen zählt die Forderung, deutsche Verbände mit modernsten Waffen auszustatten (und nicht als potenzielles „Kanonenfutter“ zu behandeln). In der bisherigen Forschung sind diese und weitere Positionen allein mit der „Himmeroder Denkschrift“ vom Dezember 1950 verbunden worden, die als magna carta der westdeutschen Wiederbewaffnung gilt. Tatsächlich, so Keßelring, wurden sie bereits seit 1949 durch Org.-Mitarbeiter wie John von Freyend „erarbeitet, ausgehandelt und durchgesetzt“ (S. 170 f.). Das Engagement des Gehlen-Diensts für die Wiederbewaffnung ging freilich über die Rolle eines Think Tanks weit hinaus. So behielt die Dienststelle 35 den medialen Diskurs im Blick und bemühte sich, extreme Positionen von Ex-Militärs zu unterdrücken; den ehemaligen Fallschirmjägergeneral Hermann-Bernhard Ramcke, der im Oktober 1952 öffentlich die Westalliierten als Kriegsverbrecher angegriffen hatte, brachte sie etwa über dessen vormaligen Vorgesetzten, den Feldmarschall Albert Kesselring zum Schweigen. Die Dienststelle hatte maßgeblichen Anteil an der Vorbereitung der Ehrenerklärung, die der Bundeskanzler am 3. Dezember 1952 vor dem Bundestag für die ehemaligen deutschen Soldaten abgab (S. 209) und die für viele ehemalige Offiziere eine Voraussetzung dafür war, sich den neuen Streitkräften der Bundesrepublik zu unterstellen (S. 467). Daneben unterstützte sie militärische Notfallplanungen für den Fall eines sowjetischen Angriffs, deren Rekonstruktion zu den zentralen Befunden von Keßelrings Studie zählt. So übernahm der Gehlen-Dienst im Sommer 1951 zeitweilig die „Federführung“ für die so genannte Schnez-Organisation (S. 246), eine in Südwestdeutschland aktive Kaderorganisation des ehemaligen Oberst Albert Schnez. Diese war mit Unterstützung von US-Dienststellen aufgestellt worden, ihr Ziel bestand darin, im Kriegsfall drei Divisionen aus ehemaligen Eliteverbänden der Wehrmacht aufzustellen.

Bleibende Bedeutung bis zum Ende des Kalten Krieges behielt ein weiteres militärische Aufgabenfeld der Org.: Die Vorbereitung von „Stay-Behind“-Organisationen, zeitgenössisch „Rücklassnetze“ genannt, die nach einer sowjetischen Besetzung der Bundesrepublik in Aktion hätten treten sollen. Das Thema „Stay Behind“ hat nach 1989/90 in den Massenmedien und in semi-wissenschaftlichen Veröffentlichungen große Beachtung erfahren.39 Von deren teilweise sensationalistischen Befunden grenzt sich Keßelring ab: Die Netze der Organisation Gehlen („Storch“ und „Fox“) hatten einerseits im Frieden vorwiegend auf dem Papier bestanden – anders als analoge US-amerikanische Aktivitäten. Andererseits hatten sie, so Keßelring, wenig mit Kleinkriegführung zu tun gehabt. Man bereitete sich auf die Informationsgewinnung über feindliche Besatzungsstreitkräfte vor, nicht auf deren Bekämpfung (S. 311 f.). Allerdings änderte sich der Charakter dieser Aktivitäten nach Aufstellung der Bundeswehr: In den 1960er Jahren bereitete der BND im Zusammenspiel mit der Bundeswehr dann auch Formationen auf die subversive Kriegführung vor (S. 423, 450).

Die Analyse der „Stay-Behind“- und „unconventional warfare“-Planungen ist aus militärhistorischer Sicht aufschlussreich. Sie führt aber ein wenig von den zentralen Befunden der Studie weg: Die Organisation Gehlen war im Rahmen der „amerikanisch-deutschen ‚Großoperation Remilitarisierung‘ […] Nukleus des späteren Bundesministeriums für Verteidigung und der Bundeswehr“ (S. 477). Die Org. war ein ‚Rettungsboot‘ für Teile des aufgelösten Generalstabs, in ihr wurde wesentliche Konzeptarbeit in Sachen Wiederbewaffnung geleistet. Zudem stifteten ihre Mitarbeitenden und Sonderverbindungen Konsens innerhalb der Gruppe ehemaliger Spitzenmilitärs, deren Expertise beziehungsweise Loyalität unverzichtbar erschien – schließlich bemühte sich der Gehlen-Dienst um Rückhalt für die Wiederbewaffnung in der Gruppe der ehemaligen Berufssoldaten beziehungsweise der Gesamtgesellschaft. All diese Aktivitäten korrespondieren mit jener Politik der inneren Sicherheit, die vom Bundesministerium des Innern und hier besonders von Staatssekretär Hans Ritter von Lex verfolgt wurde.40 Im Rahmen dieser Politik der inneren und äußeren Sicherheit aber war die Org. als „unsichtbarer Akteur“ schwer ersetzbar: In einer in Sachen Wiederbewaffnung polarisierten politischen Öffentlichkeit bedurfte es eines Geheimdienstes, um ungestört durch öffentliche Interventionen Konzepte abzustimmen, Personal zu selektieren und Kompromisse aushandeln zu können. Die Schattenseiten dieses Vermögens, verdeckt Einfluss nehmen zu können, sind das Thema der Studien des UHK-Sprechers Klaus-Dietmar Henke.

„Historisch einzigartige Gesinnungsschnüffelei“

Die beiden von Henke verfassten Bände über die Inlandsspionage der Organisation Gehlen beziehungsweise des BND (von denen hier nur der erste, den Zeitraum bis 1953 abdeckende Band berücksichtigt werden konnte; Bd. 2 wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2021 erscheinen) stellen so etwas wie den geschichtspolitischen Kern des gesamten UHK-Projekts dar. Mit Blick auf die Frage, wie das Wirken des Gehlen-Dienstes unter der Kanzlerschaft Konrad Adenauers zu beurteilen ist, inwiefern er den demokratischen Neuanfang belastete oder gar hemmte, wird man künftig vor allem die Henke-Bände heranziehen. Henke vertritt seine Leitthese im gesamten Band mit großer Entschiedenheit: Der Gehlen-Dienst praktizierte zwei Jahrzehnte lang eine illegale Ausforschung des demokratischen Milieus in der Bundesrepublik. Mit seinem auf irregulären Wegen gewonnenen Wissen über Politiker_innen, Parteien und Verbände links von der CDU/CSU versorgte der Dienst das Bundeskanzleramt und stützte damit, so Henke, den autoritären Charakter der jungen Bundesrepublik. Dabei lässt der Autor seine Leser_innen über seine Haltung gegenüber diesen Aktivitäten nicht im Ungewissen: Er spricht von der „Ungeheuerlichkeit illegaler Ausforschung, Unterwanderung, Irreführung, Gesinnungsschnüffelei, Verleumdung und Einflussnahme in der Hochzeit des Kalten Kriegs“ (S. 18), die er als „historisch einzigartig“ einstuft (S. 11). Stärker als die meisten anderen Bände der UHK lässt sich Henkes „Geheime Dienste“ damit als historische Aufarbeitung charakterisieren, die – in Bezug auf die Geschichte der jungen Bundesrepublik – jüngere Deutungsmuster in Frage stellt und eher die alte These eines restaurativen Regimes bestätigt.41

Die Aktivitäten der „Operation Rusty“ auf dem Feld der Inlandsspionage setzten bereits 1946 ein, von Beginn an bemäntelt als „Spionageabwehr“. Fast unmittelbar nach Kriegsende sammelte damit wieder eine deutsche Organisation belastende Informationen und das ausgerechnet in Bezug auf Personen, die als Hoffnungsträger eines demokratischen Neuanfangs gelten konnten – etwa über den Journalisten und Lizenznehmer der „Süddeutschen Zeitung“ Werner Friedmann, über den im Duktus der NS-Repressionsorgane unter anderem festgehalten wurde, dass er „übrigens Halbjude“ sei (S. 79). Ermöglicht wurde dieses schnelle Wiederaufleben alter Deutungs- und Handlungsmuster durch die US-Besatzungsmacht. Zwar war den Amerikanern klar, dass die Inlandsaufklärung des Gehlen-Dienstes hochgradig dilettantisch erfolgte. Gesehen wurde auch, dass sich diese Aktivitäten auf den Antikommunismus von Org.-Angehörigen stützten, die in einem US-Dokument als „most reactionary and nationalistic Germans“ gefasst wurden (S. 52). Doch US-Militärs und Nachrichtendienstler_innen teilten die „Subversionsphobie“, die übersteigerte Angst vor kommunistischer Unterwanderung, die im Gehlen-Dienst grassierte. Gerade vor dem Hintergrund der Verschlechterung der Beziehungen zur Sowjetunion seit 1947/48 wollte man auf die Pullacher Berichterstattung nicht verzichten, so verschwörungstheoretisch sie auch gehalten sein mochte. Ein Opfer Pullacher Anschuldigungen war in diesen Jahren der Publizist und Gesellschaftswissenschaftler Eugen Kogon (Autor des „SS-Staats“), ein früher Gegner der Wiederbewaffnung: Nachdem die Org. denunzierende Informationen über ihn an die US-Spionageabwehr weitergeleitet hatte, führten die Amerikaner Ende 1948 eine Razzia in seiner Wohnung durch (S. 81).

Schon bald gingen banale und brisante innenpolitische Informationen nicht mehr nur an US-Dienststellen. Gestützt auf weltanschauliche Schnittflächen (vor allem Antikommunismus und Konservatismus) baute Reinhard Gehlen zunächst in Bayern Kontakte zu den dortigen Entscheidungsträgern auf. Dabei fußten die Kontakte auf einem do ut des: Gehlen lieferte Informationen, etwa über „kommunistische Umtriebe“ in der Polizei oder „Ostkontakte“ von Oppositionspolitikern, und erhielt dafür Einflussmöglichkeiten, zum Beispiel auf die Besetzung von Leitungspositionen in Ministerien und Sicherheitsorganen.

1949/50 verlegte Gehlen den Schwerpunkt seiner Kontaktpolitik nach Bonn. Intensiv bemühte er sich um den Präsidentenposten des neuen Bundesamts für Verfassungsschutz, erlebte aber eine Bruchlandung: Die Briten erhoben ihr Veto, die Amerikaner gaben diesem nach. Besser verlief seine Fühlungnahme zum Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt, Hans Globke, mit dem er sich in einem „weltanschaulichen Gleichklang“ bewegte und der schnell zum bevorzugten Adressaten der Ergebnisse der Inlandsspionage wurde. Bereits 1951/52 wurde Globke von den Trägern der Inlandsspionage der Org. – der für Sonderverbindungen zuständigen „Dienststelle 35“, der Spionageabwehr (intern mit der Chiffre „40“ bezeichnet) und dem „Strategischen Dienst“ – mit Papier „regelrecht überschüttet“. Allein im Oktober 1952 erhielt Globke 55 Berichte aus Pullach, „hinzu kamen häufige Telefonate und viele Fernschreiben […] oder ‚Funkvorausmeldungen‘“ (S. 288).

Freilich blieb der Dienst nicht auf die Rolle des Informationslieferanten beschränkt. Die frühen 1950er Jahre waren auch auf dem Feld der inneren und äußeren Sicherheit eine Zeit der Ressourcen- und Verteilungskämpfe, in die sich Gehlen aktiv einschaltete. Detailliert zeichnet Henke nach, wie Gehlen „Ressentiment, üble Nachrede und Verleumdung“ als „Waffen im Kampf um innenpolitischen Geländegewinn“ einsetzte (S. 450): Zunächst gegen Gerhard Graf von Schwerin, den ersten militärischen Berater Adenauers, dann gegen Friedrich Wilhelm Heinz, den Leiter des kleinen militärischen Nachrichtendienstes im Amt Blank, schließlich gegen Otto John, den ersten Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, der als Mann des „20. Juli“ und Protegé der Briten als natürlicher „Feind“ Pullachs gelten konnte. In allen drei Fällen kann Henke zeigen, dass Gehlen und seine Männer Informationen fingierten, Heinz als sowjetischen und John als englischen Agenten diskreditierten, dass sie Tatsachen verdrehten und die Ermittlungen insbesondere gegen Heinz und John wie zentrale Vorgänge der Gegenspionage geführt wurden.

Ideologisch verzerrt war auch der Blick der Org. auf die westdeutschen Massenmedien. Das zeigt sich an ihrer Beobachtung des NWDR: Dieser war von der britischen Besatzungsmacht mit einem expliziten Demokratisierungsauftrag versehen worden, die Spionageabwehr des Gehlen-Dienstes beschrieb ihn indes immer wieder als potenzielle sowjetische Spionagezentrale. Interna aus dem NWDR beziehungsweise dem WDR erhielt Pullach bis Ende der 1960er Jahre (!) von einem leitenden Mitarbeiter des Senders, der in Pullach als V‑Mann geführt wurde (S. 475). Gleichzeitig zeigte sich die Org. gegenüber der sich entfaltenden Mediendemokratie durchaus anpassungsfähig. Diverse Pressekontakte fußen auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens – was sich übrigens in den USA beziehungsweise in Großbritannien zeitgleich ganz ähnlich darstellte42, so dass die Gehlen’sche Medienpolitik eigentlich nicht als Ausweis für eine singulär-demokratiegefährdende Rolle seines Dienstes herhalten kann.

Das Paradebeispiel für Gehlens geheime Netzwerke in die Medienlandschaft sind für Henke die Beziehungen der Org. zum Hamburger „Spiegel“. In späteren Jahrzehnten gerierte sich dieser als Hauptgegner des BND, doch in den frühen 1950er Jahren war die Org. für Rudolf Augstein als Informationslieferant durchaus interessant. Augstein verfolgte das redaktionelle Konzept, die westdeutsche Öffentlichkeit immer wieder mit Enthüllungen aus der jüngsten deutschen Geschichte zu konfrontieren – wofür Kontakte zur Org. allein aufgrund der Zeitzeugenschaft vieler Mitarbeiter nützlich waren. So tauschten Pullach und der „Spiegel“ mehr oder minder geheime Informationen gegen eine nicht nur schonende, sondern wohlwollende Behandlung des Dienstes durch das Hamburger Nachrichtenmagazin (S. 507).

Ein für Zeithistoriker_innen besonders spannend zu lesender Abschnitt behandelt die Verbindungen des Dienstes zur so genannten Abendland-Bewegung – die sich „die Erneuerung Deutschlands und Europas aus dem Geiste christlicher Zivilisation auf die Fahnen geschrieben“ hatte (S. 534 f.) – sowie zum Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ). Die Schlüsselfigur war hier der CSU-Politiker, Protagonist der „Abendländer“ und Gründungsdirektor des IfZ, Gerhard Kroll. Dieser war eng mit dem Leiter des „strategischen Dienstes“ der Org, Wolfgang Langkau, befreundet und diente Pullach bis zu seinem Tod als (fürstlich entlohnter) V‑Mann. Langkau wiederum war, so kann Henke zeigen, zeitweilig am IfZ abgedeckt, das heißt zur Tarnung dort beschäftigt – ebenso wie die Org.-Sonderverbindung General a.D. Hans Speidel, der, auf Bitten des regulär am IfZ beschäftigten Hermann Foertsch, sogar zum Mitherausgeber der Vierteljahrshefte zur Zeitgeschichte wurde. Foertsch war am IfZ nicht zuletzt damit beschäftigt, den Adenauer’schen Wiederbewaffnungskurs militärgeschichtlich zu flankieren (S. 570); im Anschluss an sein IfZ-Engagement wechselte er in den Gehlen-Dienst, wo er als Verantwortlicher für das Feld der antikommunistischen Propaganda reüssieren sollte.

So erhellend und mitunter überraschend die Offenlegung derartiger Verbindungen auch ist, diese sind, und daran lässt auch Henke keinen Zweifel, nicht mit politischem Einfluss des Dienstes zu verwechseln. Hermann Foertsch etwa war in seiner IfZ-Zeit (und wohl auch danach) ebenso ein eigenständiger Kopf wie Rudolf Augstein, der aus taktischen Gründen auf Pullach Rücksicht nehmen mochte, sich aber jeden Versuch einer redaktionellen Einflussnahme verboten hätte. Beeindruckend bleibt aber die Breite dieser Verbindungen, die mit dem Umfang der innenpolitischen Aufklärungsinteressen korrespondiert. Selbst die Arbeitgeberverbände erhielten die Aufmerksamkeit des Dienstes, freilich weniger als Aufklärungsziele denn als schutzbedürftige Partner, denen sich die Org. etwa beim Aufbau einer „Beratungsstelle für Betriebsschutz“ andiente (S. 634).

Zu guter Letzt präsentiert Henke dann noch einen besonderen Clou: Den Beleg dafür, dass zumindest ein westdeutscher Spitzenpolitiker als V‑Mann für die Org. arbeitete: Der FDP-Bundestagsabgeordnete Victor-Emanuel Preußer, der 1953 Bundesminister für den Wohnungsbau wurde, und dessen Sekretär Pullach gleichfalls verpflichten konnte (S. 666 ff.). Von diesen beiden Männern, über die Henke in gewohnter Deutlichkeit urteilt – „schlicht Spitzel […] die ihre eigene Partei hintergingen“ – erhielt der Gehlen-Dienst einen Strom von Meldungen aus dem Innersten der FDP-Spitze, die insbesondere in den Krisenzeiten der Regierungskoalition im Bundeskanzleramt begierig aufgenommen worden sein dürften. Mit Blick auf die Aufklärung der SPD hingegen kam der Dienst nicht wesentlich über das Niveau eines gut informierten Zeitungslesers hinaus: V‑Leute gewann sie im Umfeld der Parteispitze bis 1953 nicht.

Diejenigen, die nach knapp 800 Seiten inmitten des ausgebreiteten Materials ein wenig die Orientierung verloren haben, werden vom Autor in seinem Resümee wieder abgeholt. Die Org. praktizierte, so fasst Henke zusammen, eine illegale Ausforschung des demokratischen Milieus der Bundesrepublik im Zeichen einer „hochtourig laufenden Gefahrenproduktion“ (S. 775). Die Ausrichtung der Inlandsspionage, als „Spionageabwehr“ bemäntelt, war antiliberal-reaktionär, wenn auch noch ohne jenen Anspruch auf Politikgestaltung, der in den 1960er Jahren sichtbar wird (Dülffer, S. 639). Das alles überragende Ziel war in den frühen 1950er Jahren noch die mittelfristige Existenzsicherung. Diesem Ziel aber, und hier dürfte Henke auch diejenigen seiner Leser_innen überzeugen, die an der „historischen Einzigartigkeit“ (S. 11) dieser Aktivitäten noch zweifeln, dürfte durch die Übermittlung von internen Informationen aus der FDP-Führung an Hans Globke tatsächlich mehr gedient worden sein als durch das Zählen sowjetischer Panzer in der DDR, für das schlecht ausgebildete „Standortbeobachter“ des Dienstes zeitgleich ihr Leben auf Spiel setzten.

Zwischen Agonie und Neustart: der BND in den 1960er Jahren

Die Frage, wie sich die Inlandsspionage des Gehlen-Dienstes nach 1953 bis in die frühen 1960er Jahre weiterentwickelte, wird in Klaus-Dietmar Henkes zweitem „Geheime Dienste“-Band beantwortet werden. Aus den Ausblicken, die Henke in seinem ersten Band auf die zweite Hälfte der 1950er Jahre gibt, wird deutlich, dass sich das Ausmaß der „Gesinnungsschnüffelei“ und vor allem der Überwachung von FDP und SPD noch beträchtlich steigerte – bis hin zu einem V‑Mann des BND im SPD-Parteivorstand. Man kann daher davon ausgehen, dass Henke seine bisherige Argumentationslinie auch für die zweite Hälfte der 1950er Jahre beibehalten – und mit diesem Wissen direkt in die frühen 1960er Jahre springen wird, als der Dienst sich in einer doppelten oder dreifachen Krise befand.

Diese Krise ist Ausgangspunkt und durchgängiges Narrativ für Jost Dülffers Analyse der Rolle, die der BND in der Innenpolitik der Bundesrepublik der 1960er Jahre spielte. Diese Krise war ausgelöst worden erstens durch die Enttarnung Heinz Felfes, des Leiters der Gegenspionage des BND, als KGB-Agent im Jahre 1961,43 zweitens durch eine (sich auf die vormalige SD-Zugehörigkeit Felfes beziehende) öffentliche Debatte über die Durchsetzung des BND mit ehemaligen Angehörigen der NS-Repressionsorgane und schließlich durch die „Spiegel-Affäre“ des Jahres 1962: In deren Verlauf war die Frage aufgetaucht, in welchem Maße der BND vorab über den inkriminierten Spiegel-Artikel „Bedingt abwehrbereit?“ informiert war oder gar mit der „Spiegel“-Redaktion in dieser Sache zusammengearbeitet hatte.

Die tiefe Ursache dieser Krise lag darin, dass seit den frühen 1960er Jahren die Grundlage für die Sonderstellung des BND als „de facto unkontrollierter Teil des westdeutschen Staatsapparats“ (Wolf) zunehmend erodierte – nämlich der Rückhalt des Dienstes bei Bundeskanzler Adenauer. Zu Adenauers letzten politischen Initiativen zählte ein am 2. Oktober 1963 gefasster Kabinettsbeschluss, der den rechtlich vagen Zustand einer „Angliederung“ des BND an das Bundeskanzleramt durch eine formelle „Unterstellung“ ersetzte. Dülffer deutet dies als eine Art „Vermächtnis“ des Gründungskanzlers an seine Nachfolger, das freilich jahrelang unerfüllt blieb.

Denn die BND-Spitze war fest entschlossen, diesen Kabinettsbeschluss zu ignorieren – und kam damit erstaunlicherweise zunächst auch durch. Erleichtert wurde dieses Vorhaben dadurch, dass sich die neue Spitze des Bundeskanzleramts, Ludwig Erhard und dessen Staatssekretär Ludger Westrick, am BND leidlich desinteressiert zeigten. Erst unter der Kanzlerschaft Kiesingers, – genauer: unter dem Staatssekretär im Bundeskanzleramt Karl Carstens und vor allem, ab Herbst 1969, unter dessen Nachfolger Horst Ehmke – wurde mit der „Unterstellung“ und intensivierter Fachaufsicht ernst gemacht. Das hatte mit der Persönlichkeit Carstens und mit der Interessenlage Ehmkes zu tun: Ehmke forderte ab 1969 erstmals außenpolitisch entscheidungsrelevante Informationen über die DDR – also strategic intelligence – ein, zur Unterstützung der „neuen Ostpolitik“ der sozialliberalen Koalition. Dazu musste der BND indes leidlich funktionieren.

Dass er dies in der Spätphase der Ära Gehlen nicht (mehr) tat, war dem Bundeskanzleramt nicht zuletzt durch eine Beschwerdewelle aus dem BND selbst deutlich gemacht worden, die Mitte der 1960er Jahre eingesetzt hatte. Es ging um die allgemeine Ineffizienz des Dienstes, um Günstlingswirtschaft und Rechtsverstöße, sowie um ein Klima des Misstrauens und der Angst. Bei all dem handelte es sich letztlich um direkte Folgen des Gehlen’schen Führungsstils, der aber von einer sich verjüngenden Mitarbeiterschaft und im Kontext einer sich dynamisch verändernden Gesellschaft nicht mehr ohne weiteres hingenommen wurde. Diese Beschwerden wurden im Bundeskanzleramt für so gravierend gehalten, dass eine regierungsinterne Prüfkommission unter dem ehemaligen Staatssekretär Reinhard Mercker eingesetzt wurde. Das Ergebnis, der zunächst streng geheim gehaltene Mercker-Bericht, wurde im Sommer 1969 Staatssekretär Carstens übergeben. Der Bericht stellte Legitimation und Referenz einer in den folgenden Jahren nun sehr viel intensiveren ‚Betreuung‘ des BND dar. Heute würde man von einem ‚Mikro-Management‘ durch das Bundeskanzleramt sprechen.

Ähnlich langwierig wie die Etablierung einer effektiven Fachaufsicht vollzog sich die Ausweitung parlamentarischer Kontrollbefugnisse. Mit Blick auf dieses Themenfeld geht Dülffer – sinnvollerweise – über seinen Untersuchungszeitraum hinaus und bietet eine Längsschnittanalyse der Anfänge einer Nachrichtendienstkontrolle durch den Bundestag bis Ende der 1970er Jahre. Dank der Einbeziehung von klassifiziertem Schriftgut kann Dülffer hier deutlich über den bisherigen Forschungsstand hinausgehen.44 In den späten 1950er Jahren wurde das Parlamentarische Vertrauensmännergremium (PVMG), von Dülffer als Honoratiorenkollegium charakterisiert, nur wenige Male einberufen. Es ging hier weniger um Nachrichtendienstkontrolle, sondern darum, mögliche Kritik aus dem Parlament dadurch zu vermeiden, dass die Fraktionsvorsitzenden in Angelegenheiten des Dienstes einbezogen wurden, auch wenn ihnen in den Sitzungen nur Allgemeines und Harmloses präsentiert wurde.

Dies gelang bis in die zweite Hälfte der 1960er Jahre ausgezeichnet. Im Allgemeinen waren die Sitzungen des Gremiums eine Gelegenheit für den BND, Informationspolitik in eigener Sache zu betreiben beziehungsweise die Abgeordneten, so Dülffer, durch angeblich geheime Informationen „einzulullen“ (S. 625). Die Einrichtung eines ständigen Bundestagsausschusses für die Nachrichtendienste mit formalen Kontrollbefugnissen stand zwar seit Ende der 1950er Jahre im Raum. Sie wurde jedoch erst 1978, vor dem Hintergrund einer vor allem das BfV betreffenden Abhöraffäre (der „Traube-Affäre“) verwirklicht. Bis dahin wurden, so Dülffers Negativbilanz des PVMG, kaum einmal übergreifende Themen aller westdeutschen Nachrichtendienste erörtert. Auch sei nicht sichtbar, ob einzelne kritische Nachfragen, die die Parlamentarier während der Sitzungen stellten, je zu Reformen geführt hatten – vermutlich nicht, da die Missstände durch die Vertrauensmänner ja nicht öffentlich gemacht werden konnten und insofern auch kein medialer Druck bestand.

So berechtigt Dülffers kritische Perspektive aus heutiger Sicht erscheinen muss, so ergiebig dürfte es sein, weiterführende Forschungen zur Etablierung einer Nachrichtendienstkontrolle in der Bundesrepublik mit Vergleichsperspektiven zu versehen. Auch in den USA war der Weg zu einer effizienten Nachrichtendienstkontrolle langwierig, auch in den USA waren die Beziehungen zwischen den zuständigen Kongressabgeordneten und CIA-Direktor Allen Dulles durch Informalität und wechselseitiges Wohlwollen gekennzeichnet.45 Insofern stellt sich schon die Frage, inwieweit das PVMG als Beispiel für ein rückständiges parlamentarisches Selbstvertrauen in Westdeutschland herangezogen werden kann. War dieses Gremium nicht mindestens in demselben Maße Ausdruck einer politischen Kultur des Kalten Kriegs, die ein kritisches Nachfragen zu Themen der nationalen Sicherheit als illegitim erscheinen ließ? Noch weitaus stärker war etwa Großbritannien durch diese Kultur der secrecy geprägt. Die britischen Regierungen gestanden bis Ende der 1980er Jahre öffentlich nicht einmal ein, überhaupt geheime Nachrichtendienste zu unterhalten.46

Nach der Fachaufsicht – in diesem Fall durch das Bundeskanzleramt – und der parlamentarischen Beteiligung gelten die Massenmedien als weiterer Pfeiler der Nachrichtendienstkontrolle in liberalen Gesellschaften. Mit Blick auf die Beziehungen zwischen BND und den Medien zeigen sich für die 1960er Jahre einerseits die aus den 1950er Jahren vertrauten Muster: Es bestand noch immer ein umfassendes Netz von „Sonderverbindungen“ in die Redaktionen von Presse und Rundfunk; 1968 hatte der BND internen Angaben zufolge etwa 160 „Presseverbindungen“ (S. 551). Als Neuerung im Vergleich zu dem vorangegangenen Jahrzehnt macht Dülffer einen stärkeren Anspruch des BND auf innenpolitische Einflussnahme aus. Man wollte bestimmte Themen setzen, etwa durch den von BND-Medienleuten und dem WDR-Journalisten gemeinsam produzierten „Roten Brief“: Dabei handelte es sich um einen Informationsdienst, der vor einen angeblich kommunistisch gefärbten mainstream bundesdeutscher Medien warnen sollte (S. 556).

Hier fügen sich auch die Versuche des Dienstes ein, die westdeutsche Gesellschaft auf dem Wege der „psychologischen Kriegsführung“ „antikommunistisch zu imprägnieren“: Eine eigene Dienststelle des BND befasste sich intensiv mit der „psychopolitischen Lage“ in West und Ost, produzierte Broschüren, Druckschriften und Handbücher (zum Beispiel „Was Kommunisten fragen – Argumente für Gespräche mit Menschen aus dem Ostblock“) und war sogar um internationale Vernetzung im Rahmen der antikommunistischen Arbeitsgruppe „Interdok“ bestrebt. Die nachrichtendienstlichen Versuche, soft power im „kulturellen Kalten Krieg“ anzuwenden, bieten auch für die deutsche Zeitgeschichtsforschung weitere Forschungsperspektiven.

Gegen Ende des Untersuchungszeitraums erfolgte in den Pressebeziehungen des Dienstes, um auf diese zurückzukommen, dann doch noch ein Wandel im Zeichen einer „regulation by revelation“, einer Nachrichtendienstkontrolle durch investigativen Journalismus47: Die „Spiegel“-Serie „Pullach intern“, deren Produktion und politische Weiterungen Dülffer bereits in einer früheren Publikation analysiert hat,48 startete als leidlich funktionierende Zusammenarbeit zwischen Nachrichtendienst und Nachrichtenmagazin, endete aber mit einem handfesten Zerwürfnis, das die CDU/CSU-Opposition zu einem Generalangriff auf die Regierung Brandt und ihre Steuerung des BND auszuschlachten versuchte.

Dülffers Analyse des BND der 1950er Jahre umfasst noch weitere Themenstränge: Etwa den Wandel der Haushaltskontrolle des BND (hin zu einer echten Budgetkontrolle) sowie die Entwicklung des G10-Gesetzes zur Fernmeldeüberwachung, an welcher der Dienst weitaus weniger Anteil hatte als angestrebt. Auf jedem seiner Untersuchungsstränge kommt Dülffer indes zu einem ähnlichen Bild: Das Hereinwachsen des Gehlen-Dienstes in das politische System einer liberalen – beziehungsweise sich liberalisierenden – Demokratie verlief langsam, ging mit Verwerfungen und einem immensen Vertrauensverlust in den BND einher. Aber dieses Hineinwachsen fand doch statt, es kam zu einer allmählichen Verringerung der Bruchflächen zwischen dem Dienst, der noch lange im Schatten der „Freikorpszeit“, also der Gründungs- und Aufbaujahre jenseits von Recht und Gesetz, stand, und einem politischen System, das in punkto Demokratiedurchsetzung dem Dienst jeweils mehrere Schritte voraus war. So tief die Agonie des Dienstes in der Endzeit der Ära Gehlens gewesen sein mochte, insgesamt erscheint dieser Befund Dülffers als ein durchaus hoffnungsvoller.

Ausblick: Der westdeutsche „secret state“ zwischen Geheimdienstkrieg und Gesellschaftsanalyse

Wenn es nun abschließend um eine Synthese der im Vorangehenden skizzierten Befunde geht, dann soll ein Punkt gleich herausgestellt werden: Als Einzelstudien wie auch in der Zusammenschau kommen die Titel der UHK zu deutlichen, teilweise dezidiert kritischen Urteilen gegenüber ihrem Gegenstand. Das mag nicht weiter erwähnenswert erscheinen, gilt die Kritik doch als Ausgangspunkt jeglicher historischen Analyse. Doch vor dem Hintergrund einer Diskussion über die so genannte Auftragsforschung, in deren Rahmen dem einzelnen Projekt auch Fremdsteuerung und in ihrer Reichweite begrenzte Fragestellungen vorgehalten werden49, lohnt es, zu betonen: Die Autor_innen der UHK nennen die mangelnde Funktionalität und Integrität des Gehlen-Dienstes beim Namen, enttarnen Gehlen selbst als notorischen Lügner und dessen DDR-Aufklärung als Luftnummer. Die Frage ist aber nun, welche Beiträge und Anstöße die mehrdimensionale Analyse des Gehlen-Dienstes für eine Geschichte der Nachrichtendienste, beziehungsweise für eine auf die Bundesrepublik bezogene Zeitgeschichtsforschung leistet.

Als Ausgangspunkt mag hier die Beobachtung dienen, dass der Gehlen-Dienst nicht nur deshalb als eine „Übergangsorganisation“ (Wolf) gelten kann, weil er personelle und mentale Kontinuitäten zwischen NS-Diktatur und westdeutscher Demokratie verkörpert. Eine Übergangsorganisation war er auch mit Blick auf den Wandel seiner nachrichtendienstlichen Praxis. Denn im Untersuchungszeitraum der UHK vollzog sich ein Übergang von dem ‚wilden‘ Geheimdienstkrieg der späten 1940er und frühen 1950er Jahre hin zur Etablierung von intelligence als breit ausgerichteter Produktion geheimen Staatswissens und als Teil ziviler Staatlichkeit. Im „Krieg der Geheimdienste“ war der Gehlen-Dienst ein zentraler Akteur auf deutschem Boden, auch wenn er nicht zum Mittel verdeckter Operationen, also zum Beispiel zu Sabotage in der DDR, griff (anders als der große Patendienst CIA). Über diesen „Krieg“ wissen wir Dank der UHK nun weitaus mehr und Differenzierteres als in Zeiten, in denen die empirische Grundlage in erster Linie aus Insiderberichten und CIA-Dokumenten bestand. Das betrifft etwa die von der Org. betriebene „Massenspionage“ auf den Boden der DDR, die Bemühungen, ein Netz von Agentenfunkern aufzubauen, sowie die Vorbereitungen für eine (wenn auch defensiv ausgerichtete) „Stay-Behind“-Struktur.

Mit der relativen Stabilisierung des sowjetisch beherrschten Ostmitteleuropas nach 1953 beziehungsweise 1956, veränderten sich die Anforderungen an den jungen BND. Viele jener Probleme, unter denen der Dienst in den 1960er Jahren litt, lassen sich auch als Ausdruck von Anpassungsproblemen an veränderte Rahmenbedingungen fassen – als „intelligence adaptation failure“, wie es für die US-Dienste der 1990er Jahre eindrucksvoll beschrieben worden ist.50 Der Gehlen-Dienst geriet in eine Phase der Desorientierung, der Neubestimmung der eigenen Rolle. Diese Desorientierung fasst niemand besser in Worte als Reinhard Gehlen selbst, der seinen Dienst in den 1960er Jahren mal martialisch als „einzigen kämpfenden Verband“ der Bundesrepublik pries, mal dessen Zukunft als die einer Art von „wissenschaftlichem Institut“ imaginierte (Dülffer, S. 420). In diesem Anpassungsprozess liefen zukunftsträchtige Entwicklungen und fortgesetztes Scheitern nebeneinander. Dem Aufbau der wissenschaftlich arbeitenden, von CIA-Direktor Dulles persönlich gelobten „Zentralstelle für das Chiffrierwesen“51 stand ein stetiger Bedeutungsverlust der DDR-Aufklärung mittels menschlicher Quellen gegenüber. Beispiele für erfolgreiches Organisationslernen und Indizien für eine blockierte Modernisierung stehen in den Bänden der UHK etwas unverbunden nebeneinander, wobei die Autoren dazu neigen, Letztere höher zu gewichten als Erstere. Dem ist hier gar nicht zu widersprechen. Doch muss ein Ansatzpunkt einer künftigen, auf den BND bezogenen intelligence history darin bestehen, diese beiden Stränge stärker zusammenzuführen und etwa den Aufstieg der Technischen Aufklärung auf den Niedergang der Spionage mittels Standortbeobachtern und Innenquellen zu beziehen.

Was in den bisher erschienenen UHK-Bänden zudem etwas kurz kommt, ist der Abgleich der BND-Aktivitäten mit der zentralen Funktion, die Spionage im Kalten Krieg hatte: Das Erkennen von Angriffsabsichten des Gegners unter Atomkriegsbedingungen. Hieran, und nicht an der politischen Aufklärung, entschied sich die Frage der Leistungsfähigkeit und Bedeutung von Geheimdiensten. An dieser Priorität ist folglich auch der BND zu messen. Doch gerade hier bleiben die einschlägigen UHK-Bände etwas vage. Ronny Heidenreich beschreibt zwar, dass das Netz der Standortbeobachter nach 1953 immer löchriger wurde und dass die westlichen Partnerdienste hier besser aufgestellt gewesen seien. Aber mehr erfährt man dann auch nicht. Weder die Qualität der einschlägigen Berichte, noch die Reaktionsgeschwindigkeit des Dienstes werden näher betrachtet (punktuell immerhin bei Armin Müller mit Blick auf den Prager Frühling 1968). Und offen bleibt schließlich, in welcher Relation der Aufwand, den der Dienst für die Militäraufklärung betrieb, zu seinem Engagement auf dem Feld der Inlandsaufklärung stand. Im Zuge der Lektüre der UHK-Publikationen kann man sich zumindest abschnittsweise des Eindrucks nicht erwehren, als seien aus Sicht der Autoren Inlandsspionage und innenpolitische Intrigen ein strukturbestimmendes Merkmal des Dienstes gewesen. Doch welche Ressourcen flossen, in Relation zur Militäraufklärung, tatsächlich in dieses Handlungsfeld?

Für die Zeitgeschichtsforschung zur Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre dürfte ein grundlegender Beitrag der UHK-Publikationen zunächst einmal schlicht in dem Nachweis bestehen, dass es auch in der Bundesrepublik so etwas wie einen secret state der „geheimen Dienste“ gab, der Einfluss auf politische Prozesse, wenn nicht auf gesellschaftliche Perzeptionen der Wirklichkeit nahm. In der britischen, französischen und zumal US-Geschichtsschreibung ist die Existenz eines solchen secret state seit jeher unbestritten.52 Nun räumen die Bände der UHK mit der Annahme auf, dass Gehlen-Dienst und Verfassungsschutz in Westdeutschland keine Geschichtswirksamkeit entfaltet haben. Künftige Studien könnten sich, ausgehend von den UHK-Befunden zur Medienpolitik, der Frage annehmen, wie weitgehend auch in der Bundesrepublik der „kulturelle Kalte Krieg“ von den Diensten und ihren Netzwerken (mit)geführt und (mit)gesteuert worden ist.53 Auch die Frage, inwieweit die neuen Bedrohungen der 1970er und 1980er Jahre wie der internationale Terrorismus von den westdeutschen Diensten (sicher in zunehmend engem Austausch mit ihren westlichen Partnern) mit-‚produziert‘ wurden54, ließe sich an diesen Themenkomplex anschließen – eine kontinuierliche Deklassifizierung von Altakten der Dienste immer vorausgesetzt.

Diese zuletzt genannte Perspektive – die Perspektive auf die „geheime Staatlichkeit“ der Bundesrepublik – eröffnet mittelbar eine weitere Dimension staatlichen und politischen Handelns. Demgegenüber ordnen sich mehrere der besprochenen Bände explizit einer der fünf von Axel Schildt angeführten Möglichkeiten zu, „die Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen“:55 Dem Narrativ einer „Belastungsgeschichte“, das von der Frage ausgeht, wie „angesichts der bedrückenden materiellen und moralischen Belastungen (der frühen Bundesrepublik) überhaupt ein zivilisiertes demokratisches Gemeinwesen entstehen konnte“.56

Mit Blick auf dieses Narrativ – und damit für die Historiografie der frühen Bundesrepublik insgesamt – besteht der Beitrag des UHK-Projekts in erster Linie darin, das Ausmaß der Belastungen noch deutlicher konturiert und in einem bisher weniger betrachteten Feld verortet zu haben. Es war ja nicht nur so, dass in der frühen Bundesrepublik eine postfaschistische Gesellschaft gut mit dem semi-autoritären Stil ihrer Regierung harmonierte, dass ‚Schlussstriche‘ gezogen wurden und im Umgang mit den Opfern des Nationalsozialismus eine „zweite Schuld“ auf sich geladen wurde. Auch die politische Praxis der Adenauer-Republik findet sich, so zeigen die Bände etwa von Thomas Wolf und Klaus-Dietmar Henke (sowie von Gerhard Sälter), durch Muster kontaminiert, die in die Jahre vor 1945 zurückreichen. Das gilt etwa mit Blick auf die Ausspähung von Parteizentralen oder die Fabrikation von Anschuldigungen gegenüber Konkurrenten Gehlens oder Vertretern einer liberaleren Demokratie. Ob und in welchem Ausmaß die „stupende politische Trittsicherheit“ Adenauers tatsächlich den geheimen Diensten aus Pullach zu verdanken war, wird vielleicht umstritten bleiben. Dass hingegen Begriffe wie „Staatsdemokratie“ oder „autoritäre Demokratie“57, die seit einiger Zeit im zeithistorischen Diskurs kursieren, eine gewisse Berechtigung haben könnten, wird fortan schwerer zu hinterfragen sein.

Das Belastungsnarrativ im Sinn Axel Schildts zielt aber nicht nur auf eine Problembeschreibung, eben die Belastungen, die in unserem Fall der Gehlen-Dienst verkörpert. Es zielt, wie erwähnt, auch auf die allmähliche Überwindung der Belastungen der jungen westdeutschen Demokratie. Auch hier führen die UHK-Bände weiter, wenn sie auch, durch ihren Untersuchungszeitraum, allenfalls erste Schritte dieser Entwicklung abbilden.

In ihren Effekten einstweilen schwer zu greifen sind hier die Verjüngung und die „Zivilisierung“ des Dienstes, die sich zum Beispiel aus der zunehmenden Einstellung von technischen Experten im Bereich der Technischen Aufklärung ergaben. Deutlicher werden die Folgen der Versuche von Regierung und Parlament konturiert, den BND in die Institutionenordnung der Bundesrepublik einzuordnen. Diese Bemühungen werden insbesondere von Jost Dülffer adressiert, dessen Geschichte der Krise des BND in den 1960er Jahren in erster Linie eine Geschichte von dessen „Einhegung“ durch Fachaufsicht, Parlament, Haushaltskontrolle und die Medienöffentlichkeit ist – wenn auch ohne gloriosen Endpunkt, denn im Jahr 1968 ging das ‚Ausmisten‘ des „Augiasstalls BND“ (Dülffer, S. 641) erst richtig los. Andererseits gab es bereits früh Anzeichen dafür, dass der BND als „Organisation sui generis“ (Wolf, S. 357 ff.) in der Bundesrepublik keine Zukunft hatte. Diese Anzeichen finden sich schon in den 1950er Jahren in Gestalt von SPD-Abgeordneten, die auf stärkere Einbeziehung in die Kontrolle des Dienstes drängten, von Mitarbeitern des Verteidigungsministeriums, die die Qualität der BND-Berichten in Frage stellten, sowie von Referenten des Finanzministeriums, die den ausufernden Etatansätzen des Dienstes ihre Zustimmung verweigerten.

Die Studien der UHK sind – nachvollziehbarerweise – von dem Erstaunen darüber getragen, dass so etwas wie der Gehlen-Dienst in den „dynamischen Zeiten“ (Schildt) des Wiederaufbaus und vor dem Hintergrund einer einsetzenden „Fundamentalliberalisierung“ (Jürgen Habermas) überhaupt existieren konnte – als ein in seinen Kernaufgaben dysfunktionaler, desorganisierter, durch den Gegner penetrierter Personenverband. Diese Missstände gründlich in allen Details ausgeleuchtet und erklärt zu haben, wird die bleibende Leistung der UHK sein, diese Prognose sei schon vor dem Erscheinen der letzten Bände gewagt. Perspektiven auf die BND-Geschichte über „1968“ hinaus werden aber auch zu neuen Fragen auch an die Gründungsjahre des Gehlen-Dienstes führen. Das betrifft etwa die vergleichsweise große Leistungsfähigkeit der BND-SIGINT oder die Beziehungen des Dienstes zu Geheimdiensten arabischer Staaten in den 1980er Jahren. Dass diese und viele weitere Themen keine Spielweise für als semi-wissenschaftlich belächelte Geheimdiensthistoriker darstellten sollten, sondern ihren Platz inmitten des zeithistorischen mainstreams haben, dafür haben die UHK-Publikationen Argumente zuhauf geliefert. Zu hoffen bleibt nur, dass sich die Zugangsmöglichkeiten für externe Historiker_innen auf die Überlieferung des BND weiter verbessern werden, so positiv die Veränderungen der letzten zehn Jahre auch bereits zu werten sind. Der Anspruch eines Nachrichtendienstes, mit der eigenen Überlieferung auch die Interessen von Partnerdiensten und, vor allem, von Personen und deren Nachkommen zu schützen, die mit dem Dienst einmal in Beziehung standen, hat zweifellos seine Berechtigung. Gleichwohl gilt: Wenn über einen offeneren Umgang mit ‚geheimer Geschichte‘ gesellschaftliches Vertrauen gestärkt oder zumindest Misstrauen abgebaut werden soll, dann kann die Privilegierung einer zeitlich befristet bestehenden Historikerkommission nur ein erster Schritt in diese Richtung sein.58

Besprochene Literatur

  • Dülffer, Jost: Geheimdienst in der Krise. Der BND in den 1960er Jahren, 672 S., Links, Berlin 2018.

  • Heidenreich, Ronny: Die DDR-Spionage des BND. Von den Anfängen bis zum Mauerbau, 704 S., Links, Berlin 2019.

  • Henke, Klaus-Dietmar: Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953, 816 S., Links, Berlin 2018.

  • Keßelring, Agilolf: Die Organisation Gehlen und die Neuformierung des Militärs in der Bundesrepublik, 512 S., Links, Berlin 2017.

  • Müller, Armin: Wellenkrieg. Agentenfunk und Funkaufklärung des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968, 416 S., Links, Berlin 2017.

  • Wolf, Thomas: Die Entstehung des BND. Aufbau, Finanzierung, Kontrolle, 568 S., Links, Berlin 2018.

Notes

  1. Freilich setzte die zeitgeschichtliche ‚Projektforschung‘ auch erst in den 1970er Jahren ein. Zu den ersten zeithistorischen ‚Großprojekten‘ zählt das von Martin Broszat geleitete wegweisende Vorhaben „Bayern in der NS-Zeit“, das es auf immerhin acht Bände brachte: Broszat, Martin/Fröhlich, Elke (Hrsg.): Bayern in der NS-Zeit, 8 Bde., Oldenbourg, München/Wien 1977–1983.
  2. Homepage der UHK, URL: <http://www.uhk-bnd.de/?page_id=207> [Zugriff: 19.06.2020].
  3. Pröve, Ralf: Vom Schmuddelkind zur anerkannten Subdisziplin? Die „neue Militärgeschichte“ der Frühen Neuzeit und der AMG, in: AMG Bulletin 5 (2001), H. 1, S. 6–16.
  4. Erst das in den 2000er Jahren verstärkt einsetzende Interesse an den Protestbewegungen der ‚langen‘ 1960er Jahre sowie, vor allem, am „Jahrzehnt der inneren Sicherheit“, den 1970er Jahren, haben den Forschungsstand verbessert, siehe besonders Weinhauer, Klaus: Schutzpolizei in der Bundesrepublik, Schöningh, Paderborn 2003.
  5. Demgegenüber berichten Zeitzeugen, dass Schmidt die BND-Berichte nicht nur las, sondern regelrecht durcharbeitete: Dülffer, Jost: Geheimdienst in der Krise. Der BND in den 1960er Jahren, Links, Berlin 2018.
  6. Moran, Christopher/Murphy, Christopher (Hrsg): Intelligence Studies in Britain and the US. Historiography Since 1945, Edinburgh UP, Edinburgh 2003.
  7. Jäger, Alexandra: Unsichtbare Akteure in der bundesdeutschen Zeitgeschichtsschreibung. Geheimdienste als Leerstelle in geschichtswissenschaftlichen Handbüchern, in: Bajohr, Frank u. a. (Hrsg.): Mehr als eine Erzählung. Zeitgeschichtliche Perspektiven auf die Bundesrepublik, Wallstein, Göttingen 2016, S. 329–346.
  8. Krieger, Wolfgang: German Intelligence History. A Field in Search of Scholars, in: Intelligence and National Security 19 (2004), H. 2, S. 185–198.
  9. Radu, Robert: Einleitung, in: Medrow, Lisa (Hrsg.): Kampf um Wissen. Spionage, Geheimhaltung und Öffentlichkeit 1870–1940, Schöningh, Paderborn 2015, S. 9–30; Müller-Enbergs, Helmut/Wagner, Armin: Eine „geheime“ deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, in: dies.: Spione und Nachrichtenhändler. Geheimdienst-Karrieren in Deutschland 1939–1989, Links, Berlin 2016, S. 7–37.
  10. Zur „Behördenforschung“ siehe Mentel, Christian: Der kritische Blick auf sich selbst. Zur Verantwortung der historiografischen Zunft in der Behördenforschung, in: Böick, Marcus/Schmeer, Marcel (Hrsg.): Im Kreuzfeuer der Kritik. Umstrittene Organisationen im 20. Jahrhundert, Campus, Frankfurt a. M. 2020; Mentel, Christian/Weise, Niels: Die zentralen deutschen Behörden und der Nationalsozialismus – Stand und Perspektiven der Forschung, Institut für Zeitgeschichte, München/Berlin 2016.
  11. Die UHK strebte, so dessen Sprecher Klaus-Dietmar Henke, „eine möglichst umfassende Analyse von Struktur, Funktion und Wirkungsweise des BND während der Amtszeit Reinhard Gehlens an“, siehe Henke, Klaus-Dietmar: Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953, Links, Berlin 2018, S. 16 f.
  12. Siehe u. a. das an das Projekt zur Frühgeschichte des BfV anschließende Vorhaben „Sicherheit, Demokratie und Transparenz. NADIS, HYDRA und die Anfänge der elektronischen Datenverbundsysteme in der Bundesrepublik und den USA“ am Bochumer Lehrstuhl für Zeitgeschichte, URL: <https://www.ruhr-uni-bochum.de/lehrstuhl-ng2/forschung/forschungsvorhaben.html> [Zugriff: 02.07.2020].
  13. Siehe Kühne, Thomas/Ziemann, Benjamin: Militärgeschichte in der Erweiterung. Konjunkturen, Interpretationen, Konzepte, in: Kühne, Thomas/Wegner, Bernd (Hrsg.): Was ist Militärgeschichte ?, Schöningh, Paderborn 2000, S. 9–48.
  14. Henke: Dienste (wie Anm. 11).
  15. Dabei handelt es sich gewissermaßen um die ‚erste Welle‘ von UHK-Monografien, die 2016 erschienen: Rass, Christoph: Das Sozialprofil des Bundesnachrichtendienstes. Von den Anfängen bis 1968, Links, Berlin 2016; Sälter, Gerhard: Phantome des Kalten Krieges. Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“, Links, Berlin 2016; Nowack, Sabrina: Sicherheitsrisiko NS-Belastung. Personalüberprüfungen im Bundesnachrichtendienst in den 1960er Jahren, Links, Berlin 2016. Ebenso nur am Rande einbezogen wird die sehr lesenswerte zweibändige Biografie über Reinhard Gehlen von Müller, Rolf-Dieter: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik, 2 Bde., Links, Berlin 2017; sowie Heidenreich, Ronny/Münkel, Daniela/Stadelmann-Wenz, Elke (Hrsg.): Geheimdienstkrieg in Deutschland. Die Konfrontation von DDR-Staatssicherheit und Organisation Gehlen 1953, Links, Berlin 2016; was im Falle des Letzteren insofern gerechtfertigt erscheint, als dessen zentrale Befunde auch durch Heidenreichs „DDR-Spionage“ abgedeckt werden.
  16. Vgl. hierzu die Beiträge in dem – nach Wolfs Studie erschienenen – Band von Böick und Schmeer, Böick: Kreuzfeuer (wie Anm. 10), sowie insbesondere die Einleitung der Herausgeber: Böick/Schmeer: Aus dem toten Winkel ins „Kreuzfeuer der Kritik“? Organisationen in der zeithistorischen Theorie und Praxis, in: Ebd., S. 10–65.
  17. Dieses ist in der angloamerikanischen Organisationsforschung im Anschluss an Karl Weick entwickelt worden, siehe besonders Weick, Karl: Der Prozess des Organisierens. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1985.
  18. Hier folgt er dem britischen Organisationsforscher Grey, Christopher: Decoding Organization. Bletchley Park, Codebreaking and Organization Studies, Cambridge UP, Cambridge 2012.
  19. Wagner, Armin/Uhl, Matthias: BND contra Sowjetarmee. Westdeutsche Militärspionage in der DDR, Links, Berlin 2007.
  20. Heidenreich: Geheimdienstkrieg (wie Anm. 15).
  21. Zu Heinz Felfe siehe jetzt Hechelhammer, Bodo: Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten, Piper, München 2019.
  22. Zitiert nach Dülffer: Geheimdienst (wie Anm. 5), S. 621.
  23. Goschler, Constantin/Wala, Michael: „Keine neue Gestapo“: Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die NS-Vergangenheit, Rowohlt, Hamburg 2015.
  24. Die Unterscheidung zwischen der „Schauseite“, der „formalen Seite“ und der „informalen Seite“ als organisationsgeschichtliches Analyseraster stammt von dem Bielefelder Organisationssoziologen Stefan Kühl, siehe Eden, Sören/Marx, Henry/Schulz, Ulrike: Ganz normale Verwaltungen?, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 66 (2018) H. 3, S. 487–520, hier S. 489.
  25. Argyris, Chris/Schön, Donald: Die lernende Organisation: Grundlagen, Methode, Praxis, Schäffer-Poeschel: Stuttgart 2008.
  26. Siehe u. a. Andrew, Christopher: Intelligence, International Relations and ‚Under-theorisation‘, in: Intelligence and National Security, 19 (2004), H. 2, S. 170–184; Warner, Michael: Reflections on Technology and Intelligence Systems, in: Intelligence and National Security, 27 (2012), H. 1, S. 133–153.
  27. „Signal Intelligence“ bezeichnet die Erfassung elektromagnetischer Wellen, die der Kommunikation, Ortung, Steuerung oder anderen Zwecken dienen.
  28. GCHQ = Government Communications Headquarters.
  29. Aldrich, Richard: GCHQ. The Uncensored Story of Britain’s Most Secret Intelligence Agency, Harper Press, London 2010.
  30. Diese Entwicklung wird nachgezeichnet in Band 1 der UHK-Publikationsreihe, Rass: Sozialprofil (wie Anm, 15).
  31. Der Begriff nach Cyert, Richard/March, James G.: A Behavioral Theory of the Firm, Wiley-Blackwell, Hoboken/NJ 1963.
  32. Eine eigene Untersuchung dieser Einrichtung, die 1989 als Bundesinstitut für Sicherheit in der Informationstechnik aus dem BND herausgelöst wurde, wäre in jedem Fall ein lohnendes Forschungsvorhaben, den nötigen Aktenzugang vorausgesetzt.
  33. Andrew: Intelligence (wie Anm. 26).
  34. Ab 1970 sollte das gemeinsame „spying on friends“ von BND und NSA noch intensiviert werden, als beide Dienste die Schweizer Krypto AG erwarben und deren in alle Welt – auch nach Westeuropa – verkaufte Chiffriergeräte manipulierten. Siehe Aldrich: GCHQ (wie Anm. 29), bes. S. 201–205.
  35. Zur Kritik an einem diese und andere Komplexitäten nicht berücksichtigenden – oft an Max Weber orientierten – Organisationsverständnis siehe Kühl, Stefan: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Suhrkamp, Berlin 2014, S. 29.
  36. Siehe zu dieser Diskussion etwa die Beiträge in Bremm, Klaus-Jürgen/Mack, Hans-Hubertus/Rink, Martin: Entschieden für Frieden. 50 Jahre Bundeswehr 1955 bis 2005, Rombach, Freiburg 2005; siehe auch Geppert, Dominik: Die Bundeswehr in der Geschichtsschreibung der Bundesrepublik, in: Möllers, Heiner/Schlaffer, Rudolf J. (Hrsg.): Sonderfall Bundeswehr? Streitkräfte in nationalen Perspektiven und im internationalen Vergleich, Oldenbourg, München 2014, S. 33–50.
  37. Pahl, Magnus: Fremde Heere Ost. Hitlers militärische Feindaufklärung, Links, Berlin 2012.
  38. Siehe zuletzt Howell, Esther-Julia: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961 (Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 90), De Gruyter Oldenbourg, München/Berlin 2015.
  39. Siehe besonders Ganser, Daniele: NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, Orell Füssli, Zürich 2018; Schmidt-Eenboom, Erich/Stoll, Ulrich: Die Partisanen der NATO. Stay-Behind-Organisationen in Deutschland 1946–1991, Links, Berlin 2015.
  40. Rigoll, Dominik: Kampf um die innere Sicherheit. Schutz des Staates oder der Demokratie?, in: Frank Bösch/Andreas Wirsching (Hrsg.): Hüter der Ordnung. Die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus, Wallstein, Göttingen 2018, S. 454–497.
  41. Schildt, Axel: Fünf Möglichkeiten. Die Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen, in: Bajohr, Frank/Doering-Manteuffel, Anselm/Kemper, Claudia/Siegfried, Detlef (Hrsg.): Mehr als eine Erzählung. Zeitgeschichtliche Perspektiven auf die Bundesrepublik, Wallstein, Göttingen 2016, S. 15–26.
  42. Mistry, Kaeten: Narrating Covert Action. The CIA, Historiography and the Cold War, in: Moran: Intelligence (wie Anm. 6), S. 111–128, hier S. 114ff.; Wilford, Hugh: The Mighty Wurlitzer. How the CIA Played America, Harvard UP, Cambridge,/MA 2009.
  43. Hechelhammer: Heinz Felfe (wie Anm. 21).
  44. Waske, Stefanie: Mehr Liaison als Kontrolle. Die Kontrolle des BND durch Parlament und Regierung 1955–1978, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009.
  45. Barrett, David M.: The CIA & Congress. The untold story from Truman to Kennedy, Kansas UP: Lawrence, KA 2005.
  46. Moran, Christopher R.: Classified. Secrecy and the State in Modern Britain, Cambridge UP, Cambridge 2013; Phythian, Mark: The British Experience With Intelligence Accountability, in: Intelligence and National Security, 22 (2007), H. 1, S. 75–99.
  47. Für die USA: Aldrich, Richard J.: Regulation by Revelation? Intelligence, the Media and Transparency, in: Dover, Robert/Goodman, Michael S. (Hrsg.): Spinning Intelligence. Why Intelligence Needs the Media, Why the Media Needs Intelligence, Columbia UP, New York City/NY 2009, S. 13–35.
  48. Dülffer, Jost: Pullach intern. Innenpolitischer Umbruch, Geschichtspolitik des BND und „Der Spiegel“, 1969–1972, Marburg 2015.
  49. Mentel: Blick (wie Anm. 10).
  50. Zegart, Amy B.: Spying blind. The CIA, the FBI, and the Origins of 9/11, Princeton UP, Princeton/NJ 2007.
  51. Müller: Gehlen, Bd. 2 (wie Anm. 15), S. 911.
  52. Siehe nur Moran: Classified (wie Anm. 46); Laurent, Sébastien: Politiques de l’ombre. État, renseignement et surveillance en France, Fayard, Paris 2009; Wenigstens am Rande sei hier auch auf die exzellente, rein literaturwissenschaftlich argumentierende Untersuchung von Eva Horn verwiesen, die die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Perzeptionen und Wirkungsweisen dieses „geheimen Staats“ für das 20. Jahrhundert offenlegt: Horn, Eva: Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion, Fischer, Frankfurt a. M. 2007.
  53. Hierfür wären u. a. auch noch die Einflussnahmen des BfV auf Fernsehproduktionen der 1960er Jahre heranzuziehen. Für die USA: Saunders, Frances Stonor: Who Paid the Piper? The CIA and the Cultural Cold War, Granta Books, London 1999; Wilford: Wurlitzer (wie Anm. 42).
  54. de Graaf, Beatrice: Counter-Terrorism and Conspiracy, Historicizing the Struggle against Terrorism, in: Randall D. Law (Hrsg.): The Routledge History of Terrorism, Routledge, London 2015, S. 411–427.
  55. Schildt: Möglichkeiten (wie Anm. 41).
  56. Ebd., S. 21 f.
  57. Foschepoth, Josef: Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, S. 17.
  58. Siehe hierzu kritisch auch Wagner, Armin: Rezension von: Heidenreich, Ronny: Die DDR-Spionage des BND. Von den Anfängen bis zum Mauerbau, Links, Berlin 2019, in: sehepunkte 20 (2020), H. 2, URL: <http://www.sehepunkte.de/2020/02/32831.html> [Zugriff: 28.06.2020].