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Einzelrezension

Bleek, Wilhelm: Vormärz. Deutschlands Aufbruch in die Moderne 1815–1848, 336 S., Beck, München 2019.


Keywords: Review, Bleek, Wilhelm, 2019

How to Cite:

Schieder, W., (2021) “Bleek, Wilhelm: Vormärz. Deutschlands Aufbruch in die Moderne 1815–1848, 336 S., Beck, München 2019.”, Neue Politische Literatur 66(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00353-3

Rights:

© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-04-14

Peer Reviewed

Bei dem Buch von Wilhelm Bleek handelt es sich um eines, das gegen den Strich geschrieben wurde. Der Autor will dem deutschen ‚Vormärz‘, der in der deutschen Erinnerungskultur seiner „historischen Eigenständigkeit beraubt“ worden sei (S. 9), historische Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der ‚Vormärz‘ erschöpfe sich nach der Auffassung des Verfassers nicht, wie sein Name suggeriere, in der „Vorgeschichte einer erfolglosen politischen Revolution“ (S. 299). Er sei vielmehr – trotz aller obrigkeitlichen Behinderungen – der historische Ausgangspunkt gesellschaftlichen Wandels gewesen, der Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Moderne geführt habe.

Diese These vertritt Bleek nicht argumentativ, sondern erzählend. Er unterhält den Leser mit 23 in sich jeweils geschlossenen, zwischen 1814/15 und 1848 angesiedelten Episoden, die ein vielseitiges Bild der politischen, der gesellschaftlichen, der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Geschichte des ‚Vormärz‘ entstehen lassen. Die Episoden sind chronologisch angeordnet, weshalb Bleek beansprucht, eine „Überblicksdarstellung zur deutschen Geschichte“ geschrieben zu haben (S. 12). Auch wenn man dem nicht unbedingt zustimmen kann, liefert er doch eine erzählende Übersicht über zentrale Probleme der Geschichte des deutschen ‚Vormärz‘.

Das Buch wendet sich nicht an professionelle Historikerinnen und Historiker, sondern an ein breites Lesepublikum. Bleek hat deshalb ganz auf wissenschaftliche Anmerkungen verzichtet, was jedoch nur den essayistischen Charakter des Buches unterstreicht und diesem eine eigene Note gibt. In seinen Miniaturen zeigt er sich durchweg auf der Höhe der Forschung, wie jeweils die Nennung von wichtigen Autoren zu den meisten seiner Themen erkennen lässt.

Die politischen Essays behandeln bekannte Höhepunkte der deutschen Geschichte zwischen 1814/15 und 1848: den Wiener Kongress, das Wartburgfest, das Hambacher Fest, die Protestation der Göttinger Sieben, das Kölner Dombaufest und die Frankfurter Nationalversammlung. Auf den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands geht Bleek auf eindrucksvolle Weise am Beispiel von Krupp, dem Bau des Auswandererhafens von Bremerhaven, der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Leipzig nach Dresden und den Hungerunruhen von 1847 ein. Den gesellschaftlichen Aufbruch zeigt er anhand der Rheinischen Zeitung von Karl Marx, der sozialen Publizistik von Bettina von Arnim und der Komposition des Schleswig-Holstein-Lieds auf.

Originell ist die Darstellung von technischen Innovationen, der Erfindung der elektromagnetischen Telegrafie durch Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Eduard Weber sowie der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Leipzig nach Dresden. Der Schwerpunkt liegt aber auf kulturellen Errungenschaften des ‚Vormärz‘. So schildert Bleek die Gründung der Bonner Universität, die Wiederaufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach, die Erfindung des Baedeker-Reiseführers und den Bau der Münchner Ludwigskirche.

Insgesamt scheinen die Essays sehr heterogene historische Vorgänge zu behandeln. Dem Autor gelingt es jedoch vorzüglich, in seiner Interpretation einige Linien zu ziehen. So hebt er immer wieder die Verknüpfung von religiösen Bekenntnissen und nationalen Hoffnungen hervor. Wichtig ist ihm auch, auf die spezielle (weil erzwungene) politische Festkultur des ‚Vormärz‘ zu verweisen. Und schließlich arbeitet er die Bedeutung des vormärzlichen Vereinswesens besonders heraus.

Bleek verschweigt nicht, dass die Veränderungsprozesse des ‚Vormärz‘ vielfach stecken geblieben sind. Er insistiert jedoch darauf, dass diese sämtlich das „Potenzial zum politischen Fortschritt“ hatten (S. 310). Dies deutlich zu machen, ist ihm vollauf gelungen, und nicht nur das: Über den ‚Vormärz‘ hinaus liefert das ungewöhnliche Buch originelle historische Erkenntnisse über das gesamte 19. Jahrhundert, das heute mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten scheint.