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Einzelrezension

Nassehi, Armin: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, 352 S., Beck, München 2019.


Keywords: Review, Nassehi, Armin, 2019

How to Cite:

Endreß, M., (2021) “Nassehi, Armin: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, 352 S., Beck, München 2019.”, Neue Politische Literatur 66(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00348-0

Rights:

© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-01-20

Peer Reviewed

Soziologische Zeit- oder Gegenwartsdiagnosen sind ebenso en vogue wie umstritten. Entsprechend ist man geneigt, einem soziologischen Autor Kredit einzuräumen, wenn er dieses schwierige Verhältnis der Disziplin zu einem ihrer Genres reflexiv aufnimmt. Zumindest im Prinzip, denn eine latente Entwertung erfährt diese Selbstbeobachtung durch die selbstgewisse Rahmung von Armin Nassehi, dass er „vermutlich skeptisch“ auf ein Buch zur „Theorie der digitalen Gesellschaft“ reagiert hätte, wenn er „es nicht selbst geschrieben hätte“ (S. 11). An Selbstbewusstsein mangelt es nicht und die kommunizierten Ansprüche verhalten sich komplementär dazu: keine ‚Studie über …‘ oder ‚Untersuchung zu …‘, sondern eine „Theorie“, und zudem erneut eine „Gesellschaftsdiagnose“, die diese „an einem Merkmal festzumachen“ verspricht (ebd.).

Doch jenseits vorschneller gegenwartsanalytischer Zuspitzungen ist Nassehis Anliegen ein weiterreichendes: „Ich werde behaupten, dass die gesellschaftliche Moderne immer schon digital war, dass die Digitaltechnik also letztlich nur die logische Konsequenz einer in ihrer Grundstruktur digital gebauten Gesellschaft ist“ (ebd.). Zur Untersuchung steht die „gesellschaftliche Funktion“ von Digitalität (S. 12). Zweck dieses Ansatzes ist es, die Frage nach der „technischen Dimension der Digitalisierung“ vor dem Hintergrund der Frage zu beantworten, „für welches Problem die Digitalisierung eine gesellschaftliche Lösung ist“ (ebd.).

Mit einem solchermaßen methodisch kontrollierten und historisch reflektierten Ansatz möchte Nassehi aus der Falle der üblichen „Mischung aus kritischer Attitüde und alltagsnaher Beschreibung“ ausbrechen (S. 13 pass.). Derart zugeschnittenen sozial- und kulturwissenschaftlichen Studien gelinge es erst gar nicht, die „gesellschaftsstrukturelle Radikalität des Digitalen“ in den Blick zu bekommen (S. 14). Und zwar deshalb, weil sie Digitalisierung als Phänomen voraussetzten, als unabhängige Variable betrachteten. Im Gegenzug geht Nassehi davon aus, dass für erfolgreiche gesellschaftliche Veränderungen bereits „eine Gemengelage vorhanden sein“ muss, „deren innere Komplexität“ entsprechende Veränderungen jedenfalls „nicht völlig unwahrscheinlich erscheinen lässt“ (S. 17). Anders formuliert: Erst die Untersuchung der „Erwartungsstruktur“ wie der „Verarbeitungskapazität“ einer Gesellschaft könne die Veränderungen erklären, die in dieser stattfinden (S. 16). Dieser Ansatz Nassehis lässt sich wohl als Versuch einer Analyse objektiver Möglichkeiten in gesellschaftstheoretischer Absicht beschreiben. In diesem Sinne beansprucht er, „die erste Gesellschaftstheorie der digitalen Gesellschaft vorzulegen“ (S. 26).

Nassehis zentrale These lautet, „dass die Digitalisierung unmittelbar verwandt ist mit der gesellschaftlichen Struktur“ moderner Gesellschaften (S. 18). Der Band präsentiert eine Neubeschreibung des Verhältnisses von „vormoderner“ und „moderner“ Gesellschaft (S. 37 ff.). Die Veränderung von ersterer zu letzterer wird im Kern als Veränderung von der Übersichtlichkeit und Sichtbarkeit der gesellschaftlichen Struktur in der Vormoderne zu deren Unübersichtlichkeit und Unsichtbarkeit in der Moderne beschrieben. Als Lösung dieses Problems etablierte sich sukzessive das Format der Digitalität als neues Prinzip der Sichtbarmachung von Mustern über „Mustererkennungstechniken“. Nach den retrospektiven Entdeckungen von Vormoderne und Moderne ist dies für Nassehi eine „dritte Entdeckung der Gesellschaft“ (S. 50, 53, 59 f., 319) – einer aus dem Zustand der Unsichtbarkeit herausgehobenen digitalen Gesellschaft (S. 45). In dieser ‚Logik‘ identifiziert er eine strukturelle Analogie „der digitalen Formierung von Technik und der gesellschaftlichen Formierung von Funktionslogiken“ (S. 320). Das Grundprinzip lautet jeweils: „Formenvielfalt“ auf der Basis „simpler [binärer, ME] Grundcodierung“ (ebd.). In der Identifizierung dieser „operativen Parallele […] operativer Immanenz“ besteht der Clou dieser Studie (ebd.). Dabei lässt Nassehi sich von der dialektischen Beobachtung leiten, dass es „die disruptive Technologie digitaler Natur“ ist, die gerade auf „Widerständigkeit“, „Stabilität“ und „wiederholende Bestätigung“ verweist (S. 42, 53, 319). Nimmt man ihn beim Wort, müsste er diese Beobachtung durch eine weitere dialektische ergänzen, der zufolge die „gesellschaftliche Radikalität des Digitalen“ gerade in ihrer Normalität besteht, insofern diese „Digitalität der Gesellschaft“, so die These, „in ihrer eigenen Struktur und in ihrer Komplexität begründet“ sei (S. 321). Die Funktion des Digitalen liegt dann in der Transformation des Latenten ins Manifeste, in der Verwandlung des dem unmittelbaren Zugriff Entzogenen in das diesem Verfügbare (S. 42, 323).

Das Argument lautet in etwa so: Die sich im Zuge der Veränderungen des 19. Jahrhunderts herausbildende Gesellschaft westlicher Modernität produziert alltägliche und professionell-spezifische Praxisformen, die neben ihren Komplexitäten ein solches Ausmaß an Regelmäßigkeiten, jeweiligen Eigensinnigkeiten und spezifischen Widerständigkeiten aufweisen, dass die sich wandelnden Modi der Selbstbeobachtung dieses Gesellschaftstyps irgendwann auf Digitalität umstellen mussten. Damit kontinuiert Nassehi die funktionalistische wie evolutionstheoretische Anlage seiner Überlegungen. Gesellschaften westlicher Modernität produzieren danach Rhythmen und Regelmäßigkeiten, Musterhaftigkeiten von Praktiken, die sukzessive die Herausbildung von Selbstbeobachtungspraktiken der Identifizierung dieser Musterhaftigkeiten auf den Weg bringen, für diese aber zugleich erneut als Treiber wirken.

Ausgehend von einem Verständnis von „Gesellschaft“, das diese als „Chiffre für Regelmäßigkeiten, vor allem für dem direkten Blick nicht unmittelbar ansichtige Regelmäßigkeiten und Muster“ begreift (S. 54), kann Nassehi so argumentieren, dass es „gerade die digitalen Mustererkennungstechniken [sind], die wirklich ernst machen mit der alten gesellschaftswissenschaftlichen Grundüberzeugung, dass sich hinter dem Rücken der Akteure Strukturen und Regelmäßigkeiten finden ließen, die diesen weder bewusst seien noch sich in Selbstbeschreibungen niederschlügen“ (S. 59).

Dieser Intuition und Einsicht geht Nassehi nach, indem er so etwas wie eine phänomenologische Analyse der Strukturmerkmale von Gesellschaften westlicher Modernität vorlegt. Er beginnt mit der „Eigensinnigkeit“ digitaler Daten, mit ihrer grenzenlosen Kombinierbarkeit aufgrund radikaler Reduziertheit auf eine Zeichenform bei operativer Geschlossenheit (S. 67 ff.). Aus dieser Dynamik folgt das weitere Charakteristikum einer „Verdopplung“ von Welt (S. 108ff.). Mangels des einen eindeutigen ‚wirklichen‘ Zugriffs auf die Welt ist diese unter den modernitätsspezifischen Vorzeichen der beobachtungsabhängigen Perspektivität „nur noch in der Verdopplung zugänglich“ (S. 110). So erbringe Digitalität für Gesellschaft strukturell Analoges zu jedem Funktionssystem: eine weitere Multiplizierung von Welt. Gleichwohl begreift Nassehi sie nicht einfach als ein weiteres Funktionssystem (S. 177), sondern als eine „technische Form“, die Ordnungsprobleme strukturell analog zu den systemtheoretisch begriffenen Funktionssystemen moderner Gesellschaften bearbeitet. Somit entsprächen Logik und Optionsvielfalt der Digitaltechnik der gesellschaftlichen Struktur westlicher Modernität (S. 152ff.). Der Technik dieser Technik geht Nassehi ebenso detailliert nach (S. 196ff., 228ff.), wie er das Internet als Massenmedium ausweist (S. 269ff.) und die Widersprüchlichkeit der Idee informationeller Selbstbestimmung unter den Vorzeichen digitaler Alltagspraktiken nüchtern analysiert (S. 293ff.).

Nassehis Theorie der digitalen Gesellschaft lebt von der strukturellen Analogie zu Niklas Luhmanns Variante der systemtheoretischen Beschreibung der modernen Gesellschaftsstruktur als dominant von einem funktionalen Differenzierungsmuster geprägt. Diese Perspektive erweitert mit ihrem gesellschaftstheoretischen und nicht nur zeitdiagnostischen Anspruch die Sicht auf die gesellschaftliche Struktur westlicher Modernität. Dass dabei ein Argumentieren mit Analogien seine Schwächen hat, das weiß vermutlich auch Nassehi. Sowohl das als strukturanalog qualifizierte Verhältnis von Digitalität und funktional differenzierter Gesellschaft, als auch die Analogisierung von binärer Codierung und Gesellschaftsstruktur bedürfen sicher weiterer Diskussion. Es wäre auch zu fragen, ob die theoretische Anlage seiner Analyse nicht konsequent dazu führen muss, Digitalität als Meta-Codierung moderner Gesellschaften zu begreifen – und damit doch mit einer zentralen Annahme der Gesellschaftstheorie Luhmanns zu brechen: der Annahme der Gleichrangigkeit der Systeme in der funktional differenzierten Gesellschaft. Auf diese Spur scheint auch das Argument zu führen, dass der „Sinnüberschuss“ digitaler Technik auf der Gebrauchsebene des Internets eben jenseits dieses Mediums liegt (S. 264ff., 290, 315), und zwar in der Verwertung, Verwaltung und Steuerung der im Zuge des Gebrauchs produzierten Muster (von Interessen, Vorlieben, Bedürfnissen, Einstellungen und so weiter) insbesondere zu Vermarktungszwecken: vom Erleben zum Handeln (S. 249, 291). Aber das scheinen weitergehende Fragen.

Nassehis „Muster“ besticht nicht nur durch mustergültige Lesbarkeit, sondern durch die Originalität seiner leitenden Fragestellung. Der Band eröffnet nichts weniger als die Pforten zu einer differenzierungsanalytisch angelegten Soziologisierung des Nachdenkens über die seit einiger Zeit unter dem Label „Digitalisierung“ zumeist kulturpessimistisch beschriebenen Prozesse: Ein sehr lesenswertes Buch zur digitalen Genealogie der modernen Gesellschaft.