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Einzelrezension

Plehwe, Dieter/Slobodian, Quinn/Mirowski, Philip (Hrsg.): Nine Lives of Neoliberalism, 368 S., Verso, London 2020.


Keywords: Review, Plehwe, Dieter/Slobodian, Quinn/Mirowski, Philip (Hrsg.), 2020, Neoliberalismus, neoliberales Denkkollektiv, Wissenssoziologie, Wirtschaftswissenschaften, Privatisierung, Unternehmerbild, Verhaltensökonomie

How to Cite:

Leipold, A., (2021) “Plehwe, Dieter/Slobodian, Quinn/Mirowski, Philip (Hrsg.): Nine Lives of Neoliberalism, 368 S., Verso, London 2020.”, Neue Politische Literatur 66(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00343-x

Rights:

© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-04-30

Peer Reviewed

Die Herausgeber des zu besprechenden Sammelbandes haben sich in den vergangenen Jahren mit maßgeblichen Studien um die Aufarbeitung der Geschichte und Soziologie des Neoliberalismus verdient gemacht. Trotzdem wird der Neoliberalismus teilweise noch immer als eigenständiges Analysekonzept verworfen oder in einem „self-defeating denialism“ (S. 3) gar dessen Existenz bestritten. Allzu oft werden Vereinfachungen wiederholt und die neoliberale Bewegung holzschnittartig als eine Art Einheitsfront gesehen, ohne Differenzen und national variierende Zugänge zu erschließen. Mit anderen Worten: Der Forschungsbedarf zum Neoliberalismus ist groß. Der vorliegende Band trägt zur Lückenschließung bei und umreißt ein künftiges Forschungsprogramm.

Die Herausgeber wählen den Zugang über die Wissenssoziologie Ludwik Flecks und führen das Konzept des neoliberalen Denkkollektivs ein. Um Vielfalt und Wandlungsfähigkeit des Neoliberalismus zu vermitteln, gruppieren sie die Beiträge in vier Teile, deren Überschriften zur Abgrenzung von vorherrschenden Ansichten dienen. Der erste Teil führt Beiträge zum Selbstverständnis des Denkkollektivs an und dokumentiert, dass es seinen Vertretern um mehr als bloßen Marktfundamentalismus geht. So arbeitet Martin Beddelem die Kritik politischer Planung als Ankerpunkt neoliberaler Methodologie heraus. Hierfür beteiligten sich Denker wie Karl Popper, Michael Polanyi und Friedrich Hayek an Debatten innerhalb des Wiener Kreises der 1920er Jahre, die schließlich in Hayeks Einführung des Informationsbegriffs in die Wirtschaftswissenschaften mündete. Dadurch wurde der Markt als überragender Informationsprozessor gegenüber staatlicher oder kollektiver Organisation aufgewertet.

Die Selektionsfunktion des Marktes sollte auch nicht vor der Produktion wissenschaftlichen Wissens haltmachen, wie Edward Nik-Khah am Beispiel des Chicagoer Ökonomen und späteren Nobelpreisträgers George Stigler darlegt. Abgestoßen von den Studentenunruhen der 1960er Jahre, trat Stigler für eine Privatisierung des Lehrbetriebes ein. Nur wenn Studierende für ihre Ausbildung bezahlten, könnten sie ihre Dozenten gemäß Lehrleistung auswählen. Stigler wandte sich nicht nur gegen eine Lehrbefähigung auf Lebenszeit, sondern sprach sich auch für eine Auslagerung der Wissenschaft in private Forschungsorganisationen aus. Heute wird diese Position, die wissenschaftliche Beratung nur als Beiträge auf einem „Marktplatz der Ideen“ (Stigler) behandelt, zum Beispiel vom Vorsitzenden des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Lars Feld, vertreten.

Der zweite Teil enthält Beiträge zur Konstruktion neoliberaler Subjektivität, also der Frage, wie der Neoliberalismus Rollenverständnis und Identitäten entwirft, die auch über den ökonomischen Diskurs Eingang in die öffentliche Debatte finden. So weist Dieter Plehwe am Beispiel der Schumpeter-Rezeption ab den 1970er Jahren nach, wie Neoliberale das Bild des Unternehmers in der Öffentlichkeit aufgewertet haben. Einen maßgeblichen theoretischen Beitrag hierzu leistete der frühere Sachverständige und Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Herbert Giersch. Anders als Schumpeter dehnte Giersch den Unternehmerbegriff auf alle Gesellschaftsmitglieder aus und forderte einen Wettbewerb der Regionen. Theoretischer Bezugspunkt wurde der Weltmarkt, der von internationalen Organisationen in den 1980er Jahren popularisiert und im Rahmen von Steuer- und Standortwettbewerb politisch realisiert wurde. In weiteren Beiträgen behandelt Melinda Cooper die neoliberale Kritik am Wohlfahrtsstaat des New Deal und die Forderung nach Privatisierung des Bildungswesens. Rüdiger Graf zeichnet am Beispiel des Kölner Finanzwissenschaftlers Günter Schmölders die frühe Rezeption der Verhaltensökonomie nach, die Forschung zu Steuermoral und Steuerprotest motivierte.

Anschließend werden im dritten Teil Beiträge zur internationalen Frühgeschichte neoliberaler Diskurse zusammengeführt. Hagen Schulz-Forberg situiert die Gründungsgeschichte des Neoliberalismus ins Umfeld des Genfer Völkerbundes und damit weit vor das berühmte Colloque Walter Lippmann. Matthias Schmelzer weist auf interne Differenzen in der Begründung von freien Wechselkursen nach Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems hin. Beide Beiträge vermitteln eindringlich den pluralistischen Charakter des neoliberalen Denkkollektivs und die politische Schlagkraft, die durch Konferenzen und Denkfabriken entfaltet wurde. Die Beiträge von Marie-Laure Djelic und Reza Mousavi zum Atlas Network sowie von Stephan Pühringer zur zentralen Rolle des Kronberger Kreises für die deutsche Debatte vertiefen diesen Gesichtspunkt anhand von Fallstudien.

Bemerkenswert ist schließlich auch Philip Mirowskis Rekonstruktion des Preises für Wirtschaftswissenschaften in Erinnerung an Alfred Nobel. Dieser wurde auf Betreiben der Schwedischen Reichsbank und in Abgrenzung zum offiziellen Nobelkomitee mit dem Ziel der Durchsetzung von Zentralbankunabhängigkeit etabliert. Ökonomische Expertise sollte der politischen Legitimation dienen, weshalb der Preis das Ansehen der Ökonomen in der Öffentlichkeit steigern sollte. Der „Ersatz-Nobelpreis“ (S. 220) ging seitdem regelmäßig an Anhänger des neoliberalen Denkkollektivs, wofür der frühere Präsident der Schwedischen Reichsbank, Assar Lindbeck, als Bindeglied fungierte. Mehrere Preise an Mitglieder der von Hayek gegründeten Mont-Pèlerin-Society und an Hayek selbst verhalfen dem Neoliberalismus ab Mitte der 1970er Jahre zum Durchbruch.

Dem Sammelband ist eine möglichst umfassende Rezeption in den Sozialwissenschaften zu wünschen. Nicht zuletzt die Omnipräsenz neoliberaler Denkfiguren und die Suche nach politischen Reaktionen auf wiederkehrende gesellschaftliche Krisen geben dafür Anlass. Die Autorinnen und Autoren von „Nive Lives of Neoliberalism“ geben dazu notwendige Orientierung.

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