Das vorliegende Buch ist ein kühnes Unterfangen, das es in deutscher Sprache bisher nicht gibt: Es analysiert Leben und Wirken der bisherigen acht Präsidenten der Fünften Französischen Republik im Kontext des Präsidialsystems (so die Klassifizierung). Der Autor Albrecht Rothacher ist kein Historiker oder Politikwissenschaftler, sondern ein Diplomat, der zwei Jahre in der Europaabteilung des Außenministeriums am Quai d’Orsay gearbeitet hat. Zwar gibt es über jeden Präsidenten schon zahlreiche, für manche in die Hunderte gehende Bücher. Auch über das politische System der Fünften Republik ist die Literatur kaum noch überschaubar. Das Literaturverzeichnis, das sich natürlich mit einer Auswahl begnügen muss, umfasst immerhin elfeinhalb Seiten (darunter allerdings viele Zeitungs- beziehungsweise Zeitschriftenartikel). Der Verfasser hat sich angesichts der Unmöglichkeit, diese Literaturfülle durchzuarbeiten, auf einige wenige Werke beschränkt – und wichtige weggelassen. So taucht der Name Maurice Duverger gar nicht auf, dessen Charakterisierung der Fünften Republik als semipräsidentielles System zwar umstritten, aber sehr einflussreich geworden ist. Es fehlt auch Jean Lacouture, dessen umfangreiche Biografien über Charles de Gaulle und François Mitterrand eine ziemlich breite Leserschaft gefunden haben.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Ein allgemeiner Teil, „Menschen und Apparat“ überschrieben, behandelt neben generellen Fragen wie den „Schwächen und Stärken des Präsidialsystems“ – so die verbreitete, in der Wissenschaft jedoch strittige Charakterisierung der Fünften Republik – auch Aspekte, für die sich eher Illustrierte interessieren (unter anderem „Das Geld und die Präsidenten“; „Erste Damen“; „Präsidentenkinder“). Der zweite, umfangreichere Teil enthält die Biografien der Präsidenten. Die Seitenzahl, die Rothacher ihnen widmet, ist sehr unterschiedlich und kaum durch die Länge oder die Bedeutung der jeweiligen Präsidentschaft erklärbar: Dass de Gaulle und Mitterrand, die als die bedeutendsten Präsidenten gelten, mit jeweils mehr als 60 Seiten ausführlicher behandelt werden als die anderen, ist nachvollziehbar. Aber warum muss sich Jacques Chirac mit etwa der gleichen Seitenzahl begnügen wie Georges Pompidou, François Hollande oder Nicolas Sarkozy, obwohl er mehr als doppelt so lange amtierte? Für Emmanuel Macron, dessen erste Amtszeit noch gar nicht abgelaufen ist, stehen sogar ein paar Seiten mehr zur Verfügung. Warum nimmt de Gaulles sicher interessante Biografie vor seiner Wahl zum Präsidenten mehr Raum ein als seine immerhin elf Jahre währende Präsidentschaft, wo er doch mit seiner Praxis – regierender Präsident – ‚Modell‘ für seine Nachfolger war?
Man kann gewiss nicht erwarten, dass der Verfasser den bisherigen Kenntnisstand zu den einzelnen Präsidenten vergrößert, zumal er sich auf eine schmale Literaturbasis stützt. Meist sind dies nur zwei bis drei der schon vorliegenden Biografien, selbst zu de Gaulle und Mitterrand. Zu Mitterrand berücksichtigt er kaum etwas von dessen eigenen Veröffentlichungen oder denen seiner Mitarbeiter. Insgesamt können die Biografien unsere Erkenntnisse nicht erweitern.
In einem „kontrafaktuellen Epilog“ stellt Rothacher Überlegungen dazu an, wie „parlamentarisch begründete Regierungen“ in Frankreich wahrscheinlich funktioniert hätten. Hätte er einen Blick in den Verfassungstext geworfen, so hätte er feststellen können, dass dieser tatsächlich ein parlamentarisches Regierungssystem begründet (Artikel 49). Dem Autor entgeht, dass es zwei verschiedene „lebende Verfassungen“ gibt: eine ‚normale‘ parlamentarische, in der die Regierung mit ihrem Premierminister dominiert, während der Präsident, dessen Koalition in der Nationalversammlung keine Mehrheit hat, nur in der Außen- und Sicherheitspolitik mitbestimmen kann. Das waren die sogenannten „Kohabitationen“ (1986–88, 1993–95, 1997–2002). In der vorherrschenden präsidentiellen Lesart – seit der Verfassungsänderung von 2002 ununterbrochene Praxis – bestimmt faktisch der Präsident, gestützt auf eine Mehrheit seiner Regierung in der Nationalversammlung, die gesamte Politik. Rothachers Vermutung, „parlamentarisch begründete Regierungen wären wie in der IV. Republik weiter instabil und kurzzeitig geblieben“, berücksichtigt nicht, dass die Verfassung, die Geschäftsordnung der Nationalversammlung und das Mehrheitswahlsystem eine Polarisierung und Stabilisierung des Parteiensystems begünstigen. Frankreich würde dann „weltpolitisch eine moralisierende Zwergenrolle“ spielen „wie etwa Deutschland, Luxemburg oder der Vatikan“ (S. 592). Ob er da die Rolle Deutschlands nicht doch etwas unterschätzt?