Wissenschaftsdiplomatie mag in Zeiten von Exzellenzstrategie und wissenschaftspolitisch gewollter Internationalisierung als neues Phänomen daherkommen, hat aber gerade in den transatlantischen Beziehungen eine lange Vorgeschichte – so zeigt diese hervorragend geschriebene, sorgfältig recherchierte und methodisch wie theoretisch klug reflektierte Studie von Charlotte Lerg. Ihr Interesse gilt dabei weniger der klassischen Universitätsgeschichte als vielmehr den vielschichtigen „Prestigebindungen“, die sich zwischen Universitäten und Diplomatie seit der Jahrhundertwende herausbildeten. Wie und warum, so fragt die Studie, wurden amerikanische Universitäten zu zentralen Akteuren der transatlantischen Beziehungen? Wie gestalteten sie diese Beziehungen? Und was machte sie speziell für die deutsche Kulturdiplomatie so attraktiv?
Teil 1 führt zunächst in Rahmenbedingungen und Begleitkontexte transatlantischer Universitätsdiplomatie ein, wobei vornehmlich Columbia und Harvard im Mittelpunkt stehen. Auf amerikanischer Seite führte die seit den 1870er Jahren einsetzende ‚akademische Revolution‘ nicht nur zur Professionalisierung der Universitäten, sondern auch dazu, dass sie versuchten, sich im aufkommenden universitären Wettbewerb als Institutionen des gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens zu etablieren. Erste Experimente mit Spendenaktionen, organisierter PR-Arbeit oder Alumni-Clubs sollten der Universität neue Geltung verschaffen – öffentliches Prestige ließ sich aber auch durch den Rekurs auf den Mythos der deutschen Forschungsuniversität sowie den öffentlichkeitswirksamen Aufbau von Beziehungen zu Diplomaten und ausländischen Institutionen aufbauen. Demgegenüber verfolgte die gerade entstehende deutsche Kulturdiplomatie andere Zielsetzungen (Kapitel 3): Kooperationen mit amerikanischen Universitäten sollten dem internationalen Bedeutungsverlust deutscher Wissenschaft entgegenarbeiten, Zugang zu amerikanischen Eliten und Netzwerken schaffen und gleichzeitig entsprechende Stipendien- und Kulturprogramme Frankreichs und Englands kontern.
Ein eigenes Kapitel erhält Hugo Münsterberg, dessen zentrale, aber ebenso ambivalente Rolle in den Wissenschaftsbeziehungen die Autorin pointiert und detailreich herausarbeitet (Kapitel 4), und auch in anderen Kapiteln immer wieder hervorhebt. Kapitel 5 analysiert die Weltausstellung von St. Louis (1904) und zeigt, wie sie von der deutschen Regierung sowie den beteiligten amerikanischen Universitäten als Bühne zur Inszenierung wissenschaftlicher Weltgröße genutzt wurde.
Teil 2 leuchtet die unterschiedlichen Dimensionen der deutsch-amerikanischen Universitätsdiplomatie von den Netzwerken über Institutionen bis hin zu Repräsentationsformen und Programmen, die den Austausch trugen, aus. Kapitel 6 untersucht die Verleihung von Ehrendoktorwürden als besondere zeremonielle Momente der institutionellen Selbstinszenierung und symbolischen Kommunikation von Universitäten. Kapitel 7 beschreibt die neue Generation amerikanischer Universitätspräsidenten und arbeitet ihre Bedeutung für die amerikanisch-deutschen Beziehungen am Beispiel ihrer vielen Besuche im Kaiserreich heraus. Kapitel 8 untersucht den 1904/1905 aufgelegten Professorenaustausch zwischen Berlin und Harvard/Columbia, der an der Universität Berlin auf Proteste stieß, an der Columbia aber zur Einführung einer Kaiser-Wilhelm-Professur führte. Weitere Kapitel behandeln die soziokulturellen Milieus, Beziehungen und Erfahrungen amerikanischer Austauschprofessoren in Berlin sowie die zentralen neuen Institutionen der Wissenschaftsbeziehungen: Amerika-Institut (Berlin) und Deutsches Haus in New York.
Teil 3 schließlich schildert den Zusammenbruch der Wissenschaftsbeziehungen während des Ersten Weltkrieges. Wie das Buch zeigt, hatte der Aufruf „An die Kulturwelt“ Vorläufer im transatlantischen Kontext, doch trugen auch die Selbstmobilisierung und -ideologisierung der deutschen Professorenschaft, die Propagandaarbeit einzelner Professoren, Spionagevorwürfe und die auf amerikanischer Seite zunehmenden anti-deutschen Reflexe zu einer nachhaltigen Diskreditierung der deutschen Wissenschaft bei. Die schnell voranschreitende Auflösung vorher mühsam aufgebauter Bindungen sieht Lerg dabei aber nicht als plötzlichen Bruch, sondern als Teil eines seit der Jahrhundertwende ablaufenden Entfremdungsprozesses, in dem die deutsche Wissenschaft immer mehr ihren Nimbus verloren hatte.
Es gibt eigentlich nichts Substanzielles an dieser Arbeit auszusetzen. Lediglich einige kosmetische Punkte sind anzumerken: So schöpfen viele Kapitel ihr Material aus dem Nachlass Hugo Münsterbergs, sowie der Universitätsarchive in Harvard und Columbia; die Nachlässe von Friedrich Althoff, Friedrich Schmidt-Ott oder Theodor von Holleben bleiben unberücksichtigt, wären im Hinblick auf die Motive und Grundüberlegungen hinter der deutschen Universitätsdiplomatie beziehungsweise die Verbindungen von Münsterberg und deutscher Botschaft aber sicherlich ergiebig gewesen. Die im Fazit entwickelte These, nach der die Universitätsdiplomatie der Jahrhundertwende die Grundlagen für die amerikanische Kulturdiplomatie seit den 1920er/1940er Jahren gelegt habe, ist plausibel und unmittelbar eingängig, müsste durch empirische Forschungen für diesen Zeitraum allerdings erst noch bestätigt werden. Nicht ganz einleuchten will die Gliederung des Bandes in drei Abschnitte mit den Titeln „Wissenschaft und Weltgeltung“, „Distinktion und Deutungsmacht“ sowie „Ansprüche und Ambitionen“, schließlich geht es in allen Kapiteln um diese Aspekte. Zuletzt wird das Lektürevergnügen leider durch die Zitationsweise (author-date style) etwas eingeschränkt, zwingt es doch zum permanenten Hin-und-Herblättern zwischen Text und Bibliografie.
Das sind aber Nebensächlichkeiten. Im Ergebnis stellt diese Studie eine inspirierende und mustergültige Kulturgeschichte der Diplomatie dar, die vorbildlich und kenntnisreich die Ursprünge transatlantischer Universitäts- und Wissenschaftsdiplomatie herausarbeitet. Ihr ist eine möglichst breite Rezeption zu wünschen.