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Einzelrezension

Langewiesche, Dieter: Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne, 512 S., Beck, München 2019.


Keywords: Review, Langewiesche, Dieter, 2019, Militärgeschichte, Krieg, Europa, Moderne, kriegerische Entgrenzung, Gewaltaustragung

How to Cite:

Lemke, B., (2020) “Langewiesche, Dieter: Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne, 512 S., Beck, München 2019.”, Neue Politische Literatur 66(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00333-z

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2020-12-14

Peer Reviewed

Das Werk des geschichtswissenschaftlichen Altmeisters Dieter Langewiesche versucht das Phänomen Krieg seit dem 18. Jahrhundert umfassend, auch unter gebührender Berücksichtigung der globalen Perspektive, zu beleuchten. Die Einschränkung „Europas Kriege“ macht nicht nur dem auf Globalgeschichte spezialisierten Leser deutlich, wie sehr die Welt von hier aus geprägt wurde. Grell leuchtet der ‚Alte Kontinent‘ und man fragt sich, wie es denn mit den Kriegen ohne Teilnahme von Europäern stand oder wann der letzte bedeutendere Konflikt ohne deren Beteilung stattfand.

Doch soll an dieser Stelle nicht erneut die grundlegende Diskussion um die „Provinzialisierung“ Europas (Dipesh Chakrabarty) geführt werden. Der Band von Langewiesche ist wahrlich ein monumentales Werk, das in sechs Kapiteln die Kriege Europas unter vielerlei Blickrichtungen – hierbei nicht nur politische, wirtschaftliche, religiöse, sondern auch philosophische Perspektiven – anspricht. Dies gehört zum Standard moderner Militärgeschichte, indes empfindet der Leser gelegentlich, dass etwas zu weit ausgeholt wurde und etwas zu viel Leseballast geboten wird. Ferner finden sich häufig Kategorisierungen und Aufzählungen (zum Beispiel S. 64 f., 113–116, 184, 254–257, 261, 278 f., 341–344), die aufs Ganze gesehen nicht wirklich gut zu überblicken sind.

Das Werk ist eine große Leistung, stellt vielleicht sogar das Fazit der militärgeschichtlichen Forschungen und Erkenntnisse von Langewiesche insgesamt dar, und ist unter Berücksichtigung der maßgeblichen Werke der Forschung kenntnisreich geschrieben. Manches erregt auch Widerspruch, vieles regt zum Denken an – die ganze Komplexität der Geschichte tritt hier zutage. Indes dürften interessierte Laien und Studienanfänger manche Schwierigkeiten haben. Leichte Zugänge bietet das Werk nicht immer.

Die Grundthesen des Buches entsprechen der bekannten Position Langewiesches. Anders als vielfach behauptet, sieht er das 19. Jahrhundert und seine Kriege nicht als Vorlauf, Hinführung oder Vorspiel zu den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, sondern im Gegenteil als gutes Beispiel für die Einhegung des Krieges in Europa (Wiener Kongress). Es gab vor 1914 etliche Kriege in Europa, diese aber führten nicht zur Entgrenzung, vielmehr setzten sie – wenn auch unter gewandelten Bedingungen – die sich schon im 18. Jahrhundert manifestierende Grundtendenz, militärische Auseinandersetzungen auf die Armeen zu konzentrieren und die Zivilbevölkerung weitgehend zu schonen. Die Napoleonischen Kriege sind nach dieser Lesart eben nicht „totale“ Kriege oder deren Vorläufer, hingegen nur die Perfektionierung des hergebrachten Kriegsmodells, hier insbesondere durch Napoleon selbst. Nationenstaatsbildung in Verbindung mit Volkskrieg ist demnach auch nicht wirklich in dieser Zeit entstanden, sondern später. Erst im Zuge der Traditionsbildung wurde dieser Prozess gewissermaßen nachträglich auf die Napoleonische Zeit projiziert.

Kriegerische Entgrenzung gab es allerdings in den Kolonialgebieten, da hier – nicht zuletzt aus rassistischen Grundüberzeugungen heraus – europäischen Rechtsnormen und Vermittlungsverfahren keine Gültigkeit zugesprochen wurde. Von diesen Entgrenzungen (Kolonialkriege), die dann teils zum Völkermord führten, „wurden die Europäer im Ersten Weltkrieg eingeholt“ und zwar „von ihrer eigenen Vergangenheit und zugleich von ihrer gegenwärtigen kolonialen Praxis außerhalb Europas“ (S. 126). Dieses Fazit führt nun allerdings nicht unbedingt zu vertiefter Erkenntnis. Auch überzeugt die in diesem Zusammenhang gebotene, etwas trockene Präsentation von Zahlen und Statistiken nicht wirklich. Sie soll belegen, dass der Krieg 1914 bis 1918 Formen annahm, „die früher auch in Europa vorherrschten, außerhalb Europas stets dominierten und dort auch von europäischen Staaten in ihren Imperialkriegen praktiziert wurden“ (S. 118). Dem Charakter der jeweiligen Kriege kommt man so genauso wenig näher, wie letztlich trotz der beeindruckenden Präsentation von Fakten, Rahmenbedingungen und Zusammenhängen offenbleibt, was denn nun genau vom „europäischen Sonderweg“ (S. 116 ff.) des eingehegten Krieges zu den Entgrenzungen ab 1914 (dem „Totalen Krieg“) führte. Alle wesentlichen Elemente werden genannt, zum Beispiel die Totalisierung der Kriegsziele, Medialisierung, Vermassung, „totale“ Mobilmachung, Technisierung, Krieg als „Modernitätsbeweis eines Staates und seiner Gesellschaft“ (S. 94). Dennoch wird dem Leser am Ende nicht ganz klar, wie die Verkettungen und Entwicklungen zusammenhingen und ineinanderwirkten, bis es dazu kommen konnte, dass das Zeitalter des „gehegten“ durch das des „ungezügelten“ Krieges abgelöst wurde. Der Rezensent konnte sich zumindest vereinzelt nicht des Eindrucks erwehren, dass das ‚lange‘ 19. Jahrhundert bei Langewiesche einen herausgehobenen, vom Rest der Geschichte gewissermaßen abgetrennten Status gewinnt.

Neben der in der Vergangenheit schon häufiger diskutierten Grundposition Langewiesches vermittelt das Buch eine übergreifende Erkenntnis: Keinerlei Entwicklung ist ohne Krieg hinreichend zu erklären. Wer etwas durchsetzen wollte (Nation, Revolution, Fortschritt) oder umgekehrt derlei verhindern wollte, kam um den Krieg, die Gewaltaustragung, nicht herum. Diese Erkenntnis belegt Langewiesche eindrucksvoll, wenn auch mit der Zeit doch etwas litaneihaft. Keineswegs propagiert er aber die alte legitimatorische Beschönigungsformel vom ‚Krieg als Vater aller Dinge‘, sondern bietet eine tiefenstrukturelle und überzeugende Analyse.

Das Ergebnis im Schlusskapitel zur Europäischen Union stimmt nachdenklich: „[…] auf den Krieg als Kraft zur Zukunftsgestaltung zu verzichten, ist eine fundamentale politische Entscheidung gegen die Geschichte, keine Folge gemeinsamer europäischer Werte, welche die Geschichte für uns bereithielte. Am Anfang war der Krieg – das gilt auch für die europäische Union. Sie baut ideell auf dieser Geschichtserfahrung auf, aber sie geht einen historisch gänzlich unerprobten Weg. Darin liegt ihre Originalität und die Hoffnung, die sich mit ihr verbindet“ (S. 421). Ist Krieg die europäische Normalität aus der historischen Tiefe, die erst noch grundlegend durchbrochen und unterbunden werden muss und soll? Die Ausführungen gerade im Schlusskapitel verführen fast dazu, den Krieg bis zum dauerhaften Beweis des Gegenteils (was heißt dauerhaft?) weiterhin als ‚unverzichtbares‘ europäisches default pattern zu akzeptieren. Aber nur fast.