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Einzelrezension

Echternkamp, Jörg/Jaeger, Stephan (Hrsg.): Views of Violence. Representing the Second World War in German and European Museums and Memorials, 284 S., Berghahn, Oxford/New York 2019.


Keywords: Review, Echternkamp, Jörg/Jaeger, Stephan (Hrsg.), 2019, Erinnerungskultur, Kriegsgedenken, Ausstellungen, Denkmäler, Museologie, Zweiter Weltkrieg, 20. Jahrhundert

How to Cite:

Friedrich, K., (2020) “Echternkamp, Jörg/Jaeger, Stephan (Hrsg.): Views of Violence. Representing the Second World War in German and European Museums and Memorials, 284 S., Berghahn, Oxford/New York 2019.”, Neue Politische Literatur 66(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00331-1

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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2020-12-30

Peer Reviewed

Der Sammelband handelt vom erinnerungskulturellen Umgang mit den Kernjahren der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts in Europa. Diesem wenden sich die 13 Verfasser_innen mit sieben Beiträgen über Ausstellungen in Museen und drei Beiträgen über den Aussagewert von Denkmälern zu.

Der Einführung der Herausgeber folgt Thomas Thiemeyers Aufsatz über die vielstimmigen und besonders auf das persönliche Erleben abhebenden Ausstellungen zum Zweiten Weltkrieg in deutschen Museen. Der erinnerungskulturelle Wandel – weg von der Politisierung und hin zur Anthropologisierung des Rückblicks auf den Weltkrieg – spiegelt sich darin wider. Dabei seien Täter und Opfer nicht allein nach nationalen Zugehörigkeiten zu scheiden: „one can find examples of both within the same country“ (S. 29). Deutsche Museen bezieht auch Stephan Jaeger mit ein, wenn er den heutigen, die Erfahrungen der am Krieg Beteiligten betonenden Zugang europäischer Museen betrachtet, wobei die Kriegsschauplätze Normandie und Ardennen im Vordergrund stehen. Mit einem Vergleich des Gebrauchs zeitgenössischer Medien im Militärgeschichtlichen Museum der Bundeswehr in Dresden und im Imperial War Museum North in Manchester befasst sich Jana Hawig, während Erin Johnston-Weiss den über Fotografien vermittelten Blick auf Gewaltgeschichte untersucht hat, wie er sich in den Ausstellungen der Berliner Topographie des Terrors und des Kanadischen Museums für Menschenrechte in Winnipeg manifestiert. Sarah Kleinmann sucht eine Antwort auf die Frage, wie sich zwei Ausstellungen in den „Euthanasie“-Mordstätten Grafeneck in Deutschland und Hartheim in Österreich der Herausforderung gestellt haben, nationalsozialistische Täter in die museale Darstellung einzubeziehen.

Der frühere Kriegsschauplatz Osteuropa erscheint in Winson Chus Beitrag „Warschau erhebt sich“, der den aktuellen politisierten Umgang mit dem Warschauer Aufstand zum Thema hat. Durch die unkritische Übernahme einer polnischen Ausstellung im nationalkonservativen Geist, die 2014 bemüht war, längst infrage gestellte „nationalistische Narrative über das Heldentum und den Philosemitismus der Polen“ zu verbreiten (S. 13), bot die Berliner Republik der (Re‑)Nationalisierung der Kriegserinnerung eine Bühne (S. 141). Damit beteiligte sie sich auf ungeschickte Weise am Wiederaufleben einer rückwärtsgewandten, verklärenden polnischen „Geschichtspolitik“ (polityka historyczna) (S. 130). Chu sieht darin eine bewusste Gegenbewegung zu den zahlreichen Bemühungen, eine zukunftsfähige gemeinsame europäische Erinnerung in Bezug auf die Kriegsjahre und ihre Folgen herauszubilden. Leider ist hier fälschlich davon die Rede, dass in Katyn 1940 „zweihunderttausend polnische Offiziere“ umgebracht wurden (S. 137); richtig ist, dass der sowjetische Geheimdienst dort und an weiteren Orten 20.000 bis 25.000 gefangene Offiziere ermordet hat, die den neuen Machthabern 1939 bei der Besetzung Ostpolens in die Hände gefallen waren.

Im zweiten Abschnitt gibt zunächst Karola Fings einen Überblick der Erinnerungskultur um die Schlacht im Hürtgenwald. Wie an einigen anderen Orten in Deutschland überdauerte im „Museum Hürtgenwald 1944 und im Frieden“ der unreflektierte Heldenmythos in Bezug auf die beteiligten deutschen Soldaten bis ins zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, und wie dort dienten im Hürtgenwald abgehaltene Gedenkveranstaltungen Rechtsradikalen und -extremisten allzu lange als willkommene Bühne (S. 162). Im längsten Beitrag bieten Peter Pirker, Magnus Koch und Johannes Kramer eine gelungene Zusammenfassung der langjährigen österreichischen Auseinandersetzungen um das Kriegsgedenken am Wiener Heldenplatz/Ballhausplatz. Jeffrey Luppes blickt auf Denkmäler der deutschen Vertriebenen in Mittel- und Osteuropa „vor Ort“, also auf mehrere Dutzend Gedenkzeichen, die seit den 1990er Jahren an den tatsächlichen Orten errichtet werden konnten, wo Deutsche nach Kriegsende massenhaft ermordet oder aus ihrer Heimat in beiderlei Deutschland vertrieben worden waren. Wenn der Verfasser fordert, dass es möglich sein müsse, der Opfer der Vertreibung nun auch in Deutschland „ohne Streit“ zu gedenken (S. 228), so lässt er allerdings außer Acht, dass die frühe(re)n Vertriebenendenkmäler andere – die Rückkehr anmahnende und teils klar revanchistische – Botschaften haben. Zudem hat er selbst erkannt, dass die Aufschriften der neuen, eher unscheinbaren Denkmäler in den früheren Heimatorten der Vertriebenen wenig konkret sind und der Begriff „Vertreibung“ dort auch heute noch Unmut und heftige Proteste hervorruft (S. 221).

Jörg Echternkamp greift in seinem Aufsatz über die Spuren des Weltkriegs in der Normandie den zuletzt populären Begriff der „Erinnerungslandschaft“ auf. Anstrengungen, sie auf die Welterbeliste der UNESCO zu setzen, verbinden sich mit Hoffnungen auf eine Belebung des Tourismus. Den Abschluss bildet Jay Winters resümierende Stellungnahme zu „Gedächtnisboom und Gedenken an den Zweiten Weltkrieg“. Kriegsmuseen, so Winter, erfüllten ihre Aufgabe dann am besten, wenn sie das historische Kriegsgeschehen mit der Gegenwart verbinden – als „sites of interrogation and contestation in order for visitors zu understand the links between the past and a present shaped by the consequences of war“ (S. 5). Dabei sei der martyrologische Zugang in Westeuropa aus der Mode gekommen, doch in Osteuropa weiterhin im Gebrauch, wo er eine Vielzahl von „nationalen und religiösen Bewegungen“ durchdringe (S. 257).

Mit dem konzeptionell überzeugenden, in der Qualität seiner Beiträge weit überdurchschnittlichen Sammelband ist es den Beteiligten im Ganzen vortrefflich gelungen, eine – wenngleich exemplarische – Bestandsaufnahme zum derzeitigen Stand der Debatte mit Bezug auf das öffentliche Kriegsgedenken zu geben.