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Einzelrezension

Defrance, Corine/Herrmann, Tanja/Nordblom, Pia (Hrsg.): Städtepartnerschaften in Europa im 20. Jahrhundert, 359 S., Wallstein, Göttingen 2020.


Keywords: Review, Defrance, Corine/Herrmann, Tanja/Nordblom, Pia (Hrsg.), 2020, Städtepartnerschaften, Europa, 20. Jahrhundert, Transnationale Beziehungen, Kommunalpolitik, Kalter Krieg, Europäische Union

How to Cite:

Szidat, N., (2020) “Defrance, Corine/Herrmann, Tanja/Nordblom, Pia (Hrsg.): Städtepartnerschaften in Europa im 20. Jahrhundert, 359 S., Wallstein, Göttingen 2020.”, Neue Politische Literatur 66(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00330-2

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© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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2020-12-20

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Eine Europakarte mit den Namen verschiedener Groß- und Hauptstädte ziert den Umschlag des vorliegenden Sammelbandes. Dass Marseille beispielsweise in Schottland zu finden ist, stellt jedoch keinen Layoutfehler dar, sondern spielt auf die Lage der Partnerstadt Glasgow an. Somit verweist die Darstellung bereits auf den Gegenstand der Publikation und das Netz an transnationalen Bezügen, das über Städtepartnerschaften nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Europa entstand.

Der auf eine Tagung des Arbeitsbereichs Zeitgeschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und des französischen LabEx EHNE (Écrire une Histoire Nouvelle de l’Europe) im Oktober 2015 zurückgehende Band verfolgt das Ziel, „die Entstehung und die Geschichte der Städtepartnerschaften in Europa im 20. Jahrhundert in verschiedenen Zeitphasen und in ihren jeweiligen politischen bzw. ideologischen Kontexten zu beleuchten“ (S. 16).

Die insgesamt 18, bis auf einen allesamt geschichtswissenschaftlichen Beiträge zu dieser Fragestellung lassen sich grob vier Themenkomplexen zuordnen: Städtepartnerschaften in Westeuropa nach 1945, Städtepartnerschaften als Ausdrucksform (inter-)nationaler Verbundenheit, blockübergreifende Städtepartnerschaften als Handlungsfeld des Kalten Krieges, sowie Städtepartnerschaften und der Einfluss der EU. Diese Themenbereiche verlaufen quer zur leider sehr allgemein gehaltenen Gliederung des Bandes („Städtepartnerschaften zwischen Politik und Ideologie“ und „Städtepartnerschaften zwischen Last der Geschichte und zukunftsorientierter Zusammenarbeit“).

Im Kontext der ‚klassischen‘ westeuropäischen Städtepartnerschaften werden der konfliktreiche Umgang mit der jüngsten Vergangenheit in deutsch-französischen Verbindungen (vgl. Sebastian Dörfler), die Bedeutung von Partnerschaften in Grenzgebieten für die Entstehung transnationaler europäischer Regionen (vgl. Jean-Christophe Meyer), und der Stellenwert von Städtepartnerschaften in der nationalen Innen- und Außenpolitik (vgl. Claus W. Schäfer) behandelt. Wie fruchtbar der Blick auf die lokale Ebene zur Relativierung kommunalpolitischer Friedens- und Versöhnungsnarrative sein kann, zeigen zwei Beiträge: Étienne Deschamps illustriert anhand der Brüsseler Stadtverwaltung Städtepartnerschaften als „Teil einer politischen Lobbyismus-Strategie, die zum Ziel hatte, die Legitimität und das Gewicht der Kandidatur der belgischen Hauptstadt für den Sitz der europäischen Institutionen zu stärken“ (S. 52). Der Soziologe Andreas Langenohl zeigt anhand der Störanfälligkeit gängiger Partnerschaftspraktiken, dass diese auch immer das Risiko des Scheiterns in sich bargen.

Eine zweite Gruppe von Beiträgen legt den Fokus auf Städtepartnerschaften als Ausdrucksform (inter-)nationaler Verbundenheit, etwa zwischen sozialistischen ‚Brudervölkern‘ (vgl. Markus Pieper), im Kontext der griechisch-serbischen Beziehungen (vgl. Ruža Fotiadis), im Angesicht gemeinsamer Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges (vgl. James E. Connolly) oder zur Festigung kolonialer Machtstrukturen (vgl. Lucas Hardt). Die Bedeutung von Städtepartnerschaften für Nationalnarrative thematisiert Eva Kübler in ihrem Aufsatz zu innerfranzösischen Partnerschaften nach 1945, die der Erinnerung an die Evakuierung des Grenzgebiets zu Deutschland 1939 dienten, aber einen „Generationenwechsel“ (S. 244) benötigten, um Fahrt aufzunehmen: Erst als ab den 1960er Jahren Akteure in kommunalpolitische Ämter nachrückten, die die Evakuierung im Kindes- und Jugendalter – anders als ihre Eltern – positiv erlebt hatten, kam es zu einer Intensivierung und Institutionalisierung der Beziehungen.

Im Zentrum eines dritten Themenschwerpunkts stehen blockübergreifende Städtepartnerschaften als Handlungsfeld des Kalten Krieges, wobei unter anderem das Wirken von Organisationen wie dem Städte- und Gemeindetag der DDR, dem Ministerium für Staatssicherheit oder der Association France-URSS analysiert wird (vgl. die Beiträge von Constanze Knitter, Ulrich Pfeil und Franceska Malle). Besonders Malte Thießen und Dominik Pick gelingt es, sich über den Blick auf das Lokale aus dem Gegensatz zwischen Städtepartnerschaften in westlichen Demokratien und Städtepartnerschaften in sozialistischen Diktaturen zu lösen. So zeigt Thießen anhand britisch-sowjetischer Verbindungen zwischen kleineren Partnern, dass diese weit mehr von alltäglichen Spannungen denn von weltpolitischen Entwicklungen geprägt waren. Pick illustriert, dass kommunalpolitische Handlungsräume in West und Ost von etlichen Faktoren, wie etwa der individuellen Vernetzung der Akteure, abhängig waren und im günstigsten Fall zur Etablierung privater Kontakte führen konnten.

Eine vierte Gruppe von Beiträgen thematisiert städtepartnerschaftliche Entwicklungen seit den 1980er Jahren und wirft dabei einen Blick auf den wachsenden Einfluss der Europäischen Union, der sich einerseits in Form verschiedener Förderprogramme bemerkbar machte (vgl. die Beiträge von Lisa Montmayeur und Marijke Mulder), andererseits aber auch neue Wege kommunaler Vernetzung abseits der Städtepartnerschaften zur Folge hatte (vgl. Thomas Höpel).

Die Bandbreite der Beiträge und die Vielzahl an Konstellationen, die so in den Blick genommen werden (neben den oben genannten etwa deutsch-polnische oder franko-algerische), stellen eine große Stärke der Publikation dar und verdeutlichen das Potenzial von Städtepartnerschaften als vielseitiger Untersuchungsgegenstand geschichtswissenschaftlicher Forschungen. Allerdings bleibt gerade die europäische Dimension, die lediglich anhand des Verhältnisses zur EG/EU thematisiert wird, unterrepräsentiert. Hier wäre etwa nach der Bedeutung anderer europäischer Institutionen zu fragen und zu untersuchen, welche Rolle ‚Europa‘ in den Partnerschaften und für die Akteure spielte. Zudem hätte man sich vonseiten des Verlags etwas mehr Sorgfalt beim Lektorat gewünscht, da beispielsweise die Einleitung noch von einer anderen Struktur des Sammelbandes ausgeht.

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