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Einzelrezension

Bergdolt, Klaus: Kriminell, korrupt, katholisch? Italiener im deutschen Vorurteil, 243 S., Steiner, Stuttgart 2018.


Keywords: Review, Bergdolt, Klaus, 2018, deutsche Vorurteile, Italien, kollektive Feindbilder, Mythen, Antikatholizismus

How to Cite:

Schieder, W., (2020) “Bergdolt, Klaus: Kriminell, korrupt, katholisch? Italiener im deutschen Vorurteil, 243 S., Steiner, Stuttgart 2018.”, Neue Politische Literatur 66(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00329-9

Rights:

© The Author(s) 2021 under CC BY International 4.0

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Published on
2020-08-11

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Keine Frage, ein Buch wie dieses musste endlich einmal geschrieben werden. Zwar gibt es schon seit Längerem Bücher wie das des Publizisten Gregor von Rezzori („Italien. Vaterland der Legenden, Mutterland der Mythen. Reisen durch die europäischen Vaterländer oder wie althergebrachte Gemeinplätze durch neue zu ersetzen sind“, 1996), doch blieben diese eher an der Oberfläche des Themas. Auch wenn der kulturelle Reichtum Italiens heute für Deutsche weniger anziehend sein dürfte als in früheren Zeiten, stellen die italienischen Strände immer noch einen Sehnsuchtsort für Millionen von deutschen Touristen dar. Die Italiener samt ihrer Kultur und Geschichte nehmen sie gleichwohl kaum wahr. Auch die italienischen ‚Gastarbeiter‘, welche dem deutschen Wirtschaftswunder als erste ausländische Arbeitskräfte auf die Beine halfen, trugen kaum etwas dazu bei, die Vorurteile der Deutschen gegenüber den Italienern zu verringern. Überwiegend aus der ländlichen Unterschicht kommend, häufig sogar illiteral, vermittelten sie ein völlig einseitiges Bild von ‚den‘ Italienern.

Kollektive Feindbilder eines Volkes gegenüber einem anderen sind zwar überall nachzuweisen, zwischen Deutschen und Italienern haben sie jedoch einen besonderen Charakter. Sie lassen sich zum einen, wie Klaus Bergdolt zeigt, bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Und sie haben zum anderen fast durchweg einen asymmetrischen Charakter. Dem „irritierenden Phänomen deutscher Arroganz und Verachtung“ (S. 15) steht eine übertriebene Empfindlichkeit der Italiener gegenüber. Die deutschen Überlegenheitsgefühle als Vorurteile zu entlarven, hat sich der Verfasser als Aufgabe gesetzt.

In der Annahme, dass die Ansichten von deutschen Kaufleuten und Handwerkern, aber auch frommen Pilgern noch wenig erforscht seien, konzentriert Bergdolt seine Untersuchung auf die „akademische Arroganz“ (S. 98) der intellektuellen Oberschichten Deutschlands. Das ist zwar nicht ganz zwingend, da etwa die Aktivitäten zahlreicher deutscher Handwerker in Rom während des Mittelalters schon bestens erforscht sind. Da Reiseberichte, auf die sich Bergdolt in der Hauptsache stützt, aber fast ausschließlich von der wissenschaftlichen, künstlerischen und politischen Intelligenz stammen, ist sein Ansatz durchaus verständlich.

Weniger plausibel ist seine Entscheidung, das Buch nicht chronologisch, sondern im Grunde essayistisch aufzubauen. Ausgehend von der ihm offensichtlich vertrautesten Frühen Neuzeit kommt er auf „Moralisten und Hassprediger“ des 19. Jahrhunderts vom Schlage Gustav Nicolais zu sprechen (S. 113), an die sich erst dann „Goethes Vorurteile“ (S. 133) anschließen. Von Johann Wolfgang Goethe folgt darauf ein Sprung zurück zu den Ursprüngen der deutschen Vorurteile im Mittelalter (S. 140). Die Fülle der Entdeckungen von bekannten und weniger bekannten Italienreisenden, die Bergdolt dabei macht, entschädigt schließlich zwar für die etwas verwirrende Reihenfolge seiner Essays, macht diese aber nicht unbedingt plausibel.

Sehr gelungen sind dazwischen Abschnitte über den Mythos ‚der‘ Italienerin, die der Verfasser als regelrechte Männerfantasien entlarvt, sowie über „Spuren der Toleranz“ (S. 150 ff.), die er etwa im 19. Jahrhundert bei August von Platen und Viktor Hehn, aber auch bei dem jüdischen Nobelpreisträger Emil von Behring entdeckt. Auch der Essay über „Antikatholizismus als Programm“ (S. 29 ff.) kann hier angeführt werden, weil er dessen Nachhall auf die unmittelbare Gegenwart, insbesondere die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, beziehen kann. Besonders hervorzuheben ist, dass Bergdolt auch die binnenitalienische Autokritik von Italienern nicht beiseitelässt. Auf sie führt er sogar manche der deutschen Vorurteile, vor allem im Hinblick auf den als unterentwickelt, ungebildet und verwahrlost geltenden Mezzogiorno zurück. Das Kapitel über die Mafia wirkt in diesem Zusammenhang allerdings etwas angehängt. Dass der italienische Faschismus der „Hauptgegner“ der Mafia gewesen sei, ist im Übrigen ganz unzutreffend (S. 195).

An diesem Urteil zeigt sich, dass in dem Buch das 20. Jahrhundert für die Entstehung der deutschen Vorurteile gegenüber Italien doch deutlich zu kurz kommt. Dass sich die seit Jahrhunderten bestehende, vom Verfasser ungewöhnlich penibel aufgearbeitete Tradition deutscher Vorurteile bis heute gehalten hätte, kann er letzten Endes nicht nachweisen. Dafür hätte er diese Tradition mit den für die Italiener traumatischen Jahren der deutschen Besatzung von 1943 bis 1945 zusammenbringen müssen. Es sind ungleich mehr die deutschen Kriegsverbrechen dieser Zeit, welche die italienischen Vorbehalte gegenüber Deutschland immer wieder hochkommen lassen, zuletzt gerade wieder in der Corona-Pandemie, aber auch schon in der Phase der Wiedervereinigung, als der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti zynisch behauptete, er liebe Deutschland so sehr, dass er am liebsten zwei davon hätte. Immer noch lebt davon der Mythos von der allverbindenden Resistenza, der alle Italiener als brava gente (‚gute Leute‘) gegen die ‚bösen Deutschen‘ (Filippo Focardi) vereint habe.