Die Erforschung der radikalen Rechten von den 1920er zu den 1940er Jahren schließt einerseits an eine inzwischen jahrzehntelange wissenschaftliche Debatte an und hat andererseits durch die jüngsten politischen Entwicklungen an Dringlichkeit gewonnen. Die Herausforderung besteht darin, aus einer in vieler Hinsicht bereits gut ausgeleuchteten Thematik neue Funken zu schlagen. Dies unternimmt der anzuzeigende Band mit einem Fokus auf den „Neuen Mann“ sowie einer Ergänzung etablierter Perspektiven in geografischer, politischer und methodischer Hinsicht. Solche Vielfalt resultiert aus dem internationalen Entstehungszusammenhang: Der Band ist aus einer in Chile abgehaltenen Tagung hervorgegangen und versammelt Autorinnen und Autoren, die in elf verschiedenen Ländern tätig sind.
Neben Italien als Ursprungsland des Faschismus, dem drei Beiträge gewidmet sind, werden sieben weitere europäische Staaten sowie Argentinien, Brasilien und Japan einbezogen. Aus dieser geografischen und damit auch kulturellen Breite ergeben sich einige interessante Einsichten. So geht Roland Clark der Männlichkeitsrhetorik in Rumänien nach, die ebenso zur Delegitimierung der politischen Elite wie zur Mobilisierung der „Legion des Erzengels Michael“ beitrug. Dabei wurden christliche Einflüsse aufgenommen, was auch David Alegre Lorenz in seinem Beitrag zu den spanischen nationalistischen Rebellen unter General Francisco Franco und ihrem Ritterlichkeitsideal betont. Roy Starrs stellt den japanischen Ideologen Masamichi Rōyama vor, der aus einer explizit dem „Neuen Mann“ gewidmeten Vereinigung radikaler Studenten hervorging und später versuchte, die Tokioter Regierung zu einer dezidiert faschistischen Politik zu bewegen. Dies verweise auf ein Mischungsverhältnis von aus Europa importierten rechtsradikalen Ideen und einem japanischen Traditionalismus, der sich in den 1930er Jahren immer stärker militaristisch ausrichtete. Starrs Argumente zeigen eine weitere Stärke des Bandes, nämlich dessen Fokus auf die radikale Rechte insgesamt, wodurch der Faschismus kontextualisiert und in mancher Hinsicht sogar relativiert wird.
Das zeigt sich auch am Beitrag von Alberto Spektorowski zu Argentinien. Der Peronismus propagierte eifrige Konsumenten und glückliche Arbeiter, sodass die heroische Virilität faschistischer Männlichkeitsbilder eine nachrangige Rolle spielte. Joan Tumblety betont, dass in Frankreich unterschiedliche Versionen des „Neuen Mannes“ als Antwort auf einen vermeintlichen nationalen Niedergang zirkulierten, was den Mobilisierungsversuchen der radikalen Rechten Plausibilität verlieh. In ähnlicher Weise arbeiten Rita Almeida de Carvalho und António Costa Pinto heraus, dass das Männlichkeitsideal der Salazar-Diktatur in Portugal der alltagsorientierte Familienvater mit christlich-konservativen Werten war. Dieser stand in denkbar weiter Distanz zu den deutschen SA-Männern und italienischen Squadristi, wie sie Sven Reichardt erschöpfend behandelt hat – oder auch zu den Kampfpiloten, die Fernando Esposito hier als Avantgarde faschistischer Männlichkeit in Italien interpretiert.
Der dritte Vorzug liegt in den unterschiedlichen methodischen Ansätzen, die in denjenigen Beiträgen verfolgt werden, die nicht als Überblicke angelegt sind. So widmet sich etwa Gregory Maertz Adolf Hitlers utopischer Ästhetik, die sich in den beiden Münchner Ausstellungen von 1937 zur „Entarteten Kunst“ und „Großen Deutschen Kunst“ niederschlug, während die ebenfalls in den Literaturwissenschaften angesiedelte Jeannette Baxter die Porträts analysiert, die in einem Zeitschriftenheft der British Union of Fascists mit der Weichheit und Bejahrtheit des politischen Establishments kontrastierten. Auch Aristotle Kallis, einer der profiliertesten vergleichenden Faschismusforscher, nimmt Kunst in den Blick, nämlich die des Modernisten Oswald de Andrade. Dessen positives Bild der Hybridität der Brasilianer wurde von der Diktatur Getúlio Vargas’ geteilt, koexistierte dort allerdings in widersprüchlicher Weise mit der Ambition, eine ‚weiße‘ Nation sein zu wollen.
Denjenigen Studien, die sich an der visual history, der Diskursgeschichte – wie bei Clark oder Esposito – oder auch der Wissenschaftsgeschichte – wie in Francesco Cassatas Beitrag zur oft unterschätzten italienischen Eugenik – orientieren, stehen einige bildungsgeschichtliche Analysen gegenüber. Luca La Rovere attestiert der Jugendpädagogik des faschistischen Italiens eine beträchtliche Wirkungsmacht und argumentiert damit gegen die Annahme, Benito Mussolinis Diktatur sei gescheitert. Dagegen arbeitet Rory Yeomans zwar die totalitären Ambitionen des Ustascha-Staates heraus, aber auch die Widersprüchlichkeit von dessen Armeepropaganda. Denn das anfängliche Ideal des blutrünstigen Paramilitärs sollte einer Kultivierung der soldatischen Seele weichen, die sich jedoch in der kroatischen Realität der Kriegsjahre bald als unrealistisch erwies.
Insgesamt bietet der Band, anders als der Titel suggeriert, mehr zur Ideologie der radikalen Rechten als zu deren Praxis. Ferner stehen unterschiedliche Befunde nebeneinander. Während sich manche Autor_innen analytisch an ‚reinen‘ Versionen des Faschismus orientieren (wie Esposito), argumentieren andere, dass gerade die vielfältige Suche nach dem „Neuen Mann“ die Zugkraft rechtsradikaler Varianten erkläre (besonders Tumblety), während wieder andere (ausgeprägt Yeomans) unaufgelöste Widersprüche in den Mittelpunkt stellen. Leider bleibt die Einleitung insofern blass, als sie die Beiträge langwierig resümiert, statt deren jeweiligen Ansätze, Ergebnisse und Argumente gegeneinander abzuwägen. So überzeugend die Begründung der Herausgeber für die Zusammenstellung des Bandes ausfällt, kann sie doch keine Problemdiskussion ersetzen. Und so sehr David Alegre Lorenz zuzustimmen ist, dass die Forschung der „changing dynamics“, „reality on the ground“ und „protean significance“ des Faschismus nachgehen sollte (S. 223 f.), ist davon in diesem Band zu wenig zu bemerken. Es fehlt ihm an empirischen Analysen diktatorischer Herrschaftspraxis. Denn wenn Faschisten einmal an die Macht gekommen waren und Ämter wahrnahmen, zeigte sich, dass sich ihr Aktivismus mit italienischer Familienpatronage oder deutscher Bürokratie überschnitt, wie Richard Bosworth beziehungsweise Armin Nolzen gezeigt haben. Insofern ist der „Neue Mann“ der Rechtsradikalen als Ideal zu begreifen, das Anschlussfähigkeit und Mobilisierungskraft ermöglichte, aber die diktatorische Wirklichkeit allzu oft in wenig schmeichelhaftem Licht erscheinen ließ – und diese vielleicht gerade deshalb zu immer größerer Radikalität antrieb.