Skip to main content
Einzelrezension

Overhoff, Jürgen/Oberdorf, Andreas (Hrsg.): Katholische Aufklärung in Europa und Nordamerika, 563 S., Wallstein, Göttingen 2019.


Keywords: Review, Overhoff, Jürgen/Oberdorf, Andreas (Hrsg.), Katholische Aufklärung, Katholizismus, 18. Jahrhundert, Nordamerika, Europa

How to Cite:

Tricoire, D., (2020) “Overhoff, Jürgen/Oberdorf, Andreas (Hrsg.): Katholische Aufklärung in Europa und Nordamerika, 563 S., Wallstein, Göttingen 2019.”, Neue Politische Literatur 65(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00320-4

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

3 Views

2 Downloads

Published on
2020-09-22

Peer Reviewed

Seit etwa 20 Jahren betont die Forschung immer mehr die Pluralität der Aufklärung, deren religiöse Spielarten stärker in den Fokus geraten. Somit lag die Deutsche Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts durchaus im Trend, als sie 2017 eine Tagung zum Thema „Katholische Aufklärung“ veranstaltete, deren Beiträge nun in Buchform erschienen sind. Der interdisziplinäre Sammelband fokussiert auf den deutschsprachigen Raum und die USA. Er beinhaltet nicht weniger als 28 Aufsätze aus den Bereichen der Geschichtswissenschaft sowie der Kirchen‑, Ideen‑, Bildungs‑, Literatur‑, Kunst- und Musikgeschichte, was den Rezensenten vor eine große Herausforderung stellt, soll hier mehr als ein Inhaltsverzeichnis geliefert werden. Daher werden die Aufsätze, die im Einzelnen viele wertvolle empirische Ergebnisse liefern, an dieser Stelle höchst selektiv besprochen. Es soll vor allem um Beiträge zur Frage gehen, was die Katholische Aufklärung war.

Man kann den Herausgebern des Sammelbands nur zustimmen, wenn sie die großen Fortschritte betonen, die die Forschung zu diesem Thema gemacht hat. Heute wird kaum noch in Frage gestellt, dass es eine katholische Aufklärung gegeben hat, wie dies noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Dennoch weist der Band ein Grundproblem auf: Nirgendwo definieren die Herausgeber, was genau unter Katholischer Aufklärung zu verstehen ist, und die gleiche Tendenz ist bei der großen Mehrheit der Aufsätze zu verzeichnen. Jürgen Overhoff bezeichnet in seiner Einleitung die Aufklärung vage als „eine Reformbewegung“, obwohl es mittlerweile in der Aufklärungsforschung Konsens sein dürfte, dass die Aufklärung keine ‚Bewegung‘ war, also weder eine klare Gruppe von Menschen umfasste, die zusammen wirkten, noch ein gemeinsames Programm aufwies. Anstatt sich in den Debatten zu positionieren, wie die Aufklärung denn zu verstehen ist, bringt der Autor diese ‚Bewegung‘ recht vage mit den Stichworten Vernunft, Gelehrsamkeit, Toleranz und säkularer Weltordnung in Verbindung. Die Katholische Aufklärung wird schlicht als eine katholische Spielart dieser ‚Bewegung‘ verstanden. Was dies genau heißt, bleibt der Vorstellungskraft des Lesers überlassen.

Entsprechend dieser konzeptuellen Unbestimmtheit werden in einer Reihe von Aufsätzen Reformansätze in Bildung und Wohlfahrtswesen oder auch gelehrte Aktivitäten „der Aufklärung“ zugeschlagen, ohne dass ersichtlich wird, was eigentlich aufklärerisch daran war. Gelehrsamkeit oder der Wille, Kinder zu ‚nützlichen‘ Bürgern und guten Christen zu erziehen, sind an sich nicht aufklärerisch. Zu viele Beiträge beschränken sich genauso wie die Einleitung darauf, apodiktisch zu behaupten, es habe ‚eine‘ Katholische Aufklärung mit ‚einer‘ Agenda gegeben. Genau dies hätte problematisiert werden sollen, um den Nutzen, aber ebenfalls die Grenzen des Begriffes zu diskutieren.

Problematisch dabei ist vor allem, dass der Sammelband den großen Konflikt weitgehend ignoriert, der den Katholizismus im 18. Jahrhundert zutiefst spaltete: die Auseinandersetzungen zwischen dem barock-humanistischen und dem augustinisch-rigoristischen Katholizismus. Wo stand ‚die‘ Katholische Aufklärung in diesem Konflikt? Kann man angesichts dieser Grabenkämpfe von ‚einer‘ Katholischen Aufklärung sprechen? Jansenismus, Augustinismus, Gallikanismus oder Reformkatholizismus spielen nur in einigen Aufsätzen eine Rolle. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass vieles, was die Autorinnen und Autoren als „Aufklärung“ präsentieren (zum Beispiel die Kritik an barocken Frömmigkeitspraktiken) eher auf die augustinisch-gallikanische (oder reformkatholische) Strömung zurückzuführen ist.

Zu den Aufsätzen, die sich den konzeptuellen Herausforderungen stellen, gehört ein Essay zur Historiografie, der von Wolfgang Göderle und Thomas Wallnig verfasst ist. Die Autoren können sichtlich mit dem Begriff „Katholische Aufklärung“ wenig anfangen. Sie halten ihn für eher ungeeignet, um den großen Transformationsprozess zu beschreiben, der Gesellschaft und Kirche im späten 18. Jahrhundert umfasste: die Staatsbildung. Diese These überzeugt, überrascht aber wenig, lassen sich doch anhand des Begriffes „Aufklärung“ andere Phänomene beschreiben als anhand von „Staatsbildung“.

Zur Geschichte des Katholizismus in Nordamerika liefert der Band neue Erkenntnisse. In einem spannenden Beitrag geht Shaun Blanchard der Frage nach, ob und inwiefern der Bischof von Baltimore John Caroll der Katholischen Aufklärung zugeordnet werden kann, was in der Forschung umstritten ist. Blanchard kommt zum Ergebnis, dass Caroll durchaus als „aufgeklärt“ bezeichnet werden kann, weil er die aufklärerischen Prinzipien, die der amerikanischen Verfassung zugrunde lagen, bejahte. Sie ordnet ihn dem sogenannten „tiers parti“ zu, der sich um Papst Benedikt XIV. sammelte, Offenheit gegenüber den aufklärerischen Ideen zeigte und sich der augustinisch-gallikanischen Bewegung widersetzte. Neben Blanchard thematisieren zwei Aufsätze die seelsorgerischen und Bildungsaktivitäten von Katholiken in Amerika (Andreas Oberdorf und Johanna Schmid). Besonders hervorzuheben – wenn auch in einem losen Zusammenhang mit dem Thema „Katholische Aufklärung“ stehend – ist Lisa Minardis Untersuchung zur katholischen Architektur und materiellen Kultur in den USA, die zeigt, wie sich Katholiken optisch der Mehrheitsgesellschaft anpassten.

Der Sammelband erweitert außerdem unsere Kenntnisse der Geschichte aufklärerischer Symbolik. Daniel Fulda geht der Frage, was denn unter Katholischer Aufklärung zu verstehen sei, mittels einer Untersuchung der Fackelmetaphorik im katholischen Teil des Heiligen Römischen Reichs nach. Gerd Dethlefs analysiert, wie sich die Idee einer paternalistischen Herrschaft, die von Aufklärern vielfach vertreten wurde, im Bildprogramm der Residenz der Münsteraner Fürstbischöfe niederschlug.

Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Geschichte der Gelehrsamkeit in Klöstern und an Universitäten. Overhoff bricht eine Lanze für die Universität Münster, seine Alma Mater, anhand derer er zeigen möchte, „mit welch hohem Anspruch an Wissenschaftlichkeit, Rationalität und Forschungsfreiheit die Katholische Aufklärung im ausgehenden 18. Jahrhundert antrat.“ Rainald Becker verdeutlicht, mit welcher Sympathie mehrere Professoren der Universität Salzburg der Amerikanischen Revolution begegneten. Luis Ramos analysiert die Rezeption anderer amerikanischen Revolutionen (nämlich der mexikanischen und der haitianischen) bei einem dezidiert katholischen Autor, Henri Grégoire – im Übrigen einer der wichtigsten Protagonisten der Französischen Revolution. Ramos zeigt, welche Hoffnungen der von Frankreich enttäuschte Grégoire in diese Revolutionen steckte, von denen er die Emergenz eines republikanischen, abolitionistischen und zugleich katholischen Staatsmodells erwartete, das Europa regenerieren würde.

Mehrere Aufsätze behandeln nur am Rande das Thema „Katholische Aufklärung“, sind jedoch für die Aufklärungsforschung insgesamt ertragreich. Christoph Schmidt-Maaß analysiert die Aneignung eines antijansenistischen französischen Theaterstücks durch Luise Gottsched, die aus diesem ein antipietistisches Stück machte. Während dieses Werk in der Forschung vor allem unter geschlechterhistorischen Aspekten Beachtung fand, wird hier die innerkonfessionelle Polemik kenntnisreich unter die Lupe genommen (leider mit einigen Ungenauigkeiten zum Jansenismus, dem „Thorner Blutgericht“ oder der polnischen Geografie). Bernhard Schneiders Aufsatz zu Krankheitsvorstellungen in der Pastoraltheologie zeigt, dass Säkularisierungstheoretiker wie Rudolf Schlögl wohl allzu vorschnell davon ausgehen, es habe eine „Entchristlichung der Krankheit“ in der Aufklärungszeit gegeben. Tim Zumhof legt den Einfluss des Jesuiten Charles Porée auf deutsche protestantische Theatertheoretiker dar und somit, dass Transfers von katholischen Ideen in die protestantische Aufklärung stattfanden (er überzeugt dagegen weniger, wenn er Porée der Katholischen Aufklärung zurechnet). Annika Hildebrandt und Steffen Martus analysieren, wie die österreichische Kriegsdichtung im Siebenjährigen Krieg auf die konfessionell aufgeladene preußische Propaganda reagierte – nämlich mit einer Entkonfessionalisierung ihrer Argumentation. Vanessa de Senarclens geht der Geschichte von Voltaires Widmung seines Theaterstücks „Mahomet“ an Benedikt XIV. und der Antwort des Papstes nach. Diese Widmung ist zentral für die Interpretation des Werks, denn sie stellt die Frage, inwiefern Voltaire mit „Mahomet“ gegen die Offenbarungsreligionen insgesamt oder nur gegen den religiösen Fanatismus beziehungsweise den Jansenismus ins Feld zog. Leider beantwortet die Autorin die Frage nicht wirklich; eine feinere Kontextualisierung des Werks durch eine Auswertung von Voltaires Korrespondenz hätte hier sicherlich weitergeholfen. Das größte Manko des Aufsatzes ist jedoch, dass er ignoriert, dass Benedikt XIV. Voltaires Theaterstück wahrscheinlich nie seinen Segen erteilt hat. Die Antwort des Papstes, die sich in der Ausgabe des Stückes befindet, ist von Voltaire wohl sehr stark überarbeitet worden.

Trotz der im Einzelnen spannenden und weiterführenden empirischen Befunde muss festgehalten werden, dass der Sammelband eine verpasste Chance darstellt, eine Diskussion über den Begriff „Katholische Aufklärung“ zu führen. Hinsichtlich der Apodiktik, mit der in mehreren Aufsätzen behauptet wird, es habe eine Katholische Aufklärung gegeben, und hinsichtlich des hier und da offensichtlich apologetischen Gebrauchs dieses Terminus, wird der Sammelband vielleicht sogar Zweifel bei Forscherinnen und Forschern säen, die – wie der Rezensent – die These, es habe eine Katholische Aufklärung gegeben, mit Wohlwollen betrachten.

Funding

Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL.