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Einzelrezension

Hagemann, Karen: Umkämpftes Gedächtnis. Die Antinapoleonischen Kriege in der deutschen Erinnerung, 427 S., Schöningh, Paderborn u. a., 2019.


Keywords: Review, Hagemann, Karen, 2019, Napoleonische Kriege, Mobilisierung in Preußen 1813, Kriegsmemoiren, historische Kriegsromane, Historiografie

How to Cite:

Fahrmeir, A., (2020) “Hagemann, Karen: Umkämpftes Gedächtnis. Die Antinapoleonischen Kriege in der deutschen Erinnerung, 427 S., Schöningh, Paderborn u. a., 2019.”, Neue Politische Literatur 65(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00311-5

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2020-09-22

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Die Erinnerung an die antinapoleonischen Kriege in Deutschland hat inzwischen ihre eigene Historiografiegeschichte. Seit einiger Zeit steht die bisherige Erzählung einer nationalen Befreiung von einer fremden Besatzung auf dem Prüfstand. In Ute Planerts maßgeblicher Studie zum „Mythos vom Befreiungskrieg“ (2007), welche die Jahre zwischen 1792 und 1841 behandelt, standen der Westen und Süden Deutschlands im Mittelpunkt. Dort hatten die Kriege zum einen am längsten gedauert und fanden zum anderen in Regionen statt, wo man angesichts der Zugehörigkeit zu Frankreich oder der langen Allianz zwischen den Fürsten und Napoleon mit komplexen Gefühlen der Nähe und Distanz rechnen konnte.

Karen Hagemanns Buch nimmt eine analoge Perspektive ein, geht aber von Preußen aus. Es gliedert sich in vier Teile, die das Thema der Kriege gegen Napoleon aus unterschiedlichen Perspektiven behandeln. Es beginnt mit einer auf der Grundlage der Literatur rekonstruierten Ereignisgeschichte. In Preußen war die Kriegserfahrung bekanntlich vergleichsweise kurz. Das Königreich gab erst 1806 seine Neutralität auf, unterlag Napoleon rasch und verlor erhebliche Teile seines Territoriums. In dieser ungünstigen und als überraschende Demütigung empfundenen Situation plante die Monarchie eine Revanche – die durch eine Kombination aus interner Mobilisierung, russischer Unterstützung und die Auflösung des napoleonischen Allianzsystems gelang. Neben Preußen ist hier Sachsen als Erfahrungsort der „Völkerschlacht“ bei Leipzig Thema.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Praktiken der Mobilisierung, der Demobilisierung und des Gedenkens in Preußen. Hagemann rekonstruiert detailliert die Vereidigung von Freiwilligen sowie der Landwehr, die Übergabe von Regimentsfahnen, den Empfang der zurückkehrenden Soldaten im Rahmen von Friedensfeiern, die Stiftung des Eisernen Kreuzes und die Feiern zum jährlichen Gedenken an die Schlacht bei Leipzig. So wird deutlich, dass es 1813 in Preußen zu einer spontanen, weitreichenden Mobilisierung der männlichen und weiblichen Bevölkerung kam, die zwar auf das Königreich fokussiert, aber ebenso mit der Erwartung verbunden war, ‚Freiheit‘ in und für Deutschland zu erkämpfen. Diese Bewegung wurde von der Monarchie angestoßen und gefördert, drohte allerdings immer wieder, ihr zu entgleiten – entsprechend verbot der Monarch dann auch Frauen, durch die Herstellung und Überreichung von Regimentsfahnen das Monopol des Königs zu gefährden. Trotzdem waren viele preußische Praktiken egalitär: Die Verleihung desselben Eisernen Kreuzes sowohl an Offiziere als auch an Mannschaften (und einer zivilen Gedenkmedaille an Männer und Frauen) oder das Gedenken an Gefallene aller Stände in den Kirchen unterschieden sich deutlich von dem, was in anderen Monarchien üblich war. Hagemann stellt eine Beziehung zwischen dieser Sonderrolle Preußens und den begrenzten Ressourcen der Monarchie her, die versuchen musste, der Bevölkerung Angebote zu machen, um sie zu den Fahnen zu locken (auch wenn der Monarch diese erst für die Zukunft in Aussicht stellte). Allerdings hielt sich diese Sonderrolle nicht lange: Die Gedenkfeiern verloren rasch an Bedeutung, und als das Eiserne Kreuz 1871 wiederbelebt wurde, war es als Markierung preußischer Überlegenheit im Militär anderer deutscher Staaten umstritten.

Die beiden folgenden Teile des Buches wechseln die Perspektive und betrachten die veröffentlichte Erinnerung an die Kriege. Dabei wendet sich Hagemann zunächst Sachbüchern zu: der Historiografie und der Memoirenliteratur. Nach einer ausführlichen Einführung in die Konjunkturen des Buch- und Zeitschriftenmarkts in Deutschland behandelt der Abschnitt zur Historiografie sein Thema auf recht knappem Raum, sodass die ‚Klassiker‘ (Leopold von Ranke, Heinrich von Treitschke, Heinrich von Sybel) neben spezialisierteren Militärhistorikern eine große Rolle spielen; ein völlig neues Bild ergibt sich so nicht. Spannender wird es dort, wo die professionelle Historiografie der Zeit nur einen geringen Quellenwert vermutete. Auf der Grundlage eines erheblichen Samples an Kriegsmemoiren kann Hagemann einige bemerkenswerte Befunde dokumentieren, vor allem, dass sich Autoren und Verleger von Anfang an an Jubiläen orientierten: Besonders viele Texte erschienen erstmals oder erneut im Abstand von 25, 50, 75 und 100 Jahren. Militärische, männliche und adelige Perspektiven dominierten; in Preußen folgten die Narrative dabei stärker den offiziell vorgegebenen Vorstellungen vom Befreiungskrieg, während die Positionen in Süddeutschland differenzierter waren.

Der abschließende Teil des Bandes diskutiert die Darstellung der Kriege in historischen Romanen. Diese stellten – so Hagemann – die einflussreichste Form der literarischen Erinnerung dar. Sie orientierten sich etwas weniger stark an Jubiläen und stellten unabhängig davon, ob sie von bekannteren, später kanonisierten (meist männlichen) Verfassern oder von weniger bekannten, jedoch zeitgenössisch oft erfolgreicheren weiblichen Autorinnen stammten, zentrale Foren bereit, in denen über die Themen Freiheit und/oder Befreiung, Einheit und Nationsbildung reflektiert wurde.

Das Buch beginnt mit der Analyse von Georg Friedrich Kerstings Gemälde „Auf Vorposten“ von 1815 – und dem Hinweis darauf, dass dieses bekannte Bild nur die Hälfte eines Diptychons darstellt. Unterschlagen wird meist, dass auf der anderen Gemäldehälfte „Die Kranzwinderin“ die Rolle von Frauen im Zentrum steht. Hagemanns Studie zeigt, welche Einsichten sich durch einen kritischen Blick auf kanonische und gedruckte Werke gewinnen lassen. Man kann sich fragen, ob sich das Bild durch einen stärkeren Bezug auf handschriftliche Überlieferungen weiter differenzieren ließe; deutlich wird aber bereits jetzt, wie lohnend die erneute Beschäftigung mit der preußischen Kriegserfahrung ist.

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