Unter den sich nach dem Ersten Weltkrieg formierenden Wehrverbänden ragte als größter das 1924 gegründete republikanische Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold mit bis zu 1,5 Millionen Mitgliedern heraus. Mehr als 50 Jahre nach der ersten und bislang einzigen umfassenden Studie zu diesem Verband, dessen regionale und lokale Geschichte inzwischen aufgearbeitet wurde, nimmt sich die Jenaer Dissertation von Sebastian Elsbach dem Reichsbanner auf einer höchst breiten Quellenlage unter Einschluss ausländischer Archive an. Leitmotivisch geht es um die Frage, inwieweit das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold als stärkste Bastion der Demokraten einen Beitrag zur Funktionstüchtigkeit der Weimarer Republik leistete. Der (rein männliche) Verband war zwar mit Uniformen, Fahnen und Diensträngen ein militärisch organisierter, aber eben keine militaristische Kampforganisation.
Seine Gründung war Reflex auf weitverbreitete antirepublikanische Treibereien. Als überparteiliches Bündnis zum Schutz der Republik ‚gegen Hakenkreuz und Sowjetstern‘ hoffte man, über eine „Entfesselung eines nationalen republikanischen Geistes“ mit dem „Spuk der Reaktion aufräumen“ zu können, wie ein Polizeioffizier bereits im Vorfeld der Gründung schrieb (S. 104). Das Reichsbanner, in dem die in der Organisationsarbeit besser ausgebildeten, an Disziplin und Führung gewohnten Sozialdemokraten den individualistisch geprägten Anhängern der liberalen Deutschen Demokratischen Partei überlegen waren, entwickelte als ‚Trommler‘ für die soziale Republik in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen eine rege Bildungsarbeit und suchte gerade über Symbolpolitik, republikanisches Gedankengut in der Bevölkerung zu implementieren. Dazu dienten Gedenkfeiern und die Errichtung von Denkmälern für die ‚Märtyrer‘ der Republik, die durch Kugeln ermordeten Minister Matthias Erzberger und Walther Rathenau und den durch Worten gemarterten Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Ein weiterer bildungspolitischer Baustein war ein demokratisches Kriegsgedenken gegen den verherrlichenden Nationalistenrummel aus der konservativen Ecke.
Elsbach klopft an zentralen Ereignissen der Weimarer Zeit, wie dem Flaggenstreit und der Fürstenenteignung, Wirkungsgeschichte und Rollenverständnis des Reichsbanners ab. In der relativen Schönwetterphase der mittleren Jahre festigte sich die Organisation, die so zum mächtigen Widerpart der republikfeindlichen Kräfte wurde und in der Endphase der nationalsozialistischen Bedrohung Paroli bot. Ein Schwerpunkt der Darstellung bildet dabei die Gewaltfrage, denn nach der Überwindung der Krise von 1923/24 wurde die Gewalt in Form der Wehrverbände neu organisiert und nahm in der Endzeit der Republik weiter zu. So war das Reichsbanner zunehmend auch als Saalschutz gefordert, ohne den die demokratischen Parteien im Lichte des permanenten Terrors der Demokratiegegner wohl kaum ihre Veranstaltungen hätten abhalten können. Während die Gegner offensiver und aggressiver vorgingen, folgte das Reichsbanner, so Elsbach, doch eher einer defensiven Gewaltstrategie. Gleichwohl war auch das Banner für Morde am politischen Gegner verantwortlich.
Insgesamt aber litt das Reichsbanner bei seinen Aktivitäten zur Sicherung und Verteidigung der Demokratie darunter, dass seitens des Staates die Wehrverbände oft über einen Kamm geschoren wurden, Verbote und Einschränkungen alle trafen, ob die republikanischen oder die antidemokratischen – ein Bärendienst an der Demokratie. Elsbach legt überzeugend dar, dass die Entscheidung im Machtkampf zwischen Nationalsozialismus und Republikanern nicht aufgrund der oft behaupteten Schwäche der demokratischen Verteidiger fiel, sondern infolge fataler antirepublikanischer Entscheidungen der Exekutive, allen voran des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Das zeigt sich auch im Detail: So konnte das vorübergehend verbotene Verbandsblatt des Reichsbanners um den 20. Juli 1932 nicht erscheinen – ausgerechnet an jenem Tag, an dem Reichskanzler Franz von Papen der republikanischen Bastion Preußen den Garaus machte. Auch für das entscheidende Ereignis der Zerstörung der Republik liefert die Studie eine überzeugende (teilweise) Neuinterpretation des Verhaltens des Reichsbanners. Denn warum, so lautet die Frage, widersetzte sich die mächtigste Organisation der Republik dem folgenschweren Schlag gegen die Demokratie nicht mit einem bewaffneten Aufstand? Wenngleich manch einer der kampfbereiten Führer draußen im Lande auf das Signal aus Berlin wartete, so erkannten die Verantwortlichen doch die Aussichtslosigkeit eines bewaffneten Konflikts. Eine Niederlage hätte zum endgültigen Verbot und letztlich zum Zerfall des Reichsbanners geführt. Auf diese Weise blieb die Organisation, so der zentrale Befund, auch nach dem Preußenschlag handlungsfähig, wenn auch in ihrer Wirkungsmacht begrenzt. Nach Adolf Hitlers Machtübernahme dem Terror ausgesetzt, erbrachte der Verband in den ersten Monaten 1933 einen hohen Blutzoll und spielte nachfolgend aufgrund der paramilitärischen Ausbildung seiner Mitglieder eine zentrale Rolle im Widerstand gegen die sich verfestigende Diktatur.
Elsbach reichert seine Analyse mit einem umfassenden Dokumentenanhang an: Man findet dort zum einen die Namen der führenden Reichsbannerfunktionäre und -unterstützer (inklusive derjenigen, die auch nach 1945 noch eine Rolle spielten), zum anderen eine in ungemeiner Fleißarbeit zusammengetragene wertvolle „Liste politischer Tötungsfälle zwischen Januar 1924 bis März 1933“, wobei der Autor auch Opfer und Täter jeweils dem politischen Spektrum zuordnet.
Alles in allem, so das Resümee, ging das Reichsbanner nicht kampflos unter. Die nicht nur vom reinen Buchgewicht her gewichtige Studie belegt in empirischer Tiefe, dass Weimar keineswegs eine „Republik ohne Republikaner“ war, sondern bis zum letzten Moment konsequente Verteidiger besaß, die eben nicht, wie das Urteil lange lautete, widerstandslos den Untergang der ersten Demokratie hinnahmen.