Adolf Hitlers Plan für die ‚Endlösung‘ habe die Vernichtung von „elf Millionen Juden“ eingeschlossen, was auch mögliche Opfer zwischen der Türkei und Nordafrika betraf. Nur Zeitknappheit und Probleme der Logistik, so Reeva Spector Simon in ihrer Kernthese (S. 250), verhinderten deren Auslöschung; jedoch stieg die Gefahr, als ab 1940 die Achsenmächte Italien und Deutschland in die Region eingriffen. Die Autorin, die lange an der New Yorker Columbia Universität lehrte und durch Bücher über den Irak zwischen beiden Weltkriegen und die Juden im Nahen Osten in der Moderne bekannt wurde, gibt nun erstmals einen Überblick, wie der Zweite Weltkrieg diese in den einzelnen Ländern der Region betroffen hat.
Die meisten Juden aus dem Nahen Osten und Nordafrika gerieten unter die Kontrolle des Vichy-Regimes, nachdem sich Frankreich im Juni 1940 den Nazis ergeben hatte. Dessen Erlasse schlossen viele der 110.000 Juden Algeriens aus Jobs in der Regierung und in weiten Bereichen aus. Dies galt ebenso für die 68.000 Juden Tunesiens sowie die 35.000 in Syrien und im Libanon. Indes konnten die meisten von ihnen überleben: die herrschenden Franzosen und Italiener hatten gar nicht genug Zeit, um vor Ort Todeslager zu errichten, während die Nazis und deren lokale Helfer auf logistische Probleme dabei trafen, Juden in Tötungszentren Europas zu verbringen. Ende 1941 befreiten die Alliierten die größten Teile der Levante, ein Jahr darauf folgte Nordafrika. Die Türkei blieb neutral, agierte aber auch für die Nationalsozialisten. Im Mai 1943 mussten die Truppen der Achsenmächte in Tunis kapitulieren, womit der Nahe Osten ihrer direkten Macht entzogen war. Bald danach begann die alliierte Invasion Siziliens und binnen zweier Jahre die Befreiung Europas.
Im Zweiten Weltkrieg wurde jüdisches Leben mannigfach betroffen. Als Teil der Bevölkerung waren Juden im Juli 1940 der italienischen Bombardierung Haifas ausgesetzt, die auf die Tanks der Iraq Petroleum Co. abzielte. Drei weitere solcher Überfälle ereigneten sich im September 1940. Die Luftwaffe der Wehrmacht bombardierte im Juni 1941 Tel Aviv, Jaffa und Haifa. Als General Erwin Rommels Truppen in Ägypten einrollten, wo in Kairo und Alexandria 80.000 Juden lebten, rief der Jerusalemer Großmufti Muhammad Amin al-Husaini in Radiosendern der Achsenmächte alle Araber dazu auf, die Juden in ihren Ländern zu töten.
Überdies hatten Befehle der französischen Vichy-Regierung nach dem Muster nationalsozialistischer Bestimmungen Juden ihrer Staatsbürgerschaft beraubt. Im Bagdader al-Farhūd-Pogrom, zu dem der Großmufti al-Husaini aufgerufen hatte, wurden 1941 200 jüdische Personen getötet. 250.000 Juden aus Algerien und Libyen mussten in 60 Arbeitslagern in Marokko Zwangsarbeit leisten. In Tunesien, wo Juden ebenfalls den gelben Stern tragen mussten, kamen 2.575 von ihnen – teilweise auch durch alliierte Angriffe – um. Andere wurden direkt in Todeslager gezwungen, etwa 1.200 algerische sowie 2.080 türkische Juden aus dem metropolitanen Frankreich und ferner Personen von der tunesischen Insel Djerba.
An dieser Stelle betont Simon, dass sich die Bevölkerung im Nahen Osten ihrer Besatzer erwehrte, auch Juden half, darunter in Marokko, im Iran und in der Türkei. Doch erfuhren Juden eine Doppelblockade für Reisen: erstens durch das britische „White Paper“ aus dem Jahr 1939, das als Antwort auf den arabischen Aufstand von 1936 bis 1939 entstanden war und die jüdische Immigration nach Palästina für die kommenden fünf Jahre auf 15.000 Personen jährlich begrenzte; zweitens durch al-Husainis Drängen gegenüber Hitler seit März 1941, Juden in Europa zu behalten, was mit dem Ausreiseverbot für Jüdinnen und Juden ab Oktober 1941 in die Realität umgesetzt wurde. Das war umso bitterer, als Palästina seit 1922 offiziell als Heimstätte für jüdische Immigration galt. Während des Krieges schlossen viele weitere Länder ihre Tore für Verfolgte, obwohl deren Einreise und Aufnahme angesichts des Holocausts so dringend notwendig gewesen wäre.
Wirtschaftlich traf die 75.000 in der Türkei lebenden Juden die Kopfsteuer Varlık Vergisi, welche insbesondere Minderheiten stark benachteiligte. In Libyen, das seit 1939 ‚Teil Italiens‘ war und wo 33.000 Juden meist in Tripolis lebten, erließen die Italiener antijüdische Edikte. So galt auch dort Benito Mussolinis „Rassen-Manifest“. Nachdem die Nazis im September 1943 Rom eingenommen hatten, zwangen sie die dortigen Juden, Stellungen an Fronten zu befestigen, nur um dann in europäische Konzentrationslager verschleppt zu werden.
Als die Überlebenden nach dem Krieg heimkehrten, hofften sie auf die Wiederherstellung ihrer früheren Zivilrechte. Doch sie wurden enttäuscht, weil der ablebende Kolonialismus, der Arabische Nationalismus, Sozialismus und Islamismus stark in der Palästina-Frage ausgenutzt wurden. Solche virulenten Mischungen aus Ideologien des Juden- und Israel-Hasses sorgten mit dafür, dass bereits in den 1970er Jahren die Existenz der meisten jüdischen Gemeinschaften im Nahen Osten und in Nordafrika endete, die in dieser Region über 2.000 Jahre fortgedauert hatte. Hier wäre zu ergänzen, dass sich durch den seit 2014 vermehrten Antiislamismus in Ägypten und den Golfländern um Saudi-Arabien neue Horizonte weiten: mit der Eröffnung der Elijahu-Hanavi-Synagoge in Alexandria, dem Beginn jüdischen Lebens im Irak und einer Anbahnung in Khartum, wo bis zum Sechstagekrieg 1967 1.000 Juden lebten.
Simon legt eine höchst wertvolle, recht nuancierte und dringend notwendige Übersicht vor. Ein Nachfolgeband für die Zeit von 1945 bis 1990 würde wohl aufzeigen, dass viele Herrscher und ihre Helfer – darunter 4.000 geflüchtete Nazis – ungeachtet aller Genozide und Vertreibungen jüdische Gemeinschaften gleich nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin verfolgt, mithin die vor den beiden Weltkriegen noch inklusiven und eben dadurch prosperierenden Länder tief beschädigt haben.
Detailliert belegt Simon die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges im dortigen Raum. Im Gegensatz zu Europa, Amerika und Teilen Asiens prägte er eine jener einsamen Weltregionen aus, in der man es verfehlte, Mussolinis Faschismus und Hitlers Nazismus gründlicher zu delegitimieren. Deren Anhänger – meist in der Staatsmacht – konnten im Gegenteil noch solche Ideen, vermischt mit anderen Ideologien, fest etablieren, was mit einen Grund für die dortigen fortlaufenden Kriege und Konflikte darstellen dürfte. Was für eine Verzerrung in dieser transregionalen Geschichte, und wie wichtig, dass Simon diese solide und faktenreich ausgelotet hat.