Skip to main content
Einzelrezension

Greve, Anna: Koloniales Erbe in Museen. Kritische Weißseinsforschung in der praktischen Museumsarbeit, 266 S., transcript, Bielefeld 2019.


Keywords: Review, Greve, Anna, 2019, Kritische Weißseinsforschung, Koloniales Erbe, postkoloniale Museologie, Weltkulturgeschichte, Transkulturalität, Alltagsrassismus, Erinnerungspolitik

How to Cite:

Kocjan, I., (2020) “Greve, Anna: Koloniales Erbe in Museen. Kritische Weißseinsforschung in der praktischen Museumsarbeit, 266 S., transcript, Bielefeld 2019.”, Neue Politische Literatur 65(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00302-6

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

4 Views

2 Downloads

Published on
2020-10-08

Peer Reviewed

Anna Greve beschäftigt sich in diesem Band mit dem kolonialen Erbe deutscher Museen. Im Mittelpunkt ihrer Analyse steht die praktische Arbeit in mehreren Bremer Museen. Ihr Anliegen ist es, zu zeigen, dass die Kritische Weißseinsforschung eine nützliche Methode darstellt, um das koloniale Erbe und seine heutigen Auswirkungen sichtbar zu machen und zu reflektieren mit dem Ziel, Anregungen für praktische Veränderungen und neue Blickwinkel im Museumswesen zu geben.

Greve plädiert im Vorwort für eine multiperspektivische Aufarbeitung des kolonialen Erbes im Kontext einer verflochtenen Weltkulturgeschichte. Aus der Perspektive postkolonialer Museologie schließt dies nicht nur die Frage nach einem angemessenen Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten, sondern auch die Forderungen mit ein, strukturellen Rassismus abzubauen, Alltagsrassismus aufzudecken sowie eine Erinnerungspolitik auszuhandeln, die multiperspektivische Identitäten befördert und historisch gewachsene Denkmuster von Differenz dekonstruiert. Als Methode stellt Greve hierzu in der Einführung die Theorie der Kritischen Weißseinsforschung vor. Weißsein wird (un)bewusst als universelle und neutrale Norm definiert, wodurch eigene strukturelle Privilegierungen ausgeblendet sowie „alltägliche Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Menschen geleugnet“ (S. 30) werden. Diese „weiße Dominanz“ (S. 33) hat sich auch in der europäischen Kunstgeschichte etabliert. Ziel der Theorie ist es, „den objektiven und universellen Geltungsanspruch“ (S. 38) von Weißsein zu dekonstruieren. In diesem Sinne ist „Kunst als Ausdruck von Gesellschaftsverhältnissen zu verstehen“, die „im Hinblick auf ihre Machtverhältnisse begründende und zementierende Funktion analysiert“ (S. 15) werden soll.

Im Hauptteil erfolgt die eigentliche Analyse ausgewählter Beispiele praktischer Museumsarbeit. Im ersten Kapitel widmet sich Greve der Staatlichen Kunstkammer in Dresden. Anhand der Objekte „syrische Gläser und italienische Olifanten“ unternimmt sie eine Neuverortung dieser mittelalterlichen Schatzkunst, indem sie deren transkulturelle Entstehungsprozesse aufzeigt. Im zweiten Kapitel befasst sie sich mit Identitätsfragen in Bezug auf das Heimatmuseum Schloss Schönbeck. Die Autorin plädiert für ein transkulturelles Vergangenheitsverständnis, das Museen als soziale „Orte der gesellschaftlichen Reflexion von Geschichte und Gegenwart“ (S. 13) in einer diversen Gesellschaft potenziell mehr Relevanz verleihen würde. Hierzu müssten „‚Schwarze Objekte‘ […] als gleichrangig anerkannt“ (S. 86) und „subalterne Erzählungen hörbar“ (ebd.) gemacht werden.

Im dritten Kapitel setzt sich Greve kritisch mit dem früheren Völkerkundemuseum beziehungsweise mit dem heutigen Weltmuseum auseinander. Die einst eng mit dem Kolonialismus verflochtene Institution steht heutzutage vermehrt unter „Legitimationsdruck“ (S. 91). Die Autorin möchte das Weltmuseum jedoch als einen „Transitort kultureller Übersetzungs- und sozialer Aushandlungspraxis“ (S. 95) beleuchten. Ein Transformationsprozess kann demnach nur gelingen, wenn neben eine kritische Selbstreflexion und den Einbezug Schwarzer Perspektiven auch die Dekonstruktion überkommener Stereotype und Realisierung differenzierter Bilder anderer Kontinente treten.

Im vierten Kapitel beleuchtet Greve das Landesmuseum. Hierbei analysiert sie detailliert den Transformationsprozess innerhalb des Focke-Museums in Bremen, das sich anhand der Auseinandersetzung mit seinem kolonialen Erbe konzeptionell neu aufgestellt hat. „Mehr kulturelle Vielfalt in Programm, Publikum und Personal“ (S. 108) gehören zu den neuen Veränderungen sowie eine Stärkung von Vermittlungsarbeit und mehr Partizipation der Besucher_innen.

Im fünften und sechsten Kapitel setzt sich Greve mit der vielschichtigen Farbsymbolik von ‚Schwarz‘ auseinander und legt dar, „wie Dunkelhäutigkeit und Hellhäutigkeit als Kategorien der Wahrnehmung in der europäischen Malerei erst über einen jahrhundertelangen Prozess entstanden“ (S. 41) sind. Symbolische Schwärze galt im Mittelalter als „mächtiges Widerstandspotenzial“ (S. 128) und „stand für abenteuerfreudiges, jugendliches Anderssein“ (S. 135). Erst in der Epoche der Aufklärung „wurden in Europa ‚Hautfarben‘ stereotypisiert und als wesentliche ‚Rassenmerkmale‘ stilisiert“ (S. 140).

Anhand des Bremer Bürgerdialogs „Kolonialismus und seine Folgen 2016–2019“ werden im sechsten Kapitel die vielfältigen Positionen im Umgang mit Bremens kolonialer Vergangenheit zueinander ins Verhältnis gesetzt. „Ergebnis ist ein Plädoyer für ein postkoloniales Erinnerungskonzept, das als multiperspektivisches, sich permanent weiterentwickelndes Mosaik zu verstehen ist“ (S. 41). Im siebten Kapitel folgt eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen „Globaldialog“ zum Umgang mit kolonialem Erbe.

Greve fokussiert in diesem Band weniger auf die theoretischen Ausführungen zur Methode der Kritischen Weißseinsforschung, die sie zwar prägnant zusammenfasst, für eine vertiefende Lektüre jedoch auf ihre Habilitationsschrift (2013) verweist. Sie widmet sich hingegen eindrucksvoll einer ausführlichen Analyse von Beispielen praktischer Museumsarbeit, welche ein breites Spektrum umfassen. Hierbei kann Greve anschaulich, aber mit einigen argumentativen Doppelungen darstellen, wie unterschiedlich Prozesse der Reflexion und Veränderung innerhalb des Museumswesens realisiert werden können. In diesem Sinne ist der Band nicht nur für Lehrende und Studierende der Kunstwissenschaft sowie Kunstinteressierte zu empfehlen, sondern insbesondere für Mitarbeiter_innen im Museumswesen sowie der Kulturpolitik, die aus den zusammengetragenen Strategien und Erfahrungen für ihre eigene Arbeit wertvolle Schlüsse ziehen können. Greve leistet somit einen wichtigen Beitrag dafür, Alltagsrassismus in der praktischen Museumsarbeit sichtbar zu machen und die weiße Mehrheitsgesellschaft für Schwarze Perspektiven zu sensibilisieren.

Funding

Open Access funding provided by Projekt DEAL.