Einen Sammelband zu besprechen, muss nicht, kann aber eine Herausforderung sein. Dieser ist eine. Das Präsidium der Universität Oldenburg darf zufrieden sein, dass 11 Angehörige von drei Fakultäten sich das offizielle Ziel der Universität, „Antworten zu finden auf die großen Fragen der Gesellschaft im 21. Jahrhundert“, zu eigen gemacht und zusammen mit weiteren 20 Wissenschaftlern einen Band zum Thema „Gegenwartsdiagnosen“ von mehr als 600 Seiten vorgelegt haben. Lobende Anerkennung im Jahresbericht für diese Leistung ist das Mindeste. Ob er der Wissenschaft dient, ist eine ganz andere Frage, denn die hier praktizierte Interdisziplinarität hat ihren Preis: Es gibt wohl kaum jemanden, der auf allen hier eröffneten Feldern hinreichend bewandert ist, um sich ein Urteil zuzutrauen. Schon binnendisziplinär, nämlich in der Leitdisziplin Soziologie, ist höchst umstritten, ob Gegenwartsdiagnosen nun seriös sind oder nicht. Kann dafür der Blick in andere Disziplinen helfen? Die Geschichtswissenschaft, in der sich der Rezensent am besten auskennt, jedenfalls nicht. Deren hier versammelte Beispiele sind interessant (Achim Landwehr zu Merians „Theatrum Europaeum“, Nicolai Hannig zu Flussbegradigungen, Dieter Langewiesche zu Rektoratsreden und Gunilla Budde zu Untergangsvisionen der Familie), verstehen sich aber nicht als Helfer im ‚Streit der Fakultäten‘. Historiker verfassen keine Zeitdiagnosen, auch wenn das von den Herausgebern behauptet wird, sondern behandeln sie als Quellen für gesellschaftliche Selbstbeobachtung, deren Zahl in der Moderne zunimmt. Dass diese „die Realität nicht einfach abbilden“ (S. 14), braucht man ihnen nicht zu sagen. Philosophen und Soziologen, so mehrfach im Band zu lesen, glauben das wohl auch nicht, sondern vertrauen zumeist ihren Sozial- beziehungsweise Gesellschaftstheorien. Wieso kommt es dann zu diesen Diagnosen und woher kommt ihre Wirkmacht?
Das sind schlichte Fragen und in der Einleitung werden sie als Erkenntnisziele benannt. Tatsächlich aber bekommt der Leser sehr viel anderes geboten und dieses andere ist nicht immer dienlich, zumal wenn es in solcher Abstraktheit dargeboten wird wie beispielsweise die Frage, was Gegenwart ist. Vier Beiträge gibt es dazu, meist harte Kost, und im restlichen Band ebensowenig wie in der mir bekannten Forschungspraxis von Bedeutung.
Getreu dem radikalkonstruktivistischen Zugriff, den vor allem die Herausgeber für angemessen halten, geht es in erster Linie um „das ‚Making‘ der Diagnosen“ (S. 10) und ist der entsprechende Buchabschnitt mit „Sehen und Zu-Sehen-Geben“ überschrieben. Ein Mehrwert entsteht dadurch kaum. Der hohe theoretische Aufwand, mit dem etwa Timo Luks die ‚Sichtbarmachung‘ der bis dato unbekannten Sozialfigur factory girl schildert, wird schon im folgenden Beitrag mit der lapidaren Feststellung geerdet: „Porträts von Sozialfiguren sind ein gängiges Darstellungsmittel, um gesellschaftliche Zeiterfahrungen typologisch zu verdichten“ (S. 148). Ob es sich nicht um schlichte Realtypen handelt, wird im ganzen Band nicht ein einziges Mal geprüft. Für weitere Beispiele ist hier kein Platz.
Aber sind das überhaupt Diagnosen im strengen Wortsinne? Bei diesen ist im Hintergrund, wie Tobias Peter überzeugend darlegt, stets die Polarität von Pathologie und Normalität am Werk samt den dadurch legitimierten Aktivitäten zur Korrektur. Oder, wie es bei Paul Mecheril heißt: „Diagnostiziert wird die gesellschaftliche Gegenwart als Krise, mit Blick auf Unsicherheits- oder Gefährdungspotential“ (S. 467). Von dieser hochproblematischen Selbstermächtigung der Sozialexperten ist in der Einleitung kein kritisches Wort zu finden. In deren Hinterköpfe blicken die Herausgeber bei ihrer Konzentration aufs Making offenkundig nicht.
Umso mehr kann der sozialwissenschaftliche Laie im Abschnitt „Soziologische Gegenwartsdiagnostik“ lernen, die einer kritischen Prüfung unterzogen und deshalb ausführlich vorgestellt beziehungsweise ins Verhältnis zu soziologischen Theorien gesetzt wird. Viele Soziologen fassen sie auch hier gewissermaßen mit ‚spitzen Fingern‘ an und sind allenfalls bereit, ihre große Breitenwirkung zuzugeben, von der das Fach durchaus profitiere. Große Thesen zur Erklärung der Gegenwart in allgemeinverständlicher Sprache (Hartmut Rosas „Beschleunigung“, Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ werden oft genannt; Andreas Reckwitz’ „Singularitäten“ sind die große Abwesende), oft vertreten in den Buchreihen der üblichen Verdächtigen – das erkläre ihre enorme Wirkung. Binnendisziplinär könnten sie allerdings auch als Ermahnung dienen, „sich nicht einer völlig esoterischen intrawissenschaftlichen Exegese hinzugeben“ (S. 293; ähnlich 491). Das sollten sich etliche der am Sammelband Mitwirkenden gewissermaßen hinter die Ohren schreiben. Es muss ja nicht gleich die Textsorte Roman sein, obwohl deren sozialanalytische Leistungsfähigkeit von Walter Reese-Schäfer am Beispiel von Michel Houellebecq und Jean Raspail gekonnt vorgeführt wird. Damit sind die gegenwärtigen „Felder des Diagnostischen“ angesprochen: Migration, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Bildung sind erwartbar, makroökonomische Gegenwartsdiagnosen dagegen eine Überraschung; sie wird dadurch noch größer, dass es für einmal nicht um Thomas Piketty geht.
An wen wendet sich denn nun dieser Band? Da die Herausgeber ihr Buch als Grundlage eines interdisziplinären Forschungsprogramms verstehen, richtet es sich an Geistes‑, Kultur- und Sozialwissenschaften, um so „der diagnostischen Selbst- und Weltwahrnehmung moderner Gegenwartsgesellschaften“ (S. 19) auf die Spur zu kommen. Was dem Laien tautologisch vorkommt, ist womöglich ‚esoterischer‘ Sprachgebrauch sich transdisziplinär verstehender Wissenschaftler. Trotzdem darf man hoffen, dass Hubert Knoblauchs Wunsch in Erfüllung geht, der sich „die Verbindung von projektiven soziologischen Diagnosen mit der rekonstruktiven Einordnung derselben Abläufe durch die Geschichtswissenschaft“ wünscht (S. 219, Anm. 7), wenn auch eher nicht „in actu“. Den Beweis lieferte etwa schon 2012 Lutz Raphaels Sammelband „Theorien und Experimente der Moderne“, der offenbar unbekannt geblieben ist. „Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckungen“, wusste Hermann Heimpel schon vor über 50 Jahren.
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