Der Schweizer Gelehrte und Diplomat Emer de Vattel (1714–1767) gehört zu den bedeutendsten Theoretikern des Naturrechts. Insbesondere im 17. Jahrhundert wurde das bis dahin durch Cicero, Thomas von Aquin und die spanische Scholastik (Francisco de Vitoria, Francisco Suàrez) geprägte Naturrecht von protestantischen Denkern aufgegriffen und entscheidend weiterentwickelt. Hugo Grotius, Thomas Hobbes, John Locke, Samuel Pufendorf und Christian Wolff gehören zu den wichtigsten Gelehrten dieser Tradition, auf die sich Vattel in seinem Werk „Droit des gens“ (Recht der Völker) bezog. Er steht damit am Ende dieser Tradition und markiert insofern auch den Übergang zu neuen Denkrichtungen. Sein Einfluss bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist bemerkenswert und noch immer nicht umfassend untersucht worden.
In den letzten Jahren wurde Vattel und seinem „Droit des gens“ verstärkte Aufmerksamkeit zuteil. Wichtige Studien erschienen auf Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch. Aber erst der vorliegende Sammelband, in dessen zehn Fallstudien der Bedeutung und dem Vermächtnis von Vattel nachgegangen wird, würdigt seine facettenreiche und vielschichtige Wirkungsgeschichte. Dabei gliedert sich der Band in zwei Teile: Der erste untersucht in fünf Beiträgen „Vattel’s Ideas and His Context“; der zweite Teil widmet sich in fünf Studien „The Reception of Vattel in Italy and Elsewhere“. Hier wäre vordergründig eine etwas ausgeglichenere Gewichtung zumindest für die nicht spezialisierten Leser vorteilhaft gewesen, denn zum Beispiel Vattels Einfluss in Nord- und Südamerika, ja selbst im asiatischen Raum, oder zumindest in anderen europäischen Ländern (neben verschiedenen italienischen Stadt- und Kleinstaaten wird nur auf die Gründung Norwegens eingegangen) wird hier nicht ausdrücklich erörtert (siehe aber weiter unten). Das ist jedoch eine Erwartungshaltung, die der Band gar nicht in Anspruch nimmt, einlösen zu wollen. Einerseits ist das offenbar rein pragmatisch den Präferenzen der einzelnen Autoren geschuldet. Da sich das Buch andererseits vornehmlich an Spezialisten der Rechts- und politischen Ideengeschichte richtet, vor allem aber zum Ziel hat (vgl. S. 5 ff.), die intellektuelle Anziehungskraft der von Vattel geprägten Konzepte in spezifischen Kontexten (hier insbesondere für die kleineren Staaten in Europa) zu untersuchen, ist ein solcher Fokus durchaus sinnvoll und fruchtbar.
Insgesamt werden viele wichtige Aspekte in diesem Band untersucht, oft auf der Basis neuer, bisher noch nicht herangezogener Quellen. Die hier versammelten Studien sind ein unverzichtbarer Ausgangspunkt für jede weitere Untersuchung der vielschichtigen Rezeptionsgeschichte von Vattels Werk. Damit wurde ein wichtiger und verdienstvoller Forschungsbeitrag geleistet.
Koen Stapelbroek und Antonio Trampus gehören zu den beachtenswertesten Forschern, die sich intensiv mit Vattel beschäftigen. Sie haben bereits wichtige Studien zur Interpretation Vattels vorgelegt. Insofern ist es nicht überraschend, dass sie auch in der Einleitung „The Legacy of Vattel’s Droit des gens: Contexts, Concepts, Reception, Translation and Diffusion“ – wie der Titel dieses Beitrags bereits zu verstehen gibt – das facettenreiche Panorama von Vattels Vermächtnis („Legacy“) ambitioniert und kompetent entwickeln. Ohne die Bedeutung der einzelnen zehn Beiträge damit mindern zu wollen, bleibt nach der Lektüre der Eindruck zurück, dass den Herausgebern mit ihrer substanziellen Einleitung wohl der beachtenswerteste Artikel in diesem Band gelungen ist. Besonders seit der zweiten Auflage sieben Jahre nach Vattels Tod erfuhr „Droit des gens“ eine weite Verbreitung, „not primarily as a work on international law or commentary on war and diplomacy, but as a text that gave direction to the reform of small states’ foreign trade and political relations with other states“ (S. 2). Diese Bedeutung von Vattels Text erklärt dann auch das spezifische Interesse seiner Rezeption in den italienischen Kleinstaaten. Aber auch die Founding Fathers beriefen sich während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges aus ähnlichen Gründen häufig auf Vattel. Denn die Unabhängigkeit souveräner Staaten war eines der leitenden Prinzipien seines Völkerrechts, auf das sich die kleinen Staaten innerhalb Europas ebenso berufen konnten wie die Kolonisten in Nordamerika, die die Unabhängigkeit von der englischen Krone anstrebten (vgl. auch S. 19, 23).
Die Aufnahme von Vattels „Droit des gens“ war vielfältig und wirkmächtig. Die Herausgeber machen drei wesentliche Aspekte aus, die sich erstens in der Attraktivität für die Unabhängigkeit kleiner – und wie im Falle der USA neuer – Staaten im Konzert der (europäischen) Mächte festmachen lassen. Zweitens fasste Vattel in Weiterentwicklung der Naturrechtstradition (Grotius und Wolff) das Natur- und Völkerrecht neu und passte es auf der Grundlage souveräner Staaten den Bedingungen der europäischen Diplomatie und Kriegführung an. Damit gelang ihm der seltene Umstand, dass sein Werk für die praktische Anwendung erfolgreich aufgenommen wurde. Drittens bot seine Lehre wichtige Einblicke in die „interstate trade rivalry“ (S. 15), die die Konflikte der zwischenstaatlichen Beziehungen zunehmend mitbestimmte. Damit sind die wesentlichen Linien in der Rezeption Vattels aufgezeichnet.
Die verschiedenen Beiträge des Sammelbandes gehen nun im Detail einzelnen Aspekten dieser Aneignung und in Teilen auch Ummünzung von Vattels Werk nach. In seinem minutiös recherchierten Aufsatz untersucht Frédéric Ieva etwa die charakteristischen Unterschiede zwischen Vattel und seinen Vorgängern Grotius und vor allem Wolff, um damit die Ursprünge von Vattels eigenen Positionen schärfer zu konturieren. Die rege Korrespondenz zwischen Vattel und Jean Henri Samuel Formey, der Wolffs naturrechtliche Werke ins Französische übersetzte, bildet eine der wichtigsten Quellen für diese Analyse. Antonella Alimento hebt den Einfluss hervor, den Vattel während des Siebenjährigen Krieges in Frankreich erfahren hat. Auch sie leistet vorbildliche Quellenarbeit und zeigt auf dieser Grundlage, dass speziell Vattels Überlegungen über internationalen Handel in Frankreich auf fruchtbaren Boden fielen (S. 148 ff.). Stapelbroek bestätigt diese Interpretation in seinem Beitrag. Vattel pries zwar wiederholt die englische Verfassung, aber „it would be mistaken to enlist Vattel […] in a category of political faction in [sic] Seven Years’ War“ (S. 133). Elisabetta Fiocchi Malaspina beschließt den Band mit einem grandiosen Panorama. Unter dem „Elsewhere“ des zweiten Teils (siehe oben) verbirgt sich eben auch ihre Überblicksdarstellung, in der sie kompetent die verschiedenen Aneignungen und Einflüsse von „Droit des gens“ im 19. Jahrhundert aufzeigt, wobei sie den lateinamerikanischen Übersetzungen und Fortschreibungen von Vattel besonderes Augenmerk widmet.
Dieser äußerst fachkundige Sammelband verknüpft in einer anregenden Mischung detaillierte Untersuchungen zu einzelnen Teilaspekten der Rezeptionsgeschichte Vattels mit einer Analyse der großen Linien dieser Geschichte über die Wirkung und den Einfluss seines Werkes „Droit des gens“. Jeder, der sich mit Vattel, der Völkerrechtsgeschichte oder auch allgemeiner mit der politischen Ideengeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigt, wird in diesem Band wertvolle Interpretationen und originelle Anregungen finden. Den Herausgebern und Beiträgern kann man zu diesem Band nur gratulieren.