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Einzelrezension

Plöckinger, Othmar (Hrsg.): Sprache zwischen Politik, Ideologie und Geschichtsschreibung. Analysen historischer und aktueller Übersetzungen von „Mein Kampf“ (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, Bd. 32), 244 S., Steiner, Stuttgart 2019.


Keywords: Review, Plöckinger, Othmar (Hrsg.), 2019, "Mein Kampf", Übersetzung, Ideologie, Sprache, Editionsgeschichte, NS-Rezeptionsgeschichte

How to Cite:

Schieder, W., (2020) “Plöckinger, Othmar (Hrsg.): Sprache zwischen Politik, Ideologie und Geschichtsschreibung. Analysen historischer und aktueller Übersetzungen von „Mein Kampf“ (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, Bd. 32), 244 S., Steiner, Stuttgart 2019.”, Neue Politische Literatur 65(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00295-2

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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2020-07-30

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Es ist keine schlechte Idee, einmal Übersetzungen von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ in andere Sprachen zu untersuchen. Othmar Plöckinger hat dafür in dem vorliegenden Band Autoren für 11 Sprachen gefunden, für acht europäische sowie für das Türkische, das Japanische und das moderne Hebräisch. Da er keine besonderen Vorgaben gemacht hat, liegt der Akzent nicht in allen Essays auf denselben Fragestellungen. Neben rein übersetzungstechnischen, sich an der Transition der Sprache orientierenden Beiträgen stehen andere mit einem eindeutig historisch-politischen Akzent. Verlagsgeschichtliche Untersuchungen stehen editionsgeschichtlichen gegenüber. Nur in dem Beitrag über Frankreich wird einmal der Historiker Johann Chapoutot zitiert, der die problematische Hitlerzentrierung der Konzentration auf „Mein Kampf“ kritisiert, über welche die NS-Forschung eigentlich längst hinweg ist. Gleichwohl handelt es sich um einen hochinteressanten Band, der viel zur Rezeptionsgeschichte der nationalsozialistischen Ideologie außerhalb Deutschlands beiträgt.

Versucht man die Ergebnisse der 11 Untersuchungen vergleichend vorzustellen, so ergibt sich folgendes Bild. Zunächst einmal ist wichtig, dass „Mein Kampf“ vor Hitlers ‚Machtergreifung‘ am 30. Januar 1933 im Ausland offensichtlich nirgendwo so sehr beachtet worden ist, dass man eine Übersetzung für notwendig gehalten hätte. Das weist doch deutlich darauf hin, dass das Buch für Hitlers Machtübernahme nicht als wichtig angesehen wurde. Umso größer war das Interesse im Ausland ab 1933. Wie Jesús Casquete in seinem Beitrag über spanische Übersetzungen zutreffend bemerkt, erweckte „Mein Kampf“ seitdem „ein plötzliches Interesse auf der ganzen Welt“ (S. 107). Stefan Baumgarten zeigt, dass dies zuerst in Großbritannien und den USA der Fall war. Allein 1933 erschienen hier 11 Übersetzungen ins Englische. Schon 1934 folgten Übersetzungen in Italien, in Portugal beziehungsweise Brasilien und in Frankreich. Eine erste spanische Übersetzung wurde 1935 herausgegeben, eine erste japanische 1937 und eine niederländische 1939. Besonders interessant ist, dass die erste türkische Übersetzung erst 1939 veröffentlicht wurde, dieser jedoch nach dem Krieg nicht weniger als 50 weitere folgten, sodass „Mein Kampf“ zeitweise zu den am meisten verkauften politischen Büchern in der Türkei gehörte.

Nicht alle Übersetzungen waren vollständig. Aus Kostengründen oder um den Verkauf der Übersetzungen zu verbilligen (zum Beispiel in der Türkei) gab es häufig gekürzte Ausgaben. Manche Kürzungen hatten aber auch politische Gründe. In den englischen Übersetzungen etwa wurden Hitlers Lebensraumvorstellungen teilweise weggelassen. In japanischen Übersetzungen fehlten antijapanische Stellen. Einige Autoren untersuchen insbesondere, wie übersetzt, welcher Wortschatz verwendet, auf welche Weise vor allem zentrale Begriffe wie „völkisch“, „Judentum“ oder „Volksgemeinschaft“ übersetzt wurden, so etwa Vincenzo Pinto für Italien.

Aus den meisten Beiträgen geht hervor, dass es vielfach Sympathisanten des ‚Dritten Reiches‘ waren, welche für Übersetzungen sorgten. Jedoch wollten durchaus auch antifaschistisch eingestellte Politiker und Verleger (so zum Beispiel in Frankreich) Hitlers Machwerk als abschreckendes Beispiel vorstellen. Manchmal hatten Verleger lediglich ein rein geschäftliches Interesse an einer Publikation. Wie Gerard Groeneveld in seinem Beitrag zeigt, galt dies besonders für den niederländischen Verleger George Kettmann, der zwischen 1939 und 1944 insgesamt sechs Auflagen einer niederländischen Übersetzung herausbrachte und davon etwa 110.000 Exemplare verkaufte (S. 153 ff.). Äußerst aufschlussreich ist letztlich, dass sich auch das nationalsozialistische Propagandaministerium um Übersetzungen von „Mein Kampf“ in andere Sprachen bemühte. Schon die erste englische Übersetzung von James Murphy, die für etliche andere Übersetzungen maßgeblich blieb, stammte von einem englischen Nazi, der in Berlin saß. Der bolivianische Diplomat Federico Reyes übersetzte „Mein Kampf“ für die erste brasilianische Ausgabe ebenfalls im Auftrag des Propagandaministeriums.

Ein Sonderfall war schließlich die erste italienische Übersetzung in den 1930er Jahren. Wie der italienische Historiker Giorgio Fabre vor einigen Jahren nachgewiesen hat, ging die Initiative dazu von dem Verleger des nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlags, Max Amann, aus. Dieser hatte sich schon 1933 an Benito Mussolini gewandt mit der erstaunlichen Bitte um finanzielle Finanzierung einer Übersetzung. Dabei ging es, was Pinto in seinem Beitrag nicht bemerkt, um einen gezielten Versuch der Annäherung Hitlers an den ‚Duce‘, um den er sich bis dahin vergeblich bemüht hatte. Mussolini kam dem tatsächlich entgegen, indem er 250.000 Lire für die Übersetzung spendierte, wenn auch als Spende für den Wahlkampf am 5. März 1934 kaschiert. Rechtzeitig zu Hitlers erstem Zusammentreffen mit Mussolini in Venedig im Mai 1934 erschien der zweite Band auf Italienisch, die Übersetzung des ersten Bandes folgte 1938 zu Hitlers Staatsbesuch im faschistischen Italien. Bei der Übersetzung von „Mein Kampf“ ins Italienische handelte es sich demnach um einen hochpolitischen Vorgang, wie er sonst bei keiner anderen Übersetzung gegeben war.

In einer Reihe von Beiträgen des vorliegenden Bandes werden zuletzt auch die Intentionen dargestellt, „Mein Kampf“ nach 1945 in verschiedenen Übersetzungen wiederaufzulegen. Diese Bemühungen wurden sämtlich dadurch behindert, dass die Urheberrechte bis 2015 bei der bayerischen Staatsregierung lagen, welche alle Neuausgaben im Ausland, wenn es sein musste auch gerichtlich, als „Raubkopien“ verfolgte. Das hatte nicht überall Erfolg, wie die zahlreichen Ausgaben in der Türkei, aber auch in den USA und in Kanada, die in dem vorliegenden Band nicht berücksichtigt werden, zeigten. Besonders pikant, weil im eigenen Land stark umstritten, war der von dem Jerusalemer Historiker Moshe Zimmermann 1994 gemachte Versuch, eine kommentierte Auswahlausgabe von „Mein Kampf“ auf Hebräisch zu veröffentlichen. Zimmermann hielt das Buch für eines der gefährlichsten Bücher des 20. Jahrhunderts, gerade deswegen wollte er es auszugsweise in den Schulen und Universitäten Israels bekannt machen.

Unter der Diktatur António de Oliveira Salazars erschien 1976 die erste Übersetzung in Portugal, ohne dass dies von Bayern aus verhindert werden konnte. Auch die schon erwähnte Serie von Übersetzungen in der Türkei konnte die bayerische Regierung nicht stoppen. In Italien erschienen schon seit den 1960er Jahren in neofaschistischen Verlagen mehrere Ausgaben von „Mein Kampf“, wobei es sich durchweg um Nachdrucke der Ausgaben aus den 1930er Jahren handelte. Pinto stellt jedoch auch zwei neu übersetzte Ausgaben vor: die 2002 im Kaos-Verlag erschienene, mit einem kritischen Kommentar des Historikers Giorgio Galli versehene Ausgabe und die philologisch bessere Edition, die 2017 im neofaschistischen Thule-Verlag erschien und entsprechend ‚kontaminiert‘ war. Eine wirklich kritische Ausgabe fehlt in Italien aber nach wie vor.

Eine solche Edition fordert ebenfalls Olivier Mannoni in seinem Essay über französische Übersetzungen (S. 233). Und auch Stefan Baumgarten hält eine neue englische Übersetzung aufgrund des „weltweit verstärkten Aufkommen[s] illiberaler und rechtspopulistischer Stimmungen“ für „unabdingbar“ (S. 86). Das kann man freilich auch bezweifeln. Die kritische deutsche Ausgabe, die das Münchner Institut für Zeitgeschichte vorgelegt hat, steht dem eher entgegen.