In seiner Begriffsgeschichte des Wortes „Ghetto“ spannt Jürgen Heyde einen großen historischen Bogen von den namensgebenden jüdischen Vierteln in italienischen Städten im 16. Jahrhundert über die in (Ost‑)Mitteleuropa geführten innerjüdischen Emanzipationsdiskurse, die sich um den Begriff des Ghettos ranken, bis hin zu den von den deutschen Besatzern zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in vielen Städten Ost- und Südosteuropas eingerichteten Ghettos für die jüdische Bevölkerung. Dabei geht es Heyde weniger darum, zu analysieren „welche Eigenschaften diese Orte phänomenologisch charakterisierten“ (S. 8), sondern vielmehr darum, die Verwendung des Wortes Ghetto zu untersuchen und herauszuarbeiten, „welche Vorstellungen von Ort, Zeit, Subjekten/Objekten, Eigenschaften damit jeweils verbunden wurden“ (S. 8).
Die Studie gliedert sich in fünf Kapitel, die chronologisch angeordnet sind. Die ersten beiden Kapitel „(Be‑)Deutungen“ (S. 15–27) und „Grundlagen“ (S. 28–50) widmen sich knapp dem Forschungsstand sowie der Entstehung des frühneuzeitlichen Begriffs. Hier werden die zentralen Debatten über die Trennung von Juden und Christen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit mit einem Schwerpunkt auf Italien nachgezeichnet. Dabei kann Heyde zeigen, dass die Abgrenzung zwischen dem durch nichtjüdische Obrigkeiten erzwungenen Ghetto und dem auf freiwilligem Zusammenschluss beruhenden jüdischen Viertel bereits in der Frühen Neuzeit „zum Schlüsselkriterium für eine begriffliche Bestimmung von ‚Ghetto‘ wird“ (S. 27).
Im dritten Kapitel spürt der Autor den Bedeutungsverschiebungen im deutschen Sprachraum im 19. Jahrhundert nach. Der Begriff des Ghettos findet über die Enzyklopädien Eingang in den bildungsbürgerlichen Wissenskanon und wird als Ort sowohl der Exklusion als auch der jüdischen Gemeinschaftsbildung in der Vergangenheit wie der Gegenwart beschrieben. Während das Ghetto in Bezug auf die Gegenwart vor allem als Symbol für die verweigerte Emanzipation stand (S. 60), wurde im innerjüdischen Diskurs in der sogenannten Ghettoliteratur Leopold Komperts und Karl Emil Franzos’ das Ghetto in den ost(mittel-)europäischen Raum verlagert und in einen paternalistisch-emanzipatorischen jüdischen Modernisierungsdiskurs (S. 213) eingebettet. In der jüdischen Historiografie gilt das Ghetto für den deutschen Sprachraum mit der endgültigen Durchsetzung der Emanzipation um 1848 als überwunden; bei Heinrich Graetz diente es zudem als ein Medium zur Kommunikation emotionaler Inhalte. So symbolisierte das Ghetto auch die Leidensgeschichte der jüdischen Bevölkerung, die sich aus der Diasporaexistenz ergab (S. 96).
Galizien, in dem die deutschsprachigen Autoren des 19. Jahrhunderts zu einem wesentlichen Teil das Ghetto verorteten, fand im Fin de Sieclè auch Eingang in den polnischsprachigen innerjüdischen Diskurs, der Gegenstand des vierten Kapitels ist. Aus einer paternalistischen Perspektive wurden die Ghettobewohner als nicht emanzipierte, rückständige Gruppe beschrieben, der jedoch nicht die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, sondern die traditionellen jüdischen Eliten die Anpassung an die modernen Verhältnisse verweigerten. Das Ghetto wurde so zu einem Kampfbegriff in der innerjüdischen Politik, der wahlweise mit gesellschaftlicher Rückständigkeit, geistiger Isolation, Fanatismus und politischem Opportunismus verbunden wurde (S. 216).
Während die innerjüdische Debatte ihre Zuspitzung um 1910 erreichte, eigneten sich polnischsprachige antisemitische Autoren den Begriff des Ghettos mit Nachdruck nach dem Ende des Ersten Weltkrieges an. Das Ghetto als isolierter Raum, so Heydes spannender Befund, wurde nun als Gefängnis imaginiert, welches man für die Juden einrichten wolle. Im deutschen Antisemitismus wurde Ghetto dagegen als ein genuin jüdischer Raum verstanden, der sich der Kontrolle der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft entziehe und damit per se eine Gefahr darstelle (S. 217). Dennoch spielte der Begriff des Ghettos bei deutschsprachigen antisemitischen Autoren nach Heyde keine prominente Rolle, wenngleich zahlreiche Metaphern, wie die der Rückständigkeit und des sozialen Elends, weiter genutzt wurden.
Eine mögliche Erklärung hierfür könnte sein, dass der Begriff des „Ostjuden“, der seit dem Ersten Weltkrieg dezidiert antisemitisch gewendet wurde, eine höchst geeignete Projektionsfläche für die Gegenüberstellung von modernen, aufgeklärten „Westjuden“ auf der einen und vom rückständigen und traditionell lebenden „Ostjuden“ auf der anderen Seite sowie die in der deutschen Bevölkerung weit verbreiteten Abstiegs- und Überfremdungsängste bot. Solche überbegrifflichen Bezüge und Einbettungen in größere Diskurszusammenhänge liefert die Studie leider nicht.
Heydes Fokus liegt auf der „Aushandlung der Bedeutung von Ghetto in Form von Wissensordnungen, Raumentwürfen und Identitätsdebatten durch wechselnde, überwiegend jüdische Akteure“ (S. 8) und, wie er selbst betont, weniger auf dem normativen Blick von außen. Gleichwohl ist die Außenperspektive immer auch Gegenstand der innerjüdischen Aushandlungsprozesse und spielt in den Wahrnehmungen, Fremd- und Selbstzuschreibungen eine entscheidende Rolle. An verschiedenen Stellen der Untersuchung wird diese Perspektive dann auch immer wieder mit einbezogen, so zum Beispiel bei der Aufnahme des Wortes „Ghetto“ in den bildungsbürgerlichen Wissenskanon am Beispiel von Enzyklopädien (S. 55–65), und dann entscheidend im fünften Kapitel, das mit „Ghetto im antisemitischen Schrifttum“ überschrieben ist, ohne dies jedoch explizit zu thematisieren.
Dieses methodische Problem führt dazu, dass die Argumentation streckenweise unscharf wird und auch die Auswahl des Quellenkorpus für den Leser nur in Teilen nachvollziehbar ist. Gerade am Begriff des Ghettos zeigt sich, dass „eine Verflechtungsgeschichte historischer wie gegenwartsbezogener, gesellschaftlich-kultureller Raum- und Identitätskonstruktionen“ (S. 12), wie Heyde sie anstrebt, sowohl Innen- und Außenperspektive (wenn sich diese überhaupt eindeutig trennen lassen) einbeziehen muss.
Die Stärke des Buches liegt hingegen in der differenzierten Analyse der frühneuzeitlichen Verwendung des Begriffes sowie des polnischsprachigen antisemitischen Diskurses der 1930er Jahre, die spannende Einsichten und eine Vielzahl an Anregungen für weitere Forschungen bereithält.
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