Fitness ist zu einem Schlagwort unserer Zeit geworden und erfreut sich in der deutschen Sprache seit nahezu 50 Jahren wachsender Beliebtheit. Wer jedoch bei Fitness nur an Sportstudios, Joggen und Aerobic-Kurse denkt, hat noch nicht erfasst, wieweit unser gesamtes gesellschaftliches Zusammenleben von Fitness geprägt ist. All jenen sei die Lektüre von Jürgen Martschukats brillant geschriebenem Buch „Das Zeitalter der Fitness“ nahegelegt. Und allen anderen auch.
In westlichen Gesellschaften, hier an den Beispielen der USA und der Bundesrepublik untersucht, herrscht spätestens seit den 1970er Jahren ein Fitnessboom, dessen Ende momentan nicht abzusehen ist. Wer den Aufstieg von Fitness verstehen will, so argumentiert Martschukat richtig, müsse sich zunächst die gesellschaftsgeschichtlichen Entwicklungen vor Augen führen. Auch wenn die Idee der Fitness bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, kann man den Neoliberalismus mit seinen Eigenschaften von Wettbewerb, Erfolg und Leistung als Katalysator für den Durchbruch von Fitness sehen. Das Originäre an Fitness ist, dass sie nicht durch Zwang funktioniert, sondern in erster Linie durch das Durchsetzen sozialer Normen. Im Mittelpunkt steht dabei das „erfolgreiche Selbst“, welches es schafft, seinen Körper zu disziplinieren und damit für die Gesellschaft nutzbar zu machen – oder eben nicht. Und das ist auch genau das Spannende am Fitnessdispositiv. Denn die Kehrseite der Medaille lautet: Wer übergewichtig oder ‚nicht in Form‘ ist, dem wird graduell die gesellschaftliche Teilhabe verweigert. Ein unfitter Körper suggeriert auf den ersten Blick, dass eine Person vermeintlich nicht in der Lage ist, den Anforderungen moderner Gesellschaften zu entsprechen.
Das erste Kapitel führt in das Thema ein und widmet sich der aktuellen Zeitgeschichte. Martschukat macht wenig überraschend Ernährung und Bewegung als die wichtigsten Marker für Fitness aus und beschreibt, wie mit der Trimm-dich-Bewegung der Fitnesskult in den 1970er Jahren Einzug in Westdeutschland hielt. An diesem Beispiel macht er mit Rückgriff auf Michel Foucaults Gourvernementalitätskonzept zugleich deutlich, wie westliche Staaten versuchten, durch Veränderung der Entscheidungsarchitektur die Bürgerinnen und Bürger zu vermeintlich selbstbestimmten Verhaltensänderungen zu bewegen.
Anschließend spürt Martschukat den Anfängen des Fitnesskonzepts im 18. Jahrhundert nach und verfolgt seine Entwicklung bis in die 1970er Jahre. War Fitness zunächst noch ein statischer Begriff, änderte sich das Mitte des 19. Jahrhunderts, als Darwinismus und Liberalismus zu vorherrschenden Denkkategorien wurden. Dem Darwinismus zufolge setzt sich in der Natur immer der oder die am besten Angepasste durch. In liberalen Gesellschaften verstärkt sich dies aufgrund der großen Bedeutung individuellen Handelns nochmals. Fitness formierte sich langsam zu etwas, das es zu erstreben und erhalten galt. Mit Blick auf die USA macht der Autor zudem deutlich, dass der Erfolg von Fitness aber an die Kategorien class, race und gender gebunden war. So erfasste der Fitnesskult zunächst nur weiße, bürgerliche Männer.
Im dritten Teil steht das Verhältnis von Fitness und Arbeit und damit im weiteren Sinne das von Körper und Produktivität im Zentrum. In den 1980er Jahren kam in den USA corporate fitness als Form der betrieblichen Gesundheitspolitik auf. Dabei ging es jedoch nicht nur um den positiven gesundheitlichen Effekt, beispielsweise um eine Reduktion der Krankheitstage, sondern im weiteren Sinne um den Glauben, dass man dadurch seine Persönlichkeit stärken und sein Leben erfolgreicher gestalten könne. Martschukat zeigt anschließend die lange Traditionslinie von Sport und Arbeit auf, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und bringt damit die nötige historische Tiefenschärfe ein.
Im vierten Kapitel betrachtet der Autor den Zusammenhang von Fitness und Sexualität genauer und rückt zeitgleich das Verhältnis von Leistung und technischen Hilfsmitteln ins Zentrum. Als Symbol hierfür steht das Medikament „Viagra“. Auch wenn der Traum von Verjüngung und sexueller Potenz kein gänzlich neuer war, ist die Medikalisierung von Alterserscheinungen ein Phänomen des Fitnessdispositivs. Viagra führte nicht nur zu einer Steigerung der Sexualität von älteren Männern, sondern es veränderte auch den Sex an sich. Hier ging es nun weniger um Romantik, Liebe und Intimität als vielmehr um Leistung und Performance.
Das letzte inhaltliche Kapitel knüpft an den Leistungsgedanken an und stellt die Beziehung von Fitness und Kampfbereitschaft ins Zentrum. Als Kristallisationspunkt fungiert hier die Idee des Heldentums und seine Bedeutung für Anerkennung innerhalb der Gesellschaft. Militärischer Drill im 19. Jahrhundert kann zwar als Vorläufer gelten, steht aber nicht im Zusammenhang mit Fitness, da jener nicht selbstbestimmt war. Nach den zwei Weltkriegen und dem Vietnamkrieg verlor das soldatische Heldentum ohnehin massiv an Popularität und begünstigte den Aufstieg des ‚Fitnesshelden‘.
In einem abschließenden Fazit führt Martschukat die unterschiedlichen thematischen Felder wieder zusammen und macht dadurch deutlich, welche politische Bedeutung dem Körper in unserer westlichen Gesellschaft zukommt. Es geht um nichts weniger als um die Fragen, wer in welcher Form am gesellschaftlichen Leben teilnehmen darf.
Einige Dopplungen und Wiederholungen wirken beim Lesen des Buches zwar manchmal etwas ermüdend, doch auf der anderen Seite erlauben gerade diese es, einzelne Kapitel eigenständig zu rezipieren, ohne die Grundthesen aus dem Blick zu verlieren. Viele vergleichende Forschungen der letzten Jahre, gerade zur Kultur- und Alltagsgeschichte, kommen zum Schluss, dass die Gemeinsamkeiten zwischen kapitalistischen und sozialistischen Staaten durchaus größer waren als bisher angenommen. Daher drängt sich beim Lesen immer mehr die Frage auf, wie es sich mit dem Fitnessdispositiv in sozialistischen Gesellschaften verhielt. Mit Martschukats Buch ist eine glänzende Ausgangsbasis für weitere Forschungen bereitet.