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Einzelrezension

Reichherzer, Frank/Droit, Emmanuel/Hansen, Jan (Hrsg.): Den Kalten Krieg vermessen. Über Reichweite und Alternativen einer binären Ordnungsvorstellung, 317 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2018.


Keywords: Review, Reichherzer, Frank/Droit, Emmanuel/Hansen, Jan (Hrsg.), 2018, Kalter Krieg, Ordnungsvorstellungen, Globalisierung, Postkolonialismus, Third Space, Interdependenztheorie, Entwicklungstheorie

How to Cite:

Lemke, B., (2020) “Reichherzer, Frank/Droit, Emmanuel/Hansen, Jan (Hrsg.): Den Kalten Krieg vermessen. Über Reichweite und Alternativen einer binären Ordnungsvorstellung, 317 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2018.”, Neue Politische Literatur 65(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00288-1

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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2020-07-27

Peer Reviewed

Der ehemalige Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit und Generalsekretär der CDU Heiner Geißler bemerkte in einem Vortrag zur Präsentation eines Bandes zur zweiten Hälfte des Kalten Krieges, dass die methodische Einleitung auf Themen aufgebaut sei – an der Stelle insbesondere die Ausführungen über die „internationalistische Einbettung“ der Bundesrepublik in den Ost-West-Konflikt sowie „vier heuristische Erklärungsmodelle“, – über die die CDU damals nicht nachgedacht und von denen auch er damals „keine Ahnung“ gehabt habe. Geißlers Äußerung erzeugte Heiterkeit beim anwesenden Publikum, verweist aber auf ein durchaus ernstzunehmendes methodisches Problem moderner Wissenschaft. Inwieweit wurden die Politik und damit auch die Geschichte von wissenschaftlichen, philosophischen, soziologischen und anderen Denkmodellen beeinflusst?

Diese Frage zieht sich auch durch den vorliegenden Sammelband. Die Herausgeber haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Betrachtung des Kalten Krieges als bipolaren Konflikt kritisch zu hinterfragen und alternative Ordnungsvorstellungen zu identifizieren, gleichzeitig auch Erklärungsansätze zu bieten, warum der Kalte Krieg schließlich an sein Ende kam. Dahinter steht, so lässt sich vermuten, auch die Hoffnung, grundsätzlich zu einer konfliktfreien oder doch konfliktentschärfenden Grundhaltung beitragen zu können.

Die 20 Beiträge vornehmlich aus der Feder von Nachwuchswissenschaftlern sind nach Art eines Lexikons angelegt und alphabetisch nach Titel geordnet. Sie versuchen, der selbstgestellten Aufgabe unter Nutzung eines Instrumentariums von Theorien und methodischen Ansätzen gerecht zu werden. Dazu zählen in erster Linie Erklärungen der Globalisierung, postkoloniale Methoden (vor allem diejenige des sogenannten Third Space – „Dritten Raumes“), Interdependenztheorien, Entwicklungstheorie und andere.

Der Band kann insgesamt leider nicht überzeugen. Der Leser erhält den Eindruck, dass hier versucht wird, mit aller Verve eine Entwicklung ‚nachzuweisen‘ (die Auflösung der bipolaren Ordnung), ohne die nötige Vorsicht walten zu lassen und insbesondere auch, ohne die gebotenen Nachweise zu erbringen. Es ist klar, dass bei derlei Makroperspektive nicht mit kleinlicher Quellenkritik angesetzt werden sollte. Ferner gehört es durchaus zum Handwerkszeug des Historikers, Arbeitshypothesen und Theorieansätze als Leitperspektiven zu entwickeln und daraus entsprechende Fragen abzuleiten. Aber schlussendlich müssen die Grundlinien und -thesen dann doch belegt und bewiesen werden, wenn schon nicht mit eigenen Quellenforschungen, so doch mit einem stabilen Gerüst etablierter und anerkannter Ergebnisse der historischen Forschung.

Dies ist im vorliegenden Fall fast durchgängig nicht zu beobachten. Die meisten Beiträge verweisen, teils durchaus kompetent, auf die Forschungslage und zitieren wichtige Theorieansätze. Indes, und dies ist die Hauptsache, gelingt ein belastbarer Nachweis, dass die behandelten Phänomene (zum Beispiel der Verband Südostasiatischer Nationen ASEAN, die Bewegung der Blockfreien Staaten, NGOs, das Internationale Forschungsinstitut für Angewandte Systemanalyse IIASA, Islamismus, die Trilaterale Kommission, der Club of Rome, die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung UNCTAD) tatsächlich und nachhaltig die Auflösung der bipolaren Konfrontation und das Ende des Kalten Krieges bewirkten, nicht. Überhaupt wird zu viel vermutet, interpretiert, gefragt. Vieles bleibt im Ungefähren. Teils sind sich die Autoren auch nicht wirklich sicher, beziehungsweise müssen zugeben, dass ihre These eigentlich nicht trägt.

Insgesamt sind die Ansätze bis zu einem gewissen Punkt durchaus innovativ, etwa, was die Identifikation von möglichen Faktoren für die Überwindung der bipolaren Ordnung betrifft. Auch ist sehr positiv zu vermerken, dass häufig versucht wird, auszuloten, welchen Spielraum die entsprechenden Organisationen hier hatten. Dazu wurde im Rahmen des Möglichen dieses Bandes alles zusammengetragen, was für die Grundthese spricht.

Jedoch ist man eindeutig über das Ziel hinausgeschossen. Es drängt sich der leise Verdacht auf, dass hier unter Betonung der Handlungsmacht blockungebundener Organisationen bei der Auflösung des Kalten Krieges zumindest teilweise herbeigeschrieben werden soll, wenn auch behauptet wird, dass der Band nur prüfen und ausloten („neu vermessen“) will. Ferner wäre noch eingehend zu diskutieren, ob der von den Herausgebern offenbar als methodisches Standardmodell für den Band gesetzte „Dritte Raum“ tatsächlich so verstanden wurde, wie er in der postkolonialen Forschung entwickelt und eingesetzt wird (Homi K. Bhabha). Dort fand er in erster Linie als sprachlich-kognitives Element Berücksichtigung, nicht als politisch-strategisches oder ähnliches.

Ferner fehlt ein adäquates Eingehen auf die bestehende Forschungslage. Zumindest hätte problematisiert werden müssen, dass die Handlungsspielräume zur dynamischen Überwindung des Kalten Krieges und deren Bedeutung (zum Beispiel durch Entspannungspolitik) keineswegs durchgängig als entscheidender Aspekt akzeptiert werden. Gerade wichtige Teile der US-Forschung verweisen darauf, dass vor allem die Standhaftigkeit des Westens und dessen wirtschaftliche Überlegenheit der entscheidende Punkt waren. Die Sowjetunion musste erst bankrottgehen, bevor ein Ende des Kalten Krieges überhaupt in Betracht kam.

Individuelle Akteure außerhalb Europas spielen aus dieser Sicht nur eine nachrangige Rolle. Damit soll keineswegs bestritten werden, dass der Kalte Krieg seit den 1970er Jahren eine starke globale Ausprägung gewann (vgl. O.A. Westad: „The Global Cold War“, 2005). Indes wird in der wissenschaftlichen Community teils deutlich bestritten, dass etwa der Globale Süden entscheidenden Einfluss auf das Geschehen in Europa, den eigentlichen Schauplatz bei der Beendigung des Kalten Krieges (den einige der Autoren doch etwas vorschnell vornehmlich in den Süden verlegen), ausübte. Damit soll die eminente Bedeutung künftiger transnationaler und global angelegter Forschung in keiner Weise kleingeredet werden – im Gegenteil. Doch glaubhafte Forschungsergebnisse sind nicht mit einigen Theorieadaptionen und Thesen zu ersetzen. Es muss erst einmal saubere und belastbare, gerade auch militärgeschichtliche, Grundlagenforschung in diese Richtung betrieben werden. Alles andere bleibt Stückwert und damit unglaubwürdig. Dies ist im Übrigen auch das Problem des nicht wirklich gelungenen Projektes von Frank Bösch (1979), obwohl Bösch speziell für sein Thema Quellenbestände ausgewertet hat. Es besteht immer die Gefahr, dass von hoher Warte rational isolierte Kategorien angewandt und dann in Richtung einer wie auch immer gearteten Globalisierung interpretiert werden. Die Verhältnisse on the ground (etwa die Beziehungen zur arabisch-islamischen Welt) waren und sind ungleich komplizierter und einer Globalisierungsthese auch entgegenstehender als hier angenommen. Gerade aus deutscher Perspektive ist in Bezug auf die Globalisierung davor zu warnen, sich die mühsame weltweite Forschungsarbeit zu ersparen und stattdessen in luftiger Weise wenig belastbare Thesen zu formulieren. Damit sollen an dieser Stelle jedoch die zahlreichen, auch in Deutschland bereits seit Jahren unternommenen empirischen Forschungen und Projekte zur Globalgeschichte auf keinen Fall kleingeredet werden.

Leider sind im vorliegenden Band auch sprachlich einige Probleme vorhanden. So ist auch bei Toleranz gegenüber kühner Rhetorik zu fragen, ob ein Bunker wirklich Logiken und Denkschemata einreißen kann (S. 23).