Seit den 1960er Jahren haben drei bundesdeutsche Generationen von Wissenschaftler_innen sich daran abgearbeitet, über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen an der Menschheit aufzuklären. Erst in den letzten drei Jahrzehnten ist – ausgehend von Ralph Giordanos Rede von der ‚zweiten Schuld‘ – auch der auf Verdrängung und Schuldabwehr beruhende gesellschaftliche und politische Umgang damit ins Auge gefasst worden. Seitdem stehen Erinnerungspolitik und Gedenkkultur der frühen Bundesrepublik immer wieder auf dem Prüfstand.
Der Literaturkritiker Willi Winkler legt eine kulturwissenschaftliche Studie über die Adenauer-Ära vor. Ihr vorangestellt hat er vier Einzelzitate: persönliche Bekundungen von Carl Schmitt, Hans Egon Holthusen und Golo Mann aus den Jahren 1946 und 1959 und ein Gedicht von Helmut Heißenbüttel von 1965, als – zwanzig Jahre nach Adolf Hitlers Selbstmord und knapp zwei Jahre nach Konrad Adenauers Abgang von der Bonner politischen Bühne – die Ratlosigkeit groß war.
Der Autor geht davon aus, dass zu Beginn der Bonner Republik die jüngste „deutsche Vergangenheit fürs Erste tot und begraben“ war. Wieder zum Vorschein kam sie „bei den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt“. Zwischenzeitlich vollzog sich der „Wiederaufstieg“ mit dem „Personal von gestern“, auf das man „angewiesen“ zu sein glaubte (S. 13). Den frühbundesdeutschen Zeitgeist kennzeichnete „das weitverbreitete Unschuldsbewusstsein, ja, das sichere Gefühl, dass einem Unrecht angetan worden sei“ (S. 16) – und zwar über dreißig Jahre hinweg: vom Versailler Vertrag bis hin zu den auf Geheiß der Alliierten eingerichteten Spruchkammern.
Winkler trifft seine Aussagen aufgrund einer Vielzahl von veröffentlichten Quellen, darunter Tagebücher, Briefwechsel, Memoiren, Biografien, zeitkritische Beiträge aus politischen und Kulturzeitschriften, Protokolle von Kabinetts- und Bundestagssitzungen, Werke der Schönen Literatur und einschlägige zeitgeschichtliche Forschungsarbeiten. In sieben Kapiteln geht er anhand von einprägsamen, manchmal überraschenden Beispielen den personellen Kontinuitäten von der Hitler- zur Adenauerzeit nach. Dabei will er nicht nur den „nachkriegsdeutschen Opfermythos“ (S. 16) entlarven, sondern auch andere falsche Vorstellungen in Bezug auf die seinerzeit jüngste Vergangenheit.
In Kapitel 2 geht der Verfasser auf die langlebige Obsession der bundesdeutschen Öffentlichkeit mit (Landes‑)Verrat ein, und er zeichnet uns ein realitätstaugliches Bild der von ihren Gegnern bei der Gestapo sogenannten „Roten Kapelle“. Dabei zeigt sich: Nirgends verbanden sich Überzeugungen und Ängste aus den vorangegangenen politischen Regimen so wirkungsvoll wie im alles durchdringenden Antikommunismus. Im Folgenden schildert Winkler das Überdauern des soldatischen Mythos von der ‚sauberen‘ Wehrmacht und dessen Wechselbeziehungen zu den Anstrengungen, den an der Front des Kalten Kriegs gelegenen westdeutschen Staat für seine militärische Verteidigung selbst sorgen zu lassen. Kapitel 4 und 5 handeln vom Umgang mit dem Erbe der SS-Mitgliedschaft anhand zweier zentraler Biografien, jener von Holthusen, dem Winkler den verfolgten Literaten Jean Améry gegenüberstellt, und von Hans Schneider, der unter dem neuen Namen Schwerte zu einem einflussreichen Germanisten avancierte. Im vorletzten Kapitel schildert der Verfasser den autoritären Politikstil Adenauers. Seine Kanzlerschaft fand erst dann ein Ende, als er sich mit der veröffentlichten Meinung anlegte. Im letzten Kapitel greift Winkler den Prozess gegen Ernst von Weizsäcker, den Staatssekretär im Auswärtigen Amt auf. Trotz einer neu entwickelten Verteidigungsstrategie, die dessen Einsatz für den NS-Staat zum bewussten „Widerstand durch Mitarbeit“ umdeutete, wurde von Weizsäcker verurteilt – und dann, auch er, vorzeitig entlassen. Zum Missfallen der Verfolgten des NS-Regimes führte die Remilitarisierung zur baldigen Freilassung der allermeisten Kriegsverbrecher. Gustav Heinemann, der sich der Wiederbewaffnung widersetzte, unterlag 1950; erst knapp zwei Jahrzehnte später, als er zum Bundespräsidenten gewählt wurde, was den Machtwechsel einläutete, durfte sich die Bonner Demokratie bewähren.
Das Schlusskapitel ist leider schwach ausgefallen. Das hängt damit zusammen, dass Winklers These über „die alten Netzwerke“, die „am Aufbau der Bundesrepublik staatstragend mitwirkten“ – und zwar ohne „Großen Plan [und] ohne Geheimtruppe der SS, die die Bundesrepublik unterwandert […] hätte“ (S. 18) – unterm Strich nicht wirklich überzeugen kann. Für tatkräftige Netzwerkerei fanden sich kaum Belege (S. 255, 289, 332). Umso mehr aber für eine aus gemeinsamen lebensgeschichtlichen Erfahrungen herrührende selbstgerechte Geisteshaltung, in der sich Anpassungsbereitschaft, Vorurteile, Ressentiments und Stereotypisierungen miteinander vermengten. Deutlich wird dagegen die Manipulation der Öffentlichkeit, nicht nur mit falschen Zahlen und Fakten – bis hin zu einer erfundenen Aussage Winston Churchills aus dem Jahr 1946, mit der er dem deutschen Widerstand gegen Hitler vermeintlich seine Reverenz erwiesen hatte (S. 171 f.).
Einige von Winklers Protagonisten ziehen sich leitmotivisch durch den Band, darunter Institutionen wie der Bundesnachrichtendienst und die Leitmedien der veröffentlichten Meinung. Immer wieder geht es um bezeichnende Stationen aus den Lebensgeschichten von Einzelpersonen wie Adolf Eichmann, Martin Heidegger, der Literat Holthusen, der Jurist Schmitt, der Journalist Rudolf Augstein. Der Band ist solide gearbeitet, und Winklers Argumente leuchten zumeist ein. Inhaltlich ist zu berichtigen, dass der von den Nationalsozialisten sogenannte „Bromberger Blutsonntag“ sich, anders als Winkler glaubt, nicht vor dem Zweiten Weltkrieg ereignete (S. 231), sondern in den ersten Tagen des Kriegs gegen Polen. Auch von Hans Globke (1898–1973) ist bei Winkler wiederholt die Rede. „Globke war mit seiner Vergangenheit erpressbar“, schreibt Winkler, „aber ohne ihn hätte es ab 1953 nicht die ersten Wiedergutmachungszahlungen an Israel gegeben“ (S. 55), die in den Parteien der Regierungskoalition aus CDU/CSU, FDP und Deutscher Partei keineswegs populär waren.
In seiner Studie über den „Fall Globke“ befasst sich Klaus Bästlein mit dem politischen Lebensweg des umstrittenen Ministerialbeamten und dem gegen ihn in der DDR angestrengten Prozess als Beispiel für „Propaganda und Justiz in Ost und West“. Zehn Jahre lang, von 1953 bis 1963, war der Staatssekretär im Kanzleramt Adenauers engster Mitarbeiter. Er bestimmte unter anderem die Personalpolitik und kontrollierte die westdeutschen Geheimdienste. Hans Josef Maria Globke, Mitglied des Zentrums seit 1922, verband mit seinem wesentlich älteren Chef die Herkunft aus dem rheinischen Katholizismus. Nach dem Jurastudium in Bonn und Köln und der Promotion in Gießen zog es Globke 1931 ins preußische Innenministerium nach Berlin. Zuständig war er dort für das Namens‑, Personenstands- und Staatsangehörigkeitsrecht. Bereits am Ende der Weimarer Demokratie profilierte er sich hier als „überzeugter Antisemit“ (S. 22). Schon Ende 1932 arbeitete er an antisemitischen Richtlinien des preußischen Reichskommissars über die „Änderung des Familiennamens“ mit. Als Mitarbeiter Wilhelm Stuckarts im Reichsinnenministerium erarbeitete Oberregierungsrat Globke 1935/36 den bei C. H. Beck veröffentlichten schändlichen Kommentar zu den ‚Nürnberger Gesetzen‘, und er wirkte mit an den Durchführungsverordnungen. Seine juristische Mitarbeit daran gestand der Staatssekretär Adenauers später zu, doch bestritt er stets, bei seinen Besuchen deutscher Dienststellen im Ausland die mit Deportationen befassten Organe in „Judenangelegenheiten“ beraten zu haben (S. 21). Von 1933 an schloss Globke sich mehreren NS-Formationen an. 1945 interniert, verschwieg er, dass er vier Jahre zuvor einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt hatte – die Mitgliedschaft war ihm verweigert worden, weil Globke der Zentrumspartei bis zu ihrer Auflösung angehört hatte und auch danach zu kirchlichen Kreisen weiterhin Verbindung hielt.
1946 trat Globke in die CDU ein, wurde 1949 Ministerialdirigent und im Jahr darauf Ministerialdirektor im Kanzleramt der jungen Bundesrepublik. Dort stand sein Name für die weit ausgreifende Integration der Nationalsozialisten in die westdeutsche Gesellschaft. Da sich die Anhängerschaft Hitlers auf „bis zu 80 % der Bevölkerung“ belaufen habe, sei ihre Einbeziehung notwendig gewesen, so Bästlein, doch sei Adenauer mit „der nahezu grenzenlosen Renazifizierung Westdeutschlands […] entschieden zu weit“ gegangen (S. 29). Globke setzte sich für die sogenannte Wiedergutmachung ein und „wollte damit wohl seine eigene Rolle vor 1945 vergessen machen, was aber nicht gelingen konnte“ (S. 43).
Nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem wurde Globke zum Hauptziel der gegen die Bonner Republik gerichteten Propaganda des SED-Regimes. Besonders das Politbüro-Mitglied Albert Norden, Sohn eines oberschlesischen Rabbiners, der 1943 in Theresienstadt ums Leben gekommen war, wurde nicht müde, den Kanzleramtschef – wie auch weitere Angehörige der westdeutschen Eliten – anzuprangern. Dass Globke vom Obersten Gericht der DDR in Abwesenheit wegen „in Mittäterschaft begangenen fortgesetzten Kriegsverbrechens und Verbrechens gegen die Menschlichkeit in teilweiser Tateinheit mit Mord“ (S. 189) zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde, hatte jedoch keine Folgen, da er im Herbst 1963 mit dem Ende der Kanzlerschaft Adenauers aus Altersgründen in Pension ging. Seinen Lebensabend verbrachte er unbehelligt in Bonn.
Der bemerkenswerte Urteilsspruch ist auf den Seiten 187 bis 275 (gekürzt) abgedruckt. Denn er wurde und wird weitgehend ignoriert, obwohl er einen Meilenstein bei der Aufarbeitung des von Schreibtischtätern begangenen NS-Unrechts darstellte. „Ideologie prägte den Umgang mit dem Fall Globke“, kritisiert Bästlein (S. 90) und wendet sich zu Recht gegen die gezielte – und bis heute andauernde – Verharmlosung der vorbereitenden Mittäterschaft Globkes am nationalsozialistischen Judenmord.
Globkes Karriere versinnbildlicht zum einen das folgenreiche Scheitern der NS-Strafverfolgung in der Bundesrepublik. Erinnerungspolitische Manipulationen um das Versagen der Selbstreinigung im bundesdeutschen Justiz- und Verwaltungsapparat schlagen sich bis in die Gegenwart nieder, wenn etwa Schulbücher die Kontinuität der Eliten totschweigen. Den Ost-Berliner „Propaganda-Kampagnen Nordens“ hält Bästlein aber auch zugute, „ironischerweise“ die in den 1960er Jahren in der bundesdeutschen Öffentlichkeit einsetzende kritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit angestoßen und vorangebracht zu haben (S. 179). Sie trugen somit ihren Teil dazu bei, die von Adenauer so nachhaltig „betriebene Renazifizierung […] der jungen Bundesrepublik“ zu überwinden (S. 284).
Der „Wiederaufstieg“ zur Wirtschaftsmacht und zu neuem Selbstbewusstsein war verbunden mit der Rückkehr der 1945 in ihrem braunen Eifer jäh Gestoppten. Der Begriff „Renazifizierung“ scheint aber nicht wirklich angemessen für jene Jahre, als ehemalige (zumeist passive) Mitglieder der NSDAP wieder zu Amt und Würden kamen. Er übergeht auch die gegenläufige Entwicklung. Wichtige Impulse gingen von kritischen Buchautoren aus, so veröffentlichte Gerhard Schoenberner 1960 erstmals seinen vielfach wieder aufgelegten Bildband über den NS-Judenmord in Europa „Der gelbe Stern“. Sie sind auch dem Ausland zu verdanken, sowohl der Wissenschaft – 1956 erschienen Gerald Reitlingers Bücher über die ‚Endlösung‘ und über die SS auf Deutsch – als auch einer aus der Zeitgeschichte schöpfenden Literatur, man denke etwa an Max Frischs enorm erfolgreiche Stücke über den Aufstieg des Nationalsozialismus und die psychologischen und sozialen Mechanismen der Judenverfolgung. Hierzu gehört auch, dass die USA den Kanzler-Vertrauten nicht einreisen ließen, und in der Schweiz, wo Globke seinen Lebensabend verbringen wollte, war er unerwünscht.
Wie also ist aus einer Gesellschaft des Selbstmitleids, welches die ‚Stunde Null‘ und noch viele weitere Jahre beherrschte, die so erfolgreiche zweite deutsche Demokratie geworden? „Erst sehr spät“, so Winkler, könne „das Experiment Bundesrepublik als geglückt betrachtet werden, […] und zwar nicht trotz der Nazis, sondern mit ihrer Hilfe [und] Anpassungsfähigkeit […]“ (S. 225). Aber erst nachdem die (mit)beteiligten „intellektuellen Kollaborateure des ‚Dritten Reichs‘“ (S. 332) abgetreten waren, konnte sich eine angemessene Erinnerungskultur entwickeln.