Kari Palonen, emeritierter Politikwissenschaftler an der Universität Jyväskylä in Finnland, ist ein versierter Max-Weber-Forscher. Seine Originalität liegt in der Verbindung von politischer Theorie und Begriffsgeschichte unter Rückgriff sowohl auf Quentin Skinner als auch auf Reinhart Koselleck. 1998 hat er mit der Studie „Das ‚Webersche Moment‘. Zur Kontingenz des Politischen“ die Debatte um Webers politisches Denken mit einer bemerkenswerten These bereichert, die jetzt auch seiner Aufsatzsammlung zugrunde liegt. Politik ist ein Machtspiel mit der Kontingenz des menschlichen Lebens (S. 85). Diese Erfahrung habe erstmals an der Kulturschwelle um 1900 die Generation Max Webers gemacht. Nichts steht fest, nichts ist alternativlos. Und schon gar nicht die Begriffe, durch welche die Zeitgenossen die Wirklichkeit gedanklich ordnen und wissenschaftlich analysieren. Keiner habe so sensibel und konsequent auf die neue Erfahrung der Pluralität aller Weltbilder und Gegenwartsdeutungen reagiert, wie der Heidelberger Nationalökonom und Soziologe Weber. Die fundamentale Einsicht, der moderne Mensch habe selbst zu entscheiden, „welches für ihn der Gott und welches der Teufel ist“, habe Weber zu einem radikalen Nominalisten und Perspektivisten gemacht. Nimmt man dies ernst, dann müsse die gesamte Webersche Begriffsarchitektur im Sinne von Koselleck „verzeitlicht“ werden. Insbesondere gelte das für die politischen Grundbegriffe wie Macht, Herrschaft, Staat, Charisma, Bürokratie oder Demokratie. Weber sei als „Begriffspolitiker“ neu zu entdecken, sein Werk als „Sprechakt“ in den Deutungskämpfen der Kultur- und Sozialwissenschaften neu zu lesen.
Mit den zwölf Aufsätzen, die dieser Band versammelt, untermauert und erweitert Palonen diese These. Vorangestellt ist eine knapp einführende Lesehilfe, „Max Weber – Denken in Chancen“. Nicht auf den Sachgehalt der Begriffsdefinitionen, auf die „Rhetorik der Begriffsanwendung“ komme es an. Damit agiere der Wissenschaftler wie der Politiker im Kampf um Machtanteile, als „Begriffspolitiker“ eben. Zu klären sei, „wozu und wie sind Webers Formeln entstanden? Gegen welche Konventionen und Traditionen polemisiert Weber mit diesen Formeln?“ (S. 12). Das ist ein wissenschaftsgeschichtlich ambitioniertes Programm. Der Rezensent darf als Mitherausgeber der Max-Weber-Gesamtausgabe anmerken, dass genau das in den Einleitungen, Editorischen Berichten und Kommentaren der mit 47 Bänden im Jahr 2020 abgeschlossenen Ausgabe nach besten Möglichkeiten angestrebt worden ist.
In den überarbeiteten Aufsätzen zu „Macht als Chance“, „Herrschaft und Rhetorik“ oder in einem Vergleich zwischen Weber und Hannah Arendt zielt Palonen jeweils auf die Art, in der Weber die politisch-sozialen Grundbegriffe seiner Zeit spezifisch ‚umprägt‘. Und zwar in einer „Prozedur der Neutralisierung“, weil Begriffe wie namentlich „Staat“ oder „Herrschaft“ nicht mehr mit substanziellen Eigenschaften aufgeladen sind, vielmehr „auf einen Horizont der Chancen verweisen“ (S. 16). „Herrschaft“ ist dann nicht mehr von Gott gewollt oder vom Klassenfeind aufgezwungen, sondern schlicht „die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“. Auf den Glauben an die Rechtmäßigkeit von Herrschaft, auf den „Legitimationsglauben“ kommt alles an. „Chance“, das arbeitet Palonen durchgängig heraus, ist der Oberbegriff in Webers aufwendig konstruiertem Begriffsgebäude. Für ideengeschichtliche Genealogien haben Palonens Befunde Konsequenzen. Carl Schmitt kann als substanzialistischer „Denker der Eindeutigkeit“ nicht länger als der „natürliche Sohn“ Max Webers angesprochen werden, während Ralf Dahrendorf mit seinem Konzept der „Lebenschancen“ ganz auf Webers Schultern steht.
Mit Palonen wird gut verständlich, was genau Weber mit dem Bild der „ewigen Jugendlichkeit“ kultur- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnis in seinem viel studierten „Objektivitätsaufsatz“ meint. Es sind die „kompromißlose Anerkennung der Perspektivität“ und die „Konkurrenz zwischen den Perspektiven“, die in der jeweiligen „sprachlichen Formulierung“ durch die konkurrierenden Gelehrten zum kämpferischen Ausdruck kommen (S. 34 f.). „Begriffspolitik“ heißt dann, im gelehrten Streit „Machtchancen“ zu wahren und die eigene Perspektive zur Geltung zu bringen. Am Beispiel „Demokratie“ spielt Palonen das nachvollziehbar durch. Im wissenschaftlichen und politischen Diskurs zur „Neuordnung Deutschlands“ zwischen 1917 und 1920 verwendet Weber den Begriff changierend zwischen kategorialer Abstraktion („Demokratie“ als antiautoritäre Umdeutung des charismatischen Legitimitätsprinzips) und ordnungspolitischer Option („Führerdemokratie mit Maschine“ statt „führerlose Demokratie“).
Palonen hat in einer Hinsicht unbedingt Recht. Die Forschung sollte Webers Werk als Ganzes studieren und nicht, wie oft zu lesen, die politische Publizistik gegenüber den soziologischen Texten als Tagesschriften abqualifizieren. Allerdings sollte das Argument von der machtzentrierten „Begriffspolitik“ nicht überdehnt werden. Palonen schaut auf den „Parlamentarismus englischer Prägung“ und vermutet, Weber habe eine „‚parlamentarische‘ Theorie des Wissens explizit gegen das bürokratische Modell des ‚Sachwissens‘“ gestellt (S. 35). Das hieße, Weber habe „Wissenschaft als Beruf“ der „Politik als Beruf“ untergeordnet, was sicher nicht der Fall war. Wissenschaft hat bei Weber von der institutionellen Ordnung des Wissens bis in die Sprech- und Schreibakte hinein ihren unbedingten Eigenwert: „wissenschaftliche Wahrheit ist nur, was für alle gelten will, die Wahrheit wollen [Hervorhebungen im Original]“, heißt es unmissverständlich im „Objektivitätsaufsatz“. Die Studenten, denen Weber im Münchener Revolutionssommer von 1919 die „allgemeinsten Kategorien der Gesellschaftswissenschaft“ vortrug, statt ihnen eine politische Orientierung zu bieten, beschwerten sich enttäuscht über die gebotene „Trockenbeerenauslese“ (Helmuth Plessner).
Richtig ist auf jeden Fall, dass sich Weber der Zeitlichkeit wissenschaftlicher Begriffe stets bewusst war: Wenn sich die „großen Kulturprobleme“ ändern, dann wechselt auch die Wissenschaft „ihren Standort und ihren Begriffsapparat“, so endet der „Objektivitätsaufsatz“. Gegenwärtige Bestrebungen, eine umfassende Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts in Angriff zu nehmen, können Palonens Studien mit Gewinn einbeziehen. Und die historische Weberforschung findet eine Reihe guter Antworten auf die Frage, warum Webers „Denken in Chancen“ ihn zum ‚Klassiker‘ unserer Zeit macht.