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Einzelrezension

Fuhrmann, Uwe: Die Entstehung der „Sozialen Marktwirtschaft“ 1948/49. Eine historische Dispositivanalyse, 360 S., UVK, Konstanz/München 2017.


Keywords: Review, Fuhrmann, Uwe, 2017, Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftpolitik, Währungsreform, Generalstreik, 1948/49, Diskursanalyse

How to Cite:

Bührer, W., (2020) “Fuhrmann, Uwe: Die Entstehung der „Sozialen Marktwirtschaft“ 1948/49. Eine historische Dispositivanalyse, 360 S., UVK, Konstanz/München 2017.”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00261-y

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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2020-06-05

Peer Reviewed

Unter Rückgriff auf Michel Foucaults Dispositiv-Begriff präsentiert Uwe Fuhrmann in seiner an der Freien Universität Berlin entstandenen Dissertation eine theoretisch ambitionierte, präzise Reinterpretation der Entstehungsgeschichte des Konzepts der „Sozialen Marktwirtschaft“. Anders als in verbreiteten einschlägigen Darstellungen zu lesen, sei dieses Konzept nicht im Zusammenhang mit der Währungsreform und dem „Leitsätzegesetz“ zur hegemonialen Erzählung geworden; vielmehr habe die „eigentliche diskursive Inauguration der ‚sozialen Marktwirtschaft‘ […] zweifelsohne rund um den Generalstreik am 12. November 1948“ stattgefunden (S. 281). Dieser Generalstreik, der sich gegen den „wirtschaftlichen Notstand“ richtete, neben konkreten Maßnahmen zur Preiskontrolle und zur Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Artikeln des Massenbedarfs auch eine „Demokratisierung der Wirtschaft“ verlangte (S. 215) und an dem sich zwischen sieben und neun Millionen Arbeitnehmer_innen beteiligten, habe eine konzeptionelle Modifizierung von der „freien“ zur „sozialen“ Marktwirtschaft zur Folge gehabt. Waren es unter dem Eindruck der sozialen Proteste zunächst vor allem einzelne Vertreter von SPD und Deutschem Gewerkschaftsbund, die den neuen, modifizierten Begriff verwandten, so sei dessen „Vereinnahmung“ durch die CDU und Ludwig Erhard spätestens auf dem Zonenkongress der Partei am 25. Februar 1949 erfolgt (S. 298). Nannte Kurt Schumacher den Direktor der Verwaltung für Wirtschaft also doch zu Recht einen „Reklameluftballon“ (S. 144) ohne eigenes, kohärentes wirtschaftspolitisches Konzept?

Seine Analyse stützt Fuhrmann auf unveröffentlichte Quellen aus den wichtigsten Beständen insbesondere des Bundesarchivs, der Archive der involvierten Parteien CDU und SPD, des Ludwig-Erhard-Archivs, des Hauptstaatsarchivs und des Stadtarchivs Stuttgart (für die Rekonstruktion der „Stuttgarter Vorfälle“, einer von „Ausschreitungen“ und einem massiven Einsatz der amerikanischen Militärpolizei begleiteten Kundgebung) sowie auf die einschlägigen Quelleneditionen. Nach einem theoretisch-methodologischen Abschnitt und einer knappen Erläuterung zum Untersuchungsdesign und zum Forschungsstand stellt der Autor zunächst die maßgeblichen Akteure – erstaunlicherweise ohne Unternehmer und Unternehmerverbände – und institutionellen Strukturen des Untersuchungszeitraums dar. Anschließend beschreibt er die durch materielle Not, eine damit zusammenhängende „antikapitalistische“ – allerdings nicht „sozialistische“ – Grundstimmung (S. 85) und die daraus resultierenden Forderungen nach Mitbestimmung. Das nächste Kapitel widmet sich dem „strategischen Dispositiv“ der „freien Marktwirtschaft“, der dieses Konzept unterstützenden politischen Allianz, der Vorbereitung der Währungsreform sowie Inhalt und Umsetzung des „Leitsätzegesetzes“, mit dem der rechtliche Rahmen für das marktwirtschaftliche System geschaffen werden sollte. Der Widerstand gegen die „Auswüchse“ der neuen Wirtschaftsordnung, vor allem enorme Preissteigerungen und eine wachsende soziale Schieflage, ist Gegenstand des folgenden Kapitels. Den Abschluss des Hauptteils der Studie bildet eine differenzierte Rekonstruktion des Übergangs von der „freien“ zur „sozialen“ Marktwirtschaft, wobei Fuhrmann zwischen „nichtdiskursiven“ (zum Beispiel Maßnahmen zur Preisregulierung und zur Warenlenkung) und „diskursiven“ Aspekten unterscheidet. Ein kurzes Fazit und ein Epilog zur „Historisierung“ der Sozialen Marktwirtschaft mit kritischen Anmerkungen zu einigen etablierten Forschern beschließen das Buch.

Die Konzentration auf den Zeitraum von Anfang 1948 bis Mitte 1949 erlaubt dem Autor eine detaillierte Rekonstruktion der Verwandlung der „freien“ in die „soziale“ Marktwirtschaft. Er kann zeigen, dass „auch kritisch gemeinte Beiträge“ dem Diskurs der „Sozialen Marktwirtschaft“ helfen konnten, „hegemonial zu werden“ (S. 311). Fuhrmann knüpft daran die These, dass es „keinen Masterplan gab, eine ‚Soziale Marktwirtschaft‘ einzuführen“ (S. 308). Im Fall der Sozialen Marktwirtschaft könnte es sich somit um eine „glückliche Fundsache“ (Alain Lipietz) gehandelt haben, die sich „durch intuitive, spontane Formulierungen herauskristallisiert“ haben könnte (S. 286). Das klingt interessant, bedürfte aber zur empirischen Absicherung doch einer deutlichen Ausweitung des Untersuchungszeitraums (mindestens bis in die 1930er Jahre) und der Zahl der Akteure. Insofern ist das abschließende Urteil über die Kohärenz der Vorstellungen Erhards zur Wirtschaftsordnung auch mit Fuhrmanns kluger Arbeit noch nicht gesprochen.