In diesem Essay führt Johann Chapoutot dieselbe kulturgeschichtliche Deutung des Nationalsozialismus fort, die er zuvor bereits in „Der Nationalsozialismus und die Antike“ (2008) und „Das Gesetz des Blutes“ (2014) entwickelt hat. Im Vordergrund steht die Figur des Juristen und SS-Oberführers Reinhard Höhn, der im ‚Dritten Reich‘ als Abteilungsleiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) und Direktor des Instituts für Staatsforschung diente, bevor er 1956 die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg gründete. In seiner neuesten Publikation geht Chapoutot davon aus, dass die Nazis zeitgleich mit ihren Verbrechen ihre eigene Auffassung von Management oder „Menschenführung“ entwickelten, deren Begriffe – unter anderem „Endziel“, „Leistungsmensch“, „Versager“ (S. 14 f.) – heute noch benutzt werden. Keineswegs soll hier dem Management eine NS-Herkunft zugeschrieben oder es grundsätzlich verurteilt werden (S. 19). Es ist aber eine Tatsache, dass junge Juristen und Professoren im ‚Dritten Reich‘ paradoxerweise eine liberale Anschauung von Arbeit entworfen haben. In dieser Hinsicht sollten Arbeiter und Angestellte ihre Lebensbedingungen mit „Freude“ billigen. Die Letzteren, fügt Chapoutot hinzu, hätten den Eindruck der Freiheit gehabt, auch wenn dies unserer gewohnten Vorstellung vom Nationalsozialismus widerspricht.
Während des Zweiten Weltkrieges wurde mit der Entstehung des ‚Riesenreiches‘ nationalsozialistischer Machtsphäre die Frage aufgeworfen: Wie kann man mit wenigen Menschen mehr leisten (S. 25)? In einer im Jahre 1941 herausgegebenen „Festgabe“ für Heinrich Himmler schlug der Jurist Wilhelm Stuckart vor, die „schöpferische Initiative“ im Rahmen einer dezentralisierten Organisation zu fördern (S. 25 f.). Angestrebt wurde eine „Vereinfachung“ (S. 26) der Verwaltung: Die Inflexibilität der Franzosen sollte vermieden werden. Zum Vorbild wurde der große preußische Reformer Freiherr vom Stein. Der Jurist und SS-General Werner Best verstand Steins Lehre folgendermaßen: „sparsam regieren heißt verwalten mit niedrigsten Staatsausgaben“ (S. 30). Die Lösung war die Auflösung des „staatlichen Leviathans“, der durch staatliche Agenturen ersetzt werden sollte (S. 50). Der Staat, so Hitler, sei nur Mittel zum Zweck. Erstaunlicherweise treten die Nazis hier als Gegner des Staates auf (S. 34, 47). Hier stützt sich Chapoutot auf die Deutung des Nationalsozialismus als Polykratie aus konkurrierenden Initiativen, die alle versuchten, „dem Führer entgegenzuarbeiten“ (S. 41). Anstelle des Staates, erklärte Höhn im Jahre 1938, stehe die Führung im Vorderrang (S. 45). Anstatt des Kaisers und dessen Untertanen gäbe es von nun an den Führer und seine ‚Volksgenossen‘ (S. 58). In diesem Zusammenhang sei die Gefolgschaft ‚frei‘, dem Führer zu folgen. Hier wird das Bild des Klassenkampfes aufgegeben und von der freien Betriebsgemeinschaft ersetzt (S. 59). In der Weltanschauung des Nationalsozialismus galt Leistungsfähigkeit als höchster Wert, sodass die Leistungsunfähigen bald als lebensunwürdig betrachtet wurden (S. 66). Dagegen musste auch die Regierung die Begeisterung der Arbeiter erregen, was durch die Organisation „Kraft durch Freude“ erfolgen sollte. Chapoutot zieht hier einen Vergleich mit dem Happiness Management der Gegenwart (S. 74). Im Gegensatz zu diesem propagandistischen Wunschtraum musste das Deutsche Reich während des Krieges 15 Millionen fremde Zwangsarbeiter einsetzen, die es erbarmungslos ausbeutete (S. 76).
Es war Reinhard Höhn, der 1936 seinen einstigen Mentor Carl Schmitt in „Das Schwarze Korps“ anprangerte, mit seinem Großraumbegriff die NS-Idee des Lebensraums zu missachten (S. 80). Höhn, der anstelle von Schmitt als echter ‚Kronjurist des Dritten Reiches‘ gelten kann, genoss in der Nachkriegszeit als Militärexperte großes Ansehen. Als Direktor der Akademie für Führungskräfte in Bad Harzburg arbeitete er mit anderen SS-Generälen, wie mit dem ehemaligen Offizier der Einsatzgruppe B, Franz-Alfred Six, zusammen (S. 88). Die Schüler der Akademie waren sowohl Leiter der berühmtesten deutschen Unternehmen als auch Offiziere der Bundeswehr (S. 90). Auf der Grundlage militärischer Führungsgrundsätze entwickelte Höhn ein Management-System, das Spannkraft und Flexibilität gewährleisten sollte (S. 102). Diese vom preußischen Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst empfohlene Organisation überträgt aber den mittleren Führungsschichten eine erdrückende Verantwortung: ihre Perversität hat sich im Zweiten Weltkrieg erwiesen. Chapoutot weist darauf hin, dass es „die große Kraft Reinhard Höhns war, eine Art Management vorzuschlagen, die anscheinend als perfekte Ausdrucksform der neuen demokratischen Kultur galt: das Management durch Delegation der Verantwortung“ (S. 106, 114, Übers. d. Verf.). Wie Ludwig Erhard auf der Ebene des Bundes, so hat Höhn die Zusammenarbeit und Mitbestimmung auf der Ebene des Unternehmens aufgefasst (S. 111). Seine Vision der Betriebsgemeinschaft hatte jedoch nur einen liberalen Anschein: dem Mitarbeiter sollte nur die Wahl der Mittel überlassen werden, niemals aber die der Endziele. Höhns Methode beruhte auf einer Lüge: entgegen der versprochenen Freiheit wurde der Mitarbeiter entfremdet beziehungsweise erschöpft und zermürbt, indem er die Verantwortung für jeden Misserfolg tragen sollte.
Die Abrechnung mit Höhns NS-Vergangenheit fand 1971 in einem „Vorwärts“-Artikel statt. Infolgedessen begann der Niedergang seiner Akademie, die schließlich 1989 in die Wirtschaftsakademie Bad Harzburg umgestaltet wurde. Tatsächlich hatte Höhn seiner im ‚Dritten Reich‘ entwickelten Auffassung von Menschenführung und ‚Menschenmaterial‘ niemals abgeschworen. Die wesentliche Frage, die sich hier stellt, ist, wie eine politisch liberale Gesellschaft im Bereich der Wirtschaft Benehmen dulden kann, die ihren höchsten Werten entgegenstehen (S. 124). Chapoutot zitiert das Buch Andreas Straubs „Aldi einfach billig“ (2012), das ein auf Angst und Herrschaft zugunsten von Gewinnmaximierung beruhendes System offenlegt (S. 126). Wie Chapoutot schlussfolgert, war die NS-Regierung keine bloße Allianz des Lautsprechers mit dem Knüppel. In Nazi-Deutschland versuchte die Führungsschicht, die Zustimmung der Bürger zu gewinnen; das Regime benötigte ihre Teilnahme, weil es Konsens anstrebte. Trotz seiner außerordentlichen Terrorherrschaft förderte es Forschung über einen nicht-autoritären Führungsstil (S. 134). Für Reinhard Höhn behielt das Leben auch nach dem Krieg eine kriegerische Natur. In seiner vom Sozialdarwinismus geprägten Weltanschauung musste man sich durch überlegene „Leistungsfähigkeit“ im „Lebenskampf“ „durchsetzen“. Diese das NS-Denken kennzeichnenden Begriffe gehören heute leider immer noch zu unserem Wortschatz.
Das Buch Johann Chapoutots wird vermutlich von verschiedenen Gegnern des modernen Managements polemisch instrumentalisiert werden. Dies sollte jedoch das größte Verdienst dieses Essays nicht überdecken: Er ergänzt die anderen Werke des Verfassers um ein überzeugendes Beispiel der sehr erkenntnisreichen sozial- und kulturgeschichtlichen Deutung des Nationalsozialismus.