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Einzelrezension

Herzog, Dagmar: Lust und Verwundbarkeit. Zur Zeitgeschichte der Sexualität in Europa und den USA (Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, Vorträge und Kolloquien, Bd. 24), 238 S., Wallstein, Göttingen 2018.


Keywords: Review, Herzog, Dagmar, 2018, Geschichte der Sexualität, Geschichte der Psychoanalyse, Zeitgeschichte, Europa, USA

How to Cite:

Sauerteig, L., (2020) “Herzog, Dagmar: Lust und Verwundbarkeit. Zur Zeitgeschichte der Sexualität in Europa und den USA (Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, Vorträge und Kolloquien, Bd. 24), 238 S., Wallstein, Göttingen 2018.”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00249-8

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2020-04-05

Peer Reviewed

Die Anthologie von Aufsätzen der amerikanischen Historikerin Dagmar Herzog liefert einen sehr guten Überblick ihrer Forschungsarbeit zur Geschichte der Sexualität, Behinderung und Psychoanalyse. Die jeweils zur Hälfte deutsch- und englischsprachigen Beiträge sind in der einen oder anderen Form bereits an anderen Orten veröffentlicht worden. Ihre Zusammenschau ermöglicht jedoch, die konzeptionellen Überlegungen und zentralen Thesen einer der führenden Historikerinnen der Geschichte der Sexualität genauer zu verfolgen. Wie die Beiträge zusammenpassen und wie sich Herzogs Forschung und politisches Denken entwickelten, wird in dem spannenden Interview deutlich, welches Norbert Frei, Tobias Freimüller und Robert Pursche anlässlich des Aufenthalts von Herzog am Jenaer Center 2016 mit ihr führten.

Die Sammlung beginnt mit einem Aufsatz, der die Kernthese von Herzogs einflussreicher Monografie zur Geschichte der Sexualität in Deutschland im 20. Jahrhundert („Sex after Fascism“, 2005) erläutert. Die Autorin argumentierte, dass die Achtundsechziger die Sexualpolitik der Nazis als repressiv missverstanden hätten. Dieses Missverständnis sei die Basis für die Forderung der Achtundsechziger nach einer Befreiung der Sexualität gewesen. Herzog betont diesen – wenn man so will – ‚deutschen Sonderweg‘ der Studentenbewegung, der Ende der 1960er Jahre und in den 1970er Jahren Sexualität zu einem zentralen Thema der Vergangenheitsbewältigung machte: „By the 1970s, it was practically impossible to find anyone who disagreed with the new consensus that sexual repression was not merely a characteristic of fascism, but its very cause“ (S. 36). Damit rückte Herzog Sexualität in den Mittelpunkt der Geschichtsschreibung. So ist für sie der „Antisemitismus der Nationalsozialisten ohne deren Sexualpolitik nicht zu verstehen“ (S. 209). Und ebenso wenig sei ohne „den Blick auf die Sexualpolitik“ die Beziehung der Kirchen zum Nationalsozialismus oder die Studentenbewegung zu begreifen, wie sie in dem Interview betonte (ebd.).

Der zweite Beitrag beschäftigt sich mit der Diskussion über Abtreibung in Westeuropa und nimmt dabei die „Ambivalenzen der sexuellen Revolution“ (S. 4) in den Blick, ein Thema, das Herzog ausführlicher 2011 in einer Überblicksdarstellung zur Geschichte der Sexualität in Europa untersucht hat („Sexuality in Europe“, 2011). Was sie besonders interessierte, sind die Argumente, mit denen christliche Kommentatoren ein Recht auf Abtreibung verteidigten und wie diese Debatte in Verbindung stand mit eugenischen Fragen und dem Thema Behinderung. Immer wieder betont Herzog den Gegenwartsbezug ihrer Forschung, so zum Beispiel, wenn sie zeigt, wie „Behindertenrechte gegen Reproduktionsrechte ausgespielt“ (S. 60) werden.

Auch in den folgenden beiden Beiträgen beschäftigt sich die Autorin mit der Frage der Ambivalenzen der „Liberalisierung“ der Sexualität im Europa des 20. Jahrhunderts sowie mit den Gegenbewegungen und Rückschlägen, folglich derer man keinesfalls von einer „stetigen Liberalisierung“ (S. 99) sprechen könne. Sie zeigt, dass erkämpfte sexuelle Rechte nicht immer gesichert blieben, sondern das Pendel wieder in die Richtung stärkerer Einschränkungen schwingen konnte. Der sich anbietende Vergleich mit Entwicklungen in Osteuropa lässt Herzog zu dem Schluss kommen, dass es – bei allen Unterschieden – einen bemerkenswerten „parallelism between trends in West and East“ (S. 88) gebe.

Die nächsten beiden Aufsätze führen Herzog in ein neues Forschungsgebiet, der Geschichte der Psychoanalyse in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Es interessierte sie, der „Christianization“ (S. 129) der amerikanischen Psychoanalyse in der Nachkriegszeit genauer nachzugehen und die damit einhergehende konservative Ausrichtung zu verstehen, die diese Psychoanalyse als „unquestionably misogynist and homophobic“ (S. 130) erscheinen ließ. Sie erläutert hier eingehend zentrale Aspekte ihrer dritten großen Monografie („Cold War Freud“, 2017).

Der letzte Beitrag bringt Herzogs Forschung zurück zum Thema der Sexualwissenschaft in der Bundesrepublik mit ihrer zunehmend kritischen Ausrichtung in den 1970er Jahren, die sie für die „psychoanalytischste aller Sexualwissenschaften in der ganzen Welt“ (S. 187) hält.

Auch wenn Experten der Geschichte der Sexualität und der Psychoanalyse die Thesen und Argumentationen Herzogs geläufig sein werden, so liefern die hier versammelten Beiträge einen willkommenen Überblick über die Forschung dieser so ungemein produktiven und anregenden Historikerin. Was ich am spannendsten fand, ist das Interview am Schluss des Bandes, welches sichtbar macht, was die Beiträge verbindet. Es veranschaulicht Herzogs Biografie, ihr deutsch-amerikanisches Aufwachsen (ihre Eltern lernten sich in den 1950er Jahren im Hause des evangelischen Reformtheologen Karl Barth kennen), ihre akademische Karriere sowie zentrale Fragen, die sie in ihrer Forschungsarbeit bewegten. Und das Interview verdeutlicht, dass ihre Forschungsarbeit keinesfalls im akademischen Elfenbeinturm gedieh, sondern gesellschaftspolitische Anliegen verfolgt, die im Zeitalter eines sich verschärfenden konservativen Rückschlags zentral sind.