Die Wehrverbände beziehungsweise „Kampfbünde“ der 1920er und 1930er Jahre stellen in der wissenschaftlichen Rückschau und dem öffentlichen Gedächtnis ein epochemachendes Phänomen dar. Die Straßenkämpfe gelten als zentraler Teil des tödlichen Problemcocktails der Weimarer Republik. Bislang gab es jedoch keine wissenschaftliche Arbeit, die alle wichtigen Verbände vergleichend untersucht. Die vorliegende sprachwissenschaftliche Dissertation von Sebastian Gräb betritt in interdisziplinärer Hinsicht Neuland und möchte sowohl die quantitative Sprachwissenschaft als auch die Forschung zur Weimarer Republik bereichern, was – mit einigen Einschränkungen, auf die einzugehen sein wird – durchaus gelungen ist. Besonders in den Unterkapiteln zur Namenspolemik (Kap. 5.1, 5.2, 5.6) als sprachlicher Technik zur Diffamierung des Gegners und dem Abschnitt zum „publizistischen Symbolkampf“ (Kap. 5.8) wird der Mehrwert der softwaregestützten Untersuchung klar, da Gräb wohl nur dadurch einige interessante Feinheiten ausfindig machen konnte. Auch die Wortwolken zu den einzelnen Wehrverbänden sind aufschlussreich (S. 163–168).
Im Fokus der Arbeit stehen mit dem republikanischen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, dem rechtsnationalistisch-protestantischen Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, der nationalsozialistischen Sturmabteilung und dem kommunistischen Rotfrontkämpferbund die mitgliederstärksten und bedeutendsten Wehrverbände. Zusätzlich bezieht Gräb die konservativ-katholische Bayernwacht mit ein, sodass sein Untersuchungskorpus die tatsächliche ideologische Bandbreite des Weimarer Paramilitarismus abbilden kann (S. 46 ff.). Mittels einer softwaregestützten Sprachanalyse (Optical Character Recognition durch FineReader XIX; S. 147 ff.) werden im Rahmen eines Vergleiches die zentralen Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Sprachgebrauch herausgearbeitet, wobei mit den jeweiligen Verbandszeitschriften eine bislang zu Unrecht unterrepräsentierte Textgattung analysiert wird. Da diese Verbandsorgane nicht digitalisiert vorliegen, musste der Untersuchungskorpus von insgesamt 1.763.498 laufenden Wortformen erst aufwendig digitalisiert werden.
Das Vorgehen ist somit äußerst innovativ, aber aufgrund der noch mangelhaften Softwareleistung sehr arbeitsintensiv. So mussten für die manuelle Korrektur von Transkriptionsfehlern rund zehn Stunden pro zwölf DIN-A3-Seiten aufgewendet werden (S. 159). Ein bloßes Abtippen der Texte wäre wahrscheinlich ähnlich schnell gewesen. Eine wichtige methodische Einschränkung betrifft den Untersuchungszeitraum. Da die Bayernwacht erst ab dem Herbst 1932 ein Verbandsorgan herausbrachte, behandelt Gräb primär den Sprachgebrauch in den letzten Monaten der Republik von September 1932 bis Januar 1933 (S. 143 f.). Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse, insbesondere die (nicht abwegige) Hauptthese einer lagerübergreifenden Militarisierung des Sprachgebrauchs (S. 367–376), für die gesamte Epoche der Weimarer Republik ist somit streng genommen nicht gegeben. Ferner bildet sich ein inhaltlicher Schwerpunkt auf den publizistischen Auseinandersetzungen rund um den Nationalsozialismus. Dies ist per se natürlich nicht uninteressant, aber der Autor macht stellenweise Fehler bei der Kontextualisierung und der Zusammenführung seiner Ergebnisse. So hält er dem Reichsbanner einerseits vor, dass aufgrund einer dort vorkommenden „Theatermetaphorik“ die NSDAP verharmlost werde (S. 232 und 375), obwohl er andererseits in vorherigen Kapiteln herausgestellt hatte, dass die Nationalsozialisten von ihren Gegnern „kriminalisiert“ und „vertiert“ wurden (Kap. 5.3 und 5.4), was aber das Gegenteil einer Verharmlosung ist. Außerdem gab es nach den Stimmenverlusten in der Reichstagswahl vom November 1932 deutliche Zerfallserscheinungen bei der NSDAP, die von der damaligen Publizistik breit kommentiert wurden. In diesem Kontext muss ein Lächerlichmachen des Gegners keineswegs eine Verharmlosung bedeuten. Selbstverständlich gab es auch beim Reichsbanner einen Unterschied zwischen dem öffentlichen Sprachgebrauch und den internen Lagebewertungen in Bezug auf die Nationalsozialisten.
Merkwürdig wirkt auch die Ansicht, dass die Verwendung von Worten wie „Dolchstoß“ oder „meuchlings“ stets als Rekurs auf die Dolchstoß-Legende, also die Leugnung der eigenen Verantwortung für die Kriegsniederlage, zu verstehen sei (S. 220 und 373). Beispielsweise geht es in einem der zitierten Beispiele um einen gewaltsamen Zwischenfall, bei dem ein Reichsbannermann von hinten mit einem Dolch in den Rücken gestoßen wurde (S. 220). Der Zeitungsbericht spiegelt somit Tatsachen wider und sollte nicht ausschließlich als Teil einer vermeintlichen sprachlichen Strategie interpretiert werden.
Insgesamt entgehen Gräb wichtige Erkenntnisse, weil er die quantitative Seite seiner Untersuchung nicht ernst genug nimmt. So gibt es etwa keine klaren Aussagen darüber, welche Sprachstrategien bei welchen Wehrverbänden dominant sind und welche zwar vorkommen, aber nur ausnahmsweise gebraucht werden. Ein Beispiel ist der inhaltlich falsche Vorwurf, dass das Reichsbanner antisemitische Sprachmuster verbreitet habe, so wie es die Kommunisten taten (S. 189). Diese These steht im Widerspruch zu einem knappen Dutzend Artikeln und Buchkapiteln, die das Reichsbanner im Gegenteil als Organisation zur Abwehr des Antisemitismus ausweisen. Gräb führt zwei Textstellen als Beleg an, die erstens bei einer inhaltlichen Betrachtung nicht als antisemitisch zu klassifizieren sind und zweitens aus einem Subkorpus von 472.545 word token (S. 142) ausgewählt wurden, was eine extrem marginale Wahl darstellt.
Im Detail entpuppt sich die innovative Arbeit somit als fehleranfällig und den Besonderheiten der jeweiligen Wehrverbände wird kaum Raum gewährt. Andererseits kann Gräb aufzeigen, wie vielfältig und sprachkreativ die Zeitgenossen bei der Auseinandersetzung mit ihren jeweiligen Gegnern vorgingen. Einige der hier untersuchten Sprachstrategien sind zeitlos und würden sicherlich auch im heutigen Sprachgebrauch zu finden sein. Weimarer Wortverhältnisse also.
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