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Einzelrezension

Flinn, Catherine: Rebuilding Britain’s Blitzed Cities. Hopeful Dreams, Stark Realities, 264 S., Bloomsbury, London/New York 2018.


Keywords: Review, Flinn, Catherine, 2018, Nachkriegsgeschichte, Großbritannien, Blitzed Cities, Stadtplanung, Wiederaufbau, 1940er Jahre

How to Cite:

Keesser, S., (2020) “Flinn, Catherine: Rebuilding Britain’s Blitzed Cities. Hopeful Dreams, Stark Realities, 264 S., Bloomsbury, London/New York 2018.”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00247-w

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2020-04-30

Peer Reviewed

Der Wiederaufbau britischer Innenstädte nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde bislang primär als Planungsgeschichte mit Fokus auf visuelle und materielle Aspekte geschrieben. Mit ihrem Buch „Rebuilding Britain’s Blitzed Cities. Hopeful Dreams, Stark Realities“ verfolgt Catherine Flinn nun den Anspruch, das Thema auch einer „contextual analysis of the economic, political and social setting“ (S. 8) zu unterziehen.

Die sozio-kulturelle Lage erfasst die Autorin anhand einer Analyse von Zeitungen, Magazinen, Ausstellungen, Kinderbüchern, Radio und Fernsehbeiträgen der 1940er Jahre. Sie legt dabei eine „rhetoric of reconstruction“ frei, die in der breiten Bevölkerung bereits während des Krieges den Eindruck erweckte, dem Wiederaufbau werde politische Priorität zugeschrieben. Dies provozierte auch in den von ihr untersuchten Blitzed Cities Liverpool, Exeter und Hull schon früh ambitionierte Stadtentwicklungsplanungen, die erst mit dem Town and Country Planning Act von 1947 für britische Städte obligatorisch wurden.

Flinns daran anschließende Analyse der „machinery of government around reconstruction“ setzt diese Planungsvisionen in den politischen Kontext. Dabei kommt sie zu dem Resultat, dass der Wiederaufbau kriegszerstörter Innenstädte allenfalls nachlässig verfolgt wurde. Diesen Schluss zieht Flinn zumindest aus einer Untersuchung des Investment Programmes Committee, das ab 1945 die britische Wirtschaft wiederbeleben sollte. Hier wurde entschieden und dokumentiert, welche Zuteilungen zu diesem Zweck vergeben wurden. Zwischen 1947 und 1954 erhielten Blitzed Cities gerade einmal 0,1 bis 0,2 Prozent des Gesamtetats. Auch in den Akten der Behörde spielten sie nur eine marginale Rolle. Zeitweise setzten sich zwar Einzelpersonen wie Evelyn Sharp oder Aneurin Bevan für eine größere Unterstützung ein oder kritisierten die unkontrollierte Entscheidungsmacht des Investment Programmes Committee, blieben dabei aber weitestgehend erfolglos.

Die Kommunen der wiederaufzubauenden Innenstädte wussten weder von der Existenz noch von der Entscheidungsmacht der Behörde. Auf städtischer Ebene trat vielmehr das Ministry of Town and Country Planning in Erscheinung, das mit dem Blitz and Blight Act des Jahres 1944 den Auftrag erhalten hatte, den Städten beim Wiederaufbau zu assistieren. Die Beamten des Ministeriums konnten entscheidenden Einfluss darauf nehmen, welche Städteplanungen genehmigt wurden und finanzielle Mittel aus dem Investitionsprogramm bekamen. Dabei griffen sie teils massiv in die lokalen Planungen ein. Oftmals entschied sich auf personeller Ebene und aufgrund persönlicher Gründe, wie schnell die Bearbeitung der Projektanträge dauerte oder wie erfolgreich diese verliefen. Flinn schildert gerade den Ablauf dieses Genehmigungsverfahren detailreich. Um die eingereichten Masterpläne umsetzen zu können, wurden die Städte in einem ersten Schritt zunächst mit dem Recht ausgestattet, ehemals private Grundstücke in kommunalen Besitz zu bringen. Konsequenterweise wechselt Flinn an dieser Stelle auf die Lokalebene der Städte Exeter, Hull und Liverpool, wo dieser Aspekt enormes Konfliktpotenzial barg. Die dem Ministerium vorgelegten, teils utopischen Entwürfe ausgewiesener Stadtplanungsexperten provozierten erhebliche Widerstände. In Hull beispielsweise zeigte sich die North East Railway Transport ausgesprochen unkooperativ bei der Umsetzung des Entwurfs von Patrick Abercrombie und Edwin Lutyens aus dem Jahr 1942/43, der eine ambitionierte Modernisierung und Verlegung des öffentlichen Verkehrssystems vorsah. In der Baedecker Blitzed City Exeter schürten Stadthistoriker und Journalisten den Widerstand gegen die modernistischen Pläne von Thomas Sharp und wurden unterstützt von lokalen Unternehmern. In Hull und Liverpool wiederum war es beispielsweise der Herrenausstatter Montague Burton, der nicht dazu bereit war, den eigenen Grundbesitz zugunsten einer Stadterneuerung aufzugeben, Gerichtsverfahren provozierte und damit den Bauprozess verzögerte. Aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung durch die Regierung waren es meist Großkonzerne, die als Investoren auftraten und dabei Lokalunternehmer verdrängten. Nach Ansicht Flinns zeigt sich daher auf lokaler Ebene auch weniger der britische Wohlfahrstaat als eine kapitalistische Bauwirtschaft.

Insgesamt kommt sie zu dem Schluss, dass die unbeliebten Bauprojekte der Nachkriegszeit weniger in der Verantwortung von Planern lagen und Resultat von Planung waren, als vielmehr Ergebnis heterogener Einflussfaktoren darstellen: „The discourse of blame still seen today is directed at architects and planners, but overlooks the economic constraints, the involvement of many different actors and the very different ideology of the postwar era“ (S. 151). Flinns Untersuchung rückt die Stadtbauentwürfe renommierter Planer in ein neues Licht, denn von den untersuchten Akteuren waren diese weniger als Grundlage für bauliche Eingriffe von Bedeutung, als sie schlichte Notwendigkeit darstellten, um staatliche Förderung zu erhalten. Dies zeigt die Autorin vor allem für Exeter eindrücklich auf, wo Lokalbehörden den Entwurf von Thomas Sharp als „broad outline“ und „tool to secure approvals from Whitehall“ (S. 102) verstanden.

Flinns informative und detailreiche Arbeit gibt damit Einblick in ein making of architecture, bei dem die Planungen selbst in den Hintergrund treten, die Rolle der Planungsprofession im bürokratisch organisierten britischen Wohlfahrtsstaat und der rise of the expert jedoch umso deutlicher hervortreten.