Der vorliegende Band ist das Ergebnis einer 2017 von der Forschungsstelle Weimarer Republik der Universität Jena und dem Verein Weimarer Republik organisierten Tagung zur Novemberrevolution. Ziel des Bandes sei, so die Herausgeber im Vorwort, die „konsequente Historisierung der Novemberrevolution“ (S. XVI) im Rahmen eines breiten Themenspektrums und über den unmittelbaren chronologischen und nationalen Kontext der Revolution hinweg.
Die drei Schlagworte des Untertitels „Zusammenbruch, Aufbruch, Abbruch“ werden dabei als die drei dominanten Interpretationslinien der Novemberrevolution verstanden, die sich als roter Faden durch die Beiträge ziehen. Diese sind wiederum thematisch fünf Bereichen zugeordnet: Im ersten Teil behandeln Lothar Machtan, Detlef Lehnert und Gleb J. Albert die Ereignisse unmittelbar um die Revolution selbst, von der Rolle Max von Badens über das Ausmaß und die Auswirkungen der Revolution auf kommunaler Ebene bis zur Frage der deutsch-russischen Wechselbeziehungen. Letztere Perspektive ist – lässt man die Bezugnahme auf internationale Forschungsliteratur außer Acht – die einzige wirklich internationale Kontextualisierung der Novemberrevolution, die aber auch einen entscheidenden Faktor ihrer Deutung bildet, der sich in vielen der übrigen Beiträge in Form der häufigen Bezugnahmen auf die Russische Revolution seitens der Zeitgenossen wiederfindet. Agenden, Handlungsspielräume und den Umgang mit der Revolution analysieren die Beiträge von Walter Mühlhausen, Jens Hacke, Kirsten Heinsohn, Peter Keller und Ingrid Sharp im zweiten Teil sowohl anhand verschiedener Akteursgruppen, wie Frauen oder Militärs, als auch durch politische Parteien und Strukturen. Mit der Inszenierung, Ästhetisierung und (De‑)Legitimierung der Revolution in Sprache, Kunst und politischen Akten sowie den Emotionen, die dies auch im Alltag der Bevölkerung auslöste, beschäftigen sich die Beiträge von Wolfram Pyta, Nadine Rossol, Mark Jones und Heidrun Kämper. Sie erweitern das disziplinäre Spektrum durch eine kulturgeschichtlich-linguistische Perspektive, die im folgenden Abschnitt um eine rechtshistorische erweitert wird: Manfred Baldus und Daniel Siemens widmen sich den von der Revolution aufgeworfenen Rechtsfragen und dem Umgang der Weimarer Juristen mit der Revolution.
Das Gros der Beiträge behandelt die Revolution als Ereignis im Zeitraum zwischen dem Ende des Kaiserreiches und dem Ende der Weimarer Republik. Dabei wird deutlich, dass sich die Deutung der Revolution und damit auch die Erinnerung an sie von Anfang an höchst heterogen gestaltete und sich keineswegs nur entlang von Parteilinien oder sozialen Gruppen orientierte. Lediglich der letzte der fünf Abschnitte ist explizit der Revolution als Erinnerungsort gewidmet. Helmuth Kiesel untersucht den Widerhall der Revolution in der Literatur der Weimarer Republik. Karl Heinrich Pohl wagt sich vor dem Hintergrund der auch in anderen Beiträgen immer wieder anklingenden Thesen, die Revolution sei zum falschen Zeitpunkt gekommen und/oder habe die Bevölkerung überfordert, an das Gedankenexperiment, welchen Weg eine alternative und ‚erfolgreichere‘ Politik 1918/19 hätte einschlagen können. Wie hätte gerade die SPD eine solche Politik umsetzen können und wie wären diese Maßnahmen von der Bevölkerung aufgenommen worden? Letztlich bestätigt sich für Pohl das Urteil, Weimar sei eine Republik ohne – beziehungsweise mit zu wenigen – Demokraten gewesen, sodass ihm Reformen im Rahmen einer parlamentarischen Monarchie als tragfähigere Lösung erscheinen.
Einzig die letzten beiden Beiträge von Wolfgang Niess und Martin Sabrow schauen wirklich über die Zwischenkriegszeit hinaus und beschäftigen sich mit der Revolution als Erinnerungsort auch nach 1945. Beide zeichnen die Erinnerung an und den Umgang mit der Revolution in Politik und Geschichtswissenschaft von der Zwischenkriegszeit über das ‚Dritte Reich‘ und die deutsch-deutsche Teilung bis in die Gegenwart hinein nach und identifizieren dabei, was kaum verwundert, ähnliche Tendenzen: Die Revolution lässt sich je nach Perspektive und politischem Kontext der Erinnernden als Verrat oder auch als verpasste Chance interpretieren, verblasst aber als Erinnerungsort vor der Dominanz des Umbruchs von 1933. Beide Autoren sehen im neu entfachten Interesse an der Revolution anlässlich ihres 100-jährigen Jubiläums neue, wenn auch nicht völlig identische Perspektiven für die Forschung. Hier wäre statt eines doppelten Überblicks vielleicht eine stärkere Themenfokussierung zumindest eines Beitrages wünschenswert gewesen.
Insgesamt wird der Band seinem Anspruch, die Novemberrevolution im Rahmen eines breiten Spektrums an Themen, Deutungsmöglichkeiten und Akteursgruppen als Ereignis und als Erinnerungsort zu betrachten, aber durchaus gerecht. Es bleibt zu wünschen, dass er weiter dazu beitragen kann, die Forschung zur Novemberrevolution vielseitiger, internationaler und disziplinübergreifender zu gestalten.