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Einzelrezension

Bösch, Frank: Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann, 512 S., Beck, München 2019.


Keywords: Review, Bösch, Frank, 2019, Siebzigerjahre, 1979, Zäsur, Zeitenwende, Globalgeschichte, Iranische Revolution, Nicaragua, China, Boatpeople, Einmarsch in Afghanistan, Ölkrise

How to Cite:

Ther, P., (2020) “Bösch, Frank: Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann, 512 S., Beck, München 2019.”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00242-1

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2020-04-30

Peer Reviewed

Man kann dem Autor und dem Verlag zum kommerziellen Erfolg des Buches nur gratulieren. Es wird offensichtlich von vielen Menschen gern gekauft, die das Ende der Siebzigerjahre als prägend erlebt haben und es eignet sich ausgezeichnet als Geschenk für alle im Jahr 1979 Geborenen. Historiografisch schließt Frank Bösch an eine zunehmende Zahl von Büchern an, die sich eines bestimmten Jahres als Zäsur annehmen. In der Zeitgeschichte war anlässlich diverser Jubiläen das Jahr 1945 lange Zeit ein beherrschendes Thema, dann rückte 1956 in den Blickpunkt, was sich aufgrund der Gleichzeitigkeit des XX. Parteitags der KPdSU, der Aufstände und Unruhen im Ostblock sowie der Dekolonisierung nach der Suez-Krise anbot. Nun ist also das Jahr 1979 als „Zeitenwende“ hinzugekommen, wobei eine Pointe des aus Westdeutschland stammenden Autors und Co-Direktors des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) darin liegt, diese Zäsur gegen den Umbruch von 1989 zu positionieren.

Der Begriff der Zeitenwende impliziert, dass zu diesen Zeiten auch etwas endete. Für 1945, 1956, 1968 und 1989 liegt das auf der Hand, für 1979 eruiert das der Autor nicht weiter. Immerhin ist ihm der 2012 erschienene Sammelband von Lutz Raphael und Anselm Doering-Manteuffel „Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte nach 1970“ eine Fußnote wert. Das Buch von Böschs Vorgänger am ZZF, Konrad Jarausch, „Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte“ (2008), das etliche Jahre die zeithistorische Forschung prägte, hat es in die Bibliografie geschafft.

Der jetzige Co-Direktor des ZZF entwirft nach der Einleitung mit dem wegweisenden Titel „Die Welt im Umbruch“ ein globales Panorama in zehn Kapiteln. Er befasst sich – in dieser Reihenfolge und mit globalhistorischem Anspruch – mit der Revolution im Iran, Papst Johannes Paul II. als Herausforderung für den Sozialismus, Nicaragua und der Solidarität mit der ‚Dritten Welt‘, Chinas Öffnung als Motor der Globalisierung, den Boatpeople aus Vietnam und der internationalen Flüchtlingspolitik, dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, der mit Margaret Thatchers Wahl dialektisch gekoppelten Gründung der Grünen, der zweiten Ölkrise, dem Atomunfall von Harrisburg und schließlich anhand der Fernsehserie „Holocaust“ mit der Bildung einer neuen Erinnerungskultur. Dieses Panorama hinterlässt beim Lesen einen starken Eindruck: Es ist so viel passiert 1979! Man kann die Hauptthese wohl nur bestätigen, dass die damaligen Ereignisse die gesamte Welt veränderten und manche Entwicklungslinien bis in die jüngste Zeit reichen.

Eine unbestreitbare Qualität des Buches liegt darin, dass jede Station dieses globalen Panoramas weitere Fragen aufwirft, die für die Forschung fruchtbar gemacht werden könnten. Beim Iran wäre zu ergründen, warum der Westen Ajatollah Chomeini und die Radikalität der Revolution so stark unterschätzte. Das aus deutscher Sicht wie immer erzkatholische Polen steht ebenfalls für die Renaissance der Religion, warum haben das Francis Fukuyama oder Samuel P. Huntington erst gut zehn Jahre später bemerkt? Das Kapitel zu Nicaragua ist ebenfalls innovativ, zumal wenn man bedenkt, dass eine vom Autor darauf angesetzte Doktorandin dort seit 2015 offenbar keinen Aktenzugang bekommt. Über China und den dialektisch betrachteten Wechsel zwischen Reform und Repression kann man nie genug lernen, wobei hier die implizite Anregung des Buches darin liegt, den zweiten Schub an Reformen ab 1986 näher zu analysieren und den Begriff der Globalisierung zu definieren. Bösch weist zu Recht darauf hin, welch wichtige Rolle westdeutsche Christdemokraten und allen voran der Vater der heutigen EU-Kommissionspräsidentin, Ernst Albrecht, bei der Aufnahme der Boatpeople spielten. Hier liegt die Frage in der Luft, warum sich die Union in den Achtzigerjahren von dieser liberalen Linie entfernte und mit dem „Asylkompromiss“ von 1992 eine gegenteilige Position einnahm. Darauf könnte Patrice Poutros eine Antwort geben. Der Aufstieg des Neoliberalismus und der Grünen erfolgten Frank Bösch zufolge parallel, umso interessanter wäre es zu erfahren, ob und wie diese Parallelen miteinander in Berührung kamen.

Der Autor vermeidet es gewandt und klug, seine eigene Position zu diesen Parteien und Politikfeldern zu markieren. Der Leser erfährt indes immer wieder, dass „die Linken“ oft enttäuscht waren, was mit ihren „kaum erreichten Zielen“ (S. 118) und einer naiven Weltsicht zusammenhing. Am anderen Ende des damaligen politischen Spektrums weiß Bösch zu differenzieren und unterscheidet zwischen Christdemokraten und Konservativen, die Deutschlands Interessen als europäische Mittelmacht pragmatisch und gelegentlich opportunistisch – Bösch kennt die CDU aus früheren Studien bestens – zu vertreten wussten.

Die Quellenbasis des Buches ist sehr originell. Bösch hat unzählige Berichte der bundesdeutschen Botschaften, des Bundeskanzleramts, zweier bundesdeutscher Ministerien, die Parteiarchive der Union, der SPD und der Grünen sowie mehrere bundesdeutsche Medienarchive, insbesondere des WDR genutzt. Diese synthetische Leistung verdient Anerkennung, zumal in den einzelnen Kapiteln noch punktuelle Verweise auf die DDR und die Lektüre der deutsch- und englischsprachigen Fachliteratur hinzukommen. Bösch hat es seinen Lesern und sich erspart, sich mit der spanischsprachigen, russischen, polnischen, iranischen oder sonstigen globalen Literatur auseinandersetzen. Wir wissen nun, wie die Welt 1979 und in den folgenden Jahren – das zeitliche Spektrum ist breiter, als der Titel vermuten lässt – aus der Sicht westdeutscher Diplomaten, Politiker, Parteien und Parteistiftungen sowie Medien aussah.